Pflichtfrei ist nicht frei (Teil 2)

Vor dem Hintergrund des Versuchs einer Definition des Begriffs „Pflicht“ als Brücke zu individueller Freiheit ist die neuerlich in der Schweiz entbrannte Debatte rund um das Thema „Hausaufgaben“ interessant. Den Auftakt zur Diskussion gab diesmal der Verband der Schulleiter (VSLCH), der mittels Sonntagspresse warnte, Hausaufgaben würden die Chancengleichheit der Kinder gefährden und seien abzuschaffen. Dies aus Rücksicht auf Kinder, die sich zuhause an niemanden wenden können weil entweder beide Elternteile arbeiten oder den sogenannt bildungsfernen Schichten zuzuordnen sind. Dass hier die nächste Stufe einer Nivellierung nach unten vorbereitet wird, liegt auf der Hand. Interessant wird die Argumentation des VSLCH erst nach Abarbeitung des obligaten PC-Solls. Ein weiterer Grund für die Forderung des Verbands ist nämlich der, dass sich, wie die Vizepräsidentin Lina Lehner deutlich macht, immer mehr verzweifelte Eltern an sie wenden, weil sie beim Thema Hausaufgaben regelmässig mit Kindern aneinandergeraten. Kurz: Hausaufgaben bedeuten Zoff.

Die Debatte ist hoch emotional wie immer, wenn Kinder im Spiel sind. Die Positionen sind klar. In der medialen Berichterstattung fällt allerdings auf, dass diesmal die Befürworter einer Abschaffung der Hausaufgaben lauter sind. Die Stimmen, die darauf beharren, dass Hausaufgaben auch dazu dienen, den Kindern zu vermitteln, dass es ausserhalb der Schule Pflichten gibt, die es selbständig zu erledigen gilt, sind rar. Die Schule müsse in der Lage sein, den zu vermittelnden Stoff während der ihr zustehenden Zeit zu vermitteln und zu üben, heisst es. Viel und gern zitiert wird auch der Kinderarzt Remo Largo mit der Aussage, die Verantwortung liege allein bei der Schule und nicht bei der Familie. „Wäre es nicht mutiger (von den Schulen), die Verantwortung gleich ganz zu übernehmen und die Hausaufgaben – auch offiziell – im letzten Jahrhundert zu lassen? Nach dem Grundsatz: Schule ist Schule, und Freizeit ist Freizeit.“ fasst Seraina Kobler in der NZZ zusammen.

Willkommen im Katasteramt der Lebens, liebe Kinder!  Hier lernt ihr, wie ihr euer Leben sauber parzelliert, kartografiert und vermesst. Denn es ist nicht etwa einfach Lebenszeit, die euch geschenkt ist zwischen Anfang und Ende. Es ist Freizeit und Arbeitszeit. Gute Zeit und schlechte Zeit. Pflicht gegen Freiheit. Ihr habt Wünsche, Träume? Gut und Recht – aber haltet sie im bezahlbaren Bereich. Denn alles andere wird früher oder später die Übersetzung des Wunsches in Wille und Tat von euch fordern. Beides bedeutet Pflicht, Verantwortung, Entscheidung und – ja – auch Leistung. Lasst es sein. Es ist nicht spassig und lustbetont. Weicht ihm aus, umgeht es, seid frei!

Ist das so? Ist das die Kernbotschaft von Schulen und Eltern dieser Tage? Die Nachfrage bei einem Bekannten, der seit 25 Jahren als Lehrer tätig ist, bringt Klarheit. Er lacht bei Erwähnung des Begriffs der Chancengleichheit. „Darum geht’s doch gar nicht“, sagt er. „Die Eltern wollen Ergebnis-Sicherheit. Das ist alles, was zählt. Nicht, ob ihr Kind die Materie kapiert oder etwas geleistet hat. Die richtige Bewertung ist ausschlaggebend. Stimmt sie nicht mit den Erwartungen überein, dann liegt’s am Lehrer. Oft weiss ich nicht, ob ich bei Hausaufgaben die Arbeit der Eltern oder die der Kinder korrigiere. Es ist nur logisch, dass schlechte Beurteilungen persönlich genommen werden. Aber das geht noch;  dass Eltern die Hausaufgaben ihrer Kinder machen, ist einfach nur dumm. Richtig schräg wird es, wenn das Kind die guten Noten der Eltern nach hause bringt und dafür gefeiert wird. Das ist nicht nur Selbstbetrug vonseiten der Eltern – es ist die Anleitung zu Scheitern und Frustration für die Kinder. Ich habe ganze Klassen kleiner Superstars, die irgendwann mit Volldampf gegen die Wand der Realität fahren werden. Ein Teil jedenfalls. Ein anderer Teil, der die Sache mit der Realität früher versteht oder zumindest ahnt, fängt an zu kiffen. Auch das ist eine Problemlösungsstrategie.“ Er lacht nicht mehr. Auf die Frage nach dem „Zoff“ für den die Hausaufgaben regelmässig sorgen würden meint er, auch das sei normal: „Stell dir vor, die Kinder hätten ausser den Hausaufgaben auch andere Pflichten. Der Abwasch, Zimmer aufräumen, kleine „Ämtlein“ im Haushalt, you name it. Dann wäre es entweder kein Thema oder aber es gäbe dauernd und nur Zoff in diesen Häusern. Fakt ist: Auch zuhause werden die Kinder verschont von Pflichten. Die Eltern weichen der Konfrontation oft aus mit der Entschuldigung, die Kinder sollen Kinder sein dürfen, der Ernst der Lebens fange noch früh genug an. Das Problem ist, dass ‚früh genug‘ zu spät ist.“

Was ist der Wunsch für die Zukunft der Kinder hinter dieser Haltung? Oder besser: Was bietet man an Lebensentwürfen, wenn man von der zur Verfügung stehenden Lebenszeit einen grossen Teil – die Pflichten, die Verantwortung für die Pflege dessen, was man tut, ist, hat und liebt – in Abzug bringt und damit nicht nur Weite, sondern auch Vielfalt in Abrede stellt oder gar zerstört? Wenn die Option des Überwindens, Leistens, Durchleidens, Durchbrechens wegfällt? Wenn Stolz auf Erreichtes, Erabeitetes, Erspartes und auch Erlittenes von vornherein gestrichen wird aus dem emotionalen Erlebenshorizont? Wenn Kinder von Anfang an reduziert werden auf die Hälfte dessen, was sei sein könnten? Und wenn man ihnen die wichtigste Kompetenz – jene, die Frage zu beantworten, wie sie leben wollen – nicht vermittelt?

Es besteht die Möglichkeit, dass dadurch eine Generation zu einer Existenz im Dauermodus des Erwartens verurteilt wird. Reduziert auf die Jagd nach dem leistungsfrei erwerbbaren Kick, nach kostenlosem Spass und organisierten Events. Und vor allem: vollkommen abhängig von dem, was von aussen geliefert wird und ohne die Möglichkeit, in sich selbst zu schürfen nach dem was tiefer geht und länger dauert. Frühstmöglicher Frust ist wünschenswert. Er beweist, dass das Wissen um ein Mehr, nach Echtem, Erfüllung und Freiheit in uns angelegt ist wie jenes um richtig und falsch. Dieses Wissen zu wecken vor dem Frust, es hervorzuholen und wenn nötig freizuschaufeln ist wohl die schönste Pflicht aller Eltern. Ein Kraftakt sicher, oft auch Kampf und Konfrontation. Aber wer mehr will für die nächste Generation, als eine Teilzeit-Existenz, nämlich das ganze grosse Leben, der nimmt die Pflicht auf sich. Mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft. Lehrer sollten dabei ihre qualifizierten Handlanger sein dürfen und den Kindern verlässliche Wegewarte. Die Auslagerung dieser Aufgabe an die Schule, wie in der NZZ vorgeschlagen ist in diesem Sinn nicht mutig, sondern grobfahrlässig.

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