Recht auf Einzelfallprüfung. Persönlich.

Wer mit Ende 20 oder darüber in der Schweiz in ein Dachzimmer zieht, ist verdächtig. Des Nichterfüllens, des Scheiterns, des Versagens. Der Einzug erfolgt geräuschlos, ohne grosses Gepäck und meist unfreiwillig. Wer sein Leben auf 12 Quadratmetern einrichtet trägt den Gürtel im letzten Loch. Enger geht kaum. Er gehört ab sofort und über jeden Kamm geschoren zum Mansarden-Pack. Anspruch auf Unschuldsvermutung gibt’s nicht. Vertrauen ist als Währung in dieser Etage nicht im Umlauf. Wenn du die Treppe herunterkommst, werden sich öffnende Türen zugeschoben bis du vorbei bist, Kinder werden zurückgerufen, gegrüsst wird nicht. Das bis dahin Selbstverständlichste hat keine Gültigkeit mehr. Indes: Die harte Vorverurteilung ist begründet. Meist sind Drogen und Alkohol im Spiel. Oft kriegt der Vermieter anstelle eines monatlichen „Zustupfs“ ein demoliertes Zimmer, Polizei-Präsenz, Tierschutz-Einsätze und Zoff mit den anderen Hausbewohnern als Lohn.

Ich machte den Schritt in das Raumkonzept „Leben auf dem Bett“ – viel mehr hat nicht Platz – gleichzeitig mit jenem in die berufliche Selbständigkeit. Ich wollte den eh schon hohen Druck des Ungewissen nicht noch mit hohen Fixkosten vergrössern und zog in die oberste Etage eines Altbaus. Enger Flur, davon abgehend zehn Dachzimmer, am Ende des Gangs Gemeinschafts-Toilette mit Lavabo. Fürs Duschen kaufte ich eine Jahreskarte des öffentlichen Schwimmbades in der Nähe. Mit meinem Zimmer waren es insgesamt nur drei, die vermietet wurden. Ich war der einzige der blieb. In den beiden anderen Kammern herrschte reges Kommen und Gehen, Mieten wurden selten bezahlt und wenn doch, dann erst über das Sozialamt erstritten. Entsprechend war der Zustand der gemeinsam genutzen Sanitäranlagen.

Nach drei Monaten zog Tenzin in eines der zum wiederholten Mal frei gewordenen Zimmer. Ein Tibeter. Meine Begeisterung – Verzeiht, o Kleriker des korrekt-konfektionierten Denkens, mir meine Sünde! (Tucholsky gedenkend) – war bestenfalls marginal. Mein berufliches Fortkommen und meine gerade frisch umgepflügte Existenz interessierten mich weit mehr, als die territorialen Herrschaftsansprüche der Volksrepublik China. Und ausserdem: Tibeter kannte ich bis dahin nur zwei: Eine Frau in den Drogen und auf dem Strich und einen Mann, der sein Tibeter-Sein zum Geschäftskonzept erhoben hatte und sich wie einen Wanderpokal des Guten durch die WG’s und Salons der städtischen Intelligenzija reichen liess – auch eine Art Strich. Wenn jemand aus dem Bekanntenkreis fragte, wie es zurzeit laufe auf Mansardenniveau und ich begeisterungsfrei die Auskunft erteilte, es lebe jetzt ein Tibeter dort, dann war die Reaktion allerdings meist einhellig: Gut, cool, toll. Warum genau das so gut oder toll sein sollte, konnte mir niemand sagen. Tibeter waren Opfer und daher alle gut. Punkt.

Ich sah das nicht so und mein neuer Nachbar offenbar genauso wenig. Wir waren einander Fremde im bestmöglichen Sinn: menschlich, kulturell, sozial. Und in diesem totalen Fremdsein vollführten wir in den kommenden Monaten den menschlichsten aller Tänze: Jenen des langsamen Gewöhnens und Vertrautwerdens. Ein Nicken im Treppenhaus, eine Geste des Vortrittlassens vor der Toilettentür, ein „Hallo“ wenn der eine an der offenen Zimmertür des anderen vorbeiging. Das erste Gespräch führten wir eines Nachts um halb drei in der Früh. Ich arbeitete damals oft die Nächte durch an Konzepten und Texten um die Tage für die Aquisition frei zu haben, Tenzin arbeitete in der Küche eines Hotels. Ich hatte gerade Kaffee aufgebrüht. Kaffe? Er nickte, hielt inne, blieb im Türrahmen stehen, nahm die Tasse entgegen. Da es ausser dem Bett keine Sitzgelegenheit gab, leerten wir die Tassen stehend. Es wurde ein langes Stehen. Die Verständigung war schwer. Trotzdem: als er abzog wussten wir voneinander unsere Namen, woher jeder von uns kam, warum wir hier lebten, was wir arbeiteten und was die Pläne für unsere nächste Zukunft waren.

Wir wohnten von da an noch anderthalb Jahre Tür an Tür unter dem Dach. Nach dieser Zeit zog er mit seiner inzwischen eingetroffenen Familie in eine Wohnung auf der vierten Etage. Der Zufall wollte es, dass die gegenüberliegende Wohnung auch frei wurde. Wir blieben weitere drei Jahre Nachbarn. Wenn Freunschaft bedeutet, sich unabhängig von der Menge gemeinsam verbrachter Zeit aufeinander verlassen zu können, dann war und ist das, was uns damals verband und heute verbindet, eine Freundschaft. Die Behauptung, dass solches nur möglich war, weil die Zeit des Misstrauens erlebt, die Fremde gepflegt und das Vertrauen erst nach Saat, Hege, Wachstum und Ernte vorhanden sein konnte, erscheint mir auch fünfzehn Jahre später nicht übertrieben oder in irgendeiner grotesken Art „feindlich“. Der Ausgang der Begegnung war offen. Es hätte so oder so kommen können. Nicht mehr und nicht weniger.

Vertrauen kann nicht verordnet werden. Befohlenes Vertrauen kann nur via Bestechung oder Waffe stattfinden. Vertrauensvorschüsse sind Schrottpapiere. Der Befehl des „Kollektivpatrirachen“ Staat (Roland Baader), Fremdem, Anderem und Neuem millionenfach blind  zu vertrauen, es zu willkommnen, zu achten und zu respektieren noch bevor man weiss, wer es überhaupt ist, der da kommt, ist nicht nur dumm, anmassend und fahrlässig, sondern vielmehr die Aufforderung zur Selbstaufgabe und zur Preisgabe dessen, was uns ausmacht und was unseres ist. Es ist die Aufforderung, auf fremdes Geheiss hin blind ins Dunkle, schlimmstenfall in den Tod zu stolpern.

Wer dem Menschen das Recht und auch die Pflicht nimmt, Unbekanntes zu prüfen, nimmt ihm nicht nur die Verantwortung für eigene Entscheidungen, sondern spricht im Grundsätzlich die Fähigkeit ab abzuwägen, was für ihn gut ist und was nicht – kurz: seine Chance auf eigene freie Meinungsbildung durch Erfahrung und damit auf die Freiheit schlechthin, an der durchaus auch die Möglichkeit seines Überleben hängen kann. Vertrauen setzt Wissen und Kontinuität voraus. Ohne dies ist es bloss ein weiteres ausgehöhltes und missbrauchtes Pseudo-Konzept, die administrative Kopfgeburt eines grössenwahnsinnen und von allen menschlichen Realitäten abgehobenen Gestalter-Kollektivs. Und es zeigt vor allem eines: Die allumfassende Verachtung unseres Staats seinen Bürgern gegenüber.

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