Nach uns nichts

Merkel und Hollande seien in Italien, um die Europäische Union „von Grund auf“ neu zu beleben, liess uns Renzi am Vorabend des Dreiergipfels im italienischen Ventotene vom Montag vergangener Woche wissen. „Das braucht sie“.  Das hippokratisch besorgt anmutende Flair von Diagnose und Kur täuscht. Eine Behandlung bedeutete eine Entwicklung mit Ziel Besserung und Heilung. Davon konnte weder vor 10 Jahren noch letzte Woche die Rede sein. Wem die Hände auf den Rücken gebunden und eine Plastiktüte über den Kopf gezogen wurde hilft kein Heilverfahren. Solange der Sack – in diesem Fall eine Einheitswährung und eine 50tausend-köpfige Administration – über dem Kopf bleibt, verbleibt alles Reden und Handeln, das nicht im energischen Wegreissen der Tüte besteht, in showmässig ritualisiertem Schamanentum. Und wenn Hollande in seiner Rede zur Lage der Grande Nation die rund 66 Millionen Bürger Frankreichs angesichts gewaltigster Verschiebungen ökonomischer und gesellschaftlicher Bruchfugen mit einem lapidar-präsidialen „Ca va mieux“ abspeist, dann unterstreicht das einzig die Tatsache, dass wir Politik via Event haben. Zukunft reduziert auf profesionell bearbeitete Momentaufnahmen der Gegenwart. Egal ob Konjunkturdaten anstehen, ein Attentat, die Sitzung des FED Offenmarktausschusses, der Tod einer prominenten Persönlichkeit oder die Beinahe-Pleite systemrelevanter Institutionen: Gepflegt wird die Kurzfristigkeit. Der Rhythmus ist jener der News-Feeds und Tagesumfragen.

So verhalten sich dieser Tage allerdings nicht nur Politiker und Zentralbanker, sondern auch ein grosser Teil der Gesellschaft: als gäbe es kein Morgen, keine Kinder oder gar Enkelkinder. Gott ist das Jetzt, das Wir sein Prophet. Nach uns kommt nichts. Die Sintflut ist abgesagt, der Tod – da nicht genderneutral, chancengleich und sozial gerecht hinzubiegen – reduziert auf organisierbare Scheinwürde. Schicht-, partei- und generationsübergreifend ist der Weg, der einst nicht nur eigenes Ziel, sondern auch Zukunft für die Nachkommenden bedeutete, zur Schneckenlinie geworden. Im Zentrum das Ich, der Antrieb kurzfristige persönliche Besserstellung und Positionserhalt.

Wie anders, als mit totalem Ausblenden des Künftigen ist eine Verschuldung der öffentlichen Hand innerhalb der Eurozone zu erklären, die bals die 10 Billionen-Grenze knackt? Oder dass jede 15. Privatperson innerhalb der EU überschuldet ist und dass sparen (heutiger Verzicht für künftige Investition) mittels real negativer Zinsen – pardon: Bankgebühren – zum Witz verkommt?

Wie sonst ist zu verstehen, dass Medin und Politik Reformpakete, die im Fall ihrer Umsetzung die innerste Struktur der DNA ganzer Staaten umkrempeln würden, was einem Mehrgenerationen-Projekt gleichkommt, im Halbjahrestakt abnicken und dies – ungewollt komisch, da ehrlich – mit „unserer Zukunft“ und „in unserem eigenen Interesse“ begründen?

Oder etwa, dass trotz nicht-stattfindens von Hunger, Kälte und Obdachlosigkeit von sich an Steuergeld mästenden NGOs im Endlos-Mantra von Armut lamentiert und entsprechend gefordert wird im Wissen, dass die sogenannte Armut zum 80% befindlichkeitsbedingter Konsum-Mangel ist und die Forderung nur weitere Abhängigkeit auf Kosten jetziger und künftiger Generationen fördert?

Wie anders, als mit Ich-Jetzt-Sofort ist zu erklären, dass die Alten, die in der Schweiz mittels Rente noch gut gestellt sind und fast in jedem Lebensbereich von Alters-Ermässigungen profitieren zusammen mit den Gewerkschaften eine Erhöhung ihrer Renten fordern mit Verweis auf die Gerechtigkeit und im Wissen, dass das, was sie heute beziehen, das einst durch sie Einbezahlte längst übersteigt? Am Zunkunftsgedanken kann es naturgemäss nicht liegen.

Wie anders als mit kurzfristiger Besserstellung und persönlichem Prestige ist zu deuten, dass Politiker, die sich dem „Sozialen“ verbunden sehen (also alle) ohne Not bereit sind, die sozialen Errungenschaften von Generationen, die Sozialwerke, zugunsten käuflicher und zuwandernder Wählergruppen und ihrer selbst gnadenlos zu plündern und in die Pleite zu reiten?

Wie sonst als mit persönlichen Machtgelüsten der Führungsriege ist erklärbar, dass Gewerkschaften – einst Vertreter echter Anliegen echter Menschen – zu wirtschafts- und zukunftsfeindlichen Kampagnenmaschinen verkommen sind, die sich vermehrt staatlich finanziert einzig auf den Ausbau ihrer politischen Machbasis konzentrieren?

Was anderes als Erhalt und Vergrösserung einer staatlich allimentierten Industrie kann als Motiv hinter dem wuchernden Bildungsapparat (zwischen 1990 und 2013 haben sich die Bildungs-Ausgaben der Schweiz verdoppelt), der wild und wahllos fördert, therapiert, individuell motiviert und integriert ausgemacht werden, wenn „hinten“ im immer grösserer Zahl Mastergraduierte sogenannt „weicher Wissenschaften“ herauskommen für die es weder heute noch künftig genügen Arbeitsstellen gibt, während handwerkliche Lehren und alternative Ausbildungen diffamiert und belächelt werden?

Was anderes, als Überhöhung des Ich im Verbund mit dem Empathiegrad einer Amöbe kann es sein, wenn Diskussionen rund um mehr oder weniger diffuse Kinderwünsche, beziehungsweise die Betreuung, Bildung und Erziehung der Wunschsubjekte oft bei einem engagierten „Der Staat sollte … “ ihren Ausgang nehmen und auch dort enden?

Fakt ist: Vom in der Vergangenheit Erarbeiteten ist nichts mehr da, das Gegenwärtige reicht nicht aus. All diese Ansprüche an das Jetzt – und es ist nur eine kleine Auswahl – gehen zulasten der Zukunft. Wer ist sie, diese Zukunft? Die Frage wird nicht gestellt, wir leben, als gäbe es sie nicht. Wem zu fragen wagt, wird mit bleischwerer Moral und Alternativlosigkeit Bescheid gestossen. Argumente sind bei solcher Haltung weder nötig noch erwünscht.

Wir haben nicht nur Luft-Geld, sondern auch Luft-Moral. Ein die wahren Motive nur fadenscheinig übertünchendes Werte-Vakuum in dem die einzige tragende Säule das Ego ist, die einzige auszumachende Entwicklung der permanente Crash. So geht PC heute. Und es ist traurigster Zynismus, der sich aufdrängt, wenn der französiche Wirtschaftsminister Macron die Kampfparole „En marche!“ ausgibt: Der Gedanke, dass das Echo des medial hundertfach wiedergegebenen Rufs näher bei der Wahrheit liegt, als die Losung selbst. Mit Hollandes „Ca va mieux“ ist es genauso: A-(d)ieux!

 

 

 

 

 

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