Erziehungsfragen

Das hier ist persönlich. Ein Brief. An die unbekannte Leserin, an den möglichen Leser. Ein Reigen von Fragen auch. Eine Suche nach anderer Sicht auf die Dinge als der eigenen. Ein Eingeständnis der Ohnmacht. Letztendlich eine Bitte um Rat.

Den Ausgangspunkt bildet ein Abend bei Freunden. Ein Ehepaar mit zwei Kindern. Den Mann kenne ich seit Kindestagen. Wenn ich jemandem Leib und Gut anvertrauen müsste, dann ihm. Ich kenne keinen Menschen, der geradliniger, integrer, gewissenhafter, echter und ehrlicher ist. Ausser mir waren noch vier weitere Gäste da. Personelle Austattung demnach: sieben Erwachsene, zwei Kinder (vier und sechs Jahre alt).

Die Wohnung wirkt auf den Eintretenden wie eine schlecht organisierte KiTa. Ein chaotisches Lego-Land im Miniaturformat. Dass dort ausser Kindern noch zwei erwachsene Menschen leben, davon zeugt einzig das Elternschlafzimmer. Die Piroritäten im Haushalt sind klar – man ist vorbereitet. Man sagt sich: Okay – der Abend wird sich gesprächsmässig um Kinder drehen. Das ist in Ordnung. Jedes Thema, sofern Interesse dafür aufgebracht wird, lädt ein zum Weiterdenken, Lachen, Debattieren.

Aber ich lag falsch. Komplett falsch. Es wurde nicht über Kinder geredet. Die Kinder redeten. Ausschliesslich. Mit fortschreitender Stunde und wohl auch Müdigkeit zunehmend dezibelstark. Dazu posen auf Stühlen, rennen um Tische, Rangeleien und Heulkrämpfe als sich spontan wiederholende Gestaltungselemente. Unterbrochen nur von liebevollem Nachfragen der Eltern, ob sie nicht A in Ruhe essen lassen, selber essen oder ein wenig für sich spielen möchten. Fragen, die konsequent überhört und übertönt wurden. Es kam mir vor wie eine groteske Huldigungs-Veranstaltung: sieben Erwachsene lauschen sieben Stunden lang den Absonderungen freier Entfaltung zweier Menschen, die im Schnitt 30 Jahre jünger sind, als sie selber.

Es war nach Mitternacht, als der Vater der Kinder und ich uns einen Moment daussen hinsetzten um eine zu rauchen. Die Gäste waren weg, Frau und Kinder im Bett. Gesprochen wurde nichts während dieser gemeinsamen Viertelstunde. Ich glaube, mein Freund war schlicht und einfach zu erledigt. Ich selber auch. Ausserdem sprachlos.

Drei Dinge muss ich klarstellen, bevor ich fortfahre oder besser: Fragen stelle. Erstens: Ich bin alleinstehend und kinderlos. Lebe mit zwei Hunden in der französischen Pampa in einem vierhundertjährigen ehemaligen Schweinestall. Kein Warmwasser, Holzheizung. Nachbarschafts- und handylos. Kurz: Ich bin sicher keine Kompetenz-Schleuder in Sachen Kinder und deren Erziehung. Fragen, beziehungsweise eine Meinung, auf der diese basieren, erlaube ich mir dennoch. Wenn ausschliesslich Erlebtes und Erfahrenes als Grundlage einer solchen legitim wären, dürften nur sehr wenige Menschen zu sehr wenigen Themen eine Meinung äussern. Zweitens: Ich habe mich an diesem Abend nicht enerviert. Nicht über die Gastgeber und Eltern, nicht über deren Kinder und auch nicht über den Rest von uns Gästen. Zugegebenermassen streifte mich kurzfristig der Gedanke, dass die Sache mit dem demographischen Wandel möglicherweise doch nicht so schlecht sei. Aber was während der gemeinsamen Stunden Anlauf geholt und dort draussen im Dunkel des Gartens zugeschlagen hat war etwas ganz anderes: Trauer. Es ist nicht schön, kleine Menschen beim orietierunglosen und gnadenlosen Kampf um Aufmerksamkeit bis zur totalen Erschöpfung sich aufreiben zu sehen. Und es ist hat nichts Frohes an sich, eine Person, die man so gut kennt, dessen gelebte Werte und an sich selbst angelegte Massstäbe man achtet und bewundert, sich nicht nur unterwerfen, sondern ausliefern zu sehen. Und Dittens: Ich weiss aus zahlreichen Telefonaten und persönlichen Gesprächen, dass die beiden das Beste für ihre Kinder wollen: ein Leben in Selbständigkeit, Selbstbestimmung und Freiheit. Dasselbe, was sie für sich auch gefordert hatten und wozu sie erzogen worden waren. Und da setzen die Fragen ein.

Ich glaube, dass man den Menschen zur Freiheit erziehen muss. Bezweifle, dass er ohne Anleitung, die in einem ersten Schritt Einschränkung ist, zur vollen Erkenntnis und Ausübung des „Handwerks der Freiheit“ (Peter Bieri) gelangen kann. Der Mensch kommt als Unfreier zur Welt. Vom Moment der Geburt an, sind ihm Grenzen gesetzt. Die erste und grösste durch die Tatsache seiner Endlichkeit. Um ihr nicht anheim zu fallen, muss für ihn gesorgt werden. Er ist in seiner physisch-organischen Existenz vollkommen und während Jahren abhängig. Der Umstand, dass er in sich das Erbgut seiner Mutter und seines Vaters trägt, konditioniert ihn weiter. Ebenso die Tatsache, dass er von früh an Erinnerungen speichert, in einer bestimmten Kultur und Sprachwelt heranwächst, überhaupt eine Sprache hat, Eltern, einen Körper – alles Grenzen setzende Fakten. Sinn und Zweck einer Erziehung zur Freiheit ist es demnach sicher auch, die Kenntnis dieser Grenzen zu vermitteln, Wege zu deren Akzeptant, Umgehung oder teilweise Aufhebung zu weisen. Weiter kann gesagt werden, dass der Mensch ein Opportunist ist. Jedes Kind ist es. Anpassung an Umstände, Stimmungslagen und Konstellationen zum eigenen Besten ist Programm. Aufmerksamkeit heisst naturgemäss „beachtet werden“, heisst „nicht vergessen oder übersehen werden“, heisst „kümmern“, heisst „überleben“. Aber das gilt für die Steinzeit. Nicht für unsere Noch-Wohlstands-Ära. Hier bedeuten Grenzen Freiheit.

Wenn man das Kind nun aber im Namen der freien Entfaltung diesem gnadenlosen und überholten „Programm“ überlässt, erreicht man dann nicht das Gegenteil? Führt es zu Freiheit, den kleinen Menschen dem längst obsoleten Kampf um Aufmerksamkeit auszuliefern? Wäre nicht das Gegenteil, also das Aufzeigen von Grenzen der Aufmerksamkeit, innerhalb derer er sich sorglos bewegen könnte, der wahre Pate der Freheit? Führt es zur Freiheit, wenn das Leben eines Paares und zweier Individuen in eine Art Liebes- und Spass-Diktatur überführt wird im erlebten Wissen, dass die Welt das Gegenteil ist und die so beschützten Kinder früher oder später an den soliden Ufern dieser Realtität auflaufen werden? Fördert es die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben, wenn Eltern und die diesem Entfaltungs-Totalitarismus beiwohnenden Erwachsenen sich unterwerfend die Illusion der Welt als infantiles Utopia unter der Tyrannenherrschaft der Kleinsten fördern? Oder ist auch hier das Gegenteil der Fall: Dass die freiwillige Selbstverklavung der Eltern die Kinder auf die Knie zwingt? Auf die Knie vor dem eigenen Spiegelbild? Gezwungen dazu, sich selbst über alles und jeden und in den Mittelpunkt stellend, als Sklave eigener Befindlichkeiten, Wünsche, Launen? Verurteilt dazu, Götze für sich selbst und die anderen zu sein?  Wie kann ein Kind so zur Ruhe kommen? Wie Geborgenheit finden im immerwährenden Kampf? Wie in Frieden die Welt und das Leben entdecken in ständiger Konfrontation mit dem immer fordernden und nie ruhenden Gott des eigenen Egos?

Sie vermuten richtig, wenn Sie denken, dass ich den Fragereigen noch weiter fortsetzen könnte. Indes – ich will aufhören. Die Richtung ist klar. Die abschliessenden Fragen auch: Sind diese Einwände und Ansichten berechtigt und haltbar oder eben doch nur die Ideen eines bloss teilweise sozialisierten Schreiberlings? Sind die Fragen heute noch legitim oder nur noch veraltete Ideen eines rückwärts gerichtet Stehengebliebenen? Und weiter:  Hat man das Recht, solche Themen, die ja nur in einem selber drängen, im Gespräch mit dem Freund auf den Tisch zu bringen? Oder ist es gar eine Pflicht? Oder aber ist es eine anmassende Einmischung in eine Art familiären Intim-Bereich, zu der auch der beste Freund nicht berechtigt ist?

Um Kommentare wird gebeten. Vielen Dank.

 

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8 Gedanken zu “Erziehungsfragen

  1. Ihnen geht es ja um ihren teuren Freund und auch um die Kinder. Wenn Sie also im Gespräch, wie in Ihrem Text, sich selbst im Hintergrund halten, obwohl sie Urheber der gedanklichen Ansätze sind, wird niemand dies als Anmaßung mißverstehen, sofern der intellektuelle Zugang vorausgesetzt werden kann.
    Ihre sehr gut dargestellten Erwägungen zum Problem der Erlangung von wirklicher Freiheit als Individuum sind für mich mehr als nachvollziehbar. Ich stimme Ihnen als Vater eines 12 jährigen Sohnes zu und möchte Sie ermutigen, das Gespräch zu suchen.

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    • Werter Jörg Bischoff. Danke, dass Sie sich die Zeit für Lektüre und Antwort genommen haben. Ihr Rat macht mir Mut – Sie sehen es richtig: Es geht mir absolut nicht um mich, sondern darum, diesen Freund wieder frei zu sehen in einer Weise, die auch seinen Kindern und seiner Frau erlaubt, frei zu sein. Wirklich. Mit allen Risiken, die das bedeutet. Aber eben auch mit dem weiten Winkel des Blicks, der nötig ist, um es zu erfassen. Denn: Ich werde den Eindruck nicht los, dass ihre Welt mit jeden Tag enger wird im sinnlosen Versuch der Abschottung vor der Realität. Noch einmal: Vielen Dank und schöne Grüsse. Ihr FJ

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  2. Als Vater von drei teilweise schon erwachsenen Kindern und langjähriger Beobachter moderner Erziehung: Freiheit ohne klare Grenzen ist nur eine scheinbare und wird durch Übung zu einem Gefängnis, das nur schwer zu verlassen ist, weil die Betroffenen weder Türen noch Wände sehen. Pessimistisch bin ich bezüglich der Beratungsempfänglichkeit von Eltern, denen sich natürliche Gleichgewichte nicht von selbst, zumindest im Laufe der Zeit, erschließen. Aber wem sollte man ganz unabhängig vom Ergebnis nicht seine ehrliche Meinung sagen, wenn nicht einem Freund, und zwar je klarer, direkter und härter, desto besser. Zorn, Verlegenheit und Ähnliches sind oftmals gute Auslöser für Reflexion, zumindest bei jenen, die dazu fähig sind.

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    • Vielen Dank, J.F. Sebastian, für Ihren Kommentar, der auf eine sehr kluge Weise und in Kürze genau das schildert, was ich in langatmiger Weise zu beschreiben versucht habe! Ausserdem: Klarheit, Direktheit, Härte – alles Komponenten einer Freundschaft. Und wenn ich behaupte, sein Freund zu sein, dann schulde ich ihm genau das. In der Schweiz sagt man: „Wenn’s kesselt, dann kesselt’s. Flicken können wir dann in aller Ruhe“. Herzlichen Dank für diesen Input. Schöne Grüsse. Ihr FJ

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  3. Ja, aber soviel hätten Sie nicht schreiben müssen.
    Man kann ihren Artikel schon nach 2 – 3 Zeilen begreifen und muss – so man klar denken kann, feststellen das diese Zeilen nur wenige begreifen werden bzw. können.

    Vielen Dank für Ihre Gedanken.

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    • Werter Bückmann – richtig!! Es ist – wie immer – zu langatmig. Man will sicher gehen, verstanden zu werden. Ich werd’s mir ein weiteres Mal auf die Fahne schreiben: Weniger ist mehr. Meistens. Danke fürs Feedback. Schöne Grüsse. Ihr FJ

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  4. Lieber Herr Jordan,

    ich möchte Ihren persönlichen Brief, den ich auf „eigentümlich frei“ gelesen habe, ebenso beantworten, und ich sage zunächst: Danke für Ihre Ausführungen. Sie sprechen etwas Wichtiges an, und sie tun es ebenso brillant wie achtungsvoll. Selbstzweifel oder gar Selbstvorwürfe sind daher völlig fehl am Platz, finde ich. Aber Ihre sorgenvollen Überlegungen kann ich bestens nachvollziehen.

    Mein Brief ist sehr lang geworden – siehe unten. Das liegt erstens daran, dass mir das Thema so nahegeht, und zweitens daran, dass ich einiges darüber weiß. Ich hoffe, Sie fühlen sich nicht „erschlagen“ davon. Ich wollte schon lange einmal über das Thema schreiben, und Ihr Brief hat mir den Anstoß dazu gegeben. Ich schreibe also auch für mich selbst, freue mich aber besonders über den persönlichen Anlass.

    Ich bin ebenfalls alleinstehend und kinderlos, so dass ich Situationen wie die von Ihnen geschilderte aus derselben „sozialen Perspektive“ betrachte wie Sie. Und ich habe derlei Situationen sogar schon mehrfach erlebt, kann also „mitreden“. Vor allem eines kann ich Ihnen bestätigen: Solche Situationen lösen in letzter Konsequenz Trauer aus. Das kann gar nicht anders sein, wenn es keine Hoffnung gibt – hier: auf ein befriedigendes Miteinander. Die „freiwillige Selbstversklavung der Eltern“ macht es unmöglich. Und gegen diese ist man als Gast absolut machtlos; man kann ja nicht die Gesetze des Systems ändern, in dem man nur kurz zu Gast ist.

    Hoffnungslosigkeit und Machtlosigkeit also – das löst zwangsläufig Trauer aus. Aber ich sagte „in letzter Konsequenz“, und damit meine ich: Bevor bei mir das Stadium der Trauer eintritt, durchlaufe ich in solchen Situationen ein Wechselbad, ja einen Spießrutenlauf negativer Gefühle. Das häufigste ist Ärger, Wut, Zorn, und zwar auf alle Beteiligten reihum: Auf den Gastgeber, der mich, seinen Gast (hohes Wort!) diesem Chaos aussetzt, auf die anderen Gäste, die offenbar ungerührt dabei mitspielen (also „kollaborieren“), und leider auch auf die Kinder. Letzteres zwar im Wissen, dass sie „nichts dafür können“, da es ja ihre Eltern sind, die sie „lassen“ – aber Emotionen entzünden sich nun einmal am konkreten Menschen bzw. seinem Verhalten. Und hier sind es eben auch die Kinder, deren Verhalten negative Gefühle bei mir auslöst.

    Darf das sein? Muss ich mich da als Erwachsener nicht „zusammenreißen“ – angesichts meines Wissens, dass nicht die Kinder „schuld sind“ an ihrem Verhalten, sondern ihre permissiven Eltern? Ich denke, die erste Frage ist falsch gestellt. Gefühle haben mit „dürfen“ nichts zu tun; sie treten einfach auf, sie sind nicht disponibel. Und zur zweiten Frage: Gewiss kann ich mich zusammenreißen, ergo die auftretenden Gefühle in mir niederkämpfen bzw. relativieren (indem ich mir z.B. die „Schuldfrage“ klarmache, siehe oben). Das ist dann die sogenannte „Rationalisierung“, wie ich genauer weiß aus einem späten, interessehalber „nebenher“ absolvierten Psychologiestudium. Aber auch die Rationalisierung ändert an den ursprünglichen Gefühlen nichts, und sie hat weitere gravierende Nachteile. Etwa den, dass man nicht mehr wirklich anwesend ist in der konkreten Situation, weil man allein schon zu beschäftigt ist mit Denken, ganz abgesehen von dessen Inhalten. (Und das Denken spielt sich nur im eigenen Kopf ab, d.h. es ist auch von der Kommunikation ausgenommen.)

    Sie schreiben, dass Sie sich an diesem Abend nicht aufgeregt haben. Meinten Sie damit nur, dass Sie nicht nach außen „Laut gegeben haben“, oder dass auch innerlich gar kein Ärger bei Ihnen aufgetreten ist? Ich frage, weil ich die Erfahrung gemacht habe: Manches habe ich erst „fühlen gelernt“, nachdem ich mir „die Erlaubnis dazu gegeben“ hatte. Vorher hatte ich die schiere Möglichkeit, dass das Gefühl X auftreten könnte – oder dass es gegenüber Personen vom Typ Y auftreten könnte –, derart streng tabuisiert (ohne mir dessen bewusst zu sein), dass es tatsächlich nicht aufgetreten ist. Oder genauer: dass ich gewohnheitsmäßig schon den ersten Anflug des Gefühls „in Denken überführt“ habe, so dass mir eine klare, reine Gefühlswahrnehmung gar nicht möglich war. (Mein Schlüsselerlebnis war ein „Psycho-Workshop“, in dem eine junge Klientin darin bestärkt wurde, wütend zu sein auf ihre Mutter – weil diese gestorben war. Ich sagte mir sogleich: „Wütend! So ein Unfug. Da kann doch die Mutter nichts dafür!“ Aber zu meiner Verblüffung arbeitete der Therapeut weiter in diese Richtung, und es half. Denn die Mutter war ja nicht nur unwiderruflich verschwunden (was bei der Tochter Trauer auslöste), sondern sie hatte ihre Tochter auch verlassen, im Stich gelassen (was diese wütend machte). Ob die Mutter dafür „etwas konnte“ oder nicht, spielte für die Gefühlswelt der Tochter überhaupt keine Rolle, wie ich staunend feststellte. Bezeichnend war allerdings, dass die Tochter zu ihrer Wut auf die Mutter ermutigt werden musste, sprich: von außen „die Erlaubnis dazu erhalten“ musste. Bei der Trauer war das natürlich nicht nötig; die ist ja in Todesfällen kein „Tabu-Gefühl“, wie es die Wut ist. Das Ganze war eine unvergessliche Lektion in puncto „Berechtigtsein zu Gefühlen unabhängig vom Denken“, die ich später auch auf mich selbst übertragen habe.)

    Ich habe das ausgeführt, weil ich mir nur schwer vorstellen kann, dass nicht auch Sie während der sieben Stunden Ärger gespürt haben – oder Anflüge davon. Aber wie auch immer: Der Ärger wäre m.E. auf jeden Fall „berechtigt“ gewesen (um das im Grunde falsche Wort noch einmal zu gebrauchen). Mir geht es in Situationen wie der von ihnen beschriebenen so: Ich fühle mich völlig missachtet und schmählich alleingelassen hinsichtlich meiner eigenen Bedürfnisse und Erwartungen als Gast. Es kann nicht angehen, dass man mich einlädt, um mich einem einseitigen, großenteils unerwünschten Dauer-Beschäftigtwerden auszusetzen, das jeden sonstigen (und zu Recht erwarteten!) Austausch von Grund auf unmöglich macht. Das ist eine Karikatur, ja eine Perversion von „Einladung“. Wer jemanden einlädt, muss wissen, dass auch und gerade der Gast etwas davon haben muss, und es ist seine Pflicht, dafür zu sorgen. Aber wenn eine „Einladung pervers“ dann noch über einen Zeitraum von sieben Stunden geht, grenzt das für mich an Folter. Kein Gastgeber kann von mir erwarten, dass ich als erwachsener – und als solcher eingeladener – Mensch meine sämtlichen Erwachsenen-Bedürfnisse für einen derart langen Zeitraum an der Garderobe abgebe! Und ich gehe noch weiter: Ein Gastgeber, der mir so etwas zumutet, missbraucht mich. Keinen Deut weniger. Das geht schon aus den Grundsätzen für „Einladung“ hervor, siehe oben. (Übrigens: Haben Ihre Gastgeber Sie beim Aussprechen der Einladung darauf vorbereitet, dass 1. die Kinder die ganze Zeit mit von der Partie sein werden, UND dass 2. sie selbst, die Gastgeber, nichts, aber auch gar nichts dafür tun werden, die Kinder zumindest phasenweise so weit zu „bändigen“, dass AUCH etwas anderes möglich wird zwischen ihnen und ihren erwachsenen Gästen? Wenn ja: Das wäre für mich der einzige „mildernde Umstand“, der hier denkbar ist. Wenn nein, wären Sie m.E. zusätzlich zu allem anderen getäuscht worden – durch unzulässiges Verschweigen.)

    Von daher dürfte klar sein: Ihre „Einwände und Ansichten“ halte ich natürlich schon dreimal für „berechtigt“. Und „haltbar“ finde ich sie ebenfalls – genauer gesagt: ich würde jede andere Interpretation für unhaltbar erklären. (Zum Beispiel: „Die diesem Entfaltungs-Totalitarismus beiwohnenden Erwachsenen“ ist schlicht eine hervorragende Beschreibung der Realität, der Sie ausgesetzt waren. Versuchen Sie einmal, es anders zu beschreiben, dann merken Sie, dass das vielleicht „milder“ geht in der Wortwahl, aber nicht in der Sache anders.) Außerdem behaupte ich: Ihre „Ideen“ rühren keineswegs davon her, dass Sie „ein bloß teilweise sozialisierter Schreiberling“ wären. So etwas dachte ich über mich auch, als ich zum ersten Mal einer „Einladung pervers“ beiwohnen durfte! Wie denn auch nicht – als ebenfalls Schreiberling und vor allem als kinderloser Alleinstehender, der sich damit so grundlegend von seinen Gastgebern unterscheidet! Diese Deutung ist naheliegend, aber nur auf den allerersten Blick, und vor allem ist sie falsch. Das kann gar nicht sein. Was haben Ihre berechtigten Erwachsenen-Bedürfnisse, zudem als Eingeladener, mit ihrem „einsamer Schreiberling“-Status zu tun? Nichts. Mehr muss man eigentlich nicht sagen, um Ihre Befürchtung zu entkräften. Vielleicht noch: Ihre Sozialisation erlaubt Ihnen ohne weiteres, mit Freude und mit Gewinn für sich selbst und andere an einer Erwachsenen-Einladung teilzunehmen, und wenn erträgliche (!) Kinder zeitweise (!) dabei sind, wird Sie das ganz bestimmt nicht aus der Fasson bringen.

    Ich würde sagen, mehr kann man nicht verlangen. Auch nicht von anderen als Ihnen. Aber Sie haben ja sogar die siebenstündige Alternativlos-Einbahnstraße ohne weiteres „bewältigt“, d.h. Sie liegen „weit über Soll“ in puncto sozialer Anpassungsbereitschaft und -fähigkeit. Sie haben also genau dasselbe geschafft wie die Eltern der beiden Kinder, nämlich: der „freien Entfaltung“ der Kinder klaglos beizuwohnen. Oder, noch wichtiger, andersherum: Die beiden Eltern, diese vorwärtsgerichteten, komplettsozialisierten Wesen (im vermeintlichen Gegensatz zu Ihnen, dem „einsamen Schreiberling“), haben auch nicht mehr geschafft als Sie. Diese Tatsache darf Sie m.E. von allen Befürchtungen kurieren, weniger sozialkompetent zu sein. Zumal: Nirgends steht geschrieben, dass Sie es mit Kindern nicht sogar besser hinkriegen würden als diese Eltern, wenn Sie welche hätten. Womöglich aus dem Stand heraus.

    Die „Einladung pervers“ würde ich also wie folgt definieren: Hier wird der Gast nicht als jemand betrachtet, dem der Gastgeber auch nur das Geringste „bieten muss“ – und zwar im Sinne berechtigter Erwachsenen-Bedürfnisse und -erwartungen –, sondern es wird wie selbstverständlich von ihm erwartet, ausschließlich (!) als Erfüllungsgehilfe des Familiensystems zu fungieren. In der Regel ohne jede Vorwarnung beim Aussprechen der Einladung (so war es jedenfalls bei mir, und zwar ausnahmslos). Das ist eine genaue Umkehrung der Soll-Verhältnisse, ergo buchstäblich pervers. Auch über diesen Aspekt habe ich bei derlei Events immer nachgedacht, denn man hat ja nun wirklich genug Zeit zu füllen! Aber bei mir kommt hinzu: Ich leide unter dem Wechselbad meiner negativen Gefühle gegenüber den Anwesenden, beobachte es, lege mir Rechenschaft darüber ab, erkenne einmal mehr, dass diese inneren Vorgänge unvermeidlich sind – und schon bin ich tief im Denken. Was sonst, denn die äußere Situation bietet nichts, woran ich mit meinen Erwachsenen-Bedürfnissen andocken könnte. Und diese lassen sich eben nicht abschalten, schon gar nicht über einen so langen Zeitraum. Ich bin also zum allein-vor-mich-hin-Denken gezwungen, 1. ohne das zu wollen UND 2. ohne eigenes Zutun. Die Tatsache, dass man mir ausgerechnet das bei einer Einladung zumutet, löst dann wieder neue negative Gefühle aus, wonach ich auch über diese nach-denke, usw. usf. ad infinitum.

    Es ist ein trauriges Denken, da von Hoffnungslosigkeit und Machtlosigkeit begleitet, nein: hervorgerufen. Aber immerhin zwingt mich die Situation zur Kreativität, denn ich muss nicht zuletzt der gewaltigen Langeweile (nach Erwachsenen-Maßstäben), die sie mir bereitet, etwas entgegensetzen, um die Lage wenigstens aushalten zu können. Und dann widme ich mich eben der Analyse – nicht nur meiner Gefühle, sondern gottseidank auch der äußeren Situation und ihrer Bedingtheiten. Nie bin ich stürmischer vorangekommen in meinem Nachdenken über „Familie und Zeitgeist“ als in solchen Zwangssituationen! Bei der Lektüre Ihres Textes habe ich daher vom mir auf Sie geschlossen und vermutet: Das Meiste davon könnte während jener sieben Stunden er- und durchdacht worden sein.

    Bei mir ist es übrigens so: Obwohl ich keine Kinder habe, „kann ich“ ausgesprochen gut mit Kindern, und umgekehrt. Trotzdem (!) geht es mir bei derartigen Einladungen schlecht. Das wundert mich nicht: Menschen einerlei welchen Alters, die sich asozial verhalten (die Wortwahl habe ich mir wohl überlegt), können weder bei mir noch überhaupt bei jemandem Freude aufkommen lassen. Das hat nichts mit der „Art des Rezipienten“ zu tun, sondern es ist per se ausgeschlossen.

    Und damit gelangt man zum traurigsten Kapitel ihrer Ausführungen – den Kindern. Leider spielt es in letzter Konsequenz keine Rolle, wer „schuld ist“ an deren Verhalten (zum Beispiel hyper-permissive Eltern). In letzter Konsequenz zählt allein die Tatsache, dass die Kinder selbst es sind, die mit ihrem Verhalten Unmut hervorrufen, andere abstoßen usw., und dass demnach auch sie selbst es sind, denen die aversiven Gefühle der anderen gelten, d.h. die die sozialen Konsequenzen ihres Verhaltens zu tragen haben. Nicht die Eltern. Die lassen ja nur zu, dass ihre Kinder sich so verhalten. Also wiegen sie die Kinder für einen kurzen Zeitraum in (falscher) Sicherheit, dass solches Verhalten völlig in Ordnung geht, und nehmen damit in Kauf, dass die Kinder in ihrem gesamten (!) späteren Leben allein die Rechnung dafür zu zahlen haben werden – in Form von Unbeliebtheit jeder Art, sozialer Inkompetenz jeder Art usw. Wer unbeliebt ist, ist unbeliebt, und Schluss. Das ist allein sein Problem. Niemand wird ihn fragen: „Weshalb mag ich dich bloß nicht? Da stecken doch bestimmt hyper-permissive Eltern dahinter! Erzähl mal, wer schuld ist, dann mag ich dich bestimmt!“ Und sollte jemand so fragen, käme dabei nichts heraus, jedenfalls bestimmt keine neue Freundschaft.

    Insofern sind Ihre Formulierungen schrecklich brillant: „[Zwingt] die freiwillige Selbstversklavung der Eltern die Kinder auf die Knie? Auf die Knie vor dem eigenen Spiegelbild? Gezwungen dazu, sich selbst über alles und jeden und in den Mittelpunkt zu stellen, als Sklave eigener Befindlichkeiten, Wünsche, Launen? Verurteilt dazu, Götze für sich selbst und die anderen zu sein?“ Meine Antwort darauf ist ja. Zu diesem multiplen Zwang führt die freiwillige Selbstversklavung der Eltern – tragischerweise bei den Kindern. Aber am meisten hat mir das Herz geblutet bei Ihrer Frage: „Wie kann ein Kind so zur Ruhe kommen? Wie Geborgenheit finden im immerwährenden Kampf?“ Darauf antworte ich: Es kann unter solchen Umständen nicht zur Ruhe kommen. Es kann keine Geborgenheit finden. Leider weiß ich das aus eigener Anschauung: Meine Nichte, sieben Jahre alt, ist ein solches ruheloses Kind. Ich mag sie sehr, sehr gern, aber wegen ihrer Ruhelosigkeit finde ich kaum echten Kontakt zu ihr. Darunter leide ich, und zudem leide ich für sie mit. Ich spüre schmerzhaft ihre Ungeborgenheit hinter der unablässigen, selbstbezogenen „Show“. Wegen ihrer zwanghaften Theatralik fühle ich mich oft traurig und einsam ihr gegenüber. Sie selbst fühlt natürlich nichts dergleichen, denn sie ist ja in ihrem chronischen Turbo-Modus, der alles andere absorbiert. Aber bräche der einmal zusammen, dann verlöre sie ihren „Halt“ im Gewohnten und müsste feststellen, dass sie mit anderem, echtem Halt wenig anfangen kann: dem durch ruhigen und authentischen Kontakt. Doch der ist per se eine „Zweibahnstraße“ – im Gegensatz zur Einbahnstraße namens „Dauer-Output inklusive garantierter Zustimmung von außen“, den meine Nichte fast ausschließlich gewohnt ist. Kurz, sie müsste ungleich mehr „Input“ zulassen können, um echte Geborgenheit zu finden (diejenige durch Kontakt) statt der Pseudo-Geborgenheit, die „ruhelose Suche nach Aufmerksamkeit“ plus „dafür Belohntwerden“ schenkt. Wie gerne hätte ich, dass sich meine Nichte hin und wieder bei mir aus-ruht! Aber das kann sie nicht, obwohl auch sie mich sehr gern mag. Es ist wie eine gläserne Wand zwischen ihr und mir; wie ein Verhängnis. Da bleibt einem nur Trauer.

    Sie fragen abschließend: „Hat man das Recht, solche Themen, die ja nur in einem selber drängen, im Gespräch mit dem Freund auf den Tisch zu bringen? Oder ist es gar eine Pflicht? Oder aber ist es eine anmaßende Einmischung in eine Art familiären Intimbereich, zu der auch der beste Freund nicht berechtigt ist?“ Ich würde zunächst sagen: Gut, dass Sie die „Einladung pervers“ durchgestanden haben, ohne diese Themen schon dort anzuschneiden. Ich habe so etwas schon gemacht, und es war keine gute Idee, wie sich gezeigt hat. Ansonsten würde ich sagen: Dass diese Themen „ja nur in einem selber drängen“, trifft einfach nicht zu. Denn hier geht es um konkrete soziale (!) Situationen namens „Erwachsenen-Einladungen“, die daher niemals nur einen Menschen betreffen können, und für die es gesellschaftliche Normen gibt. (In der Psychologie würde man „Skripte“ sagen, bezeichnend die „typischen Geschehnisse“, die bei sozialen Situationen vom Typ x, y, z … unabdingbar dazugehören – wobei nur die Reihenfolge variabel ist.) Und wenn jemand in dermaßen krasser Weise gegen eine soziale Norm verstößt, wie es Ihnen durch Ihren Freund widerfahren ist, dann hat man allemal das „Recht“, ihn darauf anzusprechen. Ich selber würde ihm gegenüber auch keinen Hehl machen aus meiner Wut und Trauer, die ich empfunden habe, und würde ihn darauf hinweisen, dass allein er mich in diese Situation gebracht hat; dass er mich (ggf.) nicht vorgewarnt hat; dass er mir Unzumutbares beschert hat – gemessen an der sozialen Norm für „Einladung von Erwachsenen“, meinen berechtigten Erwartungen hieraus sowie meiner ebenso berechtigten Erwachsenen-Bedürfnisse; und dass ich mich daher missbraucht gesehen habe als bloßer Erfüllungsgehilfe des Familiensystems.

    Zum Glück kann man auch über derlei Dinge freundlich reden, zumal unter guten Freunden. Man muss kein Tribunal veranstalten, aber ich denke, in dieser Gefahr sind Sie ohnehin nicht. Ich selbst würde wohl den Freund als ebenso „Betroffenen“ ansprechen statt als „Schuldigen“, nämlich in seinem Fall: als Betroffenen vom brutalen, eisernen Regiment der vorherrschenden Erziehungs-Ideologie, die ihn gnadenlos in Richtung „Hyper-Permissivität“ drängt, und die ihn bei Zuwiderhandlung sozial ächtet. (Das tut sie ebenso häufig wie massiv, etwa aus dem Mund von anderen Eltern, die z.B. sagen: „Wie autoritär geht denn der mit seinen Kindern um?! So was Vorgestriges und Menschenverachtendes! Kinder sind auch Menschen! Den laden wir nicht mehr ein!“) Wenn ich diese „im selben Boot“-Perspektive einnehme, dann sitzen sozusagen zwei Arten von Betroffenen am Tisch zusammen: Er als „Opfer“ der Erziehungs-Ideologie und ihrer sozialen Zwänge, ich als „Opfer“ des ebenso sozialen Kollateralschadens, der sich daraus ergeben hat.

    Für mich war es in den beiden letzten Fällen dieser Art nicht (mehr) schwer, zu sagen: „Lieber Freund, ich halte so etwas nicht noch einmal aus, so leid es mir tut. Ich will nicht noch einmal ein solches Wechselbad negativer Gefühle erleben, die mich zudem in ‚einsames Denken‘ stürzen, und ich kann auch meine Bedürfnisse nicht einfach abschalten. Bitte sag mir bei der nächsten Einladung schon vorher, wie der der Abend verlaufen soll, d.h. ob er anders verlaufen wird als zuletzt, und wenn nicht, verzichte ich lieber aufs Kommen.“ Was danach passiert, ist natürlich offen. Es kann dazu führen, dass der Freund „dicht macht“ und auf Abstand geht (ich habe es schon erlebt, war aber letzlich froh darüber). Es kann aber auch dazu führen, dass er dankbar ist für meine Mitteilung. Daraus kann sich ein ganz neuer Ast unseres Austauschs ergeben, auf den der Freund vielleicht sogar sehnsüchtig gewartet hat. Auch das habe ich erlebt.

    Eine „anmaßende Einmischung in eine Art familiären Intimbereich, zu der auch der beste Freund nicht berechtigt ist“, sehe ich in einer solchen Mitteilung überhaupt nicht. Ich stelle damit ja nicht das Familiensystem in Frage, sondern ich sage lediglich, dass ich (!) mich nicht mehr seiner unmodifizierten Herrschaft aussetzen möchte. Das lässt dem Freund alle Möglichkeiten offen. Und zu Ihrer Frage, ob es vielleicht sogar eine „Pflicht“ ist, solche Themen auf den Tisch zu bringen: Ich für meine Person fühle mich dazu verpflichtet. Erstens, weil ich dafür mitverantwortlich bin, dass der Austausch zwischen mir und meinem Freund ehrlich und authentisch ist, und zweitens, weil es meinem Freund nutzen kann. (Anders gesagt: Weil es meinem Freund schaden kann, wenn ich es unterlasse.) Ein Bild dazu: Liefe mein Freund mit der berühmten Loriotschen Spaghetti auf der Nase in der Öffentlichkeit herum, und würde ich ihn nicht darauf aufmerksam machen, so würde ich ihn dem Gespött der anderen aussetzen. Das will ich nicht, und deshalb fühle ich mich verpflichtet (sic), es ihm zu sagen. Zudem geht es hier um ungleich Wichtigeres als Spaghettis auf der Nase, d.h. der Nutzen, den mein Freund aus meiner Mitteilung ziehen kann, ist ungleich größer. Es kann dazu führen, dass er Neuerungen im Familiensystem einführt, die nicht zuletzt den Kindern (!) zugute kommen.

    Zum Schluss zwei Literaturhinweise: So weit ich sehe, ist die heute vorherrschende Erziehungs-Ideologie am vollständigsten ausgebreitet in dem Buch „Dein kompetentes Kind. Auf dem Weg zu einer neuen Wertgrundlage für die ganze Familie“ (1996) von Jesper Juul – einem weltberühmten dänischen Familientherapeuten, dessen Bücher enorme Verbreitung finden und äußerst intensiv rezipiert werden. Die markanteste Gegenstimme dazu, und m.E. die bei weitem beste, liefert der schwedische Psychiater David Eberhard mit seinem Buch „Kinder an der Macht. Die monströsen Auswüchse liberaler Erziehung“ (2015). Eberhard ist übrigens Vater von sechs Kindern. Sein Buch zu lesen ist für jedermann lohnend, denn es erlaubt Rückschlüsse auf alle Bereiche der Gesellschaft, die ja nicht nur in puncto Kinder unter dem Diktat des „Laissez-faire“ steht. Ich kann Ihnen die Lektüre unbedingt empfehlen; Sie finden dort auch Nützliches für sich selbst und für den Umgang mit Ihren „Freunden mit Anhang“.

    Ihnen noch einmal vielen Dank für Ihren brillanten Artikel, und damit auch für meinen Schreib-Anlass!

    Mit besten solidarischen „Schreiberling“-Grüßen, Ihr

    Stefan Till Schneider

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    • Lieber Stefan Till Schneider.
      Erst einmal dies: Vielen Dank für Ihre Zeit und die Zeilen. Das Teilen persönlicher Erfahrungen, Gedanken und Gefühle. Keine Selbstverständlichkeit! Und: Bitte entschuldigen Sie, dass ich erst jetzt reagiere. Ich habe ihren Text mehrmals durchgelesen. Reflextion war nötig.
      Sie haben natürlich recht: Auch ein Kind ist schon eine Persönlichkeit und damit nicht mehr „unschuldig“ im Sinn von „als neutral wahrzunehmen“. Es löst Gefühle aus, die ein Hund nie auslösen würde. In diesem Sinn bin auch ich nicht immun gegen berechtigte oder eben unberechtigte Aversion. Und Sie liegen auch richtig, dass ich mich dagegen wehrte in der erwähnten Situation, indem ich staunte und dachte um nicht Spielball spontaner Emotionen zu werden. Auf die lautstark vorgebrachte Frage eines Kindes, ob ich seine Schramme sehen wolle, antwortete ich mit „Nein“. Die plötzliche dröhnende Stille rund um den Tisch können Sie sich vorstellen. Ich versuchte dann noch eine weitere Schutzmassnahme indem ich ein mich anschreiendes Kind darauf hinwies, ich könne jetzt nicht spielen, da ich esse, aber auch das blieb ungehört. Ich war hin und her gerissen zwischen Lachen und Gehen. Es ist meines Erachtens einfach, wütend und zornig zu sein, als Trauer zuzulassen. Ich habe mir den Umweg erspart. Zu den beiden Kindern habe ich kein sehr enges Verhältnis. Was mich ins Elend stürzt ist der Freund, der sich wie geschrieben nicht nur unterwirft sondern sich ausliefert. Alles. Den „Weg“ den Sie zeichnen für ein persönliches Gespräch, die Tatsache, dass es mich als Auch-Betroffenem anlässlich der siebenstündigen Huldigungs-Zeremonie und ungewollten Priesterschaft von Kleinst-Göttern, durchaus etwas angeht, ist sehr hilfreich. Und nein: Es soll nicht ein Tribunal werden. Ganz und gar nicht. Es soll eine Tür öffnen. Denn: Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Konzept der Selbstversklavung auf Dauer „dicht ist“. Es wird leck laufen. Aber es wäre nicht nötig. Das und allein das, möchte ich bezwecken. Wenn er frei wäre, würde er mit grosser Wahrscheinlichkeit auch seine Kinder aus einer kritischen da freien Distanz sehen. Als Menschen, denen er nicht alles erlauben, aber vor allem den Weg weisen muss.
      Noch einmal ein grosses Danke und schöne Grüsse.
      Ihr FJ

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