Die Weilgeilheit der Verleugner

Als ich meine Firma gründete zog ich zur finanziellen Spielraumerweiterung und Risikominimierung in ein Mansardenzimmer. Dass ich damit gleichzeitig in das Leben eines hartgesottenen Profitoxers trat – oder er in meins , das lässt sich nicht so genau sagen – wurde mir bewusst, als ich mich innerhalb einer Woche aufgrund diverser Geräuschdetonationen, die sich anhörten, als würde gleich nebenan jemand den Verstand verlieren, zum x-ten Mal an dessen Seite kniend und lebenserhaltende Massnahmen in Erwägung ziehend wiederfand. Dass sein Hund jeweils zu Verteidigungszwecken absolut nicht welcome-mässig zähnefletschen  auf ihm drauf lag, entspannte die Situation überhaupt nicht.

Wenn Sie im rot-braun eingefärbten Bildungssystem bereits praktisch-lebensnahe Kompetenzen, wie etwa jene, seinen Vor- und Nachnamen zu tanzen, vermittelt bekommen haben, dann wissen Sie: Süchtige sind krank. Kranken muss geholfen werden. Während mein Neonachbar sich kurz vor dem existentiellen Check-out selber in die Psychiatrie einwies, versuchte ich zu helfen. Lief mir die Hacken ab beim Beschwichtigungsversuch von Rechtsanwälten, Untersuchungsrichtern und Dealern, bezahlte Hundeheime und Tierarztrechnungen, suchte einen Job, bezahlte Schulden. Als er sich – natürlich vor Ende der Therapie und natürlich, weil sie einen in diesem beschissenen Kindergarten behandelten wie einen minderbemittelten Wilden – aus der Klinik zurückmeldete verlor er sich kurzfristig in komplex sentimentalen Dankesbezeugungen in Form von Collagen, Zeichnungen und der Idee, trotz beidseitiger überzeugter Heterosexualität eine Art Paar zu bilden. Und dann ging das Spiel von vorne los. Ein Bier, zwei Bier, bisschen Gras. Ein Pfeiffchen, zwei, drei. Bis er sich erneut und mit Vollgas von einem Filmriss zum nächsten und an den Rand des Abgrunds mit Endziel Psychiatrie kokste. Das ganze in vierteljährlichem Rhythmus. Man gewöhnt sich dran. Unser Verhältnis blieb ungetrübt, beschränkte sich aber fortan darauf, dass ich ihm einen Kaffee anbot falls er danach aussah, als könne er ihn bei sich behalten.

Im allgemeinen Duktus politisch-korrekten Neusprechs sind Politiker nicht „krank“. Was sie sich aber mit den Schwerstabhängigen teilen – abgesehen davon, dass beide meist zu 100% steuergeldfinanziert sind – ist eine bis unters Dach reichende Total-Austattung an Feindbildern, Gründen, Bedürftigkeiten und Schuldigen. Sie selber finden in dieser Weil-Orgie als potentiell Verantwortliche oder Verursacher naturgemäss nicht statt. Beispielhaft dafür steht das hilflose nervenzerrüttende Lamentieren rund um die Asylkrise in der Schweiz und anderswo. Dass irgendwann vor gefühlten Äonen ein Märchen mit Namen Schengen-Dublin von längst vergessenen Politikern mittels hartgesottenster Lügen durch den demokratischen Prozess gejagt wurde hat man längst vergessen. Dass auch dann noch an den phantastischen Qualitäten des Abkommens festgehalten wurde als zahlenmässig längst belegt war, dass es nie funktioniert hat und es auch nicht tun würde, davon spricht man heute nur noch, wenn die Heroen des veranwortungslosen Reagierens zur eigenen Reinwaschung oder einfach zu PR-Zwecken eines Schuldigen bedürfen. Dass die Sicherung der Aussengrenzen im Schengen-Dublin-Raum nicht funktioniert – sei es gewollt oder aus Unfähigkeit – kann von den nationalen Verantwortlichen ohne Not mit der Unfähigkeit Brüssels begründet werden. Man selber kann nichts dafür. Die Helden der staatlichen und parastaatlichen Umgestaltungs, Aufnahme-, Integrations- und Betreuungsindustrie haben sie nicht verschuldet, die Fluchtursachen, haben nicht die viel zu langen Grenzen erfunden, können nichts dafür, dass zu wenig Bares für Grenzschutz und Sicherheitsbehörden da ist, sind nicht die Trauma auslösenden Kräfte hinter psychischen und praktischen Amokläufen, die nebst kultureller Voreingenommenheit und religiösem Fanatismus möglicherweise auch in Zusammehang stehen mit der Diskrepanz zwischen Versprochenem und Erhaltenem. Und schliesslich ist es nicht das Problem dieser Virtuosen der Zwickmühlen und Kompromisse, dass sie geschlagen sind mit einer Bürgerschaft, die partout nicht integrieren, willkommnen, sich anpassen und zufrieden sein will mit der Rolle des Gebenden und Helfenden. Schizophrenie ist die Regel – beim Hardcore-Freebaser ebenso wie beim Politiker.

Irgendwann konnte mein Mansarden-Nachbar dem physisch-oragnischen Vom-Regal-Fallen nicht mehr ausweichen. Was ihn im Spitalbett  nicht davon abhielt lautintensiv zu nöhlen, wenn sein Scheiss-Arzt ihm gesagt hätte, dass Leberzirrhotiker irgendwann das eigene Blut kotzen würden, dann hätte er … usw.usf. Er lebt nicht mehr.

Das wirkungslose Verpuffen eines Menschenlebens tut einem leid. Sollte eines Tages die Politik via erzwungene Abstinenz (Finanzkrise, Finanzierungsverweigerung der Bürger, ziviler Ungehorsam oder sonstiger totaler Kontrollverlust) schlicht und einfach den Geist aufgeben, dann würde ich eine Sause riskieren. In diesem Fall ist Sucht Grund zur Hoffnung.

Der Hund lebt immer noch.

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2 Gedanken zu “Die Weilgeilheit der Verleugner

    • Aus der Kategorie „Ich zitiere mich selber“: „Was sie sich aber mit den Schwerstabhängigen teilen – abgesehen davon, dass beide meist zu 100% steuergeldfinanziert sind – ist eine bis unters Dach reichende Total-Austattung an Feindbildern, Gründen, Bedürftigkeiten und Schuldigen. Sie selber finden in dieser Weil-Orgie als potentiell Verantwortliche oder Verursacher naturgemäss nicht statt.“

      Das verstehe ich unter Weilgeilheit? Warum hast Du die Therapie abgebrochen? Wie soll ich denn eine etwas ernst nehmen, das mich behandelt, als wäre ich irgendein idiotischer Stammesdepp? Wie soll ich mich denn auf eine Therapie konzentrieren, wenn ich dauernd an meinen Hund draussen denken muss? Wie soll ich denn gegen die Flasche, das Koks, was auch immer kämpfer, wenn sie mir nicht was ANSTÄNDIGES geben, was mich runterholt. Keine Ahnung, irgendwas nuklearwaffentaugliches, das mich am Boden hält? Wie soll ich mich denn wohlfühlen hier, wenn mich nie einer besucht? Und so weiter und so fort.

      Alles – nur nicht: Ich hab mich in die Scheisse geritten, ich sitz‘ da drin, wenn ich raus will, muss ich das in erster Linie tun. Nicht die anderen, nicht ich auf anderer Leute Kosten, nicht mittels Bewirtschaftung fremder Kraftreserven und geliehener Würde. Ich allein, aus mir selbst heraus. Weilgeilheit ist eine Art Begrüdungs-Geilheit weg von sich selber, hin zu anderen Gründen, die ausserhalb von einem selbst liegen, denen man ausgeliefert ist und auf die man keinen Einfluss hat. Schuld abschieben und nicht merken, dass man damit auch die Verantwortung für das eigene Leben abgibt, für das eigene Entscheiden, Tun, Denken – you name it. Ist etwas lang geworden. Bitte um Nachsicht. Herzlicher Gruss verbunden mit Dank für den Kommentar. Ihr FJ

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