Eltern braucht das Land

Was De Tocqueville bereits um 1840 als Gefahr erkannt hatte, nämlich, dass Demokratie, die Gleichheit noch vor Freiheit anstrebt, die Individualisierung an einen Punkt brigen kann, wo sie die Gemeinschaft zersetzt, ist heute längst Realität. Mehr noch: die perfide Ironie, dass jene Staatsform, die vordergründig Gleichheit herstellen soll, ihre Bürger unter die Herrschaft des hyperindividualisiert Subjektiven gebracht hat, wo sie als in ewiger Nabelschau befangene Ich-Anbeter leben, wurde nicht nur erkannt, sondern zum Ziel erhoben. Auf den Gedanken, wahre Mitbürger zu haben, die die eigenen Interessen und Sorgen teilen könnten, kommt ein grosser Teil der Menschen heute gar nicht mehr. Der Horizont bleiben beim Blick Richtung Nabel die eigenen Zehennägel.

Aber auch darüber sind wir, betrachtet man’s genau, längst mit Volldampf hinausgeschossen. Das Fluidum der Masse, die sich aus im ADHS-Modus laufenden Einzelnen zusammensetzt und deren Eintracht nur Synchronizität ist, wird mithilfe klassischer und sozialer Medien im Fluss gehalten. Das Zauberwort lautet „Emotionalisierung“. Debatten – will man das primitive Aufeinanderhetzen Ich-gläubiger Gruppen als solche bezeichnen – werden auf diese Weise fernab  der Sache „unterhaltsam“ und „aufregend“ gestaltet, wo zum Besten der Gemeinschaft und des Einzelnen Stunden staubtrockener, stiller, präziser und sorgfältiger Auseinandersetzung mit Fakten notwendig wären.Dazu zwei Beispiele.

Als die bekannten Misstände innerhalb der Deutschen Bank in diesem Herbst unhaltbar und damit systemgefährdend zu werde drohten, hatte der Bundeswirtschaftsminister, Sigmar Gabriel, dessen Behörde gemäss Eigenangaben den Erhalt und die Förderung der Wettbewerbsfähigkeit, des Beschäftigungsniveau und des sozialen Zusammehalts als oberste Ziele hat, nur dies zu bieten: ungeistige, bornierte, trübe und niederschmetternd banale Häme. In grotesker Umkehrung seines offiziellen Auftrags lief sein Statement darauf hinaus, Aktionäre, Kunden und Mitarbeiter zu verunsichern. Von der Möglichkeit, dass solch unreflektiertes Gewäsch zu diesem Zeitpunkt im Ausland als Freigabe zum Abschuss hätte interpretiert werden können, ganz zu schweigen. Anstatt unaufgeregt, sachlich und gelassen seinen Job zu machen und einem Institut in der Krise zu Seite zu stehen und damit das Image der Bank und des Landes zu schützen und Stabilität wiederherzustellen, nichts als billigster Spott. Hauptsache, den Leuten, deren Verhältnis zur Finanzbranche seit der Krise bestenfalls als ambivalent bezeichnet werden kann, gefällts. Hauptsache er gefällt.

Nach dem Absturz eines Superpumas am Gotthard vom 28. September 2016, bei dem der Pilot ums Leben kam, brach der Chef der Schweizer Luftwaffe, Aldo C. Schellenberg, anlässlich eines Interviews, das abgebrochen werden musste, in Tränen aus. Medien und Menschen bejubelten die öffentliche Zurschaustellung der Gefühle des Kommandanten. Von echter Empathie war die Rede, von Mitgefühl und von Menschlichkeit. Die Weltwoche war die einzige Zeitung, die hinter der gewollt oder ungewollt emotionalisierten Debatte rund um den – natürlich! – tragischen Unfall die Fragen stellte, die gestellt werden musste: „Wie reagiert er, wenn nicht nur ein einzelner Helikopter verlorengeht, sondern eine halbe Flotte? Wie tritt er vor seine Leute, wenn ganze Städte bombardiert werden? Weint er dann nur noch?“ Indes – die Fragen riefen nur reges Desinteresse hervor. Vom Kerngeschäft einer Armee, dem Materialzustand ihrer Luftwaffe und von der Wehrfähigkeit der seit Jahrzehnten finanziell und moralisch kastrierten Streitkraft ganz zu schweigen. Der sozial hyperbewussten Mehrheit hatte die Show gefallen. Ende der Durchsage.

In Anbetracht der beiden Beispiele und der Tatsache, dass die Protagonisten aufgrund ihrer Führungspositionen bei vielen immer noch als Mass gebend im Sinne von Vorbildern gelten, wird eines deutlich: Auch die vielbeschworene und beklagte „Emotionalisierung“ – hinter der sich, nota bene, wunderbar Geschäfte machen, Gesetze durchpeitschen und Verfassungen brechen lassen – ist nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zu etwas anderem. Zur Entblössung. Oder anders gesagt: Nach der Verhausschweinung der Menschen, steht jetzt die Vernacktschneckung an. Die Gleichung ist nicht: Ich bin emotionalisiert, also lasse ich mich in der Öffentlichkeit gehen. Wer seine Gefühle vor laufenden Kameras zur Schau stellt, der hat den wichtigsten Schritt schon hinter sich. Jenen nämlich, sich vor sich selber entblösst und gehengelassen zu haben. Nackt, rückgratlos, kriechend.

Der Mensch, der für sich Würde beansprucht, wird stets sein ärgster Zweifler, Gegner, Kritiker und „Bremser“ sein. Ohne Unterlass bemüht um ein Mindestmass an Distanz und Gleichmut angesichts der eigenen Ambitionen, Wünsche und Sehnsüchte mit dem Ziel, sie, sollte es notwendig sein, wie ein Grandseigneur höflich und taktvoll zu ignorieren. Ein solcher Mensch ist nie ganz allein, sondern immer auch Zeuge seiner selbst. Gegen Niedertracht, Gemeinheit, Unhöflichkeit, Neid, Feigheit – kurz: Erbärmlichkeit, wird er sich mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft wehren um nicht im eigenen Ansehen zu sinken. Und er wird es in seiner eigenen Gegenwart nie an Anstand fehlen lassen. Solche Menschen pflegen sowohl gegen innen, als auch gegen aussen eine gekonnte Heiterkeit, sind voll Geist und Leben, kühl, gelassen, konsequent, hart, aber auch gütig in Kenntnis ihrer selbst und der anderen, geduldig, tatkräftig, wagend, kühn und verantwortungsbewusst. Solche Menschen sind nicht mehr erwünscht.

Ehrliche Auskunft darüber, wo die Reise hingeht, geben wie oft die Lehrpläne der Schulen, die offen und ohne Scheu kundtun, was an wertemässiger Wegzehrung für ein Leben in die widerstandslosen Kinderhirne hineingestopft werden soll. Es ist vor allem dies: Lust. Leben, Lernen und Leisten haben lustvoll zu sein. Sind sie’s nicht, darf man auf triviale jämmerliche Weise rebellieren, bis sich der gewünschte Lusteffekt mit Anderem oder Neuem einstellt. Das Leben, so wird gelehrt, hat eine Art neuronales Destillat von Weihnachten, Geburtstagen, Orgasmen, Kaminfeuern, Superstar-Existenz, drogeninduzierter Verzückung, Bestnoten und träger Sattheit zu sein. Die Ampeln sind immer grün und nett, Smileys, „Likes“ und „sweets“ säumen den Weg, Konflikte dienen – ausgelebt im Schutz einer schnatternden, quietschenden, gierigen und hungrigen Gruppe ohne Erbarmen, Furch oder Mitleid – dem Lustgewinn. Können, Wissen, Kompetenz, die mehr ist, als blosse Geste der Selbstpräsentation, Leistung und die Fähigkeit, Dinge auszuhalten, deren Wirkung und Nutzen sich nicht auf Knopfdruck einstellen, gelten als veraltet oder gar „rechts“ und werden nur toleriert, wenn sie der Unterhaltung dienen. Dass das Wichtigste im Leben meist nicht als Event daherkommt, wird schlicht unterschlagen.

Auf diese Weise wird eine Gesellschaft „gestaltet“, die sich aus rückgratlosen, egomanischen, exzentrischen, subkompetenten und oral fixierten Individuen zusammensetzt. Eine Gesellschaft, die im Rahmen des Politisch Korrekten alles darf und nichts wagt, alles will und nichts kann, die täglich hundertfach Schiffbruch erleidet ohne Stürme und ohne je die Segel zu setzen, in Meeren, die ihr gerade mal bis ans Knie reichen. Die beiden obigen Beispiele sowie die Tatsache, dass sich heute bereits viele Erwachsene –  Eltern, Grosseltern, Lehrer, Politiker und andere Verantwortungsträger – ohne Not als passiv, abhängig, fordernd, neidisch, egoistisch und konsumfokussiert outen, dass anstands-, wahl- und schamlos der „Idiot“ ausgeteilt wird ohne auch nur ein bisschen zusammenzuzucken ob der Möglichkeit eigener Idiotie, spricht dafür, dass wir auch auf diesem Weg bereits ein gutes Stück hinter uns haben.

Die Schwäche des Konzepts und zugleich die Chance, für all jene, die die Dinge „senkrecht hinstellen“ möchten, die sich weigern, sich selbst und andere ausschliesslich in der gelenkten und gespiegelten Version echten Lebens zu unterstützen, zu fördern, zu lieben oder zu kennen, ist dies: Lustbetontes Leben ist ein Vergnügen, dessen man nicht satt wird – am Anfang. Der Mensch ist nicht Tier. Und wenn, dann nur phasenweise. Irgendwann kommt das Erwachen. Kälte, Leere, Routine, Öde, Langeweile, Ennui, Stumpfsinn – die schlimmsten Feinde der Lust. Wer so erwacht, egal in welchem Alter, braucht einen Vater oder eine Mutter. Dies nicht im verwandtschaftlichen Sinn, sondern im tiefsten menschlichen. Väterliche Freunde, weise Mentoren, mütterliche Ratgeberinnen, gelassene Gefährten, die wissen und klar kommunizieren, dass wir nicht unsere Gefühle sind, ebensowenig unsere Lust, sondern viel mehr. Echte Menschen, denen das Leben, das sie lieben, alles eitle Eigene zerbrochen hat und die gerade deshalb aufrecht und mit Mut und Freude stehen, weil sie ihren Grund kennen jenseits leerer staatlich gewährter Privilegien. Dankbare Menschen, stark und lebendig und frei.

Jeder kann versuchen, ein solcher Mensch zu sein. Täglich.  Das Leben und die Freiheit restlos lieben. Bereit zu geistiger Vaterschaft. Verwurzelt in der Anarchie der Stille mitten im orchestrierten Lärm, Reife suchend, den Bruch riskierend. Einer, der die Dinge ganz und gar und nicht vor hundert offenen Hintertüren tut. Kraftvoll und mutig „drunter bleiben“, wenn er über etwas nicht hinweg kommt. Treu sein, wo die Welt im Window-Dressing-Modus den schnellen Erfolg fordert. Es aushalten, auf der Stelle zu treten, bis er über Wichtiges zu entscheiden in der Lage ist. Die Schönheit des Gewöhnlichen feiern, das Alltägliche hoch halten.

Lachen wir dem hohlen Konzept der Staats-, Emotions- und Lustvergötzung ins Gesicht, lassen wir sie allein, die Lakaien und Jünger künstlichen Lebens und gehen wir zur Tagesordnung über. Die Freiheit solcher Elternschaft reizt Vater Staat bis aufs Blut. Nicht nur, weil sie seine eigene als Selbstzweck entlarvt, sondern vor allem, weil er weiss, dass sie ihn überleben wird. Immer.

Milchmädchenbericht 2016

Bei seinem Freitod 2008 hinterliess der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace ein unvollständiges Manuskript. 800 Seiten mit Fragmenten und editorialen Notizen zu einem Roman über Praktiken, Personal und Probleme einer Aussenstelle der US-amerikanischen Steuerbehörde IRS in Pretoria, Illinois mitte der 80er Jahre, deren Fassade in der Wallaceschen Vorstellungswelt architektonisch detailgetreu dem damals gängigsten Steuerformular nachempfunden war. An einer Stelle schrieb er sinngemäss, eine der grossen PR-Entdeckungen der modernen Demokratie sei jene, dass sensible Fragen der Staatsgewalt nur stumpfsinnig und obskur genug daherzukommen bräuchten, um sich von Amtsseite her den Aufwand des Verbrämens und Kaschierens ersparen zu können.Niemand achte mehr darauf, weil sich niemand für den monumentalen Stumpfsinn der in Frage stehenden Thematik interessiere.

Diese Textpassage kam mir bei der Lektüre des Finanzmarktstabilitätsberichts 2016 der Bundesbank in den Sinn. Das Erzeugnis der Zentralbänker steht in punkto Überraschungspotential dem allmorgendlichen Tagesanbruch in nichts nach. Entsprechend eintönig und einhellig präsentierten sich tags darauf denn auch die Echos in hunderten deutschprachigen Medien: „Niedrigzinsen gefährden Finanzstabilität“. Weiterblättern, hier gibt’s nichts zu sehen, vermeldeten die Artikel. Ein Scoop ist etwas anderes. Das ist nur bedingt richtig. Der Bericht ist eine einzige grosse Warnung vor kommendem Ungemach und daher brennend aktuell. Das Verrückte dabei: Nichts davon ist neu, alles ist seit Jahren bekannt. Es ist eine deprimiernde Endlosschlaufe von Selbstverständlichkeiten im Verbund mit technisch verbrämtem hypothetischem Nichtwissen. Ein Zeugnis der Ohnmacht.

Der interessierte Laie erfährt hier Erstaunlichstes: „Nachhaltige öffentliche und private Finanzen sind eine Bedingung für Stabilität“. Bei den aktuellen Schuldenständen fast ein Hohn. Weiter lässt man ihn wissen, eine solide Eigenkaptialbasis der Banken sei notwendig, um Krisen abzufedern und zu überbrücken. Solide aufgestellte Banken vergäben auch mehr Kredite, was wiederum die Wirtschaft fördere. Nicht erwähnt wird, dass genau dies – Eigenkapitalreserven hin oder her – angeblich mittels Gratisgeld durch die EZB erreicht werden soll, indes aber nicht funktioniert, weil auf der anderen Seite die Regulierer immer strikter vorgeben, wer einen Kredit kriegt und wer nicht, was dazu führt, dass die Banken das Geld für ganz anderes verwenden. Wären ja blöd, wenn sie’s nicht täten. So läuft das im Sozialismus. In seiner realen Version der Sowjetunion wurde schliesslich der Weizen auch bei -30 Grad im Winter gesät und wurden Schuhe produziert, bei denen sich die Absätze vorne befanden, weil irgenwer A bestellte und ein anderer B befahl und das Kollektiv der Kolchose nur C konnte.

Das Crescendo der Faszinationen nimmt mit fortschreitender Lektüre seinen Lauf, wenn da steht, niedrige Zinsen seien gleich mehrfach ein Problem. Sie könnten zu „kollektiven Fehleinschätzungen von Risiken aufgrund fehlerhafter Annahmen“ betreffend zukünftige Entwicklungen führen. Ausserdem gäben sie Anreiz zu stärkerer Verschuldung und mangelnder Haushaltsdisziplin der öffentlichen Hand. Und weiter: Auf der Suche nach Renditen würden zu hohe Risiken eingegangen. Das „könnte“ und „würde“ hätte man sich sparen können:  All das ist in vollem Gang. So denn auch das Zwischenfazit: „Das Risiko einer abrupten Neubewertung an den Finanzmärkten steigt“.

Die Schuldentragfähigkeit des privaten und öffentlichen Sektors steht auf tönernen Füssen. Fiskalische Konsolidierungen werden konsequent verschleppt und die Bereitschaft zur Umsetzung wachstumsfördernder und künftige Generationen befreiender struktureller Reformen ist nicht nur gering, sondern schlicht nicht vorhanden. Der Abbau bestehender Schuldenstände ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Die öffentliche Hand des Euro-Raums ist offiziell und ohne in der Zukunft liegende Verpflichtung heute mit 91% des BIP verschuldet (Stabilitätspakt sieht Obergrenze von 60% vor). Ebenso ansteigend ist die weltweite Verschuldung nichtfinanzieller Unternehmen: Im Euro-Raum liegt sie mittlerweile bei 105% des BIP, in den USA bei 72%, in den Schwellenländern bei 106% und in in China bei sage und schreibe 167%. Was dies im Fall eines Schocks für die Schuldentragfähigkeit ganzer Staaten bedeutet, lässt sich  erahnen.

Parallel dazu bewegen sich die Renditen von Unternehmensanleihen an US- und europäischen Märken in der Nähe ihrer historischen Tiefs. Die Emissionsvolumina sind hüben wie drüben teilweise wieder auf Rekordhöhe. In Europa wird der Effekt durch die Aufsaug-Aktivitäten der EZB zusätzlich verstärkt. Dies, während die Gewinne der im amerikanischen S & P 500 und im europäischen STOXX Europe 600 gelisteten Unternehmen zurückgehen und ihr Verschuldungsgrad auf 24,2% ihrer Bilanzsumme gestiegen ist. In den USA beginnen die Ausfallraten bereits zu steigen.

Was diese Gemengelage für Lebensversicherungen und andere Anbieter kapitalgedeckter Altersvorsorge bedeutet, ist auch seit Jahren bekannt und ignoriert. Der Bericht meint dazu erstaunlich ungeschminkt: „Ein europaweiter Stresstest bei Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung zeigt, dass die Leistungszusagen bei marktkonsistenter Bewertung nicht mehr von den eigenen Vermögen gedeckt wären.“ Er legt den betroffenen Unternehmen ans Herz, ihre Kapitalgeber in den Jahresabschlüssen „angemessen und unverzerrt“ über die Misere zu informieren. Sollte nämlich der vielzitierte „Schock“ eintreten und hunderte von Versicherern gleichzeitig versuchen, ihre Kapitalanlagen zu liquidieren um die Kapitalanforderungen zu erfüllen und die Solvenzkapitalquote zu staiblisieren, wäre der Effekt verheerend. Systemgefährdend im besten Sinn des Unworts.

Auch was das alles bei global verhaltener Wirtschaftsentwicklung und bei wachsenden Beständen notleidender Kredite  (für den Euro-Raum 9% des BIPs, also rund 900 Milliarden für das 1. Halbjahr 2015) für die grossen Geldhäuser bedeutet, denen infolge Niedrigzinsen die Margen wegbrechen, während sie ein Exposure gegenüber Derivaten haben, das das weltweite BIP um mindestens das Zehnfache übersteigt, wurde an dieser Stelle vor kurzem bereits dargelegt. So meint der Bericht denn auch nichtssagend: „Die gegenwärtige Datenlage lässt eine genaue Anlyse der Verteilung der Zinsänderungsrisiken nicht zu“. Etwas deutlicher wird man lediglich in Bezug auf die Sparkassen und Kreditgenossenschaften. Dazu heisst es, dass in ihrem Fall der Basler Zinskoeffizient, der den barwertigen Wertverlust der zinsabhängigen Aktiva und Passiva infolge eines möglichen Zinsschocks misst, seit 2011 deutlich steige. Übersteige er die Marke von 20% der Eigenmittel, sei von erhöhten Zinsänderungsrisiken die Rede. Wende man die bis 2018 einzuführenden Basler Standards (kritische Marke bei 15%) an, sei dies in 90% (!) der deutschen Sparkassen und Kreditgenossenschaften der Fall. Solide ist anders.

Der Bericht ist die sprichwörtliche „Stimme des Rufers in der Wüste“. Man hört sie wohl, aber ändern wird sie nichts. Denn: Niedrige Zinsen sind deshalb gefährdend für die Finanzstabilität, weil sie steigen könnten. Das und nichts anderes, ist mit dem „Schock“ gemeint. Ein Ereignis, das dazu führen könnte, die Zinsen aus dem Schraubstock der Zentralbanken zu katapultieren und steigen zu lassen. Sollte dies eintreten, würden alle anfangen, Geld zu verlieren. Alle – während heute nur die Sparer und Vermögensbesitzer via reale Negativrenditen und Geldentwertung in die Röhre gucken.

„Aber die FED will doch … ?“ Was? Die Zinsen erhöhen im Dezember? Nun – erstens ist das noch nicht sicher, und zweitens würde ein Viertel Prozentpunkt das Finanzsystem nicht aus den Angeln heben. Sicher ist nur dies: Wäre Hillary Clinton Präsidentin geworden, hätte sie viel neues billiges Geld gebraucht, um auch nur einen Bruchteil ihrer Wahlversprechen einzuhalten. Heute haben wir „The Donald“. Und: Er braucht viel neues billiges Geld, um auch nur ein paar seiner Wahlversprechen einzlösen. Zu einer expansiven Geldpolitik, wird sich eine expansive Fiskalpolitik gesellen. Bis zu einer Billion für Infrastruktur (Mauern und so weiter …), Schaffung von Jobs, Kompensation der Ausfälle bei Steuersenkungen. Will er solches umsetzen, muss er das Staatsdefizit erhöhen können. Ihm bleibt gar nichts anderes übrig. Und die astronomischen Schulden sind nur tragbar bei … genau: Niedrigzinsen.

Ausserdem: Sollte die FED den Zinsschritt machen, würden die Zentralbanken Europas, Chinas und Japans auf Teufel komm‘ raus dagegenhalten. Noch mehr billiges Geld – auch mit freundlicher Unterstützung der FED, die ihnen à discretion Dollars zur Verfügung stellen würde. Alles, um das System am laufen zu halten. Dass die FED allerdings die Zinsschraube zu fest anziehen könnte, ist nicht wahrscheinlich. Sie ist aus oben erwähnten Gründen die erste, die ein Interesse hat, die eingeschlagene Monetarisierungspolitik fortzuführen.

Das ist es, was man in der überraschungsfreien Zone des Finanzmarktstabilitätsberichts 2016 nicht findet: Eine Aussage darüber, wo die Reise hingeht. Wann endlich, werden Korrekturen wieder zugelassen? Wann werden die Berge schlechter Schulden liquidiert? Wann lässt man zu, dass sich Börsenkurse halbieren? Wann wird man den Teufelskreislauf des Immer-Mehr an ungedecktem Luftgeld durchbrechen? Wer auch nur Ansätze zu solchen Antworten sucht, sucht vergebens. Klar wird dennoch eines: Die Zentralbanken sind Gefangene ihrer eigenen und der staatlichen Politik. Und sämtliche ihrer in der Vergangenheit liegenden und gegenwärtigen Entscheidungen und Massnahmen lassen nur einen Schluss zu: Fein aufeinander abgestimmt unter der Leitung der FED deutet alles darauf hin, dass man sich Schritt für Schritt und Scheibchen für Scheibchen auf dem Rücken der Bürger aus den Schulden hinaus zu inflationieren gedenkt.

Das Ganze kann noch Jahre dauern. Und man wird die Thematik politisch und medial auch weiterhin derart nachlässig, stumpfsinnig und langweilig präsentieren, dass sich die Mehrheit der Menschen nicht für das interessiert, was wohl einer der grössten staatlich organisierten Raubzüge der Geschichte ist. Sicher ist nur eines: Am Schluss des Experiments werden wir alle ärmer sein.

Gesucht: Der Chauvinist

Selten ist medial eine real derart echolose Schlacht geschlagen worden, wie in den vergangenen Wochen und Monaten rund um den US-Amerikanischen Präsidentschafts-Wahlkampf. Als verbales Denkmal des herbeiregierten und -geschriebenen Scheiterns der selbstgekrönt Kultivierten und Korrekten bleibt ein Begriff stehen – jener des Chauvinismus.

Der Chef der deutschen Sozialdemokraten Gabriel, sah das Tier einer „autoritären und chauvinistischen Internationalen“ aus der Finsternis des Überwundenen auferstehen, während rp-online den trumpschen Chauvinismus in direkten Zusammenhang mit der weiblichen Menstruation brachte, der der Frau „periodischen Irrsinn“ unterstelle und sie auf ein „blutendes unzurechnungsfähiges Wesen“ reduziere. Schweizer Politikerinnen von FDP bis SP zeigten sich einhellig „erschüttert“. Seit Jahren sei kein „grösserer Chauvinist als Trump zur Präsidentschafts-Wahl angetreten“ liessen sie uns über die Aargauer Zeitung wissen. Auf die Frage, ob nicht möglicherweise Hillary Clinton einfach die falsche Kandidatin für das Amt gewesen sei, stellte die Präsidentin der SP-Frauen, Natascha Wey, klar: „Dieser Vorwurf ist sexistisch“.  Der Pulitzer-Preisträger und Bernie-Sanders-Wähler Richard Ford sah in der Kampagne der Republikaner nichts, als „Katastrophismus, Chauvinismus und Rufmord“ (NZZ) und die FAZ rhapsodierte im Rhythmus stellvertretenden Selbstmitleids, Trumps Chauvinismus und Sexismus sowie seine absurden Vorstellungen zur Einwanderungspolitik (kein Wort von „illegaler“ Einwanderung) verbauten den gemässigten republikanischen Kandidaten jegliche Chance. Und so weiter und so fort.

Der drittgrösste Staat der Erde mit rund 323 Millionen Einwohnern wählt mittels eines demokratischen Verfahrens einen neuen Präsidenten und die polit-mediale Brahmanen-Kaste Europas mitsamt ihren Jüngern reduziert den Vorgang über den Umweg eines konturlosen Chauvinismus auf einen recycelten Geschlechterkrieg und erniedrigt die Mehrheit der US-amerikanischen Bürgerinnen und Bürger auf das Niveau einer angstgelähmten, teigigen, tobsüchtigen, augenverdrehenden, triebgesteuerten Masse von Irren mit Schaum vor dem Mund und den Händen in der Instimzone ihrer Mitbürgerinnen. Die Peinlichkeit könnte beklemmender nicht sein. Und kaum entlarvender.

Der Begriff Chauvinismus geht zurück auf den fanatisierten Träumer Nicolas Chauvin, einen Rekruten in der Armee Bonapartes und meint in erster Linie einen übersteigerten Patriotismus, der sich ausschliesslich aus der nationalen Identität speist und in einem irrationalen Überlegenheitsgefühl münden kann. Erst später wurde der Begriff auf weitere Bereiche (Sprache, Kultur, etc.) ausgedehnt. So auch durch die Frauenbewegung, die die Begriffsvariante des „männlichen Chauvinismus“ prägte und in „männlichen Chauvinisten-Schweinen“ jene Vertreter des anderen Geschlechts sahen, die ihr Rollenverständnis aus den traditionellen Bildern des hergebracht „Männlichen“ bezogen. Ihnen wurde ein machistisches Überlegenheitsdenken und ein Überlegenheitsanspruch gegenüber der Frau ebenso attestiert, wie das Bekenntnis zu klassichen männlichen Eigenschaften wie Stärke, Härte und Strenge, die unter Beweis zu stellen, sie ein natürliches Bedrüfnis haben.

Was via Medien während der jüngsten Vergangenheit serviert und mit der moralischen Keule angerichtet wurde, blieb indes fadestes, kontext- und kontourloses Chauvinismus-Bashing. Hier wurde moralisiert, wie anderswo masturbiert wird. Das ganze auf einem Podest in atemberaubender Höhe mit nimmermüdem Blick für das Weite und einzig Gute, das sich jedoch bei näherem Betrachten als ein räudiges Rasenvierck wehleidiger Arroganz entpuppte. Nicht nur blieb man in nonchalanter Weise in fast jedem Statement die Erklärung schuldig, welchen Chauvinismus‘ man Trump genau bezichtigte, man mischte hämisch, verantwortunglos und in vollendeter Gesinnungslosigkeit Sexismus, Nationalismus und Rassismus, Fakten, Gefühle und Gerüchte in diesem einen Begriff zusammen. Kurz: Man zelebrierte einen moralischen Chauvinismus der windelweich unbedeutendsten Art und verkaufte ihn als „Mahnung“ und „Warnung“ der Gutmeinenden.

Die vorherrschende Katerstimmung übersteigert verlogener Hysterie bietet die Gelegenheit, eine ganz andere Frage zu stellen: Bräuchten wir heute nicht wieder mehr davon? Mehr Chauvinismus? Nein! Bitte kommen Sie mir nicht mit einem hundertfach wiedergkäuten Geschlechterkrieg, mit Sexismus und Frauenfeindlichkeit. Diese Schublade – es ist die unterste und eine der rückschrittlichsten – sei anderen überlassen. Die Rede ist hier nicht von frauenschlagender, vergewaltigender und brandschatzender Männlichkeit. Es geht um den Glauben an die Möglichkeit der eigenen Überlegenheit. Geschlechterunabhängig und trotzdem nicht die Tatsache ignorierend, dass solches Sich-überlegen-Fühlen im Sinn einer Konkurrenz naturgemäss eher männliches, denn weibliches Verhalten ist.

Oder anders gefragt: Wagt es ein Mensch, sich beruflich härtester Konkurrenz auszusetzen ohne den Glauben an die Möglichkeit seines Gewinnens, also seines Stärker-Seins? Werden ohne ein solches Bewusstsein Firmen gegründet, Karrieren gemacht, Reichtümer gewonnen? Wagt sich ein Mensch, der sich allen egal fühlt, sich selber aus der Masse herauszuheben und das geliebte Gegenüber zu „erobern“? Wagt es ein Mann, der einzig der Unauffälligkeit und dem Konformismus des schützenden „Man“ verpflichtet ist, die Seinen gegen Angriffe und Gewalt zu schützen, wenn er nicht ein Quantum Chauvinismus in sich hat? Sind es die sensiblen, nachgiebigen, gemässigten, die sich exponieren gegen den eigenen amok laufenden Staat und gegen das eigene Land um der Liebe zum Land willen?

Es bleibt auf deprimiernde Weise faszinierend, wie hierzulande in altbewährter „Für-und-oder-wider-uns-Manier“ das ganze Arsenal staatlicher Propaganda, Programme, Parteien und Pläne aufgefahren wird um die Menschen um jeden Preis umzuerziehen oder – wer sich weigert – zu wankelmütigen triebgesteuerten Trotteln zu stempeln und ins Abseits aller Teilhabe zu katapultieren.

Es verlangt Stärke, sich dem entgegenzustellen und sich  der Normierung zu verweigern. Es verlangt Kraft, abseits des verordneten und akzeptierten Trends zu stehen. Es braucht Mut, ein der eigenen Wahrheit und Natur verpflichteter Mündiger in der Masse der Mitläufer zu sein. Es fordert geistige Freiheit und die Härte eines Diamants, Abgrenzung als Auszeichnung deuten zu können. Wer bei all dem nicht an die Möglichkeit eines „Bestehens“, an die eigenen Fähigkeit des Härter-und-länger-kämpfen-Könnens glaubt, fängt erst gar nicht an und verbleibt unter den Fittichen der schützenden und gutgeheissenen Mehrheit. Ein bisschen Chauvinismus muss schon sein.

Brot, Brauchtum, Spiele

In Frankreichs Rathäusern dürfen Krippen künftig nur dann stehen, wenn sie nicht als religiöses Symbol gemeint sind. Andernfalls handelt es sich um einen Gesetzesverstoss. So der Entscheid des obersten Verwaltungsgerichts des Landes. Dies drei Monate nachdem Frankreichs Präsident Hollande nach dem bestialischen Anschlag in Saint-Etienne-de-Rouvray den Angriff auf eine Kirche und den Mord eines Priesters als Schändung der Republik gegeisselt und die französische Bevölkerung auf ihre christlichen Wurzeln eingeschworen hat. Fast zeitgleich fordern die Grünen in Düsseldorf zusammen mit der Bürgerinitiative „Baumschutzgruppe Düsseldorf“, künftig auf den „toten“ Weihnachtsbaum vor dem Rathaus zugunsten eines „lebenden“ Baumes an anderer Stelle zu verzichten. Es sei jetzt, da die norwegische Partnerstadt Lillehammer aus Kostengründen auf die Lieferung der seit 35 Jahren spendierten Tanne verzichte, besonders günstig, sich von dem „unzeitgemässen Ritual“ zu verabschieden. Dies nur Tage nachdem Bundeskanzlerin Merkel ihrem Volk das Kopieren von Liedzetteln und das Absingen von „irgendeinem TammTammTamm (…) oder was weiß ich“ zur Bekämpfung persönlicher Ängste im Zusammenhang mit dem Islam empfohlen hatte.

Hier mit triefendem Pathos beschworene Christenheit und sich herablassend des Brauchtums bedienender Landesmutter-Trost, dort die grösstmögliche verbale Neutralisierung von Symbolen, wo christliche DNA schlechthin gemeint ist (Darstellung der Krippe), und die Umdeutung althergebrachter Bräuche zu zeitgeistabhängigen, austauschbaren Ritualen (Tannenbaum). Widerspruch? Ja – aber nur scheinbar. Es sind zwei Seiten derselben Medaille. Brauchtum – wenn nicht vereinnahmt, instrumentalisiert und gesteuert – bedeutet Gefahr für jedes Regime mit totalem Verwaltungsanspruch.

Natürlich nicht allem, aber einem Teil dessen, was als Brauchtum bezeichnet wird, wohnt eine Glaubenskomponente inne. Ein Element, das Gewolltes und Gemachtes gnadenvoll Gewährtem gegenüberstellt. Ein Bekenntnis zur „Lücke“.  Zur Tatsache, dass nicht alles immer erklärbar und restlos zu lösen ist. Dass etwas – Gott, Götter, Naturgeister, Fügung, Schicksal, Mystik, Zufall, das Nichts – „mitspielt“, das grösser ist als der Mensch oder sich seiner Verfügbarmachung zumindest entzieht. Es entreisst den Menschen dem Druck des Machbaren und bekennt, dass das Moment der Unberechenbarkeit Teil des Lebens ist.

Viele Bräuche sind daher an ihrer ursprünglichen Wurzel Feste des Bittens, des Dankens oder des Feierns und Ehrens von Übergängen, auf die und deren Gelingen der Mensch nur bedingt Einfluss hat: Geburt, Tod, Krankheit und Heilung, Erwachsenwerden, Hochzeit, Natur, um nur einige zu nennen. Sie zelebrieren das Leben schlechthin. Ewigkeitswerte angesichts der Vergänglichkeit und eine stolze Demut, die sich selbstbewusst, ohne Anmassung und ohne Zweifel zur Nichtkenntnis und zum Nichtwissen bekennt, die Sterben und Tod annimmt um damit zu leben und die die „Lücke“ dem Wirken eines „Anderen“, als der Mensch es ist, anheimstellt.

Menschen, die als Familien oder andere Gemeinschaften solches Brauchtum hochhalten und pflegen werden zu Schicksalsgemeinschaften im besten Sinn. Man teilt das Fest, den Moment, die Freude oder die Trauer ebenso, wie den Grund, auf dem man steht. Was auf den ersten Blick bloss Haltung ist, wird zum Halt und kann dem Einzelnen und der Gemeinschaft als Ganzes eine Gelassenheit und Gelöstheit geben, die krampflos, aufrecht, voll Neugier und wach ins Leben hinaussieht und -geht im Wissen um die „geteilte Lücke“. Brauchtum in diesem Sinn kann grosse Freiheit bedeuten. Der so Verankerte fürchtet nicht den Ausschluss aus der „Gesellschaft“. Seine Freiheit ist nicht ein „Trinkgeld“ staatlichen Wohlwollens und er wird sich der politischen und doktrinären Befreiungsbesessenheit (Einmischung, Erziehung, etc.) entziehen. Seine Freiheit ist mehr als Konsumgut, mehr auch, als garantiertes Recht. Sie ist beschwingende Kraft, die auch die schwerste Verantwortung trägt. Sie ist Liebe zum Leben, die das Leben dahingäbe, um es in dieser uneingeschränkten Bejahung führen zu können.

Dass solches einem Staat mit Anspruch auf die lückenlose Vermessung , Ordnung und Verwaltung des Lebens und auf umfassenden Zugriff auf das ganze Individuum nicht behagen kann, liegt auf der Hand. Menschen, die buchstäblich Hand-in-Hand die höchsten Höhen dessen, was Leben ist, feiern und stehen bleiben, wenn „eine Tiefe die andere ruft“, lassen sich nicht einschüchtern vom normierenden Diktat einer sich bunt gebenden Bürokratie. Oder anders gesagt: Menschen, die aus Liebe zum Leben, zu den Ihren und zur Freiheit die Furcht vor dem Letzten für sich ganz persönlich bereits heute überwunden haben, bleiben den Drohungen des Vorletzten gegenüber frei. Sie sind das Schlimmste, was dem Allverwalter Staat passieren kann. Diese Lücke zu schliessen muss eine seiner Hauptaufgaben sein.

Die Rezepte sind sich über die Jahrhunderte hinweg gleich geblieben. Alles, was sich der staatlich verordneten Vernunft und seinem Befehl zu regimekonformer Unfehlbarkeit entzieht, wird der Abfälligkeit, der Verächtlichkeit, der Idiotie preisgegeben, als reaktionär denunziert und in schier unerträglicher Arroganz gedemütigt. Er macht sich daran, die Menschen zu befreien, indem er ihnen mittels Angst vor Ausschluss vorenthält, was er als „falsch“ identifiziert hat. Er gibt vor, sie zu retten vor unzeitgemässem geistigem und geistlichen Sklaventum und überantwortet sie dem kalten Apparat. Das Endprodukt solch staatlicher Erlösung ist oft Orientierungslosigkeit angesichts der durch äussere Umstände zutage tretenden „Lücken“. Dann wird wohl mit emotionalen Appellen Volk, Vaterland und religiöses Wurzelwerk beschworen, ein Brocken  sinnentleertes und auf den Zweck rediziertes „Wir-Gefühl“ in die Masse geschleudert als Teil der Brot-und-Spiele-Konzepts der Scheindemokraten.  Indes: Die Wirkung solchen Event-Brauchtums ist jener von Schlafmitteln vergleichbar: Man schläft dann wohl, wenn man eine ordentliche Dosis intus hat, die Träume bleiben aber aus. Die Erholung bleibt unvollständig. Kurzfristig ist es von ähnlich deprimiernder Erbaulichkeit wie etwa Stammestänze Eingeborener in einem Ferien-Resort oder Weihnachts-Geplärr im Supermarkt.

Damit keine Missverständnisse entstehen: Es geht hier nicht darum, die Vernunft zu misskreditieren und das „Unvernünftige“, das in den Privatbereich des Einzelnen gehört, verallgemeinernd zu überhöhen. Es geht darum, aufzuzeigen, dass auch heute wieder daran gearbeitet wird – gerade dadurch, dass man den Menschen nur eine gültige Vernunft zugesteht und alles Geistliche in den Bereich des Hirnrissigen verbannt oder es andererseits instrumentalisierend auf Flaggenpatriotismus, Radauheldentum oder wehleidige und ansonten leere Sentimentalitäten reduziert – den Menschen isoliert, familien- und gemeinschaftslos auf einen rein instrumentalen Rang zu verweisen, ihn herunterzudimmen auf seelenloses Menschenmaterial zum Machtgewinn. Man löst ihn in beiden Fällen aus der Verantwortung persönlichster Entscheidungen heraus und gibt ihn der Hörigkeit eines allumfassend wohlfährtigen Lenkers preis.

Der Mensch jedoch, für den Freiheit auch geteiltes Brauchtum als Symbol seines Menschseins bedeutet, wird die staatliche Befeihungsdiktatur als seinen grössten Feind erkennen und zum Partisanen werden. Er wird für sich und mit den Seinen mit Freuden ins Abseits treten und wissen, dass, sollte er scheitern, dieses Scheitern ein kraftvolles sein wird. Aus Liebe zur Freiheit und zum Leben.

Alle hinaus!

Leser ** bescheinigt den auf der Online-Textablage des Autors hinterlegten Beiträgen „neurechte Rhetorik“. Abgesehen davon, dass solch ohne Not angebrachte öffentliche Etikettierung heute bereits das Potential hat, Existenzen buchstäblich zu zerstören, erlaubt sie einen Blick in die bunte Finsternis jener Grube, die den sich in geistiger und moralischer Superoirität Wähnenden als Glaube und Handlungsrechtfertigung dient. Allerdings: Der Klebstoff alles Denunziatorischen ist von schlechter Qualität. Das Etikett haftet nicht, fällt ab sobald das Gebannte dem politischen Kampfbegriff gegenübergestellt wird.

Vereinfacht und verengt wird die Bezeichung „neurechts“ mit Konservatismus im Sinne von Rückwärtsgewandtheit, mit Fortschrittsverweigerung und völkischem Überlegenheitsdenken gleichgesetzt. Kurz: mit der Verherrlichung einer gesellschaftlichen und politischen Rückker ins Mittelalter unter antidemokratischen, nationalistischen Vorzeichen. Die Sache ist jedoch die: Im Mittelalter sind wir längst. Leise, verstohlen und von den meisten Unbemerkt wurde die Überführung der europäischen Gesellschaften in eine religiös organisierte Ordnung beschlossen und umgesetzt. Anführer ist ein Klerus, der sich auch heute dem profan Menschlichen enthoben und ausgestattet mit Sonderrechten und Privilegien im Stand der Gnade weiss, und der wie einst nur sich selber und dem steten Ausbau der eigenen Vormachtstellung verfplichtet ist. Wenn dazu auch dieser Tage wieder das Sich-Arrangieren mit einer mörderischen Steinzeit-Ideologie notwendig werden sollte, wird man den gesinnungsmässigen Rutsch problemlos und geschmeidig hinkriegen.

Die Kurie von einst nennt sich in ihrer recycelten Version Europäische Kommission. Was ausserhalb ist und sich noch als Nationalstaat bezeichnen darf, ist in Wahrheit Ableger, Verwaltungseinheit, belehnter Vasall.  Damals wie heute statuiert eine gottnahe Elite die alleingültige Moral und gibt den Weg zum Heil angeblicher Teilhabe vor, während sich ihre Machtfülle und ihr Zerstörungspotential verfielfacht haben und ihr Zugriff auf das Leben des Einzelnen nach dem Totalen strebt. Ketzerverfolgung und Inquisition sind an der Tagesordnung. Die Scheiterhaufen unserer Zeit heissen Gleichstellung, Politische Korrektheit, Diskriminierung, Chancengleichheit, Rassismus, Homophobie. Gefordert wird mit dem Beiklag des Endgültigen und im Pathos des Alternativlosen die Aufgabe des Seinen zugunsten des Ganzen, die frag- und klaglose Gefolgschaft in ein weit entferntes, düster-utopisches und einzig von seiner Heiligkeit erhelltes Kanaan. Gleich geblieben über die Jahrhunderte hinweg sind sich die Mittel, die der Klerus zur Durchsetzung seiner Ziele zum Einsatz bringt: Günstlingsherrschaft und Geldwertmanipulation, Androhung von gesellschaftlichem, kirchlichem und wirtschaftlichem Ausschluss, Schüren und Wachhalten von Ängsten, Wunderglaube, Ablass, Erpressung, Entmündigung und Entfremdung.

Die schlimmsten Feinde eines solchen Herrschaftssystems waren und sind Freiheit, Dezentralität, Konkurrenz. Und es ist das einzig Logische, dass im Schatten des täglich politisch und medial geschürten gesellschaftlichen Äquivalents eines Krieges diskret und abseits der Öffentlichkeit eine ganz andere Agenda abgearbeitet wird. Das Ziel: Mehr Macht der Zentrale. Das Ganze folgt einem einfachen Schema. Jenem, dass angeblich unvorhergesehene Umstände den nächsten Zentralisierungsschritt notwendig machen. Flüchtlingswelle? Wir brauchen eine einheitliche europäische Einwandungs- und Grenzschutz-Behörde. Wirtschaftskrise? Wir brauchen eine einheitliche europäische Wirtschaftspolitik! Und so weiter und so fort: Bankenaufsicht, Steuerbehörde, Sicherheitspolitik, Verfassungsgerichtsbarkeit … Alles – versteht sich – ohne, dass staatliche Souveränität abzugeben oder nationale Befugnisse an die Kurie zu übertragen sind. Die grösste Lüge überhaupt. Das Gegenteil ist der Fall: Referenden, Ratifizierungs-Verfahren und Volksbefragungen sind reine Show. Die Ergebnisse sind zusammen mit dem Projekt klar definiert. Verträge werden durchgedrückt und regelmässig gebrochen, unliebiges Querulantentum mittels europäischer oder nationaler Justiz ausgebremst. CETA und das Assoziierungsabkommen mit der Ukraine – um nur zwei zu nennen – sprechen eine deutliche Sprache. Und was die angebliche Konjunktur-Ankurbelung via EZB betrifft: Die supranationale Monsterbehörde ist heute durch ihre Ableger und dadurch, dass sie die Grosskonzerne der Versorgungsindustrie bei der Ausarbeitung kontinentaler Konzepte und Regulatorien mit einbezieht, Hedgefond, Kartell, Erpresserin und antidemokratisches Klumpenrisiko in einem.

Warum kommen sie damit durch? Warum funktioniert es erneut? Mögliche Antworten: Es ist gut gemacht. Es ist so verdammt gut gemacht, dass sogar solche, die sich selber als liberal oder allgemein freiheitsliebend bezeichnen, oft genug auf den Leim des Alle-gegen-Alle gehen, „Politik“ fordern, um ihre Idee bedingter Freiheit als allgemeingültig auf einen Sockel zu stellen, sie anzubeten, stolz darauf zu sein, sie anzubeten und alle zu verachten, die sie nicht anbeten. Es gibt auch die wahren Gläubigen, die Bekehrten, nicht immer die grössten geistigen Leuchten, oft aber die eifrigsten. Gut, global denkend, grün, technologiehörig, staatsabhängig und der Überzeugung, ihre Mitmenschen seien in ihrer Mehrzahl stumpfe Gegenstände, die von von höheren Wesen, also von ihnen, gehandhabt, taube Gefässe, die mit dem „Richtigen“ gefüllt werden müssen. Nettsein und Verschonung sind keine Optionen.  Eine grosse Mehrheit der Menschen indes gibt der Sehnsucht nach absoluter Orientierungssicherheit, nach bezahl- und berechenbarer Erlösung nach – Wahlergebnisse sprechen oft genug davon. Wie die anderen auch, fallen sie schlicht und arglos herein auf moralische und religiöse Gesinnungsphrasendrescherei ohne Substanz. Sie haben sich im guten Glauben ködern lassen mit dem Versprechen von Sorglosigkeit und individueller Narrenfreiheit. Geblieben ist ein familiäres, spirituelles und wertemässiges Vakuum. In dem leben sie. Stumpfsinn, Langeweile und Leere, denen oft zu entkommen versucht wird mittels eines medialen Unterhaltungsangebots, das anmutet wie Literatur in einem Polizeistaat: kindisch, geknebelt, uninteressant.

Allen gemeinsam ist zweierlei: die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Momente blanken Entsetzens und der die fadenscheinige Sicherheit des Kartenhauses gefährdende Feind: Eine täglich grösser werdende Schar von Dissidenten, Ungläubigen, Ein-Mann-Armeen. All jene, die der anmassenden Einmischung von aussen ein lautes „Extra omnes!“ („Alle hinaus!“) entgegenschmettern. Jene, die im Wissen um die eigene Fehlbarkeit fordern, in Freiheit das eine Leben, das sie haben,  ohne Zwang, Bevormundung, Lüge und Manipulation selbstverantwortlich zu leben wie sie wollen und mit wem sie wollen. Die fordern ihre Ziele selber zu definieren, die Risiken selber zu wählen und zu tragen. Jene, die selbst bestimmen wollen, für wen oder was sie sich interessieren, woran sie glauben, wem sie vertrauen und wen sie persönlich unterstützten wollen. Jene, die glauben, dass Freiheit nur beim einzelnen anfangen kann und dass ihre natürliche Grenzlinie erst an der Freiheit des Nächten verläuft , dass die Werte, der Glaube, Entscheidungen und Handlungen, die ihre Würde ausmachen, nie kollektiviert und schon gar nicht dekretiert werden können. Dass das verordnete Kollektiv früher oder später mit Herrschaft und Unterwerfung, oft genug mit Gewalt einhergeht.

Wer solche Haltung – und es ist die Grundhaltung aller auf dem oben erwähnten Blog gesammelten Texte -,ergänzt um die christlichen Fundamentalprinzipien der Unantastbarkeit des Eigentums, der Freiwilligkeit allen Tuns, der Gewaltlosigkeit und der Achtung des Individuums – als „neurechts“ denunziert, diffamiert in Wahrheit hinter allen Spiegeln nur eines: Die Freiheit.

Jene, die angesichts dieser obrigkeitlich geforderten, geförderten und finanzierten Spitzellogik, die sich im Besitz der Wahrheit und nichts als der Wahrheit wähnt, nicht nur fröstelt, sondern friert, sollten sich warm anziehen. Es ist möglich, dass es furchtbar kalt wird hierzulande. Kühl ist es schon. Indes: Das Kerngeschäft aller Politik ist es, die Freiheit zu beschneiden, sie als Böse zu etikettieren. Das Kerngeschäft aller Freiheit ist es, die Politik zu beschneiden. Das Pendel wird auch wieder anders ausschlagen. Der Weg bis dahin kann allerdings ein langer sein. Trotzdem ist er Grund zur Hoffnung, Grund genug, stehen zu bleiben. Egal, wie lange die Kraft reicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

Recht auf Einzelfallprüfung. Persönlich.

Wer mit Ende 20 oder darüber in der Schweiz in ein Dachzimmer zieht, ist verdächtig. Des Nichterfüllens, des Scheiterns, des Versagens. Der Einzug erfolgt geräuschlos, ohne grosses Gepäck und meist unfreiwillig. Wer sein Leben auf 12 Quadratmetern einrichtet trägt den Gürtel im letzten Loch. Enger geht kaum. Er gehört ab sofort und über jeden Kamm geschoren zum Mansarden-Pack. Anspruch auf Unschuldsvermutung gibt’s nicht. Vertrauen ist als Währung in dieser Etage nicht im Umlauf. Wenn du die Treppe herunterkommst, werden sich öffnende Türen zugeschoben bis du vorbei bist, Kinder werden zurückgerufen, gegrüsst wird nicht. Das bis dahin Selbstverständlichste hat keine Gültigkeit mehr. Indes: Die harte Vorverurteilung ist begründet. Meist sind Drogen und Alkohol im Spiel. Oft kriegt der Vermieter anstelle eines monatlichen „Zustupfs“ ein demoliertes Zimmer, Polizei-Präsenz, Tierschutz-Einsätze und Zoff mit den anderen Hausbewohnern als Lohn.

Ich machte den Schritt in das Raumkonzept „Leben auf dem Bett“ – viel mehr hat nicht Platz – gleichzeitig mit jenem in die berufliche Selbständigkeit. Ich wollte den eh schon hohen Druck des Ungewissen nicht noch mit hohen Fixkosten vergrössern und zog in die oberste Etage eines Altbaus. Enger Flur, davon abgehend zehn Dachzimmer, am Ende des Gangs Gemeinschafts-Toilette mit Lavabo. Fürs Duschen kaufte ich eine Jahreskarte des öffentlichen Schwimmbades in der Nähe. Mit meinem Zimmer waren es insgesamt nur drei, die vermietet wurden. Ich war der einzige der blieb. In den beiden anderen Kammern herrschte reges Kommen und Gehen, Mieten wurden selten bezahlt und wenn doch, dann erst über das Sozialamt erstritten. Entsprechend war der Zustand der gemeinsam genutzen Sanitäranlagen.

Nach drei Monaten zog Tenzin in eines der zum wiederholten Mal frei gewordenen Zimmer. Ein Tibeter. Meine Begeisterung – Verzeiht, o Kleriker des korrekt-konfektionierten Denkens, mir meine Sünde! (Tucholsky gedenkend) – war bestenfalls marginal. Mein berufliches Fortkommen und meine gerade frisch umgepflügte Existenz interessierten mich weit mehr, als die territorialen Herrschaftsansprüche der Volksrepublik China. Und ausserdem: Tibeter kannte ich bis dahin nur zwei: Eine Frau in den Drogen und auf dem Strich und einen Mann, der sein Tibeter-Sein zum Geschäftskonzept erhoben hatte und sich wie einen Wanderpokal des Guten durch die WG’s und Salons der städtischen Intelligenzija reichen liess – auch eine Art Strich. Wenn jemand aus dem Bekanntenkreis fragte, wie es zurzeit laufe auf Mansardenniveau und ich begeisterungsfrei die Auskunft erteilte, es lebe jetzt ein Tibeter dort, dann war die Reaktion allerdings meist einhellig: Gut, cool, toll. Warum genau das so gut oder toll sein sollte, konnte mir niemand sagen. Tibeter waren Opfer und daher alle gut. Punkt.

Ich sah das nicht so und mein neuer Nachbar offenbar genauso wenig. Wir waren einander Fremde im bestmöglichen Sinn: menschlich, kulturell, sozial. Und in diesem totalen Fremdsein vollführten wir in den kommenden Monaten den menschlichsten aller Tänze: Jenen des langsamen Gewöhnens und Vertrautwerdens. Ein Nicken im Treppenhaus, eine Geste des Vortrittlassens vor der Toilettentür, ein „Hallo“ wenn der eine an der offenen Zimmertür des anderen vorbeiging. Das erste Gespräch führten wir eines Nachts um halb drei in der Früh. Ich arbeitete damals oft die Nächte durch an Konzepten und Texten um die Tage für die Aquisition frei zu haben, Tenzin arbeitete in der Küche eines Hotels. Ich hatte gerade Kaffee aufgebrüht. Kaffe? Er nickte, hielt inne, blieb im Türrahmen stehen, nahm die Tasse entgegen. Da es ausser dem Bett keine Sitzgelegenheit gab, leerten wir die Tassen stehend. Es wurde ein langes Stehen. Die Verständigung war schwer. Trotzdem: als er abzog wussten wir voneinander unsere Namen, woher jeder von uns kam, warum wir hier lebten, was wir arbeiteten und was die Pläne für unsere nächste Zukunft waren.

Wir wohnten von da an noch anderthalb Jahre Tür an Tür unter dem Dach. Nach dieser Zeit zog er mit seiner inzwischen eingetroffenen Familie in eine Wohnung auf der vierten Etage. Der Zufall wollte es, dass die gegenüberliegende Wohnung auch frei wurde. Wir blieben weitere drei Jahre Nachbarn. Wenn Freunschaft bedeutet, sich unabhängig von der Menge gemeinsam verbrachter Zeit aufeinander verlassen zu können, dann war und ist das, was uns damals verband und heute verbindet, eine Freundschaft. Die Behauptung, dass solches nur möglich war, weil die Zeit des Misstrauens erlebt, die Fremde gepflegt und das Vertrauen erst nach Saat, Hege, Wachstum und Ernte vorhanden sein konnte, erscheint mir auch fünfzehn Jahre später nicht übertrieben oder in irgendeiner grotesken Art „feindlich“. Der Ausgang der Begegnung war offen. Es hätte so oder so kommen können. Nicht mehr und nicht weniger.

Vertrauen kann nicht verordnet werden. Befohlenes Vertrauen kann nur via Bestechung oder Waffe stattfinden. Vertrauensvorschüsse sind Schrottpapiere. Der Befehl des „Kollektivpatrirachen“ Staat (Roland Baader), Fremdem, Anderem und Neuem millionenfach blind  zu vertrauen, es zu willkommnen, zu achten und zu respektieren noch bevor man weiss, wer es überhaupt ist, der da kommt, ist nicht nur dumm, anmassend und fahrlässig, sondern vielmehr die Aufforderung zur Selbstaufgabe und zur Preisgabe dessen, was uns ausmacht und was unseres ist. Es ist die Aufforderung, auf fremdes Geheiss hin blind ins Dunkle, schlimmstenfall in den Tod zu stolpern.

Wer dem Menschen das Recht und auch die Pflicht nimmt, Unbekanntes zu prüfen, nimmt ihm nicht nur die Verantwortung für eigene Entscheidungen, sondern spricht im Grundsätzlich die Fähigkeit ab abzuwägen, was für ihn gut ist und was nicht – kurz: seine Chance auf eigene freie Meinungsbildung durch Erfahrung und damit auf die Freiheit schlechthin, an der durchaus auch die Möglichkeit seines Überleben hängen kann. Vertrauen setzt Wissen und Kontinuität voraus. Ohne dies ist es bloss ein weiteres ausgehöhltes und missbrauchtes Pseudo-Konzept, die administrative Kopfgeburt eines grössenwahnsinnen und von allen menschlichen Realitäten abgehobenen Gestalter-Kollektivs. Und es zeigt vor allem eines: Die allumfassende Verachtung unseres Staats seinen Bürgern gegenüber.

Die Gefahren des Besseren

Gutmenschen sind nicht gefährlich. Sie mögen naiv sein, unkritische Träumer, nervtötende Phantasten dümmlichen Weltumarmens,  Eiferer des Politisch Korrekten und bigotte Atheisten, die irgendeinen Privat-Götzen mit sich herumschleppen – ein Risiko sind sie nicht. Und ausserdem: In jedem von uns steckt ein Stück Gutmensch. Keiner von uns glaubt, nur schlecht zu sein. Im Gegenteil: Wir alle sind meist davon überzeugt, gut zu sein, richtig zu handeln oder zumindest aus den richtigen Gründen so zu handeln wie wir es tun. Wir wissen aber auch, dass wir nicht nur gut sind und dass wir es in unseren Augen manchmal nur deshalb sind, weil wir uns etwas in die Tasche lügen, uns Illusionen über uns selber hingeben oder schlicht und einfach Glück haben.

Es mag von dieser natürlichen Demut –  Wissen um die eigene Unvollkommenheit, nicht Kriechertum – Ausnahmen geben. Man kann sie indes getrost unter der Rubrik „aufgeblähtes Mittelmass“ ablegen. Es ist eine Zeiterscheinung, eine Art grassiernde sich selbst genügende moralische, intellektuelle oder einfach nur konfektionelle Selbsterhebung einzelner, die sich von der ordinären Befriedigung kurzfristiger Lust und Eitelkeiten treiben lässt. Wo Fläche herrscht, wird auch ein Hügel zum Berg. Gefährlich ist er nicht. Es mag Dünkel sein, Dummheit oder Dekadenz – indes, solche Haltung stellt das Recht, die Fähigkeit und die Möglichkeiten eines jeden Menschen – egal woher er kommt -, auf seine Art und frei zu einer für ihn guten Existenzform zu finden und sich bestmöglich zu entfalten nicht in Frage.

Die Schlünde echter Gefahr tun sich dort auf, wo „gut“ „besser“ meint. Da, wo Begrifflichkeiten wie „höherwertig“ oder „niedrig stehend“ vielleicht nicht ausgesprochen, aber gedacht werden. Wo ein naturgesetzliches oder geistliches Gottesgnadentum nicht nur identitätsstiftend ist, sondern als Leitfaden und Rechtfertigung jeglichen Verhaltens herangezogen wird. Das ist die dunkle Seite eines dunklen Systems. Das sind die wirklich gefährlichen Spalten, die sich auftun zwischen den vielbeklagten Rissen, die unsere Gesellschaft durchziehen. Denn: Das „Bessere“ war und ist in jeder seiner Erscheinungsformen schauerlich. Heute droht es von drei Seiten: von aussen, von oben und von innen.

Was zurzeit in Legionen von aussen kommt ist in seiner schieren Masse nicht zu übersehen. Bald werden es Millionen andersdenkender und -empfindender, meist ungebildeter Menschen sein, die unser gesellschaftliches und finanzielles Gefüge bis zur Unkenntlichkeit und zum Reissen dehnen. Sachlich und ohne jede Hetze muss festgestellt werden, dass es wirtschaftlich, sozial und kulturell eine Katastrophe ist. Und dennoch: Es wäre im besten Fall zu schaffen. Irgendwie. Der gute Wille, Menschen zu helfen, das Verständnis für die Suche nach einem besseren Leben, war da und ist zum Teil immer noch vorhanden. Ausserdem: In seiner grenzenlosen Fähigkeit zur Ignoranz hat Europa sich in der Vergangenheit mit weit Schlimmerem arrangiert. Das Problem, das beschwiegen wird, ist ein anderes:  Hier wandern nicht einfach Menschen ein. Hier kommen „bessere“ Menschen.

Man muss nüchtern jenen recht geben, die sagen, es gäbe nur den Islam. Moderater Islam sei eine Unmöglichkeit. Man könnte ebensogut von moderatem Judenhass sprechen. Die Augen verschliessen, den Hintern falten und an einen Sonnenuntergang denken schützt nicht vor den Tatsachen: Die grosse Mehrheit der Zuziehenden ist gesellschaftlich, politisch, geistig und geistlich in diesem einen Islam verankert. Im System einer Stammesstruktur, das sich durch tief empfundes Gefühl des Glaubens und Auserwähltseins, der Ehre und der Loyalität der Sippe und den Brüdern gegenüber charakterisiert und einhergeht mit einem aus aufgeklärter Sicht fast soziophatischen Mangel an Respekt für die Interessen, Werte oder auch nur die Menschlichkeit aller, die nicht demselben System angehören.

Der Islam spricht dem Individuum das Recht ab, das Leben frei auf seine Art zu leben. Das Bekenntnis ersetzt das persönliche Urteil und gibt jedem Tribunal über Gut und Böse seine Letztbegründung. Von Integration zu sprechen im Fall gläubiger und schrifttreuer Muslime ist ein Hohn. Sie scheitert nicht am Können oder Wollen. Sie ist längst am Dürfen gescheitert. Wir sind das Haus des Unglaubens, das Haus des Krieges, das Land der Fremde, wir haben Gottes ewige Gesetze durch menschengemachte Gesetzte ersetzt. Mit Eintritt in unsere Welt, gerät der gläubige Muslim in ein Kreuzfeuer der Ketzterei. Buchstäblich. Wer sich anpasst oder gar integriert, gilt als Abgefallen und Abtrünnig und verdient den Tod. Totale Verweigerung, Agbrenzung, Verachtung und zunehmend auch Bekämpfung sind im Sinn des Dschihad nicht individuelle Pflicht, sondern Pflicht der muslimischen Gemeinschaft als Ganzes. Das ist die wirkliche Gefahr der aktuellen Einwanderung: Gottes Auserwählte wandern ein in entweihtes Land, das es wieder zu weihen gilt.

Hier den Regierungen nicht Wollen oder Wissen, keinen Plan zu unterstellen angesichts Tausender von uns besoldeter Experten, Strategen und Analysten ist naiv. Lange unbemerkt, ignoriert und geduldet haben sich die Exegeten der allumfassenden Gleicheit zu „Besseren“ und orwellschen „Gleicheren“ gemausert. Inhaltliche Differenzen beschränken sich heute auf den unterschiedlichen Mix der Primärfarben in den Parteilogos und der Parolen. Im Endeffekt ist es dasselbe: Der unbedingte Wille zum Machterhalt mittels einer kranken Version dessen, was sie zu bekämpfen vorgeben: den Kapitalismus. Was ihn ausmacht – die Freiheit von Märkten und Menschen – ist überführt worden in ein monopolistisches Geld-, Gewalt- und Gesinnungs-System. Hier – genau wie in jeder Ideologie – hat sich der Mensch für eine „Seite“ zu entscheiden. Er ist entweder für das System oder gegen das System. Er ist gut oder er ist böse. Böses wird denunziert, ruiniert und exkommuniziert. Und man ist sich längst nicht mehr zu schade, unter der schwarzen Flagge der Antifa segelnde Pfaffendiener, vandalistische Amateure, verweichlichte Verweigerer und unkreative Versager die Drecksarbeit machen lassen. Oder anders gesagt: Wer jene, von denen und aus deren Mitte heraus er beauftragt ist zur langfristigen Sicherung von Wohlstand und Freiheit, als Pack, Untermenschen  oder Arschlöcher bezeichnet, sieht sich selber als Übermenschen. Jeder Einwurf gegen die Meinungs- und Wahlfreiheit – und komme er noch so gutenschlich und gleichmacherisch daher – entstammt einem Polizeigehirn. Hier nicht die Gefahr eines absolut „Besseren“ zu sehen ist ebenso naiv, wie fahrlässig.

Wäre man nicht betroffen, könnte man lachen über die Wunderkammer des „Besseren“ in die sich Europa vor unseren Augen verwandelt. Aber man ist betroffen. Viele sind bereits gegangen. Wer bleibt oder bleiben muss, findet sich in einem Spiegelkabinett mehr oder minder diffuser Ängste wieder. Ohnmächtig und unter dem Zwang, sein Erarbeitetes und sich selbst als Futter für die abgehobenen Ideen und institutionellen Idiotien der Obrigkeit hingeben zu müssen. Bewusst oder instinktiv weiss jeder, dass etwas nicht mehr stimmt. Dass gelogen wird, geblufft, getäuscht. Und er weiss auch, dass wir als Gesellschaft daran grösstenteils selber Schuld sind. Denn: Der Staat, das waren ursprünglich wir. Wir sind es, die sich aus Bequemlichkeit haben weichspülen und unsere Werte in poröses Halbwissen und leichtbekleideten Aberglauben umformen lassen. Wir machen uns etwas vor, wenn wir den Staat dafür verteufeln, dass er Bürgerrechte- und Pflichte an sich gerissen hat, die wir ihm über Jahrzehnte freiwillig verkauft oder geschenkt haben. Wir haben uns von selbstverantwortlichen Bürgern zu reinen Nutzniessern des Systems gewandelt und sind erpressbar geworden. Oder anders gesagt: Wir haben uns benommen und benehmen uns wie pubertäre Halbstarke, die einen Kinderzirkus der Rebellion gegen die elterliche Autorität veranstalten, aber ohne Not Pappas Geländewagen fahren und ihn mit Muttis Kreditkarte volltanken. Die „da oben“ brauchten lange Zeit nicht mehr zu tun, als sich jene Rhetorik zu eigen zu machen, mit der wir uns selbst belogen. Heute stehen wir für nichts und sitzen dort, wo wir als freie Menschen nicht sitzen sollten: Zwischen den Stühlen. Und es grassiert Selbstmitleid. Ein grosser Feind aller Freiheit und ein Komplize freiwilligen Sklaventums. Perfekter Nährboden für solche, die behaupten, uns zu sehen und zu höhren, während sie nur besser die Beschaffenheit unserer Ohren kennen als andere und uns sagen, was wir hören wollen. Dass wir Besseres verdient hätten, weil wir „besser“ seien. Da lauert die dritte Gefahr.

Meine Damen, meine Herren. Willkommen in der Wirklichkeit. Es gibt kein Publikum und keinen Applaus. Niemand sieht Sie oder hört Sie. Das ist die Wahrheit heute. Misstrauen wir allen, die vorgeben, uns zu hören und zu sehen oder sich anderweitig für uns zu interessieren. Misstrauen wir solchen, die von Tradition und Brauchtum reden und Rasse meinen. Die Recht sagen und Gefolgschaft meinen. Die von Kraft und Stärke schwafeln und Macht meinen. Es ist Ramsch und Rattenfängerei. Die Aufrichtigkeit ist rein physikalischer Natur. Nur Verführer und Schwächlinge brauchen Esoterik, Aberglaube, Zeichen, Wappen und Wunder. Ihre Stärke nährt sich ausschliesslich an der Charakter- und Ziellosigkeit des Gegenübers. Seien wir Wächter unseres eigenen Gehirns. Dort und nirgendwo sonst muss die Gewaltenteilung beginnen. Die Zeit der beschaulichen Hoffnungslosigkeit und wehleidigen Profitierens ist vorbei. Werden wir wieder zu Bürgern. Diskussion – ja, Dialog – gerne, Kapitulation – nie. Das ist Freiheit.