Pflichtfrei ist nicht frei (Teil 1)

Der Mensch ohne Sprache denkt nicht. Erst die Sprache ermöglicht ihm die Verortung seiner selbst und anderer in der Welt. Das Bewusstwerden von Ideen, Werthaltungen, Zweifeln, Kritik und Erkenntnis ist ohne sie nicht möglich. Wer eine Gesellschaft verändern will, muss damit anfangen, ihr Bewusstsein mittels Sprache zu verändern. Es gilt, das gewachsene Repertoire der Begriffe, die die Sprache ausmachen, zu verändern. Wir stecken bereits mitten drin in diesem Prozess.

Unauffällig und scheinbar harmlos werden Worte entleert oder neu besetzt und derart überfrachtet, dass Nachfragen zum besseren Verständnis unnötig erscheint. Oder aber sie werden schlicht und einfach umgedeutet. Dass sich in dieser Gestaltungslogik die obrigkeitlich Hand der reinen Lehre zuallererst auf Schulen, Universitäten, Medien und Kultur zu legen hat, versteht sich von selbst. Und ebenso, dass solche Sozial-Ingenieurskust der Versuch ist, den Menschen, mithin die Gesellschaft auf arroganteste Weise zum beliebig nutzbaren Durchlauferhitzer von Worthülsen, Geschwätz, Gerede und Parolen zu reduzieren.

Ein Begriff, der das Reinigungs- und Neudeutungs-Programm staatlicheer Sprachhygiene durchlaufen hat, ist jener der Pflicht. Pflicht ist Synonym für Leidiges und Lästiges, Zeit Raubendes, Einengendes und Bremsendes mit digestiv-braunem Gerüchlein geworden. Pflicht impliziert wahllosen Gehorsam. Die totale Umdeutung zum Zwang ist bald erreicht. Zulässig ist der Gebrauch des Wortes nur dort noch, wo es um die Pflichten anderer geht, oder aber wo politischer Wille zu Alternativlosigkeit gerinnt. Wenn die deutsche Bundeskanzlerin in Zusammenhang mit der sogenannten Flüchtlingskrise also verkündet, es sei ihre „verdammte Pflicht und Schuldigkeit, dass dieses Europa einen gemeinsamen Weg findet“ (richtig: der Satz ergibt keinen Sinn) und von der Schweizer Bundesrätin Sommaruga dahingehend sekundiert wird, dass es „unsere Pflicht“ sei, jedem Asyl zu gewähren, der solches dieser Tage wünsche, dann sagen sie damit nur eines: Wir wollen und ihr müsst.

Das ist Zwang. Pflicht ist etwas ganz anderes. Der Begriff der Pflicht geht auf das westgermanische Worte für Pflege zurück. Er ist nicht das autoritäre „du sollst!“ als das man ihn uns zu verkaufen sucht. Er ist das mildere „du solltest“ und lässt die Wahl. Pflicht kann erfüllt oder verweigert werden. Sie fordert eine Entscheidung und die Übernahme von Verantwortung. Pflicht heisst Risiko- und Gewissensprüfung. Die beinhaltet die Möglichkeit des Scheiterns und des Erfolgs. Wer leben will, sollte essen. Wer essen will, sollte arbeiten. Wer denken will, sollte Sprache beherrschen. Wer besser denken will, sollte sich bilden. Der Mensch ist von Anfang an und zuallererst ein ordentlicher Haufen an Pflichten. Und auch vieles, was heute zu Rechten umgedeutet worden ist, sind in erster Linie Pflichten. Man denke da zum Beispiel an die Menschenrechte auf soziale Teilhabe,  auf Erholung oder auf befriedigende Arbeit.

Natürlich ist die Pflicht im Sinn der Pflege der eigenen Person und Anderer mittels Bildung, Arbeit, sozialem Engagement oder Nächstenhilfe nicht immer ein Spass. Natürlich kann sie lästig und auch belastend sein. Aber sie abzugeben oder zu umgehen bedeutet nicht ein Mehr, sondern ein Weniger an Freiheit. Der ihr ausweichende Mensch beraubt sich selber der Wahl, der Möglichkeit der Konsensfindung mit sich und anderen, der Verantwortung und damit des potentiellen Erfolgs. Er enthält sich die eigene Entwicklung hin zur Mündigkeit ebenso vor, wie persönliche Durchbruchserlebnisse, die ihn befähigen aus dem Kreis des Egos herauszutreten und zu wachsen. Er verbaut sich die Möglichkeit der Würde.

Pflichten durch Rechte zu ersetzen und was übrig bleibt in Zwang umzudeuten ist der Versuch, den Menschen in konditionierbare Unmündigkeit zurückzustossen. Das Ganze mit einem Mehr an Freiheit zu garnieren ist Blendwerk und Lüge. Und ein geschickter Schachzug: Die Gesellschaft, die dem obrigkeitlichen „Sei frei!“ mittels Abgabe sämtlicher Pflichten in der Zeitspanne zwischen Muttermund und Massengrab  glaubt, macht sich zum Sklaven, für den andere die Entscheidungen fällen, die Wahl treffen, leben. DAS ist Kadavergehorsam und hat mit Freiheit nicht das Geringste gemein. Im Gegenteil: Freiheit ist in diesem Sinn kein Privileg, kein Recht und schon gar nicht auf Befehl machbar. Sie ist zuallererst eine Pflicht. Mithin die schönste Pflicht.

 

Buchkritik – Wer ist Frank Jordan?

Die Ministerin – Kein Fall für Carl Brun

Abgründe, die sich nicht nur in der Schweiz auftun können

von Dr. Christoph v. Gamm 

Der Autor Frank Jordan entführt den Leser in eine Schweiz der Finanzleute, des Inlandsgeheimdienstes und der Classe Politique. Der Held – Nik Horn – ein erfolgreicher Vermögensverwalter für Großvermögen – stößt nach einer Sauftour in seiner haßgeliebten Heimatstadt Bern auf die Leiche eines Starjournalisten – Bernd Bickler – eine Edelfeder des Wochenblatts. Ebendieser Bickler stellte ihm schon vorher nach. Das macht Horn mulmig.

Auch der Inlandsgeheimdienst um Carl Brun, einem kettenrauchenden, im Wald lebenden Einzelgängerabteilungsleiter mit seinem verschworenen Team ist darauf angesetzt – wenn auch nur als Alibiübung. Denn die Ministerin plant, den militärischen und nichtmilitärischen Geheimdienst zusammenzulegen, es wäre die letzte Aufgabe für Brun und seine Truppe. Was alle nicht ahnen, auch nicht die auf den Fall angesetzte Jez, daß der Fall größere Ausmaße hat – denn Bickler ist auf eine Geschichte gestoßen, die einen ehemaligen albanischen Geheimdienstler und Hitman – nun Halbweltler in der Langstraße – den CEO der SWISS FIRST BANK, Nik Horn und die Ministerin in einem spannenden Plot miteinander zusammenbringt, der tatsächlich die Schweiz, wie man sie jetzt kennt, komplett zerstören würde.

Daß sich der Autor diskret als Teilzeit-Selbstversorger nach Frankreich abgesetzt hat, kann man nach dem Lesen dieses Werks verstehen. Frank Jordan weiß zuviel.

Und bei einem Krimi dieser Art fragt sich der geneigte Leser, der ein wenig mit der Materie vertraut ist immer: ist es authentisch? Könnte es wirklich so gewesen sein? Oder gibt es logische Brüche, hat der Autor vielleicht der Geschichte halber gepatzt – so wie es Agatha Christie sehr gerne gemacht hat, damit sich in den letzten fünf Seiten der Story noch schnell der Miss Marple oder Hercule Poirot eine besseres “Whosdoneit” präsentiert? Nein. Man kan beruhigt sein – er hat nicht. Es hätte sich wirklich so zutragen können – oder noch schlimmer: Die Katastrophe ist theoretisch jederzeit zu einem Bilanzstichpunkt möglich – es reicht, wenn sich ein paar Menschen zusammenrotten und die Zahlen gemeinsam bestmöglich frisieren. Der starke Franken, die schwachen Assets, die Pensionsforderungen, die nicht erfüllt werden können – der Mix ist bereits jetzt da. Insofern ja: Der Kritiker, der bereits 2007 in einem Szenario für einen großen IT Konzern die Finanzkrise in allen Details vorausgesehen hat und eine Empfehlung für Megadeals gegeben hat, ist fest der Überzeugung, daß so eine Story leicht möglich ist. Erst recht ist das in der Schweiz der Fall – denn die kokainistischen, polytoxikomanen Nik Horns dieser Welt, aus dem Seich gekommen, zerfressen von Angst, wieder in den Seich zurückzukehren, die ehrgeizige Globalisierungsministerin, der um Macht gierende und selbstverliebte CEO, die Hintermänner und auch die Riege der Angestellten des Inlandsgeheimdienstes – mit Ecken und Kanten und teilweise gebrochene Gestalten – die Untergrundalbaner an der Langstraße – ja die gibt es wirklich. Und die Schweiz wäre nicht die Schweiz, wenn nicht jeder jeden irgendwie kennen würde und jeder ein Dossier über den anderen versucht zu haben – um sich selbst abzusichern.

Eine sehr spannende Sommerlektüre, die Frank Jordan mit seiner Ministerin – Kein Fall für Carl Brun – fabriziert hat. Eine Kleinigkeit hat es doch auszusetzen: Hat es der Autor oder der Lektor getan – die Namen der Protagonisten sind etwas zu stark für ein deutsches Publikum gewählt – ein wenig mehr Mundart – mehr das Aufprallen zwischen dem schneidend-gemeinen Zürcherisch und dem eher bedächtigen Beamtenbernerisch – das hätte dem Krimi den absoluten Endschliff gegeben.

Blog des Autors: HierWebsite des Autors: vonGammCom Global Institute for Change

Die Ministerin – Kein Fall für Carl Brun ist im Lichtschlag Verlag, Reihe Literatur erschienen und kostet € 19,90

Nach uns nichts

Merkel und Hollande seien in Italien, um die Europäische Union „von Grund auf“ neu zu beleben, liess uns Renzi am Vorabend des Dreiergipfels im italienischen Ventotene vom Montag vergangener Woche wissen. „Das braucht sie“.  Das hippokratisch besorgt anmutende Flair von Diagnose und Kur täuscht. Eine Behandlung bedeutete eine Entwicklung mit Ziel Besserung und Heilung. Davon konnte weder vor 10 Jahren noch letzte Woche die Rede sein. Wem die Hände auf den Rücken gebunden und eine Plastiktüte über den Kopf gezogen wurde hilft kein Heilverfahren. Solange der Sack – in diesem Fall eine Einheitswährung und eine 50tausend-köpfige Administration – über dem Kopf bleibt, verbleibt alles Reden und Handeln, das nicht im energischen Wegreissen der Tüte besteht, in showmässig ritualisiertem Schamanentum. Und wenn Hollande in seiner Rede zur Lage der Grande Nation die rund 66 Millionen Bürger Frankreichs angesichts gewaltigster Verschiebungen ökonomischer und gesellschaftlicher Bruchfugen mit einem lapidar-präsidialen „Ca va mieux“ abspeist, dann unterstreicht das einzig die Tatsache, dass wir Politik via Event haben. Zukunft reduziert auf profesionell bearbeitete Momentaufnahmen der Gegenwart. Egal ob Konjunkturdaten anstehen, ein Attentat, die Sitzung des FED Offenmarktausschusses, der Tod einer prominenten Persönlichkeit oder die Beinahe-Pleite systemrelevanter Institutionen: Gepflegt wird die Kurzfristigkeit. Der Rhythmus ist jener der News-Feeds und Tagesumfragen.

So verhalten sich dieser Tage allerdings nicht nur Politiker und Zentralbanker, sondern auch ein grosser Teil der Gesellschaft: als gäbe es kein Morgen, keine Kinder oder gar Enkelkinder. Gott ist das Jetzt, das Wir sein Prophet. Nach uns kommt nichts. Die Sintflut ist abgesagt, der Tod – da nicht genderneutral, chancengleich und sozial gerecht hinzubiegen – reduziert auf organisierbare Scheinwürde. Schicht-, partei- und generationsübergreifend ist der Weg, der einst nicht nur eigenes Ziel, sondern auch Zukunft für die Nachkommenden bedeutete, zur Schneckenlinie geworden. Im Zentrum das Ich, der Antrieb kurzfristige persönliche Besserstellung und Positionserhalt.

Wie anders, als mit totalem Ausblenden des Künftigen ist eine Verschuldung der öffentlichen Hand innerhalb der Eurozone zu erklären, die bals die 10 Billionen-Grenze knackt? Oder dass jede 15. Privatperson innerhalb der EU überschuldet ist und dass sparen (heutiger Verzicht für künftige Investition) mittels real negativer Zinsen – pardon: Bankgebühren – zum Witz verkommt?

Wie sonst ist zu verstehen, dass Medin und Politik Reformpakete, die im Fall ihrer Umsetzung die innerste Struktur der DNA ganzer Staaten umkrempeln würden, was einem Mehrgenerationen-Projekt gleichkommt, im Halbjahrestakt abnicken und dies – ungewollt komisch, da ehrlich – mit „unserer Zukunft“ und „in unserem eigenen Interesse“ begründen?

Oder etwa, dass trotz nicht-stattfindens von Hunger, Kälte und Obdachlosigkeit von sich an Steuergeld mästenden NGOs im Endlos-Mantra von Armut lamentiert und entsprechend gefordert wird im Wissen, dass die sogenannte Armut zum 80% befindlichkeitsbedingter Konsum-Mangel ist und die Forderung nur weitere Abhängigkeit auf Kosten jetziger und künftiger Generationen fördert?

Wie anders, als mit Ich-Jetzt-Sofort ist zu erklären, dass die Alten, die in der Schweiz mittels Rente noch gut gestellt sind und fast in jedem Lebensbereich von Alters-Ermässigungen profitieren zusammen mit den Gewerkschaften eine Erhöhung ihrer Renten fordern mit Verweis auf die Gerechtigkeit und im Wissen, dass das, was sie heute beziehen, das einst durch sie Einbezahlte längst übersteigt? Am Zunkunftsgedanken kann es naturgemäss nicht liegen.

Wie anders als mit kurzfristiger Besserstellung und persönlichem Prestige ist zu deuten, dass Politiker, die sich dem „Sozialen“ verbunden sehen (also alle) ohne Not bereit sind, die sozialen Errungenschaften von Generationen, die Sozialwerke, zugunsten käuflicher und zuwandernder Wählergruppen und ihrer selbst gnadenlos zu plündern und in die Pleite zu reiten?

Wie sonst als mit persönlichen Machtgelüsten der Führungsriege ist erklärbar, dass Gewerkschaften – einst Vertreter echter Anliegen echter Menschen – zu wirtschafts- und zukunftsfeindlichen Kampagnenmaschinen verkommen sind, die sich vermehrt staatlich finanziert einzig auf den Ausbau ihrer politischen Machbasis konzentrieren?

Was anderes als Erhalt und Vergrösserung einer staatlich allimentierten Industrie kann als Motiv hinter dem wuchernden Bildungsapparat (zwischen 1990 und 2013 haben sich die Bildungs-Ausgaben der Schweiz verdoppelt), der wild und wahllos fördert, therapiert, individuell motiviert und integriert ausgemacht werden, wenn „hinten“ im immer grösserer Zahl Mastergraduierte sogenannt „weicher Wissenschaften“ herauskommen für die es weder heute noch künftig genügen Arbeitsstellen gibt, während handwerkliche Lehren und alternative Ausbildungen diffamiert und belächelt werden?

Was anderes, als Überhöhung des Ich im Verbund mit dem Empathiegrad einer Amöbe kann es sein, wenn Diskussionen rund um mehr oder weniger diffuse Kinderwünsche, beziehungsweise die Betreuung, Bildung und Erziehung der Wunschsubjekte oft bei einem engagierten „Der Staat sollte … “ ihren Ausgang nehmen und auch dort enden?

Fakt ist: Vom in der Vergangenheit Erarbeiteten ist nichts mehr da, das Gegenwärtige reicht nicht aus. All diese Ansprüche an das Jetzt – und es ist nur eine kleine Auswahl – gehen zulasten der Zukunft. Wer ist sie, diese Zukunft? Die Frage wird nicht gestellt, wir leben, als gäbe es sie nicht. Wem zu fragen wagt, wird mit bleischwerer Moral und Alternativlosigkeit Bescheid gestossen. Argumente sind bei solcher Haltung weder nötig noch erwünscht.

Wir haben nicht nur Luft-Geld, sondern auch Luft-Moral. Ein die wahren Motive nur fadenscheinig übertünchendes Werte-Vakuum in dem die einzige tragende Säule das Ego ist, die einzige auszumachende Entwicklung der permanente Crash. So geht PC heute. Und es ist traurigster Zynismus, der sich aufdrängt, wenn der französiche Wirtschaftsminister Macron die Kampfparole „En marche!“ ausgibt: Der Gedanke, dass das Echo des medial hundertfach wiedergegebenen Rufs näher bei der Wahrheit liegt, als die Losung selbst. Mit Hollandes „Ca va mieux“ ist es genauso: A-(d)ieux!

 

 

 

 

 

Geld ohne Geist

Anlass zum Kommentar ist das Interview der „Neuen Zürcher Zeitung“ mit dem Satiriker Andreas Thiel, einem der wenigen erfolgreichen Schweizer Künstler, die ihre Kunst nicht im steuergeldfinanzierten Tümpel der Kulturförderung ablaichen und der seit seiner Islamkritik in der „Weltwoche“ als Rassist zu gelten hat; von den Medien demontiert, von Künstlerkollegen ignoriert und von Kulturinstitutionen boykottiert.

Ich war in meinen 20ern, voll berufstätig und betrieb das Schreiben soweit möglich an Abenden und Wochenenden. Ausserdem war ich der der Meinung, ich hätte Anrecht auf ein Stück des seit Jahren mitfinanzierten Kuchens der sogenannten Kulturförderung. Ich reichte 30 Seiten eines schwarz triefenden, pubertären und durchs Band suizidären Hilfeschreis ein. Es funktionierte – das Geld kam promt. Ich habe den Betrag nicht verwendet. Ich hatte ihn weder damals noch später wirklich nötig. Ich habe ihn gespendet. Die monetäre Schuld ist beglichen. Der Fleck bleibt. Es ist nicht der einzige und beileibe nicht der grösste. Dennoch ein Fleck. Warum.

Bis in die frühen 1970er Jahre war Kunst in der Schweiz hauptsächlich Privatsache und wurde auch so gehandhabt. Zwar förderten Gemeinden, Kantone und der Bund kulturelles Schaffen, doch ihre Legitimation, ihre Ziele und ihre Massnahmen waren kein Thema der öffentlichen Diskussion. Heute, fast 50 Jahre später, sind wir – was die gesellschaftliche Relevanz anbelangt – wieder soweit, wenn auch aus ganz anderen Gründen.

Im Zuge des Marschs der  68er durch die Institutionen, welcher eine Neugestaltung der Gesellschaft von innen heraus zum Ziel hatte und hat, wurde zuallerst auch die Bewusstseins-Industrie besetzt: Medien, Kultur, Schule. Altes sollte niedergerissen, erneuert, befreit werden. Ideelle und überholte Gedankenwände wie jene zwischen Hochkultur und Populärkultur, E-Musik und Volksmusik, etc. entfernt. Die Zeit der Befreiung dauerte indes nur kurz: bereits Mitte der 70er-Jahre wurde der Ruf nach einer zentralen Kultur- und Förderungspolitik laut, mithin die Bitte der Kunstschaffenden um Inhaftnahme durch die Befreier. Heute haben wir einen Kulturaktikel in der Bundesverfassung sowie ein umfassendes Kulturförderungesetz. Auf die Frage, ob eine Kunst, deren Erzeuger gewerkschaftlich organisiert, in Verbänden vermarktet, politisch gelenkt und medial protegiert sind, noch frei sein kann, sei hier nicht eingegangen.

Im Gleichschritt mit der sich ausdehnenden Verwaltung wurde auch Kultur und deren Förderung professionalisiert, sprich: bürokratisiert. Inhaltlich lief man politisch und künstlerisch zunehmend synchron und feierte multiple scheinbar avantgardistische Höhepunkte der ideellen Vereinigung mit Aktionen wie der Pavillon-Devise „La Suisse n’existe pas“ des Schweizer Künstlers Ben Vautier anlässlich Weltausstellung in Sevilla von 1992. Das Exerzieren der Geschlossenheit auf Linie war damit noch lange nicht zu Ende: Hand in Hand bekämpfte man Tradition, Kapitalismus und angevölkeltes Plebejertum. Parallel dazu vergrösserte sich in beiden Breichen gleichermassen die Distanz zur den Menschen und die finanzielle Ausstattung. Heute leisten wir uns ein kulturpolitisches Paralleluniversum, das den Bezug zur Realität und zur Mitte der Gesellschaft längt verloren und auch nicht mehr nötig hat oder sucht.

Der Kontaktverlust ist indes nicht dem mit exzentrischem Ennui gepflegten „Zu-früh-und-zu-weit-um-verstanden-zu-werden“ geschuldet. Das Gegenteil ist der Fall: die Kunst ist zusammen mit ihrer Verwaltung zum Stillstand gekommen. Mit dem Wegfall der vergötterten Gesellschafts-Alternative des realen Kommunismus fiel der Motor aus. Und anstatt spätestens jetzt das künstlerische Ohr auf den Boden der Realität zu drücken, zu horchen was an Beben sich ankündigte, vorwegzunehmen, vorauszudenken, vorwärts zu stürmen und Wege zu weisen, erhob man sich noch etwas höher über die profanen Nebel des verhasst Biederen und verblieb fortan ganz in der eigenen fremdfinanzierten Welt. Kunst für Künstler und Förderer, Form als Daszeinszweck.

Wo einst für Veränderung gekämpft wurde, gilt der Kampf heute ausschliesslich der Wahrung des Bestehenden. Zu gemütlich haben es sich Verwalter und Schaffende in den politisch geschützten Ateliers fernab jeglichen Rentierens eingerichtet. Und ob bewusst oder unbewusst: Das Trennende, das damals mit kreativer Leidenschaft und revolutionärem Geist niedergerissen wurde, steht heute institutionalisiert und zigfach verstärkt wieder da: was erfolgreich ist, gilt als „Kommerz“, was gefällt ist „Kitsch“, was Resonanz schafft ist „Pop“.  Der Riss, den zu kitten man angetreten ist, könnte grösser nicht sein. Dass es so bleibt, ist eines der wichtigsten Anliegen der verstaatlichten Kulturindustrie geworden.

Dabei ist man sich nicht zu schade, auf das Argumentarium des Dauerfeindes Kapitalismus zuzugreifen um dem inflationierten Förderwahn einen räsonablen Überbau zu verpassen falls es einmal nicht genügt, Förderkritik als Kritik an der Kunst schlechthin zu diffamieren: Von strategischer Ausrichtung ist dann die Rede, von Standortvorteilen, Wertschöpfung, Positionierung und Arbeitsplatzbeschaffung. Auch die Künstler selber greifen in sämtliche Kisten der Marketing-Tricks um ihre Projekte zu verkaufen. Zielgruppe ist freilich nicht zahlendes Publikum, sondern die staatlichen Förderstellen. Dass man die Kernaufgaben der Kultur – unterhalten, anregen, wecken, verbinden – und auch die kreativsten Köpfe längst dem freien Markt überlassen hatte, wurde verdrängt.

Und bevor irgendwelche Zweifel an der zelebrierten Unbeweglichkeit aufkommen konnten, nahte Rettung in Gestalt der ohne parlamentarische Debatte zur Doktrin erhobenen Political Correctness. Ein Fest der Schuld nahm seinen Anfang. Mit einem Schlag watete die dauer-angewiderte Kulturszene  knietief durch eine Gesellschaft von Rassisten, Homophoben, Schwulenhassern, Nationalisten und europaskeptischen Friedensgefährdern. Die Politik hatte ihren Künstlern ein neues Betätigungsfeld fernab jener schweizerischen Biederkeit erschlossen, auf die bisher mit künstlichem Elan eingedroschen worden war und die herhalten musste als Kompensator für nicht oder aus Sicht der Kulturschaffenden viel zu geringer Schuld in der Vergangenheit.

Heute kaschiert die verstaatlichte Kunst ihre inhaltliche Nacktheit in grotesker Perversion all dessen, was sie nach wie vor darzustellen meint – neue Richtungen, Freiheit, Offenheit, Kraft, Mut, Leidenschaft – in der politisch korrekten Korsage der Umverteiler in den obersten Etagen eines Elfenbeinturms ohne Fenster, Balkons oder gar Türen: gesellschaftlich irrelevant, reifemässig auf Adoleszenz-Niveau, politisch prostituiert und inhaltlich nicht vorhanden. Kunst ist Gesinnung. Wer den Eintritt verweigert in den zahnlosen Reigen der auf Befehl und ohne Biss Schaffenden, wird ignoriert, denunziert und ruiniert – ganz in der Tradition der auch tot (in Venezuela gerade sterbend) verehrten Gesellschaftsform des zur totalen Egalität regierten Kollektivs.

Ist das eine Hymne auf hungerde Künstler? Auf brotloses Leiden am Rand einer heute zu Recht kunstmüden Allgemeinheit. Nein – es ist ein Plädoyer für die Befreiung der Kunst, für die Entstaatlichung dessen, was Freiheit braucht, um Exzellenz zu schaffen. Und: für eine Hinwendung zum Verschmähten: Zum Publikum und zum Kapitalismus. Kapitalismus ohne Kreativität funktioniert nicht. Kunst in der heute geförderten From allerdings schon. Wir haben den Status „Geld ohne Geist“ und es ist Zeit, dies zu ändern. Anstatt frei von Zweck und Nützlichkeit in überholter Anklägerpose gegenüber dem zu verharren, dem man seine wirtschaftliche Existenz verdankt, sollte Kunst wieder das werden, was sie sein könnte: Spitzenleistung im Dienst einer Gesellschaft, als deren Teil man sich versteht und deren Bestes man will. Natürlich hätte das Konsequenzen. Natürlich würde ein grosser Teil der heute geförderten Projekte und Künstler schlicht und einfach nicht mehr stattfinden. So what? Was bliebe wären jene, die sich darum foutieren, die weitermachen, Wege suchen, die Leute zu erreichen. Auch und gerade in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, die, entgegen der allgemeinen Behauptung, nach wie vor sehr viel Geld für Kunst und Kultur ausgibt.

Das ist viel verlangt. Man wird bescheiden angesichts des noch reich allimentierten Apparats. Heute wäre es bereits ein grosser Schritt, wenn die Kulturindustrie darauf verzichten würde, erfolgreiche freie Kollegen nicht zu zensurieren. Da gerade dies jedoch verstärkt die selbstauferlegte Kernaufgabe der sowohl politischen, als auch künstlerischen Elite zu sein scheint, sollte die Hoffnung klein gehalten werden. Solange das Geld anderer Leute da ist, wird sich daran nichts ändern. Der Einzelne indes kann es. Immer.

 

 

 

 

Too good to fail

Meine erste erinnerte Lektion in Sachen Würde hat uns unsere Mutter erteilt. Als mein Bruder in den Kindergarten kam hat sie uns beiseite genommen. Ihre Ansage: „Sollte mir jemals – jemals! – zu Ohren kommen, dass ihr beide oder eines von euch zusammen mit anderen ein Kind verspottet weil es etwas nicht hat oder kann, dann solltet ihr euch gut überlegen, ob ihr nach Hause kommen wollt. Ich wünsche, dass ihr das Gegenteil tut und euch auf die Seite dessen stellt, der verspottet wird. Das braucht Mut. Aber alles andere ist feige und ich will nicht, dass meine Kinder feige sind. Ich will stolz auf euch sein.“

Wenn Würde – kurz gesagt – Selbstbestimmung ist und bedeutet, nicht zum Zweck eigener oder anderer Wünsche und Bedürfnisse reduziert zu werden, ohnmächtig und ausgeliefert zu sein, dann gab sie uns mit ihrer Forderung zu verstehen, dass wir durch unser Verhalten direkten Einfluss haben auf ihre, unsere und die Würde anderer. Oder anders gesagt: Würde ist kein Recht, sondern ein Wert, für dessen Erschaffung und Erhalt wir zuständig sind. Man ist sowohl für die eigene Würde und – in Bezug auf sein Handeln – auch für die Würde anderer verantwortlich. Wenn man also – wie im Beispeil meiner Mutter – andere zum Zweck seiner Belustigung macht, indem man sie verspottet, entwürdigt man sie. Ebenso entwürdigt sich in diesem Verständnis selbst und andere, wer sich zum Zweck einer Ideologie reduziert, eine Bombe umbindet und in die Luft jagt.

Diese Interpretation von Würde ist heute nicht mehr genehm, die Komponente der Selbstverantwortung abgeschafft. Zum Zweck der Gestaltung und Umgestaltung der Gesellschaft durch die Politik wird der Begriff in grobfahrlässiger Weise entleert und umgedeutet – und zwar gleich dreifach: es wird suggeriert, dass Würde erstens ein Recht, zweitens Glücksache, also dem Zufall geschuldet und drittens etwas sei, wofür ausschliessich andere verantwortlich zeichneten. Kurz: Der Mensch ist zum „Too-good-to-fail“ deklariert worden. Die Kosten trägt die Allgemeinheit. Es gibt in puncto Würde also nur Opfer. Dass jeder dabei auch Täter ist und und sein muss, wird unterschlagen. Ebenso die Tatsache, dass zur Sicherstellung der eigenen Würde und jener der anderen die Zensur zuallererst im Innern des Einzelnen stattzufinden und nicht von oben zu kommen hat. Das Ganze mündet dann regelmässig in grotesken Forderungen linksgrünroter Hohepriester des Guten wie beispielsweise jener nach einem staatlichen Bordell zum Schutz der Menschenwürde der Prostituierten (sorry, Leute, Frauenrecht findet grad nicht statt) oder jener nach Einsatz von Steuergeldern für Burka tragende Trans-Menschen.

Aber damit ist die Sache noch lange nicht gegessen. Es geht noch buter in dem Sinn, dass Fragen, die diese obrigkeitliche Inbeschlagnahme der Würde durch die Gesinnungs-Elite anzweifeln, tabuisert, zensuriert oder mittels Androhung von Strafe unterdrückt werden. Trotzdem oder gerade deshalb muss gefragt werden.

Hat einer, der zu faul ist zum Arbeiten oder sich zu gut, um einer Arbeit „unter seiner Würde“ nachzugehen und der sich dadurch selber in eine Situation der Ohnmacht manövriert das Recht, andere zum Zweck seiner Befindlichkeiten zu reduzieren indem er ihr Geld beansprucht (heute gibt es dafür ja Formulare und die sich so Verhaltenden werden Klienten genannt)? Hat einer, der sich seit 30 Jahren mit viel Zeit und persönlichem Einsatz einer Pankreatitis entgegensäuft das Recht, andere zum Zweck seiner selbstverschuldeten gesundheitlichen Besserstellung zu machen indem er dieselben Leistungen beansprucht wie jene, die selbstverwantwortlich mit ihrem Körper umgehen? Macht eine Regierung ihren verfassungsmässigen Job, wenn Sie zu Hunderttausenden Menschen ins Land holt und ihre eigenen Bürger zum Zweck des materiellen Wohlergehens der Einwandernden reduziert? Schützt sie die Würde ihrer Bürger, wenn sie einen Basis-Gesundheitscheck der Einwandernden mit Verweis auf deren Menschenwürde ablehnt und damit die eigenen Bevölkerung gesunheitlichen Risiken aussetzt? Und handelt sie im Sinn der Selbstbestimmung ihrer Bürger, wenn sie Fragen und die Diskussion darüber unterdrückt, ob es möglicherweise für die kulturfremd Immigrierenden eine Frage ihrer Würde sei, sich nicht in eine Gesellschaft von Ungläubigen zu integrieren?

Die Antwort auf jede dieser Fragen muss im Hinblick auf eine unbeschnittene Definition der Würde „Nein“ lauten. Und sie führt zu weiteren Fragen, die jeder wiederum nur für sich selbst beantworten kann: Ist der Mensch prinzipiell und ohne Rücksicht auf Verantwortlichkeiten zu gut, um zu scheitern? Muss ich einen Teil meiner Selbstbestimmung abgeben, um für das selbstverantwortete Scheitern anderer geradezustehen oder es zu verhindern? Muss ich auf das Recht auf Meinungsfreiheit und auf einen Teil meines Eigentum verzichten um der Würde anderer willen, die ausschliesslich fordern? Kann für mich das Kriterium der Legalität, die nur noch auf mich als Zahlenden angewandt wird, während eine gestaltende Clique es in ihrem Fall als beliebig dehnbaren Rahmen zum Machterhalt definiert, noch wegweisend sein? Kann ich es mit meiner Würde vereinbaren, einen Apparat zu allimentieren, der mich zur Ohnmacht verdammt und sich ansonsten darauf beschränkt, ganze Bevölkerungsteile mit meinem Geld auf den Zweck der Erhöhung des Wählerstimmenanteils zu reduzieren? Und muss ich klag-, meinungs- und machtlos zusehen, wie grosse Teile meiner Mitmenschen sich auf meine Kosten entwürdigen und kaufen lassen, mithin unterwerfen?

Würde ist nicht abschliessend definierbar, die Ränder bleiben immer unscharf. Aber sie darf nicht vergewaltigt werden zum veredelnden Überbau primitivsten Möchtens, Wollens, Beneidens, Forderns und Erpressens. Würde ist existenziell. Ein Leben ohne Würde ist nicht frei und im Extremfall fordert sie von einem die Beantwortung der Frage, ob man in Würde sterben oder auf Knien leben will.

Wenn wir wollen, dann sind wir „zu gut, um zu scheitern“. Das System, das lügend vorgibt, dies zu garantieren und zeitgleich und ohne Not die Menschen reduziert auf Milchkühe und Stimmvieh zum Zweck des Selbsterhalts, nicht.

 

 

Die Vernünftigkeit des Glaubens

In sozialen Medien und in Kommentarbereichen stösst man hin und wieder wieder auf das Wort „Religiot“. Meist im Plural, da es sich um eine Art nonchalante Insippenhaftnahme all jener handelt, die einer Glaubenslehre anhängen (die Rede ist hier nicht von Schaum-vor-dem-Mund-Fanatismus), durch solche, die sich selbst als aufgeklärt, wissend und gedanklich unbestechlich sehen. Auf den Aspek des Rechts auf freie  Meinungsäusserung und die Möglichkeit, in der Anonymität jeden nach eigenem Gusto zu beleidigen, sei hier nicht eingegangen. Beides auch Fragen der persönlichen Werthaltung und des Anstands.

Regligioten – so die Annahme – sind in den Augen der „Austeilenden“ dumme Menschen, Deppen und Vollpfosten, die nicht in der Lage sind, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen uns deshalb eine Instanz brauchen, die ihnen vorschreibt, wie zu denken, zu sehen und zu verstehen sei. Dem Glaubenden wird damit ein tiefes und breites Verständnis der Möglichkeiten, das Leben zu leben von vornherein abgesprochen. Ebenso die Fähigkeit zu innerer Entwicklung und auch jene, den Menschen aus einer gewissen kritischen und historischen Distanz zu betrachten. Gleichzeitig wird ihm die naive und arrogante Überzeugung unterstellt, keine andere Lebens- und Denkform als die eigene sei gültig. Glaubende sind in diesem Verständnis wissensresistente und bildungsferne Opfer von rhetorischem Drill, Gehirnwäsche, Sekten, Moden, Gurus und Schwätzern. Kurz: Unreife und Unfreie.

Wer so urteilt – so die Annahme weiter – muss sich selber im Umkehrschluss als Wissenden, Gebildeten und damit als Sekptiker verstehen.  Als jemanden, der sich nicht übertölpeln und bluffen lässt. Er ist esoterischer Literatur gegenüber genauso skeptisch wie Wirtschaftsprognosen, politischen Aussagen und den Versprechen der Forschung. Er weiss Dinge und versteht, warum sie sind, wie sie sind. Er fragt nach Belegen und danach, ob sie verlässlich sind. Er lässt erkennt echte Argumente und entlarvt Sophisterei. Wann ist eine Erklärung echt, wann purer Schein? Wann ist etwas Gesetz, wann zufällige Korrelation? Kurz: Er weiss sich selbst und die Dinge in der Welt zu verorten. Der gebildete Mensch hat Orientierung.

Wäre die „Sache“ hier zu Ende, dann wäre es auch der Mensch als rein biologisches System mit bestimmter Beschaffenheit und Funktionsweise. Alles darüber Hinausreichende historischer Zufall. Gründe, Sinn, Vernunft, Freiheit, Selbstbewusstsein, seelische und moralische Identität, Begegnung, Bedeutung, Denken, Kommunikation – alles bloss nice-to-haves. Verzichtbar in der materiellen Welt. Der Mensch bleibt Mensch, wird nicht zur Person.

Aber wir sind Personen – Orientierung in der Welt ist nicht die einzige, auf die es ankommt. Egal, ob wir den Zufall für unsere Geburtszeit, den Lebensort, die Kultur, die Sprache etc. verantwortlich machen oder eine höhere Instanz. Und weil wir Personen sind, müssen wir uns entscheiden, wie wir leben und wer wir sein wollen, in welcher Haltung und mit welchen Gründen. Dinge also, die Erfahrung und Realität durchdringen und für die wir uns ebenso entscheiden müssen, wie für die Farbe unserer Kleider. Aufgrund dieser Entscheidung werden wir vernünftig – das heisst im Licht unserer Uberzeugungen, Wünsche und Gefühle – und somit in unserem Sinn zweckmässig handeln. Und wir werden glauben, das Richtige zu tun. Jeder von uns.

Wer überzeugt ist, der Euro sei stabil, trotz 30prozentigen Wertverlusts seit Einführung, die Lockerungs-Politik der EZB funktioniere, trotz 15jähriger QE-Null-Wirkungs-Blaupause in Japan, der wird sein Geld getrost bei der Bank hinterlegen und „sparen“. Wer diese Überzeugung nicht teilt, der wird zweckmässige Alternativen suchen. Wer davon überzeugt ist, die Aufzucht, Erziehung und Finanzierung von Kindern sei eine Aufgabe der Allgemeinheit und nicht eigene Pflicht den Kindern gegenüber, dem wird es zweckmässig erscheinen, sich ungeachtet eigener sozialer und finanzieller Verhältnisse den Kinderwunsch zu jedem beliebigen Zeitpunkt zu erfüllen. Wer diese Überzeugung nicht teilt, der wird seine Wünsche zur Seite legen und auf Kinder verzichten oder aber warten, bis er ihnen und sich den entsprechenden Rahmen bieten kann. Wer davon überzeugt ist, auf das Gefühl der Höhenangst Einfluss nehmen zu können, dem wird anlässlich seines erstens Tandem-Gleitschirmfluges das Sammeln von Informationen und Recherche vor Ort zweckmässig erscheinen. Wenn nicht, wird er einfach hingehen und rennen, wenn der Pilot „Rennen!“ ruft. Wer davon überzeugt ist, sein Leben, dessen Anfang und Ende seien einzig dem Zufall geschuldet, der wird es als vernünftig betrachten, sich nicht weiter als bis zur Unterschrift auf der Patientenverfügung mit dem eigenen Ableben zu befassen. Wer hingegen der Überzeugung ist, dies sei nicht so und es sei für seine seelische und mentale Gesundheit zu Lebzeiten vonnöten etwas zu „haben“, das über das Physisch-organische hinausgehe, eine Art „ewiger Ruhe“ mitten im Lärm des Heute, dem wird es zweckmässig erscheinen, sich auf die Suche nach dem zu machen, wovon er glaubt, damit leben und sterben zu können.

Glaube ist also nicht nur „Glaube an“ etwas, sondern auch eine innere Haltung, ein Charakterzug. Das im Alten Testament für Glaube verwendete Wort „emunah“ bedeutet unter anderem Standhaftigkeit. Einen Glaubenden im religiösen Sinn vor diesem Hintergrund – also im Wissen, dass auch sein Glaube Ausdruck einer Form und Fassung ist, die er seinem Leben aufgrund der Entscheidung seines freien Willens geben will – als „Religioten“ zu bezeichnen, als ginge es darum, eine Tatsache festzustellen, ist nicht nur falsch, sondern dumm. Es entlarvt nicht den Glaubenden, sondern in erster Linie die Einstellung des so Urteilenden anderen gegenüber als esoterische Beliebigkeit, mithin seinen Glauben sowie die Art, wie er andere behandeln will und wie er zu leben entschieden hat. Oder anders ausgedrückt: Er offenbart mit dem Urteil eine geistige Enge, ein gedankliches Mitläufertum und wendet auf sich selbst an, was er anderen in scheinbarer religiöser Idiotie Verorteten ankreidet.

P.S. Das Wort „Religiot“ kann wahlweise durch „Rassist“, „Rechter“, „Rechtspopulist“, „Islamophober“, „Homophober“ oder „Sexist“ ersetzt werden. Es wird verdammt eng dieser Tage.

 

Gläsern war gestern

Ist das Amüsement, das einen allmorgendlich beim Eintippen des persönlichen Passworts zum Starten des eigenen Laptops streift, begründet? Oder die Belustigung beim Einloggen in soziale Netzwerke, E-Mail-Accounts, Abonnemets-Bereiche und Bank-Konten, die schon mal in frenetische Heiterkeit kippt, wenn das Programm einen auffordert, zum Schutz der Privatsphäre ein paar persönliche Fragen zu beantworten oder die Handy-Nummer zu hinterlegen? Ist das Bild von der kleinen und x-fach gesicherten Vordertür des Hauses, das hinten keine Fassade, geschweige den Türen oder Schlösser hat, bloss Metapher gewordene Paranoia? Oder die Idee, dass hier dieselbe Masche abgezogen wird, die die Politik längst perfektioniert hat: Wo vorne für die IT-mässigen Stammesdeppen eine angegriechelte Demokratie-Show abgezogen wird, während die Entscheidungen ganz woanders längst in die Umsetzungsphase überführt worden sind?

Ja – die Belustigung ist Begründet. Und nein – es ist nicht paranoid. Das „Ob“ heute noch als Leerstelle oder weissen Fleck zu sehen ist Naivität. Spätestens in dem Moment, in dem der Mitarbeiter des technischen Diensts des Providers am Telefon die Worte „Ich übernehme jetzt“ äussert, worauf auf dem eigenen Bildschirm das scheinbare Chaos ausbricht, sollte dies klar sein. Die Fragen sind: „Wer kann es?“ und „Wer kann es bezahlen?“. Interesse haben sie alle. Natürlich schätzt auch der Schreibende in Bezug auf materielle und ideelle Vermögenswerte die Schlösser an der Vordertür, die verhindern, dass der Nachbar nach Belieben zugreifen kann. Aber der Nachbar ist in jedem Fall das kleinere Übel. Wenn, dann ist er nicht am Individuum, sondern höchstens an dessen Gut interessiert. Nicht so die den Nutzer vorgeblich schützende Institution und schon gar nicht eine Obrigkeit, die sich mittels freihändiger Interpretation von Gesetzen oder auch schlicht durch Erpressung ins gemachte Datenbett der von ihr abhängigen Versorgungsindustrie legt. Die Logik dahinter: was öffentlich ist, ist kontrollier- und manipulierbar, verhindert das Überraschungsmoment, stellt keine Bedrohung dar.

Zwangsweise Offenlegung der Einkommens- und Vermögenssituation mittels Steuererklärung, Kreditkarten, Smart-Phones, Millionen von Apps, Gesundheits-Karte, Kunden-Karte, GPS, Stom- und Wasserrechnung, Heimnetzwerke. Wir sind längst gläsern! Konsum- und Kommunkations-Verhalten liegen offen, physische und mentale Gesundheit sind ebenso bekannt wie die bevorzugten Informationsquellen, die Auskunft geben über Werte, Gedankengut und Szenen.

Dass wir dabei als willige Handlanger fungieren, zeigt sehr schön ein Beispiel aus der Schweiz: Anfang 2014 lancierte der Schweizer Provider UPC Cablecom das Pilotprojekt Wi-Free in Sankt Gallen. 11’000 Kunden stellten mittels ihrer privaten Modems automatisch ein Gast-Netzwerk zur Verfügung, das alle anderen Kunden mitnutzen konnten. Das Update der privaten Modems erfolgte automatisch und durch den Provider. Mitmachen konnte jeder, der ein Wlan-fähiges Modem im Einsatz hatte. Von Mitmachen ist indes heute, zweieinhalb Jahre später, nicht mehr die Rede. Cablecom-Kunden müssen heute schweizweit ihre alten Modems gegen Wlan-fähige Exemplare austauschen, das Update wird in diesen Tagen automatisch installiert. Wer nicht mitmachen will, muss sich schriftlich beim Provider abmelden. Die Tatsache, dass dies nur sehr wenige tun bestätigt die Aussage von Cablecom, wonach die Dienstleistung dem Wunsch der Kunden entspreche. Ausserdem streift einen der Gedanke, dass eine explizit geäusserte Weigerung der Verfügbarmachung des eigenen Modems einer Selbst-Denunziation gleichkommen könnte.

Man mag davon halten was man will. Indes – Glas ist immer noch Feststoff und in dieser Eigenschaft eine Art Schutz. Eine trennende Schicht. Und es ist keine grosse „antifaschistische“ Kompetenz vonnöten um konsequenterweise auf den obrigkeitlichen Wunsch nach totaler Entglasung zur Berechenbarmachung des Einzelnen zu kommen. Auch sie läuft. Seit Jahrzehnten. Auch sie wird von einer Mehrheit der Menschen als positiv bewertet und durchgesetzt. Sie ist in der praktizierten Form unauffälliger und schleichender, als ihre technische und administrative Schwester. Aber sie ist auch verheerender, denn sie zerrt das Individuum selbst in die Öffentlichkeit. Mehr noch: Sie macht es zum öffentlichen Gut.

Unter der Prämisse „Offenheit gleich Befreiung“ wurde und wird dem Menschen von Kindesbeinen an beigebracht, dass das Teilen jeglichen Bereichs seiner Persönlichkeit und jeder seiner Empfindungen nicht nur gut, sondern wichtig sei. Werthaltungen, die sich dem widersetzen und das Trennende hochhalten, werden zu rückwärtsgewandter Verklemmtheit umgedeutet oder in ihrer Anwendung auf andere beschränkt: Würde ist ausschliesslich für fordernde Minderheiten reserviert. Stolz auf für sich oder andere Geleistetes verstömt ankapitalistelte Arroganz. Abgrenzung kommt nur noch im Therapeutischen als Abwehr gegen ausbeutende Arbeitgeber oder böse Eltern zur Anwendung. Und Scham ist auf jene Ewiggestrigen anzuwenden, die es nicht wagen, zu fordern. Der Öffnungsbefehl kommt als Einladung daher: Sei deine eigene Show – wir moderieren. Das Marketing ist perfekt: Versklavung läuft unter dem Label Individualität, die Markenpflege übernimmt die Kundschaft selbst.

Es funktioniert: Der Mensch glaubt die Mär von der Freiheit mittels Niederreissen der Grenzen zu seinem Intimstbereich und merkt nicht, dass er dabei zum öffentlichen Gut verkommt. Merkt nicht, dass er mit der Selbst-Veröffentlichung zum besetzten Raum wird und dass die nur scheinbare Freiheit in Wirklichkeit Enge ist. Denn: Er ist keine Einbahnstrasse. Wenn die trennende Wand erst einmal eigeebnet ist, steht dem mentalen Rückfluss nichts im Weg. Wer Familienleben, Sexualität, Emotionen, Vorlieben, Tätigkeit, persönliche Schwächen, Finanzen und den gesundheitlichen Status preisgibt, setzt sie der Beurteilung durch Aussenstehende aus. Egal ob bekannt oder anonym, persönlich oder institutionell. Ohne Zugangsbeschränkung wird es ihn prägen, konditionieren und Einfluss auf sein Fühlen und Verhalten nehmen.

Man stelle sich eine naturbelassene Grünfläche vor, die der Öffentlichkeit zur freien Nutzung zur Verfügung gestellt wird. Es wird nicht lange dauern, und der Ort ist zertrampelt und zugemüllt. Auch der Vorsichtigste hinterlässt Spuren. Aber vor allem gilt: Wer am lautesten, am rücksichtslosesten und am wirksamsten drohend auftritt, wird den Grossteil des Parks für sich besetzen.

Dem entglasten Menschen ergeht es genauso. Seine vermeintliche Öffnung und Befreihung mündet im Dasein als hyperkonditionierter Nager am Gängelband der aktuell vorherrschenden und dominierenden Meinung der Sträksten. Will er „gut“ sein, dazugehören, nicht anecken, adoptiert er das zur freien Verwendung angebotene ideelle Prêt-à-penser in Unisex und Einheitsgrösse in den Schaufenstern des politisch Korrekten. Wer braucht schon Wahrheit wenn es dir richtige Gesinnung gibt.

Wer dies nicht will, wer sich weigert seinen intellektuellen Fussabdruck auf PC-Normgrösse beschneiden zu lassen um auf dem teigig pastösen Boden geistiger Monokultur keine auffallenden Spuren zu hinterlassen, wer antritt zur Verteidigung seines mentalen Territoriums, wer auf die diktierte Harmonie verzichtet und nichts gibt auf den durch Androhung sozialer Isolation durchgesetzter Konsens, der riskiert Eskalation. Wer sich nicht sagen lassen will, was wie zu sehen sei, was zu denken, wie zu feiern, worüber zu lachen und wo öffentlich zu trauern, gehört nicht länger dazu. Wer nicht mitmacht beim Event „Masse“, der wird selber zum Negativ-Event. Seine Existenz, seine Meinung und seine Werte werden gleichgestellt mit ausschliesslich dunkel besetzten Begrifflichkeiten.

So what? Wer will schon bei künstlichem Gesinnungslicht und konstanter geistiger Temperatur im Labor des befohlenen Richtigen sein Leben und Denken fristen? Seien wir Dunkelziffern unter freiem Himmel! In Dunkelland scheint die Sonne. Lasst uns Grauzonen zelbrieren, Schattenexistenzen feiern! Leben wir schwarz! Seien wir Feind! Jeder eine Bastion der Freiheit. Und vor allem: Mit Humor. Denn was Einstein von den Bienen sagte, dass ihr Aussterben innerhalb eines Zeitraums von vier Jahren auch das Aussterben des Menschen zur Folge hätte, könnte auch für die obrigkeitliche Inhaftnahme des Humors gelten. Eine Gesellschaft, die sich diktieren lässt, worüber zu lachen sie berechtigt ist, hat keine Zukunft. Vier Jahre könnten allerdings etwas knapp sein.

 

 

Erziehungsfragen

Das hier ist persönlich. Ein Brief. An die unbekannte Leserin, an den möglichen Leser. Ein Reigen von Fragen auch. Eine Suche nach anderer Sicht auf die Dinge als der eigenen. Ein Eingeständnis der Ohnmacht. Letztendlich eine Bitte um Rat.

Den Ausgangspunkt bildet ein Abend bei Freunden. Ein Ehepaar mit zwei Kindern. Den Mann kenne ich seit Kindestagen. Wenn ich jemandem Leib und Gut anvertrauen müsste, dann ihm. Ich kenne keinen Menschen, der geradliniger, integrer, gewissenhafter, echter und ehrlicher ist. Ausser mir waren noch vier weitere Gäste da. Personelle Austattung demnach: sieben Erwachsene, zwei Kinder (vier und sechs Jahre alt).

Die Wohnung wirkt auf den Eintretenden wie eine schlecht organisierte KiTa. Ein chaotisches Lego-Land im Miniaturformat. Dass dort ausser Kindern noch zwei erwachsene Menschen leben, davon zeugt einzig das Elternschlafzimmer. Die Piroritäten im Haushalt sind klar – man ist vorbereitet. Man sagt sich: Okay – der Abend wird sich gesprächsmässig um Kinder drehen. Das ist in Ordnung. Jedes Thema, sofern Interesse dafür aufgebracht wird, lädt ein zum Weiterdenken, Lachen, Debattieren.

Aber ich lag falsch. Komplett falsch. Es wurde nicht über Kinder geredet. Die Kinder redeten. Ausschliesslich. Mit fortschreitender Stunde und wohl auch Müdigkeit zunehmend dezibelstark. Dazu posen auf Stühlen, rennen um Tische, Rangeleien und Heulkrämpfe als sich spontan wiederholende Gestaltungselemente. Unterbrochen nur von liebevollem Nachfragen der Eltern, ob sie nicht A in Ruhe essen lassen, selber essen oder ein wenig für sich spielen möchten. Fragen, die konsequent überhört und übertönt wurden. Es kam mir vor wie eine groteske Huldigungs-Veranstaltung: sieben Erwachsene lauschen sieben Stunden lang den Absonderungen freier Entfaltung zweier Menschen, die im Schnitt 30 Jahre jünger sind, als sie selber.

Es war nach Mitternacht, als der Vater der Kinder und ich uns einen Moment daussen hinsetzten um eine zu rauchen. Die Gäste waren weg, Frau und Kinder im Bett. Gesprochen wurde nichts während dieser gemeinsamen Viertelstunde. Ich glaube, mein Freund war schlicht und einfach zu erledigt. Ich selber auch. Ausserdem sprachlos.

Drei Dinge muss ich klarstellen, bevor ich fortfahre oder besser: Fragen stelle. Erstens: Ich bin alleinstehend und kinderlos. Lebe mit zwei Hunden in der französischen Pampa in einem vierhundertjährigen ehemaligen Schweinestall. Kein Warmwasser, Holzheizung. Nachbarschafts- und handylos. Kurz: Ich bin sicher keine Kompetenz-Schleuder in Sachen Kinder und deren Erziehung. Fragen, beziehungsweise eine Meinung, auf der diese basieren, erlaube ich mir dennoch. Wenn ausschliesslich Erlebtes und Erfahrenes als Grundlage einer solchen legitim wären, dürften nur sehr wenige Menschen zu sehr wenigen Themen eine Meinung äussern. Zweitens: Ich habe mich an diesem Abend nicht enerviert. Nicht über die Gastgeber und Eltern, nicht über deren Kinder und auch nicht über den Rest von uns Gästen. Zugegebenermassen streifte mich kurzfristig der Gedanke, dass die Sache mit dem demographischen Wandel möglicherweise doch nicht so schlecht sei. Aber was während der gemeinsamen Stunden Anlauf geholt und dort draussen im Dunkel des Gartens zugeschlagen hat war etwas ganz anderes: Trauer. Es ist nicht schön, kleine Menschen beim orietierunglosen und gnadenlosen Kampf um Aufmerksamkeit bis zur totalen Erschöpfung sich aufreiben zu sehen. Und es ist hat nichts Frohes an sich, eine Person, die man so gut kennt, dessen gelebte Werte und an sich selbst angelegte Massstäbe man achtet und bewundert, sich nicht nur unterwerfen, sondern ausliefern zu sehen. Und Dittens: Ich weiss aus zahlreichen Telefonaten und persönlichen Gesprächen, dass die beiden das Beste für ihre Kinder wollen: ein Leben in Selbständigkeit, Selbstbestimmung und Freiheit. Dasselbe, was sie für sich auch gefordert hatten und wozu sie erzogen worden waren. Und da setzen die Fragen ein.

Ich glaube, dass man den Menschen zur Freiheit erziehen muss. Bezweifle, dass er ohne Anleitung, die in einem ersten Schritt Einschränkung ist, zur vollen Erkenntnis und Ausübung des „Handwerks der Freiheit“ (Peter Bieri) gelangen kann. Der Mensch kommt als Unfreier zur Welt. Vom Moment der Geburt an, sind ihm Grenzen gesetzt. Die erste und grösste durch die Tatsache seiner Endlichkeit. Um ihr nicht anheim zu fallen, muss für ihn gesorgt werden. Er ist in seiner physisch-organischen Existenz vollkommen und während Jahren abhängig. Der Umstand, dass er in sich das Erbgut seiner Mutter und seines Vaters trägt, konditioniert ihn weiter. Ebenso die Tatsache, dass er von früh an Erinnerungen speichert, in einer bestimmten Kultur und Sprachwelt heranwächst, überhaupt eine Sprache hat, Eltern, einen Körper – alles Grenzen setzende Fakten. Sinn und Zweck einer Erziehung zur Freiheit ist es demnach sicher auch, die Kenntnis dieser Grenzen zu vermitteln, Wege zu deren Akzeptant, Umgehung oder teilweise Aufhebung zu weisen. Weiter kann gesagt werden, dass der Mensch ein Opportunist ist. Jedes Kind ist es. Anpassung an Umstände, Stimmungslagen und Konstellationen zum eigenen Besten ist Programm. Aufmerksamkeit heisst naturgemäss „beachtet werden“, heisst „nicht vergessen oder übersehen werden“, heisst „kümmern“, heisst „überleben“. Aber das gilt für die Steinzeit. Nicht für unsere Noch-Wohlstands-Ära. Hier bedeuten Grenzen Freiheit.

Wenn man das Kind nun aber im Namen der freien Entfaltung diesem gnadenlosen und überholten „Programm“ überlässt, erreicht man dann nicht das Gegenteil? Führt es zu Freiheit, den kleinen Menschen dem längst obsoleten Kampf um Aufmerksamkeit auszuliefern? Wäre nicht das Gegenteil, also das Aufzeigen von Grenzen der Aufmerksamkeit, innerhalb derer er sich sorglos bewegen könnte, der wahre Pate der Freheit? Führt es zur Freiheit, wenn das Leben eines Paares und zweier Individuen in eine Art Liebes- und Spass-Diktatur überführt wird im erlebten Wissen, dass die Welt das Gegenteil ist und die so beschützten Kinder früher oder später an den soliden Ufern dieser Realtität auflaufen werden? Fördert es die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben, wenn Eltern und die diesem Entfaltungs-Totalitarismus beiwohnenden Erwachsenen sich unterwerfend die Illusion der Welt als infantiles Utopia unter der Tyrannenherrschaft der Kleinsten fördern? Oder ist auch hier das Gegenteil der Fall: Dass die freiwillige Selbstverklavung der Eltern die Kinder auf die Knie zwingt? Auf die Knie vor dem eigenen Spiegelbild? Gezwungen dazu, sich selbst über alles und jeden und in den Mittelpunkt stellend, als Sklave eigener Befindlichkeiten, Wünsche, Launen? Verurteilt dazu, Götze für sich selbst und die anderen zu sein?  Wie kann ein Kind so zur Ruhe kommen? Wie Geborgenheit finden im immerwährenden Kampf? Wie in Frieden die Welt und das Leben entdecken in ständiger Konfrontation mit dem immer fordernden und nie ruhenden Gott des eigenen Egos?

Sie vermuten richtig, wenn Sie denken, dass ich den Fragereigen noch weiter fortsetzen könnte. Indes – ich will aufhören. Die Richtung ist klar. Die abschliessenden Fragen auch: Sind diese Einwände und Ansichten berechtigt und haltbar oder eben doch nur die Ideen eines bloss teilweise sozialisierten Schreiberlings? Sind die Fragen heute noch legitim oder nur noch veraltete Ideen eines rückwärts gerichtet Stehengebliebenen? Und weiter:  Hat man das Recht, solche Themen, die ja nur in einem selber drängen, im Gespräch mit dem Freund auf den Tisch zu bringen? Oder ist es gar eine Pflicht? Oder aber ist es eine anmassende Einmischung in eine Art familiären Intim-Bereich, zu der auch der beste Freund nicht berechtigt ist?

Um Kommentare wird gebeten. Vielen Dank.

 

Rückständigkeit als Rettungskonzept

Es ist viel von Auswanderung die Rede dieser Tage. Davon, der aktuellen Politik und deren sichtbaren und potentiellen Auswirkungen auf das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben konsequent den Rücken zu kehren. Junge Menschen ebenso, wie Familien, die mitten im Leben stehen. Bereit und Willens, für die Chance auf Selbstbstimmung sozial und finanziell fast oder ganz bei Null anzufangen. Aber auch jene, die ihr berufliches Leben hinter sich haben, tragen sich mit dem Gedanken. Gründe dafür – um nur einige zu nennen – sind die Weigerung, den Lohn der eigenen Lebensleistung durch Steuern, real negative Zinsen und die Verwässerung der Währung sich in Luft auflösen zu lassen, die politische Förderung einer längst nicht mehr kalkulierbaren Überfremdung bei gleichzeitiger Abschaffung und Diffamierung verfassungs- und kulturgebender Werte, ein durch-ideologisiertes Bildungssystem.

Geht man nach Hans-Hermann Hoppe, wonach Auswandern das „Abstimmen mit den Füssen gegen die eigene Regierung zugunsten einer anderen“ sei, ist die Chance innerhalb Europas allerdings gross, vom Regen in die Traufe zu geraten. Was hier flächendeckend unter dem Label „Demokratie“ veranstaltet wird, ist längst nur noch die Umsetzung strategischer Brüsseler Management-Ziele; der sogenannte demokratische Prozess innerhalb der verschiedenen Verwaltungs-Einheiten – früher unter dem Namen Nationalstaaten bekannt – nur noch die politische Variante von „Brot und Spielen“.

Was beim Abwägen des Für und Wider in puncto Auswanderung oft vergessen wird: Fast jeder von uns hat einen erreich- und finanzierbaren Fluchtpunkt „vor der Nase“. Einen Fluchtpunkt, der zudem auch Waffe ist: die Familie.

Aristoteles nannte es die „Gemeinschaft des edlen Lebens in Häusern und Familien um eines vollkommenen und selbständigen Lebens willen“, einen „Ort des Wirtschaftens und in der Lage, autark alle Lebensbedürfnisse zu befriedigen“. Man kann also sagen, Familie ist eine aus verschiedenen Individuen bestehende und zweckgebundene Einheit, die sich als System von ihrer Umgebung abgrenzt.

Im Umkehrschluss bedeutet das: Für jede politische Obrigkeit, die ein Interesse an der Ausdehnung ihres Gestalungs- und Kontrollraums hat, muss Familie ein Feindbild sein, die Möglichkeit der Abgrenzung zumindest eingeschränkt, am besten aufgehoben werden. Abgrenzung bedeutet Reibungsverlust im von oben Organisierbaren, sie bedeutet Rückzug in gedanklicher, sozialer, wirtschaftlicher, kultureller und politischer Hinsicht. Kurz: Abgrenzung bedeutet potentiellen Widerstand.

Vor diesem Hintergrund leuchtet die seit Jahrzehnten unter den Begrifflichkeiten „Gleichberechtigung“, „Gleichstellung“ und „Gender“ angestrebte Demontage der Familie ein. Es wird auch nachvollziehbar, warum sich diese Ideologien fast ausschliesslich um die Förderung von Frauen (die es ja eigentlich gar nicht mehr gibt, es sei denn als soziales Konstrukt) drehen. Der Mann kommt in puncto Beachtung erst als Variante Hausmann, Trans-, Bi- oder Homo-Mann zum Zug. Denn: Genausowenig, wie eine Allmacht anstrebende Verwaltung Familien im Sinn von Widerstandszellen wünschen kann, kann sie echte, wehrhafte Bürger männlichen Geschlechts wollen, die fähig und willens wären, die Ihren notfalls mit Gewalt zu schützen. Auch und gerade gegen die Obrigkeit.

Wieviel einfacher ist es dagegen, eine von Familienbanden und hergebrachten Grundsätzen und Werten losgelöste Masse von Unterhaltungs- und „Informations“-Medien gesteuerten und wenn möglich Transferleistungs empfangenden Individuen zu dirigieren, die sich einzig nach der kurzfristigen Befriedigung ebenso kurzfristiger Bedürfnisse richten. Die dem als Selbstverwirklichung und Gleichberechtigung kostümierten Egoismus auf den Leim gehen und der Obrigkeit die eigenen Kinder quasi ab Kreissaal überlassen. Wie hilfreich ist der gewollte Paradigmenwechsel innerhalb der Gesellschaft, der die Beziehung der Individuums zu anderen, aber auch zu sich selber grundlegend verändert und dabei der Einebnung und der Gleichschaltung in die Hände arbeitet. Die Entwicklung ist weit fortgeschritten: Die Infrastruktur zur totalen Verstaatlichung des Menschen steht längst – Familie ist von Staats wegen nicht mehr nötig. Für jeden Lebensbereich gibt es irgenein Amt.

In dieser Beziehung „hinken“ die Südstaaten Europas dem Norden hinterher. Nicht, dass es weniger Ämter gäbe, oder weniger staatlich geförderte Organisationen, die sich dieselben Ziele auf die Fahne geschrieben haben. Das Problem sind die Bevölkerungen, nicht die Eliten, wie der deutsche Bundespräsident das so treffend fomuliert hat. Gerade im Zug der sogenannten Schuldenkrise, die real eine Gläubigerkrise ist, wurde und wird das sichtbar. Armut ist in diesen Ländern in unterschiedlichem Masse eine Realität geworden. Die Rede ist hier nicht von als Armut kaschietem, fettleibigem, auf Sofas hängendem und über Handy-Flatrates nöhlendem Konsumneid. Essen, trinken, wohnen, heizen sind die Themen der Stunde. Arbeit ist Luxus. Existenzen sind derart GAU-mässig geplättet worden, dass von solchen nur noch am Rand die Rede sein kann.

Die Frage, wo „wir Nordländer“ politisch und ideologisch heute stehen würden nach solcher Verheerung, ist durchaus berechtigt. Oder auch: Wo wir hindriften würden, stünde die Zerstörung unseres Noch-Wohlstands durch innere oder äussere Ereignisse ins Haus. Heute eine reale Möglichkeit. Die Südländer haben sich auf ihre „Rückständigkeit“ besonnen und die Flucht in die Familie ergriffen. Rückzug. Neukalibrierung. Zusammehalt. Gemüsegärten werden angelegt. Schweine, Hühner und Kaninchen gehalten. In Drei-Generationen-Handarbeit Häuser gebaut. Alte Trailer gekauft und auf das Grundstück des Elternhauses gestellt. Es herrschen zum Teil auch so noch Enge, Knappheit und Einschränkung. Aber eben auch Stärke und Hoffung. Konsumneid gibt es nicht. Rückschlag und Armut sind keine Schande. Eine Schande wäre es, sich darin gegenseitig allein zu lassen, die Werte der Gemeinschaft nicht hochzuhalten, nicht trotzdem zu lachen über politischen Grössenwahn. Kurz: Widerstand in seiner schönsten Form.

Wer jetzt einwendet, das Konzept Familie bedeute im Noch-Wohlstand Abschottung, Ausgrenzung und die Unterdrückung der Individualität, dem sei gesagt: Das Gegenteil ist hier eine Möglichkeit. Eine starke und – ja – auch wehrhafte Familie hat es nicht nötig, sich abzuschotten. Sie hat die Kraft und den Raum, andere, Aussenstehende zum beidseitigen Nutzen aufzunehmen. Und die Annahme, dass im vertrauensbasierten Zurückgebundensein an verlässliche Werte und Strukturen mehr Individualität und Freiheit möglich sind, als wenn der dazu gehörende Mut, ganz allein per Handy-App aufgebracht werden muss, ist nicht abwegig.

 

„A House Divided“

So der Titel der Rede Abraham Lincolns als Senatskandidat für den Staat Illinois vom 16. Juni 1858. Aufbauend auf dem Bibelzitat sagte er sinngemäss: „Jedes Haus, das in sich uneins ist, wird nicht bestehen. Ich glaube, daß diese Regierung auf Dauer nicht überleben kann, indem sie halb für die Sklaverei ist und halb für die Freiheit. Ich erwarte nicht, daß die Union aufgelöst wird; ich erwarte nicht, daß das Haus einstürzt; aber ich erwarte, daß es aufhören wird, geteilt zu sein. Es wird entweder ganz das eine oder ganz das andere sein.”

Es gibt dieser Tage Grund, von solchen Erwartungen in Bezug auf Parteien, nationale Parlamente und die Europäische Union weit entfert zu sein. Von oben über die medialen Kanäle wird der Wille zum Einen wohl lautstark beschworen. Gemeint ist aber etwas anderes:  Geeint werden soll der treue Teil gegen den untreuen, der gute gegen den bösen. Machstreben und -erhalt durch Bewirtschaftung von Feindbildern. Spaltung ist Grundlage und Ziel. Das „Halb-Halb“ Programm. Der Blick in Nachrichtenformate, soziale Medien und auf die Strassen Europas bestätigt ausserdem: Der „Königsmechanismus“ des Teilens und Herrschens hat seit den Tagen Louis XIV.nichts von seiner Potenz eingebüsst. Parteien und Obrigkeiten bewirtschaften die Konkurrenz um Gunst und Geld von Lobby und Massen rücksichtslos und meisterhaft. Von strategischer Schärfentiefe zeugt diese Art politischen Aktivismus‘ indes nicht: Die allenthalben aufplatzenden ideologisch überdehnten Nähte innerhalb der Gesellschaft werden wohl beschwördend geflickt, vor allem aber unterschätzt.

Was bei der ganzen Bemühungen zur Nationen- und Kontinent-Spalterei  übersehen wird: Ihr erstes Opfer war das Individuum. Für den klaglosen Menschen dieser Zeit ist der Spagat Pflicht, Selbstspaltung Kür. Grundlage sind zwei aller heutigen Politik innewohnende Überzeugungen: Der Staat ist nicht nur ein reiner und in seiner Ausdehnung zu beschränkender Zweckverband im Dienst der Bürger sondern eine Institution der Moral. Und: Alles aufgrund dieses Glaubens Organisierte ist besser, als über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte Gewachsenes. Der Moloch in Brüssel ist lediglich die konsequente Weiterführung dieser auf nationaler Ebene längst dominierenden Überzeugung. Das Resultat ist eine Ablass-Politik, ein Religionsersatz, der in seinem inquisitorischen Willen zur Durchsetzung den Kirchen des Mittelalters in nichts nachsteht. Ex cathedra wird verkündet, Friede, Solidarität und Wohlstand seien ausschliesslich von oben und durch Neu-Deutung von Tatsachen und Begrifflichkeiten im Sinn des angestrebten Ergebnisses organisierbar.

So wird eine hausgemachte Gläubigerkrise zur kontinentalen Schuldenkrise erklärt. Unterwerfung zu Offenheit umgedeutet, Unterdrückung zu Sicherheit, Souveränität zu Abschottung. Tradition wird zu Reaktion, Ignoranz zu Solidarität, Raub zu Gerechtigkeit, Rechtsbruch zu Alternativlosigkeit, Freiheit zur Gefährdung, Spaltung zu Frieden, Enteignung zu Wohlstand, Korporatismus zu Kapitalismus, Geschlecht zur Rückständigkeit, Familie zur Brutstätte allen Übels. Verwässerung ist Werterhalt, Schulden sind Investitionen, Versagen ist Reformwille, Verantwortungslosigkeit ist Opfertum, Bestechung ist Demokratie.

Was ist zu tun gegen die zur Politik umgedeutete Ideologie? Wie sich befreien vom verordneten Irrsinn? Denn was für das oben zitierte Haus gilt, gilt ebenso für den Menschen: Der Mensch, der in sich uneines ist, wird keinen Bestand haben. Der in sich geteilte Mensch ist krank wie das System, das die Teilung zum Selbsterhalt fordert. Krankheit überlebt nicht. Die Chance: Krankheit bedeutet Schwäche. Die Schwachstelle allen aktuellen Regierens liegt in dem, was es mittels immer groteskerer Events und passender Sentimentalitäten als nicht vorhanden zu erklären versucht: Das Überlieferte, das Wissen um das naturgemäss Richtige, das mit einem unterirdischen Wasserlauf verglichen werden kann. Alle Politik zielt darauf ab, ihn zuzuschütten, zu übertönen und wenn möglich zum Versiegen zu bringen. Trotzdem ist er noch da.

Jeder hat die Wahl: Ohren verstopfen, Augen verbinden, Profil oder Restprofil abschleifen und mitsingen: die Hymne der Forderer auf fremder Menschen Kosten, der Verwantwortung des Nächsten, der Fairness der Anderen. Zerrissen und am Ende mit grosser Wahrscheinlichkeit gebrochen. Bestimmt aber verbittert. Oder aber man hört auf, geteilt zu sein, blendet den Lärm aus, hört hin und besinnt sich auf das ursprünglich intakte Ganze, das man ist. Einfach so. Von Geburt an. Geschenkt. Man püft anstatt zu glauben. Die Werkzeuge dazu stehen jedem zur Verfügung: Die Vernunft, der Verstand, das Wissen um das, was richtig ist. Und dann tut man. Bewirkt. Verändert. Auch wenn’s nur vor der eigenen Haustür geschieht. Mit Rückgrat wischt’s sich besser als ohne. Aufrechter in jedem Fall.

Natürlich schafft ein intaktes Rückgrat keinen Frieden. Im Gegenteil: Reden ist Risiko. Echtheit bedeutet oft Einsamkeit. Aber für jenen, der den ideologischen Ballast des Diktierten abwirft, schafft es Freheit. Und die Chancen sind gross dass, wer sie einmal für sich entdeckt hat, in ihrer tätigen Ausübung nicht eingeschränkt, sondern in Ruhe gelassen werden will und dies um seiner selbst willen auch anderen zugesteht. Das ist der individuelle Boden, auf dem echtes Miteinader gedeiht; Respekt, Anteilnahme, Profit, Caritas. Kurz: Frieden.

Im Gegesatz dazu kann und will das geteilte und teilende „Haus“ der Politik ihn weder heute  garantieren, noch morgen neu erschaffen. Und in Anbetracht der politischen Landschaften Europas ist „ganz das eine, oder ganz das andere“ das Letzte, was man sich wünscht. In dieser Sicht der Dinge ist ein „Einstürzen“ durchaus positiv zu werten.

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