Geld ohne Geist

Anlass zum Kommentar ist das Interview der „Neuen Zürcher Zeitung“ mit dem Satiriker Andreas Thiel, einem der wenigen erfolgreichen Schweizer Künstler, die ihre Kunst nicht im steuergeldfinanzierten Tümpel der Kulturförderung ablaichen und der seit seiner Islamkritik in der „Weltwoche“ als Rassist zu gelten hat; von den Medien demontiert, von Künstlerkollegen ignoriert und von Kulturinstitutionen boykottiert.

Ich war in meinen 20ern, voll berufstätig und betrieb das Schreiben soweit möglich an Abenden und Wochenenden. Ausserdem war ich der der Meinung, ich hätte Anrecht auf ein Stück des seit Jahren mitfinanzierten Kuchens der sogenannten Kulturförderung. Ich reichte 30 Seiten eines schwarz triefenden, pubertären und durchs Band suizidären Hilfeschreis ein. Es funktionierte – das Geld kam promt. Ich habe den Betrag nicht verwendet. Ich hatte ihn weder damals noch später wirklich nötig. Ich habe ihn gespendet. Die monetäre Schuld ist beglichen. Der Fleck bleibt. Es ist nicht der einzige und beileibe nicht der grösste. Dennoch ein Fleck. Warum.

Bis in die frühen 1970er Jahre war Kunst in der Schweiz hauptsächlich Privatsache und wurde auch so gehandhabt. Zwar förderten Gemeinden, Kantone und der Bund kulturelles Schaffen, doch ihre Legitimation, ihre Ziele und ihre Massnahmen waren kein Thema der öffentlichen Diskussion. Heute, fast 50 Jahre später, sind wir – was die gesellschaftliche Relevanz anbelangt – wieder soweit, wenn auch aus ganz anderen Gründen.

Im Zuge des Marschs der  68er durch die Institutionen, welcher eine Neugestaltung der Gesellschaft von innen heraus zum Ziel hatte und hat, wurde zuallerst auch die Bewusstseins-Industrie besetzt: Medien, Kultur, Schule. Altes sollte niedergerissen, erneuert, befreit werden. Ideelle und überholte Gedankenwände wie jene zwischen Hochkultur und Populärkultur, E-Musik und Volksmusik, etc. entfernt. Die Zeit der Befreiung dauerte indes nur kurz: bereits Mitte der 70er-Jahre wurde der Ruf nach einer zentralen Kultur- und Förderungspolitik laut, mithin die Bitte der Kunstschaffenden um Inhaftnahme durch die Befreier. Heute haben wir einen Kulturaktikel in der Bundesverfassung sowie ein umfassendes Kulturförderungesetz. Auf die Frage, ob eine Kunst, deren Erzeuger gewerkschaftlich organisiert, in Verbänden vermarktet, politisch gelenkt und medial protegiert sind, noch frei sein kann, sei hier nicht eingegangen.

Im Gleichschritt mit der sich ausdehnenden Verwaltung wurde auch Kultur und deren Förderung professionalisiert, sprich: bürokratisiert. Inhaltlich lief man politisch und künstlerisch zunehmend synchron und feierte multiple scheinbar avantgardistische Höhepunkte der ideellen Vereinigung mit Aktionen wie der Pavillon-Devise „La Suisse n’existe pas“ des Schweizer Künstlers Ben Vautier anlässlich Weltausstellung in Sevilla von 1992. Das Exerzieren der Geschlossenheit auf Linie war damit noch lange nicht zu Ende: Hand in Hand bekämpfte man Tradition, Kapitalismus und angevölkeltes Plebejertum. Parallel dazu vergrösserte sich in beiden Breichen gleichermassen die Distanz zur den Menschen und die finanzielle Ausstattung. Heute leisten wir uns ein kulturpolitisches Paralleluniversum, das den Bezug zur Realität und zur Mitte der Gesellschaft längt verloren und auch nicht mehr nötig hat oder sucht.

Der Kontaktverlust ist indes nicht dem mit exzentrischem Ennui gepflegten „Zu-früh-und-zu-weit-um-verstanden-zu-werden“ geschuldet. Das Gegenteil ist der Fall: die Kunst ist zusammen mit ihrer Verwaltung zum Stillstand gekommen. Mit dem Wegfall der vergötterten Gesellschafts-Alternative des realen Kommunismus fiel der Motor aus. Und anstatt spätestens jetzt das künstlerische Ohr auf den Boden der Realität zu drücken, zu horchen was an Beben sich ankündigte, vorwegzunehmen, vorauszudenken, vorwärts zu stürmen und Wege zu weisen, erhob man sich noch etwas höher über die profanen Nebel des verhasst Biederen und verblieb fortan ganz in der eigenen fremdfinanzierten Welt. Kunst für Künstler und Förderer, Form als Daszeinszweck.

Wo einst für Veränderung gekämpft wurde, gilt der Kampf heute ausschliesslich der Wahrung des Bestehenden. Zu gemütlich haben es sich Verwalter und Schaffende in den politisch geschützten Ateliers fernab jeglichen Rentierens eingerichtet. Und ob bewusst oder unbewusst: Das Trennende, das damals mit kreativer Leidenschaft und revolutionärem Geist niedergerissen wurde, steht heute institutionalisiert und zigfach verstärkt wieder da: was erfolgreich ist, gilt als „Kommerz“, was gefällt ist „Kitsch“, was Resonanz schafft ist „Pop“.  Der Riss, den zu kitten man angetreten ist, könnte grösser nicht sein. Dass es so bleibt, ist eines der wichtigsten Anliegen der verstaatlichten Kulturindustrie geworden.

Dabei ist man sich nicht zu schade, auf das Argumentarium des Dauerfeindes Kapitalismus zuzugreifen um dem inflationierten Förderwahn einen räsonablen Überbau zu verpassen falls es einmal nicht genügt, Förderkritik als Kritik an der Kunst schlechthin zu diffamieren: Von strategischer Ausrichtung ist dann die Rede, von Standortvorteilen, Wertschöpfung, Positionierung und Arbeitsplatzbeschaffung. Auch die Künstler selber greifen in sämtliche Kisten der Marketing-Tricks um ihre Projekte zu verkaufen. Zielgruppe ist freilich nicht zahlendes Publikum, sondern die staatlichen Förderstellen. Dass man die Kernaufgaben der Kultur – unterhalten, anregen, wecken, verbinden – und auch die kreativsten Köpfe längst dem freien Markt überlassen hatte, wurde verdrängt.

Und bevor irgendwelche Zweifel an der zelebrierten Unbeweglichkeit aufkommen konnten, nahte Rettung in Gestalt der ohne parlamentarische Debatte zur Doktrin erhobenen Political Correctness. Ein Fest der Schuld nahm seinen Anfang. Mit einem Schlag watete die dauer-angewiderte Kulturszene  knietief durch eine Gesellschaft von Rassisten, Homophoben, Schwulenhassern, Nationalisten und europaskeptischen Friedensgefährdern. Die Politik hatte ihren Künstlern ein neues Betätigungsfeld fernab jener schweizerischen Biederkeit erschlossen, auf die bisher mit künstlichem Elan eingedroschen worden war und die herhalten musste als Kompensator für nicht oder aus Sicht der Kulturschaffenden viel zu geringer Schuld in der Vergangenheit.

Heute kaschiert die verstaatlichte Kunst ihre inhaltliche Nacktheit in grotesker Perversion all dessen, was sie nach wie vor darzustellen meint – neue Richtungen, Freiheit, Offenheit, Kraft, Mut, Leidenschaft – in der politisch korrekten Korsage der Umverteiler in den obersten Etagen eines Elfenbeinturms ohne Fenster, Balkons oder gar Türen: gesellschaftlich irrelevant, reifemässig auf Adoleszenz-Niveau, politisch prostituiert und inhaltlich nicht vorhanden. Kunst ist Gesinnung. Wer den Eintritt verweigert in den zahnlosen Reigen der auf Befehl und ohne Biss Schaffenden, wird ignoriert, denunziert und ruiniert – ganz in der Tradition der auch tot (in Venezuela gerade sterbend) verehrten Gesellschaftsform des zur totalen Egalität regierten Kollektivs.

Ist das eine Hymne auf hungerde Künstler? Auf brotloses Leiden am Rand einer heute zu Recht kunstmüden Allgemeinheit. Nein – es ist ein Plädoyer für die Befreiung der Kunst, für die Entstaatlichung dessen, was Freiheit braucht, um Exzellenz zu schaffen. Und: für eine Hinwendung zum Verschmähten: Zum Publikum und zum Kapitalismus. Kapitalismus ohne Kreativität funktioniert nicht. Kunst in der heute geförderten From allerdings schon. Wir haben den Status „Geld ohne Geist“ und es ist Zeit, dies zu ändern. Anstatt frei von Zweck und Nützlichkeit in überholter Anklägerpose gegenüber dem zu verharren, dem man seine wirtschaftliche Existenz verdankt, sollte Kunst wieder das werden, was sie sein könnte: Spitzenleistung im Dienst einer Gesellschaft, als deren Teil man sich versteht und deren Bestes man will. Natürlich hätte das Konsequenzen. Natürlich würde ein grosser Teil der heute geförderten Projekte und Künstler schlicht und einfach nicht mehr stattfinden. So what? Was bliebe wären jene, die sich darum foutieren, die weitermachen, Wege suchen, die Leute zu erreichen. Auch und gerade in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, die, entgegen der allgemeinen Behauptung, nach wie vor sehr viel Geld für Kunst und Kultur ausgibt.

Das ist viel verlangt. Man wird bescheiden angesichts des noch reich allimentierten Apparats. Heute wäre es bereits ein grosser Schritt, wenn die Kulturindustrie darauf verzichten würde, erfolgreiche freie Kollegen nicht zu zensurieren. Da gerade dies jedoch verstärkt die selbstauferlegte Kernaufgabe der sowohl politischen, als auch künstlerischen Elite zu sein scheint, sollte die Hoffnung klein gehalten werden. Solange das Geld anderer Leute da ist, wird sich daran nichts ändern. Der Einzelne indes kann es. Immer.

 

 

 

 

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