Du sollst deinen Kinder dienen

Von offizieller Seite her ist man sich einig, dass das traditionelle bürgerliche Familienmodell ausgedient hat. Als Ideal und anzustrebendes Ziel gelten die Modell-Varianten „egalitär-familienbezogen“ (beide Eltern arbeiten Teilzeit) und „egalitär-erwerbsbezogen“ (beide Eltern arbeiten Vollzeit). Das Äusserste, was man als Kompromiss auf dem Weg dahin zu akzeptieren bereit ist, ist das sogenannte „modernisierte bürgerliche Modell“ bei dem der Vater Vollzeit, die Mutter Teilzeit arbeitet. Leute, die hingegen festhalten am verpönt Gestrigen (Vater Vollzeit, Mutter Kindererziehung und Haushalt) werden degradiert zu meldefplichtigen Irren, zu Nazis oder – seit neustem auch im Repertoire politischer Jovialitäten zur Bezeichnung widerspenstiger Bürger – zu Arschlöchern. Vergessen, ignoriert, verschwiegen oder alles auf einmal wird die Tatsache, dass diese sogenannt fortschrittlichen Lebens- und Familienentwürfe nicht realisierbar wären ohne die letzte intakte Stütze des bürgerlichen Familienmodells: die Grosseltern.

Grosseltern leisten in der Schweiz jährlich rund 100 Millionen Betreuungsstunden, was dem Arbeitspensum von 50’000 Vollzeitstellen entspricht. Das ist wunderbar und spätestens mit Kenntnisnahme solcher Zahlen, sollte jedem auflage- oder um-umverteilungsmotivierten Jung-gegen-Alt-Hetzer der Wind aus den Segeln fahren. Tut es aber nicht. Warum.

Die immense Leistung der Grosseltern – allen voran der Grossmütter – wird oft weder gewürdigt, noch verdankt, geschweige denn bezahlt – sie wird als selbstverständlich vorausgesetzt, gefordert und notfalls erpresst. Gerade junge Mütter und Väter, die gleichberechtigter leben wollen als ihre Eltern einst, erwarten von diesen, dass sie sich zum Zweck der eigenen Befreiung und Verwirklichung klaglos in jenes Rollenbild fügen, das sie selbst zu bekämpfen vorgeben oder bereits auf Kosten anderer überwunden haben.

Zwei Beispiele: Eine Grossmutter, 55, ist voll berufstätig und kümmert sich ausserdem um ihre betagte Mutter. Viel ihrer zur Verfügung stehenden Freizeit sowie sämtliche Ferienwochen widmet sie nebst Ehemann, Haus und Garten den Enkeltöchtern. Sie empfindet die Zeit mit den Kindern als Bereicherung. Trotzdem meldet sie nach neun Jahren das Bedürfnis an, eine Ferienwoche für sich zu haben. Seither liefern Sohn und Schwiegertochter die Kinder wohl noch ab, verweigern jedoch jegliche Kommunikation. Ein anderes Ehepaar, beide in den Sechzigern, nimmt zwei- bis dreimal wöchentlich die zweistündige Fahrt zu „den Kindern“ auf sich. Diese sind beide voll berufstätig, ihre Kinder grösstenteils in professioneller Obhut. Die organistorische Lücke im Mikromanagement füllen die Grosseltern. Da das doppelte Einkommen zwar ein Haus mit Garten ermöglicht, jedoch keine Zeit für Haushalt und Gartenarbeit bleibt, wird auch hier auf die Alten zurückgegriffen. Als diese Ermüdungserscheinungen zeigen wird ihnen beschieden, dass sie in diesem Fall, sollten sie einmal pflegebedürftig werden, nicht auf die Hilfe der Jungen zählen sollten.

Natürlich sind beides negative Extrem-Beispiele. Sie zeigen jedoch in überzeichneter Weise ein Verhaltensmuster auf, das in mehr oder minder abgeschwächter Form oft zu finden ist. Fakt ist: Ein Grossteil der mittleren Generation verlässt sich organisatorisch und finanziell auf die Alten. Ob und in welcher Form dies erwünscht ist und gelebt wird, ist Sache einer jeden Familie. Was stört und befremdet, ist, dass solches Entscheiden, Diskutieren und Lösungs-Finden oft gar nicht stattfindet. Fordern ersetzt Bitten. In hilflos-arroganter Weise werden den Eltern nach vierzig Jahren des In-der-Verantwortungs-Stehens eigene Bedürfnisse, Interessen und Pläne stillschweigend abgesprochen und es wird vorausgesetzt, ihr einziges Wollen gelte den Jungen und deren Vorankommen. Ein Nein stösst vor den Kopf, der Hinweis auf ein eigenes Leben wird als Querulantentum wahrgenommen. Wer keine Probleme will funktioniert klaglos, wunschlos und nachtürlich kostenlos.

Als Begründung und Feel-good-Argument wird oft der Kollektivismus der Kinderaufzucht, wie ihn unsere Vorfahren in Familien- und Dorfgemeinschaften praktizierten, hervorgezerrt. Das Argument hinkt insofern, als dass die gemeinschaftliche Brutpflege auch gemeinschaftliche Erziehung bedeutete. Jener, der die Kinder betreute, legte auch die Regeln fest. Bei der Nachbarin, die Nachbarin, bei der Grossmutter, die Grossmutter. Solches ist heute nicht mehr erwünscht, wer nebst eigener Leistung eine eigene Meinung mitbringt, macht sich der Ketzterei schuldig. Oder anders gesagt: In Sachen Erziehungskompetenz würde man den Alten nicht mal einen gebrauchten Busfahrschein anvertrauen. Grossmütter haben als gütige, liebevolle, und meinungslose Wesen zu dienen und dankbar zu sein für die Gnade der teilhabenden Dauerverpflichtung im Hütedienst, im Haushalt und im Garten. Optimalerweise unsichtbar oder wenigstens auf Socken und Zehenspitzen.

Mit dem Überbordwerfen letzter familiärer Hierarchien und der Aufzucht einer Teilgeneration infantiler, egoistischer, desinteressierter und empathieloser Dauerschmarotzer durch Eltern und professionelle Betreuer, die sich als Diener und Projektmangager dressierter und ansonsten geschoner Kinder verstehen, verschärft sich das Problem noch. Grosseltern, die sich weigern, fraglos zu fixen Arbeitszeiten und selbstverständlich in Dauerbereitschaft in die Überbehütungs-Maschinerie einzusteigen, werden als Affront empfunden. Selbstbestimmung findet vordergründig zwar jeder gut. Die Alten sollte sich allerdings nicht erdreisten, solches für sich in Anspruch zu nehmen. Was das für die aktuelle Elterngernation im Alter und die Generation der Kindeskinder bedeutet, kann sich jeder selber ausmalen.

Sie möchte die letzten statistisch wahrscheinlichen 15 Jahre ihres Lebens so verbringen, wie Sohn und Schwiegertochter es heute für sich in Anspruch nehmen, verkündete eine aufmüpfige Oma. „Böses Blut“ war das Resultat. Funkstille. Enkelentzug. Irgendwann ein erstes Gespräch. Eine Diskussion über die Zusammenarbeit der Generationen, über Regeln, Distanz, Werte und über die Freiheit. Es wirkte. Heute funktioniert es. „Danke“ und „Bitte“ sind wichtiger Bestandteil dieses „Neuen“. Auch für die Kinder.

Grosseltern sind etwas Wunderbares. Zeit mit Ihnen verbringen zu dürfen während den ersten Dekaden des Lebens ist unbezahlbar. Aufgrund unseres Wohlstands und des medizinischen Fortschritts können Generationen heute voneinander lernen und profitieren wie nie zuvor. Solches zu reduzieren auf eine nach Belieben und Bedürfnis buchbare Dienstleistung oder es gar umzudeuten zum Zweck politischen Gegeneinanders ist nicht nur anstandslos sondern dumm. Die Alten brauchen die Jungen, das stimmt. Wahr ist aber auch, dass die Jungen die Alten brauchen. Dieses Einander-Brauchen nennt sich Familie. Zeit, unsere Eltern zu ehren.

Advertisements

8 Gedanken zu “Du sollst deinen Kinder dienen

  1. die politische Diskussion um die Arbeit der Eltern ist sehr bemerkenswert. Sie hat vergessen, dass kluge Leute in den frühen siebziger Jahren ausgerechnet hatten, dass die enorme Produktivitätssteigerung, die in den westlichen Industrieländern, vor allem in Deutschland, gemessen wurde, dazu führen könnte, dass die Menschen in absehbarer Zeit nur noch erheblich weniger arbeiten müssten. Man machte sich bereits Gedanken, wie man bei so viel Freizeit eine sinnvolle Beschäftigung finden, vielleicht diese sogar mit Gemeinwesenarbeit ausfüllen könnte. Davon ist nichts geblieben. Die Produktivitätssteigerung ging voll in die Taschen der Reichen. Heute müssen Eltern beide berufstätig sein und sehen einem Lebensabend in Armut entgegen. Es wird Zeit, dieses unmenschliche System zu beenden, die Familien wieder in Ordnung zu bringen (ein Elternteil gehört nach Hause!) und an die arbeitenden Menschen zu geben, was sie verdienen. Vielleicht wäre die Maschinensteuer, die damals angedacht war, die richtige Entscheidung.

    Gefällt mir

    • Danke für den Kommentar. Die Problematik ist m.E. eine andere: Anstatt beide Elternteile in Arbeit zu zwingen, weil man ihnen mindestens 50% des generierten Einkommens (mit Gebühren und Steuern auf Produkten sind es mehr) via Steuern abpressen will … DAS ist das Problem. Staatskrake reduzieren, zurückbauen und den Leuten den verdienten Lohn zum grössten Teil lassen. Ausserdem: Nicht ganze Heerscharen Nicht-Arbeitender allimentieren von dem, was andere erarbeiten. Eine weitere Steuer für Unternehmer wird langfristig nur eines bedeuten: Abbau von Arbeitsplätzen und noch mehr Leute, die von den Sozialwerken leben müssen, weil sie keinen Job mehr finden.Diesen Teufelskreis endlich durchbrechen. Die Leute wirtschaften lassen und nicht den Staat. Der kann das nämlich nicht. Aber wie gesagt: Das ist meine persönliche Meinung. Herzlicher Gruss. Ihr FJ

      Gefällt mir

  2. Was mußte durch die Jahrhunderte Familie alles Leisten. Eine Ideologie löste die andere Ideologie ab.
    Der Sozialismus/ Kommunismus benötigte den sozial eingestellten Typ Mensch , der Kapitalismus den Draufgänger und der heutige Genderwahn den – welches Geschlecht bin ich denn morgen Typ-.
    Einig sind alle Ideologien in einem, sie bauen auf eine Zukunft und die Zukunft gibt es nicht. Es gibt immer nur das Jetzt, wo ich wirken kann.
    Spätesten nach einem Familienaufstellen nach Hellinger wird deutlich, wo die Liebe, wo der Liebesstrom in der Familie nicht mehr fließt, wo vielleicht auch Seele verkauft wurde, um ideologisch zu funktionieren.

    Gefällt 1 Person

    • Da bin ich mit Ihnen nur insofern einig, als Gender und Sozialismus Ideologien sind. Kapitalismus ist indes eine Wirtschaftsordnung, oder eine Gesellschaftsordnung die auf dem freien Markt basiert. Das hat mit Ideologie nichts zu tun, sondern mit Wettbewerb. Mit Angebot und Nachfrage. Jeder nach seinem Wissen und Können. Aber wo Sie richtig liegen und was ich erstaunlich finde: Warum machen die Leute diese Ideologien mit? Heute sind wir ja noch nicht unter Zwang. WArum macht man diesen Schwachsinn mit? Warum adoptiert man von oben verkündete – nicht zu verwechseln mit nachgewiesene – Wahrheiten und lebt danach ohne zu fragen? Das ist das Thema, was mich immer wieder und Thematikübergreifend in allen Lebenslagen am meisten erstaunt. Warum machen die Leute das mit? Haben Sie eine Erklärung dafür?

      Gefällt mir

  3. Es darf auch gefragt werden, fast jeder weiß, das Frau Merkel lügt, wenn sie mantraartig sagt, „Wir schaffen das.“ Vor 10 Jahren war sie ganz anderer Ansicht, da war für sie Multikulti gestorben.

    Warum geht kein Aufschrei durch die Partei der CDU? Durch die gesammelte Wählerschaft?

    Ich meine, sie haben ihren göttlichen Zorn verkauft. Es ist nur noch religiös zu erklären, Baal, der Beelzebub, hat auf ganzer Linie gesiegt. „Wes Brot ich freß, des Lied ich sing“

    Wir sehen es ja heute in Sachsen, dort ist noch etwas heiliger Zorn vorhanden, mit diesem Zorn sind die Völker unschlagbar.

    Gefällt mir

  4. Angebot und Nachfrage

    Da liegt für mich der Betrug. Weil hier für Manipulationen Tor und Scheune weit geöffnet werden.
    Künstliche Verknappung um den Preis hochzutreiben.

    Ein Bild dazu. Laster voller Obst werden in einem See verklappt.

    Gefällt mir

  5. Pingback: Du sollst deinen Kinder dienen | Der Honigmann sagt...

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s