Brot, Brauchtum, Spiele

In Frankreichs Rathäusern dürfen Krippen künftig nur dann stehen, wenn sie nicht als religiöses Symbol gemeint sind. Andernfalls handelt es sich um einen Gesetzesverstoss. So der Entscheid des obersten Verwaltungsgerichts des Landes. Dies drei Monate nachdem Frankreichs Präsident Hollande nach dem bestialischen Anschlag in Saint-Etienne-de-Rouvray den Angriff auf eine Kirche und den Mord eines Priesters als Schändung der Republik gegeisselt und die französische Bevölkerung auf ihre christlichen Wurzeln eingeschworen hat. Fast zeitgleich fordern die Grünen in Düsseldorf zusammen mit der Bürgerinitiative „Baumschutzgruppe Düsseldorf“, künftig auf den „toten“ Weihnachtsbaum vor dem Rathaus zugunsten eines „lebenden“ Baumes an anderer Stelle zu verzichten. Es sei jetzt, da die norwegische Partnerstadt Lillehammer aus Kostengründen auf die Lieferung der seit 35 Jahren spendierten Tanne verzichte, besonders günstig, sich von dem „unzeitgemässen Ritual“ zu verabschieden. Dies nur Tage nachdem Bundeskanzlerin Merkel ihrem Volk das Kopieren von Liedzetteln und das Absingen von „irgendeinem TammTammTamm (…) oder was weiß ich“ zur Bekämpfung persönlicher Ängste im Zusammenhang mit dem Islam empfohlen hatte.

Hier mit triefendem Pathos beschworene Christenheit und sich herablassend des Brauchtums bedienender Landesmutter-Trost, dort die grösstmögliche verbale Neutralisierung von Symbolen, wo christliche DNA schlechthin gemeint ist (Darstellung der Krippe), und die Umdeutung althergebrachter Bräuche zu zeitgeistabhängigen, austauschbaren Ritualen (Tannenbaum). Widerspruch? Ja – aber nur scheinbar. Es sind zwei Seiten derselben Medaille. Brauchtum – wenn nicht vereinnahmt, instrumentalisiert und gesteuert – bedeutet Gefahr für jedes Regime mit totalem Verwaltungsanspruch.

Natürlich nicht allem, aber einem Teil dessen, was als Brauchtum bezeichnet wird, wohnt eine Glaubenskomponente inne. Ein Element, das Gewolltes und Gemachtes gnadenvoll Gewährtem gegenüberstellt. Ein Bekenntnis zur „Lücke“.  Zur Tatsache, dass nicht alles immer erklärbar und restlos zu lösen ist. Dass etwas – Gott, Götter, Naturgeister, Fügung, Schicksal, Mystik, Zufall, das Nichts – „mitspielt“, das grösser ist als der Mensch oder sich seiner Verfügbarmachung zumindest entzieht. Es entreisst den Menschen dem Druck des Machbaren und bekennt, dass das Moment der Unberechenbarkeit Teil des Lebens ist.

Viele Bräuche sind daher an ihrer ursprünglichen Wurzel Feste des Bittens, des Dankens oder des Feierns und Ehrens von Übergängen, auf die und deren Gelingen der Mensch nur bedingt Einfluss hat: Geburt, Tod, Krankheit und Heilung, Erwachsenwerden, Hochzeit, Natur, um nur einige zu nennen. Sie zelebrieren das Leben schlechthin. Ewigkeitswerte angesichts der Vergänglichkeit und eine stolze Demut, die sich selbstbewusst, ohne Anmassung und ohne Zweifel zur Nichtkenntnis und zum Nichtwissen bekennt, die Sterben und Tod annimmt um damit zu leben und die die „Lücke“ dem Wirken eines „Anderen“, als der Mensch es ist, anheimstellt.

Menschen, die als Familien oder andere Gemeinschaften solches Brauchtum hochhalten und pflegen werden zu Schicksalsgemeinschaften im besten Sinn. Man teilt das Fest, den Moment, die Freude oder die Trauer ebenso, wie den Grund, auf dem man steht. Was auf den ersten Blick bloss Haltung ist, wird zum Halt und kann dem Einzelnen und der Gemeinschaft als Ganzes eine Gelassenheit und Gelöstheit geben, die krampflos, aufrecht, voll Neugier und wach ins Leben hinaussieht und -geht im Wissen um die „geteilte Lücke“. Brauchtum in diesem Sinn kann grosse Freiheit bedeuten. Der so Verankerte fürchtet nicht den Ausschluss aus der „Gesellschaft“. Seine Freiheit ist nicht ein „Trinkgeld“ staatlichen Wohlwollens und er wird sich der politischen und doktrinären Befreiungsbesessenheit (Einmischung, Erziehung, etc.) entziehen. Seine Freiheit ist mehr als Konsumgut, mehr auch, als garantiertes Recht. Sie ist beschwingende Kraft, die auch die schwerste Verantwortung trägt. Sie ist Liebe zum Leben, die das Leben dahingäbe, um es in dieser uneingeschränkten Bejahung führen zu können.

Dass solches einem Staat mit Anspruch auf die lückenlose Vermessung , Ordnung und Verwaltung des Lebens und auf umfassenden Zugriff auf das ganze Individuum nicht behagen kann, liegt auf der Hand. Menschen, die buchstäblich Hand-in-Hand die höchsten Höhen dessen, was Leben ist, feiern und stehen bleiben, wenn „eine Tiefe die andere ruft“, lassen sich nicht einschüchtern vom normierenden Diktat einer sich bunt gebenden Bürokratie. Oder anders gesagt: Menschen, die aus Liebe zum Leben, zu den Ihren und zur Freiheit die Furcht vor dem Letzten für sich ganz persönlich bereits heute überwunden haben, bleiben den Drohungen des Vorletzten gegenüber frei. Sie sind das Schlimmste, was dem Allverwalter Staat passieren kann. Diese Lücke zu schliessen muss eine seiner Hauptaufgaben sein.

Die Rezepte sind sich über die Jahrhunderte hinweg gleich geblieben. Alles, was sich der staatlich verordneten Vernunft und seinem Befehl zu regimekonformer Unfehlbarkeit entzieht, wird der Abfälligkeit, der Verächtlichkeit, der Idiotie preisgegeben, als reaktionär denunziert und in schier unerträglicher Arroganz gedemütigt. Er macht sich daran, die Menschen zu befreien, indem er ihnen mittels Angst vor Ausschluss vorenthält, was er als „falsch“ identifiziert hat. Er gibt vor, sie zu retten vor unzeitgemässem geistigem und geistlichen Sklaventum und überantwortet sie dem kalten Apparat. Das Endprodukt solch staatlicher Erlösung ist oft Orientierungslosigkeit angesichts der durch äussere Umstände zutage tretenden „Lücken“. Dann wird wohl mit emotionalen Appellen Volk, Vaterland und religiöses Wurzelwerk beschworen, ein Brocken  sinnentleertes und auf den Zweck rediziertes „Wir-Gefühl“ in die Masse geschleudert als Teil der Brot-und-Spiele-Konzepts der Scheindemokraten.  Indes: Die Wirkung solchen Event-Brauchtums ist jener von Schlafmitteln vergleichbar: Man schläft dann wohl, wenn man eine ordentliche Dosis intus hat, die Träume bleiben aber aus. Die Erholung bleibt unvollständig. Kurzfristig ist es von ähnlich deprimiernder Erbaulichkeit wie etwa Stammestänze Eingeborener in einem Ferien-Resort oder Weihnachts-Geplärr im Supermarkt.

Damit keine Missverständnisse entstehen: Es geht hier nicht darum, die Vernunft zu misskreditieren und das „Unvernünftige“, das in den Privatbereich des Einzelnen gehört, verallgemeinernd zu überhöhen. Es geht darum, aufzuzeigen, dass auch heute wieder daran gearbeitet wird – gerade dadurch, dass man den Menschen nur eine gültige Vernunft zugesteht und alles Geistliche in den Bereich des Hirnrissigen verbannt oder es andererseits instrumentalisierend auf Flaggenpatriotismus, Radauheldentum oder wehleidige und ansonten leere Sentimentalitäten reduziert – den Menschen isoliert, familien- und gemeinschaftslos auf einen rein instrumentalen Rang zu verweisen, ihn herunterzudimmen auf seelenloses Menschenmaterial zum Machtgewinn. Man löst ihn in beiden Fällen aus der Verantwortung persönlichster Entscheidungen heraus und gibt ihn der Hörigkeit eines allumfassend wohlfährtigen Lenkers preis.

Der Mensch jedoch, für den Freiheit auch geteiltes Brauchtum als Symbol seines Menschseins bedeutet, wird die staatliche Befeihungsdiktatur als seinen grössten Feind erkennen und zum Partisanen werden. Er wird für sich und mit den Seinen mit Freuden ins Abseits treten und wissen, dass, sollte er scheitern, dieses Scheitern ein kraftvolles sein wird. Aus Liebe zur Freiheit und zum Leben.

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