Pflichtfrei ist nicht frei (Teil 1)

Der Mensch ohne Sprache denkt nicht. Erst die Sprache ermöglicht ihm die Verortung seiner selbst und anderer in der Welt. Das Bewusstwerden von Ideen, Werthaltungen, Zweifeln, Kritik und Erkenntnis ist ohne sie nicht möglich. Wer eine Gesellschaft verändern will, muss damit anfangen, ihr Bewusstsein mittels Sprache zu verändern. Es gilt, das gewachsene Repertoire der Begriffe, die die Sprache ausmachen, zu verändern. Wir stecken bereits mitten drin in diesem Prozess.

Unauffällig und scheinbar harmlos werden Worte entleert oder neu besetzt und derart überfrachtet, dass Nachfragen zum besseren Verständnis unnötig erscheint. Oder aber sie werden schlicht und einfach umgedeutet. Dass sich in dieser Gestaltungslogik die obrigkeitlich Hand der reinen Lehre zuallererst auf Schulen, Universitäten, Medien und Kultur zu legen hat, versteht sich von selbst. Und ebenso, dass solche Sozial-Ingenieurskust der Versuch ist, den Menschen, mithin die Gesellschaft auf arroganteste Weise zum beliebig nutzbaren Durchlauferhitzer von Worthülsen, Geschwätz, Gerede und Parolen zu reduzieren.

Ein Begriff, der das Reinigungs- und Neudeutungs-Programm staatlicheer Sprachhygiene durchlaufen hat, ist jener der Pflicht. Pflicht ist Synonym für Leidiges und Lästiges, Zeit Raubendes, Einengendes und Bremsendes mit digestiv-braunem Gerüchlein geworden. Pflicht impliziert wahllosen Gehorsam. Die totale Umdeutung zum Zwang ist bald erreicht. Zulässig ist der Gebrauch des Wortes nur dort noch, wo es um die Pflichten anderer geht, oder aber wo politischer Wille zu Alternativlosigkeit gerinnt. Wenn die deutsche Bundeskanzlerin in Zusammenhang mit der sogenannten Flüchtlingskrise also verkündet, es sei ihre „verdammte Pflicht und Schuldigkeit, dass dieses Europa einen gemeinsamen Weg findet“ (richtig: der Satz ergibt keinen Sinn) und von der Schweizer Bundesrätin Sommaruga dahingehend sekundiert wird, dass es „unsere Pflicht“ sei, jedem Asyl zu gewähren, der solches dieser Tage wünsche, dann sagen sie damit nur eines: Wir wollen und ihr müsst.

Das ist Zwang. Pflicht ist etwas ganz anderes. Der Begriff der Pflicht geht auf das westgermanische Worte für Pflege zurück. Er ist nicht das autoritäre „du sollst!“ als das man ihn uns zu verkaufen sucht. Er ist das mildere „du solltest“ und lässt die Wahl. Pflicht kann erfüllt oder verweigert werden. Sie fordert eine Entscheidung und die Übernahme von Verantwortung. Pflicht heisst Risiko- und Gewissensprüfung. Die beinhaltet die Möglichkeit des Scheiterns und des Erfolgs. Wer leben will, sollte essen. Wer essen will, sollte arbeiten. Wer denken will, sollte Sprache beherrschen. Wer besser denken will, sollte sich bilden. Der Mensch ist von Anfang an und zuallererst ein ordentlicher Haufen an Pflichten. Und auch vieles, was heute zu Rechten umgedeutet worden ist, sind in erster Linie Pflichten. Man denke da zum Beispiel an die Menschenrechte auf soziale Teilhabe,  auf Erholung oder auf befriedigende Arbeit.

Natürlich ist die Pflicht im Sinn der Pflege der eigenen Person und Anderer mittels Bildung, Arbeit, sozialem Engagement oder Nächstenhilfe nicht immer ein Spass. Natürlich kann sie lästig und auch belastend sein. Aber sie abzugeben oder zu umgehen bedeutet nicht ein Mehr, sondern ein Weniger an Freiheit. Der ihr ausweichende Mensch beraubt sich selber der Wahl, der Möglichkeit der Konsensfindung mit sich und anderen, der Verantwortung und damit des potentiellen Erfolgs. Er enthält sich die eigene Entwicklung hin zur Mündigkeit ebenso vor, wie persönliche Durchbruchserlebnisse, die ihn befähigen aus dem Kreis des Egos herauszutreten und zu wachsen. Er verbaut sich die Möglichkeit der Würde.

Pflichten durch Rechte zu ersetzen und was übrig bleibt in Zwang umzudeuten ist der Versuch, den Menschen in konditionierbare Unmündigkeit zurückzustossen. Das Ganze mit einem Mehr an Freiheit zu garnieren ist Blendwerk und Lüge. Und ein geschickter Schachzug: Die Gesellschaft, die dem obrigkeitlichen „Sei frei!“ mittels Abgabe sämtlicher Pflichten in der Zeitspanne zwischen Muttermund und Massengrab  glaubt, macht sich zum Sklaven, für den andere die Entscheidungen fällen, die Wahl treffen, leben. DAS ist Kadavergehorsam und hat mit Freiheit nicht das Geringste gemein. Im Gegenteil: Freiheit ist in diesem Sinn kein Privileg, kein Recht und schon gar nicht auf Befehl machbar. Sie ist zuallererst eine Pflicht. Mithin die schönste Pflicht.

 

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2 Gedanken zu “Pflichtfrei ist nicht frei (Teil 1)

  1. Lieber Frank Jordan

    Es wäre gewiss keine schlechte Idee, die Massstäbe, die man an andere legt, auch für sich selber gelten zu lassen. Worte, sagen Sie, würden entleert oder überfrachtet, Sie sprechen auch von Worthülsen. Ich habe da ein paar Beispiele für Sie.
    Die Verortung seiner selbst; die obrigkeitlich(e) Hand der reinen Lehre; die Sozial-Ingenieurskunst, der Durchlauferhitzer von…

    Was soll ein digestiv-braunes Gerüchlein sein? Etwas, was zum Erbrechen reizt? Pflicht als etwas Geschissenes? Also entweder etwas Unverdaubares, nicht Digestives, oder eben das Resultat einer Verdauung, gar nicht mehr Digestives.

    Ein Mehr an Freiheit. Ein Mehr an Freiheit als Garnitur und Schachzug. Und, apropos Pflichten, Rechte und Kadavergehorsam: wer essen will, sollte arbeiten. Sie sollten schreiben: muss arbeiten, ihre Westgermanen in Ehren. Sprache wandelt sich. Das Wort Pflicht ist längst, nicht nur wegen Kant, viel kategorischer geworden. Müssen und sollen sind zwei verschiedene Dinge, erst recht noch, wenn man sollen in den allerfreundlichsten Konjunktiv setzt.

    Essen Sie einmal ein paar Tage nichts. Wenn man Ihnen dann ein Essen anbietet unter der Bedingung, dass Sie arbeiten, wissen Sie wieder, was Zwang und Müssen bedeutet. Freilich, wenn nur essen darf, wer arbeitet, kann man die Sozialwerke gleich abschaffen. Soll halt krepieren, wer nicht arbeitet. Welch ein Durchbruchserlebnis! Mit Ihrem Konjunktiv auf den Lippen…

    Nun ja. Ohne Sprache denken wir nicht. Mit ihr aber auch nicht immer. Vieles gerinnt, nein versickert uns halt wie ein ausgetrocknetes Bächlein im Boden, ohne „Bewusstwerdung von Idee“.

    Daniel Costantino

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    • Lieber Daniel Constantino. Danke, dass Sie sich die Mühe für ein Feedback gemacht haben. Ich verstehe nicht, was Sie mir mitteilen wollen – sehe die Botschaft schlicht und einfach nicht, ausser jener, dass im Passiven verharrende Kritik geübt wird. Aber woran genau? Bitte um Nachsicht und um Klärung, sofern Interesse des Verstehens meinerseits bei Ihnen vorhanden. Schöne Grüsse. Ihr FJ

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