Die Vernünftigkeit des Glaubens

In sozialen Medien und in Kommentarbereichen stösst man hin und wieder wieder auf das Wort „Religiot“. Meist im Plural, da es sich um eine Art nonchalante Insippenhaftnahme all jener handelt, die einer Glaubenslehre anhängen (die Rede ist hier nicht von Schaum-vor-dem-Mund-Fanatismus), durch solche, die sich selbst als aufgeklärt, wissend und gedanklich unbestechlich sehen. Auf den Aspek des Rechts auf freie  Meinungsäusserung und die Möglichkeit, in der Anonymität jeden nach eigenem Gusto zu beleidigen, sei hier nicht eingegangen. Beides auch Fragen der persönlichen Werthaltung und des Anstands.

Regligioten – so die Annahme – sind in den Augen der „Austeilenden“ dumme Menschen, Deppen und Vollpfosten, die nicht in der Lage sind, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen uns deshalb eine Instanz brauchen, die ihnen vorschreibt, wie zu denken, zu sehen und zu verstehen sei. Dem Glaubenden wird damit ein tiefes und breites Verständnis der Möglichkeiten, das Leben zu leben von vornherein abgesprochen. Ebenso die Fähigkeit zu innerer Entwicklung und auch jene, den Menschen aus einer gewissen kritischen und historischen Distanz zu betrachten. Gleichzeitig wird ihm die naive und arrogante Überzeugung unterstellt, keine andere Lebens- und Denkform als die eigene sei gültig. Glaubende sind in diesem Verständnis wissensresistente und bildungsferne Opfer von rhetorischem Drill, Gehirnwäsche, Sekten, Moden, Gurus und Schwätzern. Kurz: Unreife und Unfreie.

Wer so urteilt – so die Annahme weiter – muss sich selber im Umkehrschluss als Wissenden, Gebildeten und damit als Sekptiker verstehen.  Als jemanden, der sich nicht übertölpeln und bluffen lässt. Er ist esoterischer Literatur gegenüber genauso skeptisch wie Wirtschaftsprognosen, politischen Aussagen und den Versprechen der Forschung. Er weiss Dinge und versteht, warum sie sind, wie sie sind. Er fragt nach Belegen und danach, ob sie verlässlich sind. Er lässt erkennt echte Argumente und entlarvt Sophisterei. Wann ist eine Erklärung echt, wann purer Schein? Wann ist etwas Gesetz, wann zufällige Korrelation? Kurz: Er weiss sich selbst und die Dinge in der Welt zu verorten. Der gebildete Mensch hat Orientierung.

Wäre die „Sache“ hier zu Ende, dann wäre es auch der Mensch als rein biologisches System mit bestimmter Beschaffenheit und Funktionsweise. Alles darüber Hinausreichende historischer Zufall. Gründe, Sinn, Vernunft, Freiheit, Selbstbewusstsein, seelische und moralische Identität, Begegnung, Bedeutung, Denken, Kommunikation – alles bloss nice-to-haves. Verzichtbar in der materiellen Welt. Der Mensch bleibt Mensch, wird nicht zur Person.

Aber wir sind Personen – Orientierung in der Welt ist nicht die einzige, auf die es ankommt. Egal, ob wir den Zufall für unsere Geburtszeit, den Lebensort, die Kultur, die Sprache etc. verantwortlich machen oder eine höhere Instanz. Und weil wir Personen sind, müssen wir uns entscheiden, wie wir leben und wer wir sein wollen, in welcher Haltung und mit welchen Gründen. Dinge also, die Erfahrung und Realität durchdringen und für die wir uns ebenso entscheiden müssen, wie für die Farbe unserer Kleider. Aufgrund dieser Entscheidung werden wir vernünftig – das heisst im Licht unserer Uberzeugungen, Wünsche und Gefühle – und somit in unserem Sinn zweckmässig handeln. Und wir werden glauben, das Richtige zu tun. Jeder von uns.

Wer überzeugt ist, der Euro sei stabil, trotz 30prozentigen Wertverlusts seit Einführung, die Lockerungs-Politik der EZB funktioniere, trotz 15jähriger QE-Null-Wirkungs-Blaupause in Japan, der wird sein Geld getrost bei der Bank hinterlegen und „sparen“. Wer diese Überzeugung nicht teilt, der wird zweckmässige Alternativen suchen. Wer davon überzeugt ist, die Aufzucht, Erziehung und Finanzierung von Kindern sei eine Aufgabe der Allgemeinheit und nicht eigene Pflicht den Kindern gegenüber, dem wird es zweckmässig erscheinen, sich ungeachtet eigener sozialer und finanzieller Verhältnisse den Kinderwunsch zu jedem beliebigen Zeitpunkt zu erfüllen. Wer diese Überzeugung nicht teilt, der wird seine Wünsche zur Seite legen und auf Kinder verzichten oder aber warten, bis er ihnen und sich den entsprechenden Rahmen bieten kann. Wer davon überzeugt ist, auf das Gefühl der Höhenangst Einfluss nehmen zu können, dem wird anlässlich seines erstens Tandem-Gleitschirmfluges das Sammeln von Informationen und Recherche vor Ort zweckmässig erscheinen. Wenn nicht, wird er einfach hingehen und rennen, wenn der Pilot „Rennen!“ ruft. Wer davon überzeugt ist, sein Leben, dessen Anfang und Ende seien einzig dem Zufall geschuldet, der wird es als vernünftig betrachten, sich nicht weiter als bis zur Unterschrift auf der Patientenverfügung mit dem eigenen Ableben zu befassen. Wer hingegen der Überzeugung ist, dies sei nicht so und es sei für seine seelische und mentale Gesundheit zu Lebzeiten vonnöten etwas zu „haben“, das über das Physisch-organische hinausgehe, eine Art „ewiger Ruhe“ mitten im Lärm des Heute, dem wird es zweckmässig erscheinen, sich auf die Suche nach dem zu machen, wovon er glaubt, damit leben und sterben zu können.

Glaube ist also nicht nur „Glaube an“ etwas, sondern auch eine innere Haltung, ein Charakterzug. Das im Alten Testament für Glaube verwendete Wort „emunah“ bedeutet unter anderem Standhaftigkeit. Einen Glaubenden im religiösen Sinn vor diesem Hintergrund – also im Wissen, dass auch sein Glaube Ausdruck einer Form und Fassung ist, die er seinem Leben aufgrund der Entscheidung seines freien Willens geben will – als „Religioten“ zu bezeichnen, als ginge es darum, eine Tatsache festzustellen, ist nicht nur falsch, sondern dumm. Es entlarvt nicht den Glaubenden, sondern in erster Linie die Einstellung des so Urteilenden anderen gegenüber als esoterische Beliebigkeit, mithin seinen Glauben sowie die Art, wie er andere behandeln will und wie er zu leben entschieden hat. Oder anders ausgedrückt: Er offenbart mit dem Urteil eine geistige Enge, ein gedankliches Mitläufertum und wendet auf sich selbst an, was er anderen in scheinbarer religiöser Idiotie Verorteten ankreidet.

P.S. Das Wort „Religiot“ kann wahlweise durch „Rassist“, „Rechter“, „Rechtspopulist“, „Islamophober“, „Homophober“ oder „Sexist“ ersetzt werden. Es wird verdammt eng dieser Tage.

 

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6 Gedanken zu “Die Vernünftigkeit des Glaubens

  1. Leider engt sich der Autor in der von ihm argumentativ geforerten Offenheit selbst ein. Weshalb? Weil er als Religion offensichtlich nur Glaubensreligion gelten läßt. Wahre Spiritualität läßt aber auch Erfahrungsreligion ohne jede Dogmatik zu. Dagegen wehren sich leider die drei Wüstenreligionen, die solche gedankliche Abweichung als Ketzertum betrachten.

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    • Lieber Erwin Tripes. Danke für Ihren Kommentar. Da das Wort „Religiot“ sich in der Regel auf Glaubensreligion bezieht, habe ich mich in meinen Überlegungen auch darauf fokussiert. Dass unter Religion eine Vielzahl unterschiedlichster Weltanschauungen versammelt werden kann, versteht sich von selber. Wenn hier der gegenteilige Eindruck entsteht, dann habe ich den Text nicht gut genug geschrieben. Auf Besserung! Herzlicher Gruss. Ihr FJ

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      • Lieber Frank Jordan,
        Ihre Texte gefallen mir sehr. Weil ich mich etwas mit religionsvergleichenden Studien befasse, habe ich einfach kritisch argumentiert. Die Sache ist damit aufgeklärt.

        Hans Georg gehört jedoch offensichtlich zu den Verteidigern der Dogmatik in den drei Wüstenreligionen.
        Bekanntlich hängen ja die Dogmatiker starr an einer Ideologie oder Lehrmeinung fest.
        An welchen Dingen (materielle Phänomene?) sich Spiritualität nach seiner Ansicht fest macht, kann er nicht erläutern.
        Vom Buddhismus hat er obendrein ganz offensichtlich keine Ahnung, weil ihm noch niemand erklärt haben dürfte, was die Erfahrung der Egoillusion bedeutet. Daher lohnt es sich nicht, mit solchen “Experten„ zu diskutieren.
        Richtig ist allerdings seine Aussage, daß der Buddhismus eigentlich keine Religion, sondern bloß eine Lehre ist, wie die Dinge (Phänomene) sind.

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      • Werter Erwin Tripes. Für Ihre neuerliche Antwort und die Kritik danke ich Ihnen. Sehen Sie es mir bitte nach, dass ich erst jetzt anworte. Sie sind mir in Bezug auf Ihr Wissen in punkto Religionen einen grossen Schritt voraus. Meine Kenntnisse diesbezüglich sind bestenfalls marginal. Worum es mir ging in dem Kommentar war einzig die Tatsache, dass es entlarvend und für den Urteilenden entwertend ist, einen anderen als Idioten zu schimpen, bloss weil dieses sich eine andere Seins- und Glaubenswirklichkeit erschaffen hat als die eigene. In diesem Punkt haben wir uns verstanden und das freut mich. Auch, dass Ihnen meine Texte gefallen. Danke für dieses Echo. Herzlich. Ihr FJ

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  2. Erwin Tripes meint, „Wahre Spiritualität läßt aber auch Erfahrungsreligion ohne jede Dogmatik zu.“
    Wenn er sich da nicht mal gewaltig irrt. Kritik an der Kirche wird ja leidenschaftlich gerne an „wahrer Spiritualitaet“ festgemacht. Es ist ja Mode, die Weltkirchen dem Verfall preiszugeben und sich lieber einem Guru anzuschliessen, der in der Wueste der Moeglichkeit von Spiritualitaet faselt.
    Schauen wir uns doch mal „wahre Spiritualitaeten“ an, nehmen wir doch mal die Ureinwohner Amerikas, die tief Spirituell waren. Oder Australiens. Und Goetter hatten. Und alle Goetter hatten Dogmen. Gebote und Verbote. Und wer dagegen verstiess musste Qualen erleiden.
    Und die Spiritualitaet hatte sich immer an Dingen festgemacht, waberte niemals im luftleeren Raum.
    Aus diesem Grunde kann Buddhismus etwa nie als Religion bezeichnet werden, da es dort nur um die Auhebung des Ichs geht, nicht aber um Partizipierung an etwas Hoeherem.
    Singen wir also gemeinsam OHM, meditieren wie Madonna und treiben den freigeistigen Kult und waehnen uns aufgeklaert.
    Da waren die alten Afrikaner aber schon jene Menge weiter.
    „Wahre Spiritualitaet“ ist meistens eine Naturreligion, an der, wie gesagt, ein partizipieren nach Hoeherem unmoeglich war, ist und bleibt.
    Aber das wollen die wahren Spiritualisten auch gar nicht. Die wollen Nabelschau, mehr nicht.

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  3. Der Wille des Zeus muss sich erfüllen. (Homer, Ilias)
    Glauben bedeutet in erster Linie sich etwas vorstellen zu können, dass wiederum hat was mit Denken im allgemeinen zu tun. Wenn dann noch das nachdenken zum geglaubten dazu kommt, können andererseits Dinge wie Theorie und wissenschaftliche Überprüfung entstehe. Am Anfang steht immer der Glaube bis Erkenntnis eintritt oder auch nicht.
    Im Übrigen soll Sprache zur Klarstellung benutzt werden. Phobien im Allgemeinen werden als Krankheitszustände an denen man leidet anerkannt. Deshalb sind Begriffe wie Homophobie, Islamophobie, etc., übliche Sprachverhunzungen. Im Besonderen von Freunden der Diktatur und Führerkulte. Im speziellen, von Mao-, Stalin-, Pol Pot, Honecker- und Hitlerfreunden, um nur einige aufzuzählen.

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