Was einzig zählt

 „Wenn Menschen friedlich miteinander leben wollen, müssen sie das Prinzip anerkennen, dass jeder Mensch Rechte hat, die andere Menschen nicht verletzen dürfen; dass der Mensch das Recht hat, für sich selbst zu leben und sein eigenes Glück zu suchen; dass er ein Selbstzweck und kein Mittel zum Zweck für andere ist – für niemand anderen, sei er nun groß oder klein, stark oder schwach; nicht als Kanonenfutter und nicht als Arbeitsdrohne für den Feudalherren, den König, den Kaiser oder die Kinder von Sozialhilfeempfängern.“ Ayn Rand

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Volksglaube BGE

Ein Volks- oder Aberglaube entspringt oft dem Wunsch, Unbekanntes, Unangenehmes und Bedrohliches zu Bannen oder Glück herbeizuführen – beides durch Beschwörungen und andere rituelle Handlungen. Typisch dafür ist, dass auf das korrekte In-Zusammenhang-Stellen von Ursache und Wirkung verzichtet wird. Auch deren falsche Verknüpfung tut dem Glauben an die Machbarkeit keinen Abbruch.

Zu diesem Vergleich gelangt unweigerlich, wer sich mit den Texten und Argumentarien für ein Bedingungsloses Grundeinkommen befasst: Es sind Herbeirufungen von Geist-Realitäten, die weder auf wirtschaftliche Fakten, noch auf historische Erfahrungswerte angewiesen sind. Es ist die ungeniessbare, aufgewärmte und tödliche Zaubermixtur, deren Rezept da lautet: Die einen durch Staates Gnaden auf Kosten der anderen zu füttern. In der Folge und ohne den Anspruch, der Komplexität des Themas gerecht zu werden, einige der gängigsten Glaubenssätze der Befürworter eines „besinnungslosen Grundeinkommens“.

Der Glaube an die Heilwirkung eines BGE ist zuallererst der Glaube, Arbeit sei Leid, der Arbeitgeber also stets potentieller Leid-Lieferant und daher Ausbeuter. Nur eine Arbeit, die auch Berufung sei und Spass mache, sei menschenwürdig. Falsch. Fragen Sie mal den grossen Berufenen der Literatur, Hemingway. Auf die Frage, warum er in Kriegen und anderswo stets das Leben riskiere antwortete er sinngemäss: Weil da jeden Tag und jede Nacht die Wahrscheinlichkeit bestünde, getötet zu werden – und nicht mehr schreiben zu müssen. Fakt ist: Arbeit kann Spass machen, muss aber nicht und tut es garantiert nicht immer. Es ist Überwindung, Disziplin, Wissen, Können, Meisterschaft und in besten Fall Erfolg, der sich buchstäblich auszahlt, oder solcher, der sich im „Hindurch“ dessen, der geschaffen und es geschafft hat, bemisst.

Der Glaube an ein BGE ist der Glaube, Leistung bedeute unweigerlich das Anrecht auf Lohn. Falsch. Nur wer eine Leistung erbringt, für die andere zu zahlen bereit sind, wird dafür auch einen Lohn erhalten. Egal, welche Motive man den Befürwortern eines BGE unterstellt: Die Antwort auf die Frage, was denn sei, wenn die Produkte der durch ein BGE befreiten Menschen im Rahmen des prognostizierten „kreativen Schubs“, ihre Innovationen, Erkenntnisse und Ideen auf keine Nachfrage treffen, also schlicht nicht verkauft werden, bleiben sie schuldig. Kaufzwang für Kunst? Sortiments-Befehl für unbrauchbare Erfindungen?

Es ist der Glaube, dass der Unternehmer die Lohnhöhe bestimme und daher Ausbeuter oder Menschenfreund sei. Falsch. Es ist sind der Staat und die Konsumenten, die die Löhne bestimmen. Die Löhne sind Teil des Preises der Produkte. Je höher die Nettolöhne und je höher die Abgaben für staatliche Zwangsversicherungen, umso höher der Preis der Produkte. Je teurer die Produkte, umso weniger werden sie gekauft. Und dann? Preis-Diktat? Verlustzwang? In dieser Logik muss der der BGE-Befürworter um glaubhaft zu sein, sein Brot, Fleisch und seinen Käse, ungeachtet ob frisch oder bereits schimmlig und um der sozialen Gerechtigkeit Willen schon heute bei jenen Händlern kaufen, die die höchsten Löhne zahlen und daher am teuersten sind.

Oder anders herum: Es ist der Glaube, dass via BGE sogenannt niedrigere Arbeit dann besser bezahlt würde. Das mag vorübergehend richtig sein und vor allem: Keiner hat grundsätzlich etwas dagegen, wenn die Putzfrau mehr verdient oder der Gabelstaplerfahrer. Wenn aber die Produkte  dann entsprechend teurer und weniger oder gar nicht mehr gekauft werden von den Kunden, dann wird die Putzfrau nicht nur weniger Lohn, sondern keinen Job mehr haben und durch einen Roboter ersetzt. Will sie ein über das BGE hinausgehendes Einkommen haben, wird sie sich zu einem Preis, den die Leute zu zahlen bereit sind, schwarz verdingen. Was dann? Roboter-Verbote oder -Strafen (wie es das heute in der Schweiz schon gibt im Fall der von den Kunden beim Grossverteiler selbst bedienten Scanner-Zahlstellen, CHF 10’000.- pro Monat und Zahlstelle). Mehr Kontrolleure gegen Schwarz-Arbeit?

Es ist der Glaube,  Unternehmer seien raffgierige, habsüchtige Streber nach maximalem Besitz, während der Angestellte eine Art Sklavenstatus frei von Erfolgsgedanken und materiellem Erfolg innehabe. Falsch. Unternehmer sind zuallererst Menschen, die hart arbeiten, die, was sie erarbeiten nicht verbrauchen, sondern sparen, und die mit dem Ersparten dann voll ins Risiko gehen, Werkzeuge und Maschinen kaufen und etwas herstellen, von dem sie zu Beginn nicht wissen können, ob und in welchen Mengen es von Kunden nachgefragt werden wird. Ohne sie gibt es keine Arbeitsplätze. Ohne sie könnten Menschen nicht bei minimalem Risiko ein Einkommen erzielen. Angestellte müssen nicht wie der Unternehmer zwingend sparen, sondern können das Einkommen sofort ver-konsumieren. Ebenso wenig müssen sie, um bezahlt zu werden, erst den Verkauf der hergestellten Produkte abwarten. Sie erhalten ihr Geld pünktlich zum Monatsende und ungeachtet des Geschäftsgangs. Dies als Gier und Ausbeutung zu bezeichnen ist entweder Dummheit oder niedrige, boshafte List zur Neidbewirtschaftung.

Es ist der die Freiheit, die menschliche Natur und jede ökonomische Gesetzmässigkeit ignorierende Glaube, Unternehmernaturen könnten zu reinen Menschenfreunden gemacht werden und würden auch dann Unternehmen gründen und betreiben, wenn die Abgabenlast immer höher, die Gewinne immer kleiner, die Regulierungen immer atemberaubender, die unternehmerische Freiheit immer beschränkter würden. Falsch. Es mag solche Idealisten geben. Die Mehrheit allerdings würde es sein lassen. Oder es anderswo versuchen. Was dann? Unternehmensgründer und -führer Staat, Abwanderungs-Strafen, Schliess-Verbote?

Es ist der Glaube, Unternehmen, beziehungsweise die von ihnen geschaffenen Arbeitsplätze hätten eine Art Selbstfindungs-Labore für die Menschen zu sein und würden mittels eines BGE auch dazu werden. Try and error – wenn der Job Spass macht, bleibe ich, wenn nicht, dann schmeiss ich ihn. Bin ja dank BGE nicht darauf angewiesen und die Unternehmen werden auf Knien um meine Arbeitskraft betteln. Falsch. Ein Unternehmer hätte durch hohe Personalfluktuation hohe Kosten und wird unter dem Regime eines BGE umso genauer prüfen, wem er die zu vergebende Arbeitsstelle anvertraut. Sicher nicht dem, der in den letzten 12 Monaten 5 Jobs ausprobiert hat. Was dann? Anstellungszwang? Ausländer-Arbeitsverbote?

Es ist der Glaube, technischer Fortschritt führe diesmal via Digitalisierung garantiert zu Arbeitslosigkeit. Falsch. In dieser Logik wären jene Gesellschaften die wohlhabendsten, die in der Vergangenheit und aktuell den geringsten technischen Fortschritt zugelassen hätten. Oder anders herum: Die industrielle Revolution, die Automatisierung hätten nicht zu mehr, sondern zu weniger Wohlstand und zu Völkerheeren von Arbeitslosen geführt. Fakt ist: Vieles ist heute noch nicht klar. Ebenso wenig das Tempo der Veränderungen, als auch die sich dadurch eröffnenden Alternativen, die sich verändernden Bedürfnisse der Menschen und die sich möglichen neuen Bereiche des Wirtschaftens, Wagens und Arbeitens. Fakt ist: Es gibt heute nicht weniger Arbeit aufgrund der Automatisierung. Es gibt aber immer weniger bezahlbare Arbeit – dies dank der staatlich sich stets erhöhenden Abgabenlast.

Es ist der Glaube, die Ungleichheit zwischen arm und reich, die zunehmende Hektik, der Stress und die daraus resultierenden Krankheiten seien dem Kapitalismus geschuldet und könnten mit dessen staatlicher Zähmung und via BGE aus der Welt geschafft werden. Falsch. Denn: Alle vorhandene Ungleichheit und das Schlechter-Gestellt-Sein trotz Produktivitätssteigerung verdankt der Mensch sich selber (Ausbildung, Bildung, Disziplin, Arbeit) und dem Staat. Wer entwertet das Geld der arbeitenden Menschen Jahr für Jahr, so dass sie sich immer weniger leisten können? Wer nimmt den arbeitenden Menschen rund 75 Prozent ihrer Einkommens via Steuern und Gebühren ab, so dass zum Teil nicht einmal zwei Jobs zum Leben reichen? Wer organisiert durch Gelddruckerei in Milliardenhöhe eine Vermögenspreisinflation, die an ihrem Ende auch zu erhöhten Mieten führt? Die Unternehmer? Die Immobilienbesitzer? Eben. Und vor allem: Was wir heute noch als Kapitalismus bezeichnen, hat mit freien Märkten weniger zu tun, als mit staatlich abgesegneter Kartellbildung. Dies in erster Linie zugunsten des Staats selber und dann der Grosskonzerne. Hat es etwas mit freien Märkten zu tun, wenn die Lobbyisten der Grosskonzerne beispielsweise in Brüssel in den sogenannten Expertenrunden vertreten sind, die die immer weiter um sich greifenden Reglementierungen nicht nur vorbereiten, sondern de facto auch verabschieden? Regulierungen, die kleinen und mittleren Unternehmen die Luft abdrücken und nur von den grossen ohne Not eingehalten und erfüllt werden können?

Es ist der Glaube, ein BGE hätte den massiven Abbau staatlicher Bürokratie durch den Wegfall anderer Sozialleistungen zur folge. Doppelt falsch, denn: Erstens wollen die Befürworter eines BGE Transferleistungen, die über das Grundeinkommen hinausgehen, selbstverständlich beibehalten. Und zweitens und wie oben nur in Stichworten angedeutet: Ein BGE wird nicht zu weniger, sondern zu mehr staatlicher Intervention und Kontrolle führen. Ausserdem: Bis der Umbau des Systems bewerkstelligt wäre, würden die Beamten noch ein paar Jahre in Lohn und Brot bleiben. Und wenn es dann soweit wäre, dann ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass bisheriges unter neuem Namen und eventuell mit neuen Aufgaben, in denselben warmen Amtstuben ein Auskommen hätte. Hat sich ein Staat anderswo als auf dem Papier einmal selber und in echt reduziert? Seine Leute entlassen, Stellen gestrichen, Pfründe verwehrt?

Es ist der Glaube, Wohlstand sei eine sich nicht mehr verändernde Grösse, ein stets gleich grosser Kuchen, den man nur gerechter zu verteilen brauche. Falsch. Wohlstand entsteht dadurch, dass jemand etwas herstellt. Was er herstellt, gehört ihm. Um es zu verteilen, muss man es ihm wegnehmen. Das ist Enteignung – Raub. Die Tatsache, dass das ganze Dorf zu ihm hinmarschiert, um es ihm gemeinsam wegzunehmen, macht es nicht weniger zu Raub. Solches ist nur durch Zwang zu bewerkstelligen. Hier also überhaupt von irgendeiner Art „Bedingungslosigkeit“ zu sprechen, ist blanker Hohn. Ausserdem: Wie oben angerissen, wird mit grosser Wahrscheinlichkeit im Zug eines BGE, sich erhöhender Steuern und mehr staatlicher Kontrollen weniger konsumiert, aber auch weniger produziert. Folge: Der Wohlstand wird abnehmen. Das „Leben über unsere Verhältnisse und unter unseren Möglichkeiten“, das BGE Befürworter in abgestandener Sattheit gerne beklagen, wird sich ganz von selbst erledigen und früher oder später würden die Menschen dann schlicht und einfach hungern. Das allerdings sehr gerecht.

Es ist der Glaube, Geld sei etwas, das einen übergeordneten und daher unveränderbaren universellen Wert habe, der wenn nötig vom Staat festgelegt werden könne. Falsch. Dies funktioniert nur, wenn man um einen Raum, in dem das dort gültige Geld zirkuliert, einen Stacheldraht spannt. Und auch dann nur kurzfristig und unter der Bedingung, dass keine Ware ausserhalb des Stacheldrahts gekauft werden muss und dass die Leute innerhalb des Stacheldrahts sich zwingen lassen, dieses Geld und kein anderes (z.B. Naturalien) für ihr Handeln zu verwenden. Denn: Geld repräsentiert – vereinfachend gesagt – eine Ware, verhält sich wie eine Ware und wie für jede Ware gilt auch hier: Was nichts kost‘, ist auch nichts wert. Wenn der Staat also dazu übergeht, die Ware Geld ohne Gegenleistung (Arbeit) zu verschenken (und dass er bei Bedarf gerne macht, beweisen die Zentralbanken ja seit Jahren), dann schwindet der Wert dieses Geldes. All jene, die von diesem Geld besitzen und sehen, dass es an Wert verliert, werden es so rasch wie möglich verkaufen und in etwas umtauschen wollen, das noch einen Wert hat. Und keiner wird mehr so blöd sein, dem Land Waren zu verkaufen, und dafür wertlose Scheine zu kassieren. Das Verschenken von Geld ohne Gegenleistung kann demnach zu einem Null-Wert des Geldes führen. Was dann? Erspartes futsch, Staatschulden futsch, neues Geld, Gerechtigkeit.

Und es ist zuletzt der unausrottbare Glaube, der Staat könne für Glück und Gerechtigkeit „der Menschen“, sprich: aller Menschen sorgen. Doppelt falsch. Erstens: Der Staat – sämtliche Experimente dieses und es letzten Jahrhunderts, sämtliche Markteingriffe (Arbeitnehmer“schutz“, Mindestlöhne, etc.) – beweisen es: Mehr Staat bedeutet nie mehr Gerechtigkeit; mehr Staat bedeutet immer nur „mehr für den Staat“. Ein staatlich organisiertes BGE ist der naive Glaube daran, dass es diesmal anders sei. Dass der Staat – Politiker und Verwaltungsratten – diesmal jeder Versuchung widerstünden. Jener des Selber-Besitzens dessen, was sie via Zwang enteignen ebenso, wie jener, den Druck auf den „Auszahlungsknopf“ des BGE bei Bedarf nicht an Bedingungen zu knüpfen. Auch dann nicht, wenn Pensionen, Posten und Pfründe der Staatsdiener in Gefahr sind, wenn ganze Strassenzüge vergammeln oder die Müllberge sich türmen. Und dass, wenn es hiesse „In die Gruben, Brigaden, ‚Moskau braucht Ziegel‘!“ (Solschenizyn) nicht wieder von „Plänen“ und „Normen“ die Rede wäre. Erst freiwillig, lockend mit dem „Zauberer Arbeit, der die Leute aus ihrer Nichtigkeit und Nichtexistenz erlöst“ (Andrei Januarjewitsch Wyschinski). Später dann mit Zwang.

Und zweitens: Glück im Sinn tiefer langfristiger Zufriedenheit gibt es nur individuell und nie kostenlos. Keiner kann für den anderen bestimmen, was ein Leben in Würde ist, was Glück ist, was Selbstverwirklichung. Das ist persönliche Verantwortung, persönliches Entscheiden, persönliches Wagen, persönliches Handeln und – ja! – auch persönliches Erleiden und Durchbrechen. Und auch dann, wenn man heute jedem alles nähme und jedem „gerecht“ dasselbe gäbe, es wäre nicht von Dauer. Solange der Mensch Mensch ist, wird er vergleichen. Und auch das am gerechtesten verteilte Nichts würde die einen emporheben, anspornen, sie zu Höchstleistungen treiben im Versuch, etwas zu erschaffen. Die anderen indes würde es herabziehen auf ein von Eifersucht getriebenes, träges, feiges, ehrloses Wächtersein. Neid wird durch solche Gerechtigkeit nicht abgeschafft, sondern bloss verwandelt – in Spitzeltum. Die Demokratie wäre gnadenlos und unerbittlich.

Ein BGE ist der Versuch risikoscheuer und opportunistischer Selbstbeweiner, das Leben berechenbar zu machen indem man das, was Leben überhaupt ausmacht – die Freiheit des Individuums – zu Hackfleisch verarbeitet. Alle Offenheit, Kraft, Möglichkeit wird in diesem Ansatz in Selbstmitleid umgesetzt. In das auf Knien-Darum-Flehen, an der Hand genommen, gelenkt, betreut, genährt und bei Bedarf ausgeschieden zu werden. Es ist Verrat am Menschsein schlechthin.

Aber der Lockruf anstrengungs- und angstfrei zu erlangenden Prêt-à-porter-Glücks ist auch heute stark, der „Potekimsche Putz“ vermag zu blenden und entfaltet seine Wirkung mehr und mehr. Diesmal wird alles anders. Diesmal wird es das gerechteste aller Systeme. Und der nächste, wird der gerechteste aller Kriege. Darunter tun wir’s nicht.

Am Ende einer jeden Diskussion um ein BGE bleibt dieselbe Frage stehen, die sich lautstark aber konsequent ignoriert, bebelfert und emotional zu Boden geprügelt auch an ihrem Anfang stellt: „Was ist ein gutes Leben, und wer ist verantwortlich dafür?“. Antworten gibt es nur zwei: „Ich“ oder „Die“. Es ist mithin der Unterschied zwischen Freiheit und Abhängigkeit. Wer zahlt befiehlt – daran werden auch die schönsten Utopien und lockendsten „Gutdenker“ nichts ändern. Nie. Es heisst Menschsein oder Viehsein. Individuum oder Masse. Und es bleibt: Wem ist was zum Vorteil?

 

 

 

 

 

Liebe Cousine

Ein Brief – von Franz Bettinger

Die AfD erscheint dir zu rechts? 

Weil sie CDU-Positionen von vor 10 Jahren hat?
Du hast vor, dein Kreuz wieder bei der Union zu machen? 

Und Merkel damit  weitere 4 Jahre Narrenfreiheit zu gewähren? 

Liebe Cousine, wusstest Du, 
dass Hitler tot ist, aber Merkel lebt?
dass wir  die niedrigsten Renten der EU haben? 
dass sich  58% der Frauen draußen nicht mehr sicher fühlen?
dass seit dem Atomausstieg die  Energie-Kosten um 56% anstiegen? 
dass sich die Zahl unserer  Leiharbeiter von 2005 bis 2015 verdoppelt hat? 
dass die BRD in der Rangliste sicherer Ländern  hinter Ruanda abgerutscht ist?
dass die BRD mehr Asylbetrüger aufnahm als alle anderen EU-Staaten zusammen? 
dass Migranten fast 300.000 aller aufgeklärten  Straftaten in Deutschland verübten, 9%? 
dass die  EU-Sanktionen gegen Putin unserer Industrie Verluste in Milliardenhöhe zufügen?
dass in der BRD das Durchschnitts-Vermögen geringer ist als in  jedem (!!) anderen Euro-Land? 
Selbst in Griechenland ist das Vermögen eines jeden Haushalts doppelt so hoch! Das heißt: Die BRD ist das ärmste Land in der EU !!! (Quelle: Spiegel 2016 Nr. 8,  ab Seite 15)
Dafür ist Merkelanien der größte Netto-Zahler im EU-Haushalt  
und Schauplatz einer gezielt herbeigeführten  Massen-Einwanderung  
verbunden mit einer nicht mehr beherrschbaren  Ausländer-Kriminalität.

Was, wenn der Schuss nach vorne losgeht? Lässt dich das kalt, liebe Cousine?

Dass dieses Land derart auf den Hund gekommene ist, ist die Schuld 
deiner CDU-Kanzlerin. Sie hat die widerlichste SPD-isierung einer 
CDU-Regierung aller Zeiten hingekriegt inklusive No-Borders, 

No-Scheissdeutsche und  Heirate-Doch-Deinen-Hund. 

Es geht hier nicht um eine BT-Wahl wie jede andere, 
um Autobahnmaut, eine Agenda 2010, einen NATO- 
Doppelbeschluss, die Ostpolitik oder höhere Renten. 
Es geht um unser nacktes physisches Überleben als 
Volk. Liebe Cousine, wenn du deine Augen nicht 
brauchst, um zu sehen, wirst du sie bald 

brauchen, um bitter zu weinen

Dein Cousin

Danke, Jungs!

Als direkte Folge der aktuellen und voraussichtlich künftigen Mehrheitsmeinung und politischen Marschrichtung haben die Worte Gefahr und Gefährdung ein neues erfahrbares Gewicht erhalten. Dies nicht nur in Bezug auf die Kollision nicht kompatibler Kulturen, sondern auch im Zusammenhang mit in Kauf genommener Einschränkung der grundlegenden Freiheitsrechte des einzelnen zu Gunsten eines sogenannt sozialen Ganzen, der Gesellschaft.  Als Konsequenz erhält das Thema Sicherheit ebenfalls ein neues Gewicht. Was die Politik zu bieten bereit und wozu sie in der Lage ist, ist bekannt: Worthülsen, Waffenverbote, Betonpoller, Überwachung. Sicherer wird dadurch nichts.

Der Begriff Sicherheit geht zurück auf das lateinische securus – sed „ohne“ und cura „Sorge“, „Fürsorge“. Stelle ich mir persönlich die Frage danach, wo, wann und wie ich mich in diesem Sinn sicher fühle, dann ist zweierlei rasch klar: Es ist erstens im Kreis meiner Familie und meiner Freunde. Und es ist zweitens nicht Gefühl, sondern eine Wirklichkeit, die mit den Männern steht und auch fallen würde.

Es sind Ingenieure, Elektriker, Unternehmer, Hoteliers und Lehrer. Familienväter, Ehemänner und Alleinstehende. Angestellte und Selbständige. Allen gemeinsam: Die Familie steht an erster Stelle. Ihre Frauen, ihre Kinder, Geschwister, ihre Eltern. Aber eben auch die Onkel, die Tanten, die Cousinen und Cousins, die Freunde. Eine Selbstverständlichkeit. Jeder von ihnen lehnt Gewalt ab, verabscheut sie und wünscht sich, sie von den Seinen fernzuhalten. Wenn nötig mit Gewalt. Jeder von ihnen hat Waffen zu Hause und weiss damit umzugehen. Sicherheit, Geborgenheit, Fürsorge, die keiner grossen Worte bedarf.

Den Blick über die eigenen Nächsten hinaus hebend stellt man fest: Es gibt sie zum Glück noch in grosser Zahl, diese Männer. Jene, die Wirken und Werk vielen Worten vorziehen. Was sie sagen und tun ist deckungsgleich: Ich bin da. Und sie sind von der Art, die dabei bleibt.

Der Bauleiter, der, seit die Frau ihn vor fünfzehn Jahren verlassen hat, jeden Morgen um fünf in der Küche steht, um für seine vier Töchter ein richtiges Mittagessen zu kochen. Der Ingenieur, der sich die Zeit nimmt, seinen bejahrten Nachbarn am Wochenende den Rasen zu mähen. Der Elektriker, der die 80jährige ehemalige Prostituierte aus der Wohnung nebenan nach der Arbeit ebenso zum Arzt wie zum Einkaufen fährt. Der Uhrmacher, der den Kumpel, der in Italien einen Sportunfall hatte, ohne Fragen abholt und nach Hause bringt. Der Chef eines Medienhauses, der seinen Kindern am Feierabend beibringt, wie man sich wehrt: Mit Wissen und Worten ebenso, wie mit den Fäusten. Der Kranführer, der der seine Eltern nicht nur versorgt, sondern täglich umsorgt – bei sich zuhause und wenn möglich bis zum Schluss.

Dies nur, um ein paar Beispiele zu nennen. Es gibt ihrer ungezählte mehr. Allen gemeinsam: Schlagzeilen machen sie nicht und ebenso wenig fragt einer nach der Grösse von „Hüten“ unter denen das alles unterzubringen ist. Sie tun es einfach. Und ebenso selbstverständlich unterstützen sie ihre Frauen im Beruf, im Haushalt und mit den Kindern, ohne dass über Emanzipation oder Gleichberechtigung lamentiert werden muss. Alles neben Karriere, Engagement in der Gemeinde und Weiterbildung.

Es sind nicht Frauenversteher, sondern mit jeder Faser Frauenverehrer. Kerle, die bei allem Wissen um die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, dem Nicht-Verstehen und dem Lachen darüber erkennen und akzeptieren, dass sie auch dank der Frauen sind und sein können, was sie sind: Männer. Solche, auf die man sich verlassen kann und die einen grossen Teil unserer Freiheit möglich machen.  Kein Kommentar nötig. Diskutieren schon gar nicht. Danke Jungs!

 

Bullshit

Geschwätz aus Asche bei Phoenix – von Josef Hueber

Der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt, jetzt emeritierter Philosoph an der Princeton University,  hat 2005 ein Buch geschrieben, das 2015 im Suhrkamp Verlag auf deutsch erschienen ist und dessen Titel eine umfassende und zusammenfassende Besprechung vieler Diskussionen zum Thema Zukunft und Bildung sein könnte. Der Titel schmeichelt nicht, würde vielleicht nicht ernst genommen, wenn der Essay nicht von einem renommierten Wissenschaftler gewählt wäre. Zudem ist er durchaus erfrischend unanständig,  und trägt wohl deswegen in der deutschen Übersetzung denselben unübersetzten Titel: Bullshit.

In einem Interview, das auf Youtube nachzusehen ist (Link), nennt Frankfurt seine Motivation, sich dieses Themas anzunehmen. Und hier wird der unanständige Titel plötzlich Zeichen eines tief um die Werte der westlichen Kultur und Zivilisation besorgten Denkers. 

Frankfurt spricht von seiner “Achtung vor und Sorge um die Wahrheit“, da Wahrheit der „Grundpfeiler unserer Zivilisation“ ist. Diese Einstellung vermisse er in der Gegenwart. Symptom dieses Mangels sei  bullshit, was „eine der Verzerrungen dieser Werte“ darstellt.  Der bullshitter,  so Frankfurt, zeige kein Interesse an der Klärung von Konzepten („clarification of concepts“), sein Anliegen  bestehe nicht in der Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit. Deswegen, so Frankfurt, sei er gefährlicher als der Lügner, denn dieser wisse, was Wahrheit ist.

Der Hinweis auf  Frankfurts These springt ins Auge, wenn man die hundertfünfzigste Sendung zum Thema Bildung und Digitalisierung, diesmal auf dem sich als Qualitätssender gebenden Kanal Phoenix, ansieht. Müßig ist es, die Sendung „Bildung und Digitalisierung – Sind wir fit für die Zukunft?“ (5.9.2017) zu zerpflücken. Was dabei herauskommt, ist eine mit Hülsen gefüllte  Wörtertruhe, die man nicht mehr hören kann, ohne in einen Drehschwindel zu verfallen: Kompetenz(en) – reflektieren – softskills – teamfähig – kritisches Denken und und und.  Klar, das alles war vor der Digitalisierung und massenhaften Verbreitung von Tablets nicht gefragt. Deswegen garantieren diese Gadgets eine deutlich steigerbare Zahl an deutschen Ingenieuren, Physikern und  Nobelpreisträgern im 1a-Format! Die Phraseologie des Fortschritts, wie sie in diesen Mantras deutlich wird, machte die Phoenix-Runde besoffen. Wie Besoffene auf Nüchterne wirken, ist bekannt.

Den als kritisches Beiwerk gedachten Teilnehmer Martin Spiewak, Redakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT, hörte man, als die Überlegung , ob Googeln nicht die Stelle von traditionellem Lernen einnehmen könne,  den unglaublich radikal hinterfragenden Satz aussprechen: “Ein bisschen Wissen ist schon nicht schlecht.“

Der Beweis, wie der Vertreter der Bertelsmann Stiftung, Jörg Dräger, Wolkenpädagogik präsentierte, bildete einen Höhepunkt pädagogischer Ignoranz. Dräger führt eine pädagogische Bauchlandung vor, indem er ein Beispiel für den in seinen Augen  sinnvollen Einsatz eines Smartphones oder Tablets auftischte, ohne zu merken, dass er sich hier als Ignorant und Dilettant outete.

Hier ein paar Kostproben seines pädagogischen Gemüses.

„Es kommt darauf an, Bildung zu personalisieren, zuzuschneiden auf den Einzelnen. Damit nicht alle Kinder das gleiche lernen müssen, sondern jedes Kind, was es gerade kann, von dem es sich gefordert fühlt, an dem es Spaß hat.“

Ach ja, Herr Dräger, aber die Klassenprüfung zur Ermittlung der „Kompetenz“, falls dies in Ihrem Rezeptbuch zukünftiger Bildung auch zu finden ist, ist dann doch wieder einheitlich, also für alle gleich. Bei unterschiedlichen Lerninhalten?

„Den Satz des Pythagoras, den kann vielleicht ein Lehrvideo ganz gut erklären.  Für Probleme im Elternhaus braucht es den Menschen.  Wertvolle Zeit dem Kind zur Verfügung zu stellen und nicht zu verschwenden mit repetitiven Tätigkeiten.“

Toll! Der Lehrer, der den Pythagoras durchzunehmen hat, stellt ein Video zur Verfügung und hat dann folgende Möglichkeiten. Entweder er setzt sich auf den Stuhl und schaut gelangweilt auf seinem Tablet mit (bequeme Art, eine Stunde verstreichen zu lassen),  oder er streift durch den Raum und kontrolliert , ob seine Anvertrauten nicht unter der Bank etwas anderes fokussieren oder einfach mit dem Nachbarn reden. Oder er spricht, weil er ja nun wertvolle Zeit hat, während der Videoveranstaltung gleich mit einem Schüler, der heute traurig aussieht, weil dieser einen Menschen braucht. Der Pythagoras geht freilich dabei  flöten.

Praxisferner geht nimmer. Dass ein geübter Lehrer, anders als ein Video, die Schüler – auch individuell – im Blick hat, während er erklärt und seine Erklärung gegebenenfalls verändert wiederholt, Rückfragen stellt, die Erklärung wiederholen lässt und das visuelle oder auch verbale Feedback in den Erklärungsvorgang einbezieht – all das kann sich der Bildungsmann von Bertelsmann nicht vorstellen.

Aber das Fremdwort repetitiv kennt Dräger zumindest. Er verwendet es richtig. Die Bedeutung des Repetitiven für das Lernen ist ihm freilich so unvorstellbar wie die vierte Dimension.

Zu allem soll Harry G. Frankfurt das letzte Wort haben: Bullshit.

Dieser Text von Josef Hueber ist zuerst bei Vera Lengsfeld erschienen. 

Es wird haarig

Vorahnungen – von Roi Henry

„Eine Vorahnung ist manchmal keine Vorahnung, sondern eine Erinnerung.“ Das sagte eine gewisse Frau Susanne T. und ich vermute, dass sie aus der DDR kommt. Sie drückt aus, was ich als „alles schon einmal dagewesen“ beschreiben würde.

Muß man möglicherweise schon Diktaturerfahrung besitzen oder besondere Fähigkeiten, um zu sehen, dass diesmal tatsächlich versucht wird, den Sack zuzumachen. Der Widerstand ist im Osten der Bundesrepublik heftiger als im Westen. Wen wundert’s. Im Westen haben die Versuche der „Welt“, Alice Weidel nach Stasimanier zu zersetzen, sogar Unterhaltungswert. Man weiss nichts über das Leben in einem Staat mit unbeschränkter Gewalt, will nichts wissen – man spricht von „Mutti“. Immerhin fliegen mancherorts Tomaten, ertönen Pfiffe und Hau-ab-Rufe.

Es gärt, aber die Mischung stimmt noch nicht. Die Zeit vergeht über Diskussionen darüber, was die Systempropaganda der AfD andichtet. Und die Zeit rennt. Guido Knopp mit seinen Wischi-Waschi-Dokumentationen über das, was hierzulande gefiltert als Zeitgeschichte verstanden wird, hat ganze Arbeit geleistet. Wer noch glaubt, dass Arte ein Kulturkanal sei, hat keine Ahnung, so brüskierend es auch klingen mag. Warum sehe ich denn ausser Vera Lengsfeld keinen mehr aus der ehemaligen Bürgerrechtsbewegung der DDR? Freya Klier unterstützt die I-like-Rauten-Kampagne und Stefan Krawczyk singt auf Kirchentagen „gegen Rechts“. Jana Hensel als junge Frau zeigt offenherzig die Verkommenheit von Anstand und Stil. Das nennt man eingerichtet und angepasst.

Nach der Wahl? Zensur, Überwachung und Entrechtung gehen in die nächste Runde. As simple as that. Es wird haarig. Der Familiennachzug kommt, ob mit großer Koalition oder bunter und noch schamloserer Paktiererei.  Die Propagandamaschine läuft. Wiederholungen, Lügen, Weglassungen. Vierundzwanzig Stunden am Tag, dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr.

Mir ist völlig unklar, wieso die Repräsentanten des Staates und der Parteien, der Kirchen und der Verbände noch immer nicht durchschaut werden, obwohl sich ihr schäbiges Tun und Lassen bereits deutlich in ihre Physiognomie eingebrannt haben. Da muss doch einer kein Fachmann für Blickdiagnosen sein.

Der grosse Transfer

Jedes Mal, wenn FED oder EZB tagen, wenn die Presse geladen wird, fragen und berichten darf und es auch tut, wenn via Life-Ticker oder Protokolle die Statements der Geld-Weisen im O-Ton in die Welt gelangen, dann fragt man sich: Warum bloss tun sie sich das an? Jene, die gottgleich geldpolitische Wahrheit verkünden, jene die sie kolportieren und alle jene, die vorher, zeitgleich oder im Nachgang als wär’s Pflicht und höchstes Vergnügen, interpretieren, deuten und regelmässig durchdrehen? Wozu der ganze Aufwand für etwas, das nur Show ist?

Am vergangenen Donnerstag war’s wieder soweit. Der EZB-Rat tagte. Und einmal mehr: Anstatt einen Live-Event abzurollen, hätte man ebenso gut die Aufnahme einer der letzten 50 Pressekonferenzen abspielen können. Wem, ausser sich selber, reden Draghi und Konsorten noch ein, ihr „Wir-wissen-was-wir-tun“ sei mehr, als der Versuch der Selbst- und Massenhypnose?

Nun – offenbar vielen. Wort für Wort, als wär’s die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, wird die immer gleiche Leier nachgedruckt. In Kurzform: Wir wissen nicht, was ist. Wir wissen nicht, wie das, was ist, zu interpretieren ist. Wir wissen nicht, was kommt. Aber wir wissen, was wir tun. Und das ist: Vorläufig weiter wie bisher. Weiter retten. Wer dagegen ist, hat nicht nur keine Ahnung, sondern ist gegen Rettung. So. Und quasi in einen Nebensatz und weil man ja gerade live ist, kann auch noch ein Euro-Land (Estland) abgewatscht werden, das sich erdreistet, jenseits der alternativlosen Geld-Politik der EZB für sich selbst Alternativen wie jene, eine eigene Kryptowährung in Umlauf zu bringen, anzudenken. „Kein Euro-Mitglied kann eine eigene Parallelwährung zum Euro einführen.“

Ward McCarthy, Ökonom der amerikanischen Investmentbank Jefferies bezeichnete das Mitte August veröffentlichte Protokoll des Juli-Meetings des FED-Offenmarktausschusses als „verstörend“. Das und nichts anderes, sollte auch im Fall der EZB als Titel für jeden zum Thema veröffentlichten Artikel dienen. Oder finden Sie es nicht verstörend, wenn Herr Draghi jedes Mal verkündet, zu unserem Besten müsse (noch) ein Transfer von uns zum Staat stattfinden? Steuern und Abgaben von mehr als der Hälfte unserer Einkommen seien nicht genug? Zu unserem Besten müsse unbedingt gewährleistet werden, dass unser Geld am Ende des Jahres weniger wert sei, als zu dessen Beginn? Dass dieses „Weniger“ in Wahrheit Stabilität sei?  Dass im Erreichen dieser Enteignung von Geld, Arbeits- und Lebenszeit heute die Hauptaufgabe der EZB begründet liege? Und dass man bereit sei, zur Verstärkung dieser „Dynamik“ auch weiter in beträchtlichem Mass die Ungleichgewichte, die man zu bekämpfen vorgibt, zu befeuern.

Oder finden Sie es nicht verstörend, wenn die Zentralbänker mitteilen, es sei zu meinem Besten, zu arbeiten, zu verzichten, das so erwirtschaftete Geld einer Bank zur Verfügung zu stellen und dafür betraft zu werden? Und dass diese Bestrafung zum Segen des „Grossen Ganzen“ mit Namen EU, Konjunktur, Euro-Wechselkurs oder was sich sonst gerade anbietet (jede Ausrede, wie der derzeit zulegende Euro-Kurs zeigt, ist mittlerweile willkommen) voraussichtlich und ganz im Sinn der vorgängig erwähnten Enteignung via Inflation noch für eine lange Zeit fortgeführt würde?

Oder finden Sie es nicht verstörend, wenn zur angeblichen Ankurbelung der Konjunktur via Kreditvergabe, ein gigantischer Transfer von Vermögenswerten zum Staat notwendig ist? Wenn zum angeblichen Erhalt der sogenannt freien Wirtschaft Planwirtschaft das Gebot des Jahrhunderts ist? Denn genau und nichts anderes ist es, was im Rahmen der Anleihekäufe durch die EZB passiert. Daniel Lacalle, CIO von Tressis Gestión, bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, heutige Notenbankpolitik schaffe nicht nur wachsende Ungleichgewichte und eine Zombie-Wirtschaft, sondern monetisiere Staatsschulden, die von kommenden Generationen einzulösende Schuldscheine – und keine Vermögenswerte – seien. Er geht soweit, von einer De-facto-Verstaatlichung der Wirtschaft zu sprechen, da die Risiken der Notenbankpolitik auf den Steuerzahler übertragen werden (Quelle: NZZ).

Hier wird eine Riesen-Show abgezogen, eine gigantische Illusion geschaffen. Es ist die Illusion von Wohlstand wo in Wahrheit bloss Versprechen und Verbindlichkeiten vorhanden sind. Wahrer Wohlstand ist was bleibt, wenn man all diese Versprechen und  Verbindlichkeiten aus einer Volkswirtschaft „herausstreicht“ – es ist das Nettovermögen. Der Bestand an echten Investitionen, die via vorgängigen Konsumverzicht geschaffen worden sind. Dazu zählen Häuser, Firmen, Infrastruktur, Bildung und Fachwissen ebenso, wie Land, Energie und Wasser. Was nun der selbsterklärte Wohlstands-Förderer Staat mit jenem Nettovermögen anstellt, das seiner Verantwortung übertragen worden ist, das wissen wir. Vielerorts verlottert die Infrastruktur, natürliche Ressourcen werden bis zur Unerschwinglichkeit besteuert, Bildung ist die Vermittlung von Scheinkompetenzen und ansonsten Indoktrination.

Denn Fakt ist und bleibt: Wohlstand entsteht nur auf eine einzige Weise. Durch Arbeit, Verzicht und Kapitalbildung. Abkürzungen gibt es keine. Was der Staat via Notenbanken heute erzeugt ist demnach nicht Wohlstand im Sinn echten Vermögens. Was sie hingegen en masse erzeugen, sind Ansprüche auf die Arbeit, den Verzicht und das Kapital der Zukunft. Sie verkonsumieren mit ihrem Verhalten unsere Lebenszeit und jene kommender Generationen. Garantiert ist dabei nur eines: Reich wird ausser jenen, die bei den grotesken Bewertungen an den Börsen auf der Verkäuferseite und bei der grossen Patience mit Namen Politik auf der nahrhaften Seite stehen, auf lange Sicht keiner. Im Gegenteil.

Genauso, wie es Jahrzehnte dauert, bis ein durch Planwirtschaft ausgeblutetes Land im Rahmen freier Märkte zu einem mit unserem vergleichbaren Wohlstand gelangt, kann das Sterben des Wohlstands sich in die Länge ziehen. Und genau das passiert. Demokratisch gewollt. Weil eine grosse Mehrheit der Menschen schon ab Kindesbeinen und via Zwangs-Bildung der staatlichen Ideologie auf den Leim gegangen ist, die da sagt, Wohlstand würde durch Konsum erschaffen. Keiner ist zwar in der Lage, es zu erklären, aber jeder weiss, dass es sich ohne Verantwortung und Anstrengung bequemer leben lässt. Und der Staat tut wohlweislich nichts dagegen – nährt vielmehr die Mär von der durch den Staat und via Umverteilung geschaffenen Nachfrage und nennt es „erfolgreiches Wirtschaften“. Und auch hier: Es funktioniert. Konsum ist längst ein isolierter Selbstzweck geworden. Arbeit ist Menschenrecht – dass dies vor allem in punkto Teilhabe und nicht in Bezug auf die Leistung gilt, spielt keine Rolle. Und Vermögen – Vermögen besitzen nur die Gauner, die Ausbeuter, die Kapitalisten-Schweine. Höchste Zeit, dass der Staat hier via Reichensteuer und Erbschafts-Steuer endlich für mehr Gerechtigkeit sorgt. Und wer Verzicht fordert, der hat irgendwas an der Bedeutung des Worts „Fortschritt“ nicht kapiert – ist zurückgeblieben, wahrscheinlich Rassist oder grundsätzlich meschenverachtend.

Was tun gegen die Freibier-für-alle-Forderer? Gegen die wahren Menschenverachter, die gefeiert werden für ihre Politik versteckter Leibeigenschaft (denn was anderes ist es, wenn man Leute ihrer Lebenszeit unter Androhung von Gewalt beraubt)? Es gibt nur eines: sich und seine Kinder schützen. Im Klartext: Arbeiten, Verzichten, Vermögen bilden – und es verstecken. Den Kindern beibringen, wie es geschaffen wurde und wird und wo es zu finden ist. Das mag illegal sein. Legitim ist es längst.

 

 

Wer ist „wir“?

Replik auf einen Leserkommentar

Leser** fragt im Kommentar zum Text über die Platzierung eines christlichen Kindes bei zwei muslimischen Familien: „Ich habe versagt, weil ‚die Beamten‘ den Eltern das Kind wegnehmen mussten? (…)  Wenn Sie mich persönlich mit diesem Wort einschließen, werden Sie mir auch zugestehen, dass ich mich angesprochen fühle. Und zwar ganz persönlich und auf höchst unfaire Weise. (…) Der genannte Fall fand in England statt. Soweit reicht Ihr ‚wir‘ also ganz offensichtlich, dass Sie mich mit der englischen Gesellschaft in einen Topf werfen. Wie ist es mit dem Kongo oder den Handlungen des IS? Gilt da Ihr ‚wir‘ auch noch, bloß weil die meisten Menschen, die da leben, auch zwei Beine und zwei Ohren haben wie ich und mir daher ähnlich sehen? Oder wie ist das zu verstehen? Ich frage ja nur.“

Danke an Leser** für den berechtigten Einspruch. Genauso, wie besagtes „wir“ ein Ort des Unterschlupfs für persönliches Nicht-Entscheiden (aus welchen Gründen auch immer) sein kann, muss es in besagtem Text als eine Zuweisung von Mitschuld in einem konkreten Fall – die Misere eines Kindes – verstanden werden, zu der keiner berechtigt ist. Schuld ist eine persönliche Entscheidung. Sie kann nicht kollektiviert werden.

Ob einer sich also zum „wir“ im Text zählt, kann er nur selber entscheiden. Gemeint ist das „wir“ der Wohlstands-Gesellschaft. Besser: der Noch-Wohlstandsgesellschaft. Wie Leser** indes ebenfalls richtig feststellt, ist diese Gesellschaft nicht „ein gleichgeschalteten Volkskörper, dessen ameisenhafter Teil ich bin“ sondern besteht aus Individuen, die individuell entscheiden und handeln. Dieses Entscheiden und Handeln (egal, wie es zustande kommt) findet stets vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Trends im Sinn einer Entwicklung statt.  Entwicklungen, die bestimmt, mitgetragen, akzeptiert oder bloss ertragen werden.

Das ist es, worauf ich im Text über das englische Mädchen hinauswollte, und woran ich mich „überlupft“ habe, wie man in der Schweiz sagt. Ich sagte „wir“, wo ich nur „ich“ sagen kann. Ich sagte „wir“, weil ich mir nicht anmassen kann „die“ zu sagen. Das ist es auch, was die Frage beantwortet, was ich als kinderloser Single mit einer Zunahme der Fremdplatzierungen von Kindern von über 20 Prozent zwischen 2010 und 2015 (Deutschland) zu tun habe. Es ist die Marschrichtung der Mehrheit und das abschnittsweise eigene Mitmarschieren.

Als ich zur Welt kam, kannte ich kein „wir“. Irgendwann gab es dann ein „Ich“, dem ein „Du“, ein „Er“, ein „Sie“ folgte. In das „Wir“ wuchs ich hinein. Es war die Familie, in die ich eingebettet war im besten Sinn des Wortes. Nach und nach und unter Anleitung der Eltern lernt man das Regelwerk kennen, das den Bestand dieses „Wir“ sichert und aus dem man bei Zuwiderhandlung temporär ausgeschlossen zu werden riskiert. Als Kind und Jugendliche empfand ich dabei zweierlei: Sicherheit und Begrenzung. Ersteres vereinfachte mir das Leben dadurch, dass ich mich selber, den Alltag und seine Bewältigung nicht täglich neu erfinden, definieren und in Frage stellen musste, sondern im Rahmen der geltenden Regeln frei war. Die Grenzen, die oft mit den Regeln identisch waren, empfand ich dagegen als einengend und verstand nicht, dass meine Eltern damit und mit dem Besten, das sie zu bieten hatten, die Bedingungen für meine spätere Freiheit schafften. Kann man also sagen, dass man nebst Individuum auch das Produkt dieses ersten „Wir“, der Familie ist? In meinem Fall ein klares Ja.

Mit dem Heranwachsen und Heraustreten aus der Familie wurde auch mein „Wir“ weiter gefasst. Auf die bisherige Entwicklung dessen, was ich bei diesem Heraustreten vorfand, und auf die bis dahin geschaffenen Bedingungen hatte ich keinen Einfluss. Die Gesellschaft. Ich hatte aber die Wahl, einzutreten und das Regelwerk als Ganzes zu befolgen, es punktuell zu befolgen, mich dagegen zu stemmen, nur beschränkt einzutreten oder gar nicht. Ich tat ersteres. Ich war ein Konsensmensch. Das wirtschaftliche Umfeld, das bis dahin geschaffen worden war, erlaubte es mir ausserdem, bis zum 30. Lebensjahr in einem adoleszenten Denken und Handeln zu verharren. Oder anders gesagt: Es gab nur mich. Mich und meine Karriere, meine Weiterbildungen, mein Umfeld, mein Radius, meine Reichweite. Ich konnte es mir stets leisten, dem alles andere unterzuordnen und war mir nicht bewusst, dass ich mit diesem Verhalten perfekt im Trend lag. Auch darin, dass ich wohl meine eigene Firma hatte, aber nie Angestellte. Beziehungen, aber nie den Willen zu heiraten oder eine Familie zu gründen. Wenn Zweifel aufkamen, Diskrepanzen zu den einst vermittelten Werten, dann gab es tausend Gründe dafür, warum diese nicht zählten. Und sei er nur ein windelweiches Hinweisen auf „Zeiten, die sich ändern“.

Warum? Weil es bequem ist, nicht anzuecken. Weil es schmerzt, Freunde zu verlieren. Weil es Angst macht, isoliert zu sein. Weil finanzielle Unsicherheit Panik auslöst. Das Resultat: Man lehnt sich an an eine adoptierte wertemässige Durchschnittlichkeit und sucht Ehrenrettung in lächerlicher Hyperindividualität, die sich in der Preisklasse des Hotels, in dem man seine Ferien verbringt, oder des Autos erschöpft. Sogar dann, wenn Freunde einen in der selbstverschuldeten Misere um Hilfe bitten, wenn man also durch das eigene Involviertsein sehr wohl auch das Recht auf Meinungsäusserung hätte, habe ich geschwiegen. „Geht mich nichts an“ als stets gleiche Formel von bequemer Ignoranz und Feigheit. Und was das Geschäftliche anbelangt: Ich habe alles organisiert, was sich „Veranstaltung“ nennen kann. Was soll’s – man muss schliesslich leben.

Ich wurde erst erwachsen und mir meiner Verantwortung bewusst, als die Einebnungs-Rhetorik lauter, das neidische Wachen darüber, dass alle gleich sind – und sei es nur gleich arm – und das entsprechende Fordern nicht nur näher rückte, sondern mich persönlich berührte. Als ich mich gegenüber von Mitarbeitern eines Kunden wiederfand, die die Zusammenarbeit verweigerten, weil sie der Meinung waren, mein Honorar,  das mir ihre Chefs für die Präsentation der Firma in der Öffentlichkeit freiwillig bezahlten, sei zu hoch. Da erst merkte ich, wie geduckt mein Gang war. Da erst trat ich heraus aus dem „wir“, forderte stolz sein zu dürfen, aufrecht zu gehen, besser sein zu dürfen und Erfolg zu haben. Eine Art zweite Geburt – nicht im Sinn einer Rückentwicklung auf ein Nur-Ich, sondern der Schritt ins Menschsein. Nicht nur dem Namen nach. Damit aber ging und geht auch das Eingeständnis einher, dass ich über Jahre hinweg von der Richtung, in der die Gesellschaft sich entwickelt hat, profitiert, die Entwicklung und die damit einhergehenden Missstände mitgetragen und gefördert und mich nie dagegen gestemmt habe. Die Entscheidung zu Schuld. Aber auch das Wissen um die Kraft, sie zu tragen und um den Willen, den Versuch des Abzahlens mit nicht inflationierbaren Werten zu wagen.

 

 

 

 

 

Bocksprünge nach rechts

Von Franz Bettinger

Um der grassierenden Ausrichtungs-Geilheit gerecht zu werden, muss ich von mir sagen: ich bin ein Rechter. Dabei steckt viel Linkes in mir. Es steckt in jedem beides. Der Schwellenwert? Wann das eine zum anderen wird? Keine Ahnung. Darum geht’s nicht. Erst recht nicht im Wahlkampf. Da geht es darum, diese zwei Seelen in derselben Brust, innerhalb der Gesellschaft aufeinanderzuhetzen und auseinanderzureissen. Es ist der alte immer gleiche Trick der rund 300 Oligarchen, die diese Welt seit 200 Jahren unter sich aufgeteilt haben und aufteilen und – egal, wie ihre Kriege enden — mit dem sie es schaffen, immer oben zu schwimmen.  Alles, was der globalistischen Weltordnung entgegensteht, wird diskriminiert: Rassismus, Nationalismus und Diskriminierung. Links und rechts eben.

Links ist egalitär, alles und alle gleich machend. Selten auf eigene Kosten und bei Bedarf einen Kopf kürzer. Nie einen länger. Die Engländer sagen dazu: tall poppy syndrom. Rechts ist anti-egalitär. Rechts ist das Erkennen und Anerkennen von Verschiedenheiten. Das bedeutet mehr Lohn für mehr Leistung; es ist die Anerkennung des Leistungs-Prinzips. Alles klar? Genau: Rechts ist nicht Nazi – Nazi ist nur eine nationalistische Spielform von links.

Dabei ist die Links-Rechts-Einteilung eigentlich längst obsolet. Sie bringt kaum noch Sachlichkeit in eine Debatte. Ausserdem: Les extrèmes se touchent. Dennoch müssen wir uns im Moment mit diesen Totschlagworten rumschlagen, denn viele Linke haben nur noch die Sprachkeulen zur Hand, aber keinen Rest mehr von Verstand. Also nehmen wir ihnen auch noch die Worte aus dem Mund und schlagen sie ihnen um die linken Ohren, so dumm wie’s ist.

Wenn man den Gegner links verortet, macht es Sinn, nein, es zwingt einen die Logik dazu, sich selbst als rechts zu erklären, auch wenn man erst mal schlucken muss, weil das eigene linksgedrehte Hirn Bocksprünge macht. Das rechte Pferd muss also eingeritten, gezähmt und in ordentliche Bahnen gelenkt werden. Wie? Durch die Zucht der Logik und der Bildung. Also her mit den Geschichtsbüchern, mit Fernau, Spengler, Jünger und Nietzsche. Ich hätte seit 2008 (seit Lehman) auch ein Linker sein und bleiben können. Aber dort herrschte geistige Öde, Bewegungslosigkeit, Langeweile, kurz: die einheitspinselige Spielzeugwelt von Kindern. Bocksprünge waren nur nach rechts möglich.

Querfront? Aber ja. Allerdings ist die Linke intellektuell keine Stütze mehr. Emotional schon, da wäre die Linke noch brauchbar. Denn die Globalisten haben sich der linken Kinder bemächtigt. Sie haben sie mit naiven Parolen wie „One World, No Borders“ infiltriert und sind bis in den Subcortex vorgedrungen.

Meine eskapistischen linken Ex-Freunde verstehen die Lage nicht. Sie kapieren nicht, dass wir uns in einer Art Jahr 1934 befinden, in dem die Weichen falsch gestellt werden, und von wo es bald kein Zurück mehr geben wird. Meine Briefe verbitten sie sich. Der Kontakt ist abgerissen. Ich soll ihre Idylle nicht stören, ihre letzten Tage von Sodom. Ein schwacher Trost: Die meisten von denen sind jung genug, um sich über ihr Versagen noch mal sehr schämen zu müssen.

Mein kleines Glück im großen Unglück? Das ist meine Familie, die zu mir steht. Ausserdem ein paar wenige alte Freunde, die geblieben sind, als es schwer wurde. Typisch rechts.

Scheuklappen – im Dutzend billiger

Fragmente – von Roi Henry und Frank Jordan 

Weil das hier eine Art fröhliches oder zumindest witziges Sterbetagebuch werden soll, werde ich heute … Mein Gott! Was denn, wenn, was bleibt, in jenen Krampf reinfliesst, der da heisst „Contenance wahren“? Eine Art von Fassung? Wenn die Fassungslosigkeit grösser wird als du selbst, der Pulsschlag der Leere?

Wie sie abwehren, sie füllen? Mit beissendem Spott? Alles gut Leute – alles halb so wild. Wir sind heute so frei wie damals. Die DDR – das war auch nicht so schlimm. Wir waren auch frei. Wir waren immer frei. Ich kann ein Lied von dieser Freiheit singen. Es trällern – erst an der Gitarre, später an der Grenze nach West-Berlin. Geflüchtet vor dem Übermass an Freiheit in die neue Heimat. Wir waren damals derart frei, dass man uns nur zu schubsen brauchte, und schon verrieten manche alles. Nur Geduld, er kommt wieder, dieser Exzess an Freiheit. Und bis dahin: „Ach, trinkt doch, Freunde! Werft Gläser an die Wand! Flucht, so laut es geht! Stellt lärmend eure Regierungstreue unter Beweis!“ (Solschenizyn)

Sie haben keine Ahnung, wovon ich rede, nicht war? Wie auch? Sie haben keine Ahnung, wie Zersetzung und Propaganda funktionieren. Man möchte Ihnen gratulieren ob der Unbeschwertheit, in der Sie leben, aber man kann es nicht. Weil heute wieder derselbe Fehler begangen wird, den Mitläuferschaft stets begeht – ihre einzige Tat vielleicht: Gleichgültigkeit. Sie sagen, es sei bloss eine Haltung? Nein, halte ich dagegen – für eine Haltung entscheidet man sich. Also ist sie Tat. Ihre Tat. Unsere. Ist es Dummheit oder Kälte? Völlig egal beim Blick in Kinderaugen. So wird man zum Henker. Wie werden sie zurechtkommen in dieser bunt zerstörten Welt? Wie werden sie Ali oder Mustafa ihre Grenzen zeigen, wenn sie nicht wissen, was Grenzen sind? Wie sich wehren gegen Gewalt, auf die man sie nicht nur nicht vorbereitet, die man ihnen vielmehr verschwiegen und verboten hat?

Man konnte übrigens wirklich nicht alles lesen damals, nicht alles sehen, nicht alles hören. Genug aber allemal. Schon während des Studiums stellten einige fest, dass ein Parteibuch des SED helfen konnte bei vielem. Für alles andere gab es Scheuklappen. Auch ich legte mir ein paar an die Augen, kultivierte Zerstreutheit und hatte nie grosse Probleme, der Stasi aus dem Weg zu gehen. Abgesehen von der Mitschuld durch Schweigen und Eigeninteressen blieb man so relativ sauber. Das ist so üblich in Diktaturen. Man ist erledigt, wenn man sich gegen das System, die Spielmacher, die grosse schweigende Masse stellt.

Wenn man uns nur fragte! Wir könnten euch sagen, wohin die Reise geht und wozu sie führen, die Scheuklappen. Ich rettete mich damals, als die Stasi noch Stasi genannt wurde, mit einer ausgemachten Stieseligkeit. Ich rettete mich, indem ich stoisch vorgab, Medizin studieren und Arzt werden zu wollen. Ich konnte auch gut stottern und habe mich ausmustern lassen. Das ist nicht heldenhaft. Aber ist es feige, wenn überall Scheuklappen rumliegen? Wer zwei Paar davon nimmt, kriegt das dritte gratis. Ich hatte wegen der Medizin keine Zeit für Schwedt oder Bautzen.

Und heute? Dasselbe – keine Zeit. Wir wundern uns über den einen oder anderen Streifen am Himmel, aber dann gucken wir wieder nach unten, zurück oder verschließen unsere Augen. Würden wir uns auch so verhalten, wenn plötzlich jeden Tag mehrere Kängurus über unsere Wege hüpften? Es ist anzunehmen. Sie wären ebenso schnell inkludiert, wie die messerstechenden, machetenschwingenden und amokfahrenden Zeitgenossen. Alles Gottes Geschöpfe. Wie der Wal, das Nashorn, die Tarantel, der Kugelfisch, die Beutelratte. Wie die Politiker, die Journaille, der Klerus und die Untertanen.

Mein Abitur habe ich im Abendstudium an der Volkshochschule erworben. Es war billig und kostete pro Semester nur achtzig Ostmark. Wir lernten damals nicht, dass die Erde flach ist, dass alle Menschen gleich sind und dass der Islam eine Friedensreligion ist, die zur DDR gehört. Wir lernten anderes und haben uns nicht gewundert, dass Flüchtlinge an der Grenze erschossen wurden, nicht darüber, was politische Häftlinge zu berichten hatten und schon gar nicht darüber, dass erst Rentner über die Grenze in den Westen gelassen wurden. Das war es, was wir wussten. Jeder, der nicht auf den Kopf gefallen war. Und es war nur eine Frage der Zeit, bis sich genügend Menschen fanden, die Montags demonstrierten und kundtaten, dass sie nichts , aber auch gar nichts zu verlieren hätten, wenn Honecker nebst Gattin nach Chile verschwände, die Grenze geöffnet und die DM-Mark Zahlungsmittel wäre. Man kannte zumindest den Begriff Freiheit. Hatte eine vage Ahnung davon.

Und heute? Fast scheint es, als hätten wir erneut das Mass verloren. Das Mass für Freiheit. Jeder weiß das oder jeder könnte es sehen, wenn es ihn interessierte. Es schlackern dem alten Ossi die Ohren vor Verwunderung darüber, was alles möglich ist, wenn man mit Geduld und Geld den Kompass der Untertanen verstellt. Während Information und Emotionen längst inflationiert sind, ist der gesunde Menschenverstand ist auf der Strecke geblieben. Nein, er ist nicht einfach auf der Strecke geblieben. Er wurde aberzogen – bewusst getötet. Ansonsten wüsste jeder: kein Mensch braucht einen Staat und unendlich viele Schmarotzer. Und er wüsste: „Alles, was ich Euch gebiete, das sollt Ihr halten und danach tun. Du sollst nichts dazutun und nichts davontun.“ 5. Mose 13.1

Heute sind die Maulkörbe schon angeboren, die Scheuklappen werden anerzogen, angefördert und angebildet. Man möchte bloss eines: Schnell und weit laufen. So schnell und so weit man kann. Wozu? Um allein zu sein, wenn die meisten zurückbleiben? Um von fern sich davon zu überzeugen, dass die Kinder nicht nur weinen, sondern leiden werden?

Jetzt ist sie wieder da, die Fassung. Ramponiert zwar, geschunden, sitzt sie in der Ecke. Es reicht. Ich werde mir nicht das Herz und Hirn fressen lassen. Nicht von der Angst, nicht von schweigenden Menschen. Nicht von der Ahnungslosigkeit und von geschlossenen Mündern. Von keiner Ideologie, die immer, immer Rechtfertigung ist. Für alles.

Hat irgendjemand wirklich geglaubt, dass ich mir das noch einmal gefallen lasse?

 

Spaghetti Carbonara verweigert

„Britisches Mädchen muss Arabisch sprechen und ihr Kreuz abgeben“ titelt der „Blick“. „Zwangsislamisierung in London?“ fragt n-tv. „Pflegefamilie streng muslimisch: Fall empört Briten“ ist in weiteren Medien zu lesen.

Worum geht es in dem Fall, der in den vergangene Tagen in England und darüber hinaus für Empörung sorgte? Im Osten Londons, im Bezirk Tower Hamlets, wurde ein fünfjähriges, christliches Mädchen innerhalb von sechs Monaten in zwei streng religiöse, muslimische Pflegefamilien gesteckt. „The Times“ berichtete, das Mädchen sei in einer der Familien gezwungen worden, Arabisch zu lernen und ihren Kreuzanhänger abzulegen. Den Unterlagen der Sozialbehörden sei zu entnehmen, so die Zeitung weiter, dass eine der Familie nicht einmal Englisch sprach. Die Behörde verteidigte sich indem sie mitteilen liess, die Medienberichte über den Fall seien fehlerhaft. Worin der oder die Fehler bestanden behielt sie indes für sich.

Skandal? Ja – Skandal. Die zwangsweise Umerziehung von Kindern ist einer der fünf Punkte, die die UN zur Definition des Tatbestands „Völkermord“ anführt (mehr dazu hier). Es ist entweder furchteinflössend oder völlig unerklärbar, was in Beamtenhirnen vorgeht, die solches organisieren.

Trotzdem ist der kranke Funktionärs-Wille zur ideologischen Neu-Schöpfung oder Korrektur eines Kindes der kleinere Skandal. Über den grossen hinter den Schlagzeilen, der einem die Sprache verschlägt, wird keine Silbe verloren. Darüber nämlich, dass dieses Kind, zuallererst und bevor die Behörde es in die Finger kriegte, das Opfer seiner eigenen Familie, seiner Eltern wurde. Sie haben diese Fünfjährige nach Strich und Faden verarscht und dann aufgegeben. Oder glaubt irgendjemand ernsthaft, die Beamten wären eingeschritten, hätten Vater und Mutter das Sorgerecht entzogen, wenn alles zum Besten gestanden hätte? Wir sind wohl auf dem besten Weg dahin – aber wir sind noch nicht da. Noch sind die Staatsorgane nicht bemächtigt, Familien aufgrund von Gesinnungsfehlern auseinander zu reissen. Das erledigen wir via Emanzipation und Selbstbestimmung noch vollkommen selbständig. Noch ist der Entzug des Sorgerechts einer der letzten Schritte um das Wohl des Kindes zu gewährleisten.

Hätte man mich rausgerissen aus meiner Familie mit fünf Jahren, weg zum Jugendamt, mich reingedrückt in Fremdes, wieder rausgerissen, wieder woanders rein – ich weiss, dass ich heute ein kaputter Mensch wäre. Da kann mir keiner kommen und mir was von Bezugspersonen vorschwafeln und Hauptsache gefördert. Schwachsinn! Ich wollte nie – auch  nicht eine Minute lang – von irgendwem geliebt werden. Ich wollte es von meinen Eltern. Und nur von ihnen. Von ihnen beiden, ohne Partei sein zu müssen. Alles andere empfand ich bereits damals als den gewaltsamen Eintritt von Unbefugten in einen Bereich, der gross mit einem einzigen Wort überschrieben war: Familie. Ohne sie kein Atem.

Und jetzt stehen wir also hier: Ein ganzer Kontinent regt sich auf über die Willkür von Behörden, über falschverstandene Buntheit und Entwurzelung. Es ist wunderbar, Schuldige zur Hand zu haben. Noch wunderbarer, wenn sie anonym sind, unsichtbar, gesichtslos wie das Amt. Da kann man dann im Windschatten der Medien keifend und schnatternd und quietschend und aufs rattigste die Krallen ausfahrend sich so richtig empören. Es ist einfacher und um so vieles unterhaltsamer, als einander in die Augen oder in den Spiegel zu sehen und sich zu sagen: Wir sind es, die versagt haben. Wir. Du. Ich. Egal aus welchen Gründen. Am „Wir“ ändert sich nichts.

Im Bekanntenkreis ging einer, weil „er sich Familie anders vorgestellt hatte“. Ein anderer hatte „keinen Bock“ mehr. In einem Fall war das Kind ein Unfall. Ein paar haben „sich auseinandergelebt“ und wieder andere wollten „noch was vom Leben“ haben. Und Treue, Heimat, Geborgenheit – das wissen wir alle – das sind böse Begriffe. Rückwärtsgewandt, Fortschritts- und Emanzipationsfeindlich. Finster und unaufgeklärt. Das Problem: Ohne Familie gibt es keine Treue, keine Heimat, keine Geborgenheit. Nicht im Dorf, nicht in der Gemeinde, nicht in einem Land. Oder anders gesagt: Ohne Treue, Heimat und Geborgenheit gibt es so etwas wie „eine Gesellschaft“ nicht. Es gibt nur Führung und Anhängerschaft. Beide anonym.

Und bis dahin regen wir uns darüber auf, dass einem unfreiwillig fremdplatzierten und in seiner Seele zerrissenen Mädchen sein Leibgericht, Spaghetti Carbonara, verweigert wird.