Wider den Milchzwang

Dem Volk von Kuhland, einer kleinen Nation in den Bergen, wird die sogenannte Milch-Initiative zur Abstimmung vorgelegt, die eine Pflichtleistung aller Bürger im Bereich Milchprodukte vorsieht. Jede Person hat im Fall der Annahme der Initiative künftig 500 Euro pro Jahr an den Händler ihrer Wahl zu entrichten und kann dafür bei ihm unbeschränkt Molkereiprodukte beziehen. Wer seinen Jahresbeitrag nicht verkonsumiert, wird durch Rückerstattung der Differenz belohnt. Die Befürworter der Initiative haben die „grossen“ Argumente auf ihrer Seite und bieten nicht weniger als die Quadratur des Kreises: Ernährungssouveränität im Krisenfall mittels Sicherstellung einheimischer Produktion, Volksgesundheit, sinkende Preise und soziale Gerechtigkeit. Das Ganze ohne den Wettbewerb auszuschalten. Die Aktivitäten der Initiativ-Gegner nehmen sich dagegen aus wie ein staubtrockener, verbitterter und blindwütiger Alte-Leute-Krieg. Ihr Hauptargument, dass die Preisreduktion ausschliesslich ein kurzfristiges Phänomen sei und sich über kurz oder lang (eher kurz) in sein Gegenteil verkehren würde, kommt gegen das Ich-Sofort-Mehr-Kriterium nicht an. Die Mehrheit der Parlamentarier pflegt in ihrer Argumentation indes eine Art bekümmertes Wohlwollen und fühlt sich friedlich keiner der beiden Seiten verpflichtet. Sie zählt sich wie immer zur extremen Mitte um – je nach Abstimmngs-Ergebnis, erstaunlich geschmeidig die geistige Hinwendung zur Gewinnerseite zu vollziehen.

Die Initiative wird vom Volk mit grosser Mehrheit angenommen und das neue Gesetz tritt in Kraft. Bald zeigt sich jedoch, dass die eiserne Logik, als die sich die Pro-Argumentation ausgegeben hat, Blendwerk war. Die Schwarzmaler in puncto Preisentwicklung lagen richtig. Es wird massiv mehr produziert und ebensoviel mehr konsumiert. Weder Hersteller noch Konsumenten brauchen sich über Kosten und Konsumverhalten Gedanken zu machen. Es herrscht kollektiv finanzierte Verschwendung und Überversorgung. Als der Punkt erreicht ist, an dem die jährliche Milchprämie die Kosten nicht mehr deckt, muss zum ersten Mal eine Prämienerhöhung durchgesetzt werden. Gleichzeitig beschliesst die Regierung, eine Kampagne zum verantwortungsvollen Umgang mit Milchprodukten zu lancieren.

Parallel dazu gehen mächtige Konsumentenschutz-Organisationen auf die Barrikaden: Die Tatsache, dass die Händler ihr Sortiment und daher auch die Preise aufgrund regionaler und marktwirtschaftlicher Kriterien (Einzugsgebiet, Demographie, Kundensegmente, etc.) individuell gestalteten und nicht mit jedem Produzenten zusammenarbeiteten sabotiere die Idee der sozialen Gerechtigkeit. Die Politik sei gefordert. Jene vernimmt den Ruf und handelt im Sinn der Lobby und der Leute – schliesslich will man wiedergewählt werden. Die Händler kommen in den Genuss eines flankiernden Regelwerks, an das sie sich künftig zu halten haben: Zum einen ein Vertragszwang, der vorsieht, dass sie auf Kundenwunsch mit jedem Hersteller zusammenarbeiten müssen ungeachtet eigener Konzepte oder der gelieferten Qualität und Preise. Zum anderen wird der Milchhandels-Ausgleichsfonds geschaffen. Wer gut wirtschaftet, weil er unter anderem  von „guter Kundschaft“ profitiert, hat künftig einen Teil seines Umsatzes in den Fonds einzuzahlen für jene Händler, die „schlechte Kundschaft“ haben und die sich aus dem Topf bedienen dürfen. Wer nicht spurt, dem wird der Laden dicht gemacht. Viele tun es indes freiweillig. Ein grosses Milchhändlersterben setzt ein. Für kleine und mittlere Betriebe lohnt sich der Einsatz für Innovation und Eigeninitiative nicht mehr. Ausserdem verbleibt für die Ausübung des Kerngeschäfts durch immer abstrusere administrative Forderungen schlicht keine Zeit. Übrig bleiben die grossen Detailhandelsketten.

In der Zwischenzeit, von politisch einflussreichen Lobbys grosser Hersteller angespitzt, macht sich bei den Konsumenten erneut Unzufriedenheit breit: Warum werden Leute, die nicht ihr ganzes Guthaben verbrauchen mit dessen Rückerstattung belohnt, während die grosse Mehrheit mit Prämienerhöhungen zu kämpfen hat? Wo bleibt da die soziale Gerechtigkeit? Ausserdem: Warum zählt Butter zu den Milchprodukten, während Kosmetika auf Basis von Ziegenbutter selbst berappt werden müssen? Warum schliesst das Milch-Gesetz Molkegetränke ein aber Badezusätze, die grösstenteils aus Molke bestehen nicht?

Die Politik – auf dem der Mehrheit zugewandten Ohr nie taub – handelt erneut entschlossen: Künftig wird selbstverantwortliches Handeln nicht mehr belohnt, Verzicht kostet, Rabatte werden keine mehr gewährt. Es wird ausserdem eine einkommensabhängige Subvention zur Entlastung bestimmter Haushalte beschlossen. Etwa ein Drittel der Bevölkerung profitiert von dieser Massnahme. Gleichzeitig wird der Katalog der unter die Milch-Prämie fallenden Produkte massiv erweitert. Es wird Herbst. Die Prämienerhöhungen für das nächste Jahr werden kommuniziert. Die Wunschlisten der Interessengruppen werden vorbereitet. In Kuhland regieren die Schafe.

Natürlich kann das einfache Milch-Beispiel nicht 1:1 auf das ungleich komplexere Gesundheitswesen übertragen werden. Die bekannten Fakten sprechen indes dafür, dass der Mechanismus hinter der allseits beklagten Kostenexplosion ein ähnlicher ist. Die gezwungenermassen und von jeder Selbstverantwortung enthobenen Versicherten beziehen stetig mehr Leistungen. An Beispielen mangelt es nicht:

  • In geförderter Ignoranz der Kosten werden vermehrt die teuren und hochgerüsteten Spital-Notfallstationen anstelle des Hausarztes aufgesucht. Egal ob ein Notfall vorlieg oder eine Verstopfung – diese Stationen werden zu völlig überteuerten Anlaufstellen für Ingoranten und (meist ausländische) Uninformierte. Tendenz steigend.
  • Bei Grippe wird grundsätzlich der Arzt aufgesucht obwohl dieser ausser Beileidsbekundungen und Hustensaft, Aspirin und ein weiterer Termin zur Kontrolle nichts mit auf den Weg geben kann.
  • Kindern werden oft und rasch Antibiotika verschrieben weil kranke Kinder in Kitas nicht erwünscht sind. Zwei bis drei Arztbesuche sind in solchen Fällen normal. (Die Gesundheitskosten von Kindern zwischen 0-5 Jahren haben zwischen 1997 bis 2013 um satte 75% zugelegt während jene der 81 bis 85jährigen „nur“ um 45% zulegten (Quelle: BFS, Schweiz).)
  • Der Leistungskatalog der Grundversicherung wächst mit der Ausdehnung des Krankheitsbegriffs bis hin zur Unkenntlichkeit unaufhörlich. Krankenversicherungen sind Selbstbedinungsläden für Patienten und Leistungserbringer geworden: Akoholintoxikation (Komasaufen), Abrtreibungen, Raucherentwöhnung, Magenbypass, Heroin-Ersatz, Burnouts in jeder Ausprägung und Schönheits-OPs – dies nur eine kleine Auswahl der gutgeheissenen und praktizierten Absurditäten – werden heute grösstenteils bezahlt.
  • Jeder zweite bis dritte Patient verlangt vom Hausarzt selbstverständlich eine weitere Leistung, die der Arzt von sich aus nicht anbietet (Medikamente, ärztliches Zeugnis, Überweisung an den Spezialisten, etc.) die er aber dem Patienten und sich selbst zuliebe erbringt.

Die Erwartungshaltung der Leistungsbezüger steigt ins Unermessliche. Wer die Leute aufgrund dieser Entwicklung zwingt, noch mehr Prämien zu zahlen und gleichzeitig glaubt, sie würden dann nicht noch mehr Leistungen in Anspruch nehmen bzw. er könne mittels millionenschwerer Kampagnen für „weniger Salz“, „mehr Bewegung“, „Aufklärung von Migranten“, „weniger Alkohol“ und gegen „das Rauchen“ ein „Weniger“ in puncto Konsum erreichen, ist bestenfalls naiv – eher ein Lügner.

Das Problem also auch hier: Wir haben nicht ein „Zuviel“, sonder ein „Zuwenig“ an Wettbewerb. In Wahrheit ist er es längst nur noch dem Namen nach. Wo der Staat, von der Bevölkerung legitimiert, einen Markt fast vollständig überwacht, Spielräume zur Gestaltung von Preisen auf ein Minimum beschränkt und die Kontrollmechanismen laufend ausbaut darf man sich nicht wundern, wenn eines Tages ebendieser Staat mit oder ohne Not die „Leistungen“ kürzt, befiehlt, ganz abschafft oder auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe beschränkt. Selbes Spiel, andere Richtung. Selber schuld.

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Ein Gedanke zu “Wider den Milchzwang

  1. „Bei Grippe wird grundsätzlich der Arzt aufgesucht obwohl dieser ausser Beileidsbekundungen und Hustensaft, Aspirin und ein weiterer Termin zur Kontrolle nichts mit auf den Weg geben kann.“

    Richtig heißt es „grippialer Effekt“. Die Symptome bei einem grippialen Effekt und einer bakteriellen Infektion sind identisch (Husten, Schnupfen, Fieber etc.)
    Eine Behandlung ohne Antibiothika bei einer bakteriellen Infektion kann irreparable Schäden verursachen.
    Letztlich ist man sowieso arbeitsunfähig und braucht somit eine Krankschreibung, wenn man berufstätig ist.

    Es ist zudem erschreckend, wie sie Menschen mit Suchterkrankungen einfach nicht helfen wollen. Stichwörter wie Methadon oder Alkoholtherapien sind ja hier gefallen.
    Sind Sie selber so gut im Leben versorgt, dass Sie glauben, dass sie nie so wenig haben werden, um aufgrund einer Krankheit zu verrecken, die aus kostengründen, wie von Ihnen gefordert, nicht behandelt wird?

    Ein kleines bisschen soziale Intelligent und Empathie wäre wünschenswert.
    Vor allem Respekt, wenigstens an der Gesundheit anderer Menschen.
    Aber das ist für sie wahrscheinlich eh wieder nur eine Formel der politischen Korrektheit – ich naiver Gutmensch.

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