Diese Liebe nicht erkalten lassen. Nie.

In Paris, Brüssel, London, Manchester, Nizza und Berlin sind Menschen getötet worden. Jeder von ihnen ein Zuviel. Ihr Leben ist vorbei. Wir andern leben noch. Und das reicht nicht. Wollen wir den Opfern und ihren Angehörigen unseren Respekt zollen, dann ist „am Leben sein“ nicht genug. Pietätvolles Die-Schnauze-halten und vornehme Zurückhaltung ebensowenig. Die einzige Art, diesen Umstand in Dankbarkeit zu würdigen, ist, die Wunde nicht verheilen zu lassen, sondern offen zu halten mit der Frage, wie wir dieses eine Leben, das uns gegeben ist, leben wollen.

Obwohl von politischer und medialer Seite keine Antwort zu erwarten ist auf eine Frage, die jeder nur für sich allein beantworten kann, sind die Verlautbarungen unfreiwillig hilfreich, weil entlarvend. Da wird mit Worten und Mienenspiel seelischer Erschütterung in „freiheitlichen Werten“ herumgestochert, mit Pathos die Salbe einer „freiheitlichen Gesellschaft“ draufgeklatscht und  eine „liberale Gesellschaftsordnung“ angepappt.  Nie jedoch, nie ist die Rede von Freiheit.  Man geht darüber hinweg: „C’est la guerre. N’en parlons pas.“

Der professionell vermittelte Eindruck von Ergriffenheit muss als Beweis für Nützlichkeit und Wert jedweder Absichtserklärung und getroffenen Massnahme reichen. Und er tut es. Denn: Wir vertragen Freiheit nur noch in pürierter Form. Als gemüsifiziertes, breiiges Wort ohne Würze oder Nährstoffgehalt. Gäbe man uns rohe, harte, scharfe Freiheit zu kosten, würden wir uns fürchterliche gesellschaftliche Stoffwechselnöte einhandeln. Und das meiste von dem, was sich Politik nennt, würde verschwinden. Denn: Freiheit ist kein Spass. Feiheit ist vor allem anderen eine Frage, die weh tut. Sie lautet:  Auf wessen Kosten? Das ist der Kern aller Freiheit und für den Freien kann es darauf nur eine Antwort geben: Auf meine Kosten. Immer.

Davon sind wir heute weit entfernt. Was einst Feiheit war – treibende Kraft, offener Raum und Bürde zugleich – wurde über Jahrzehnte aufs sorgfältigste demontiert und auseinandergenommen, um die Teile anschliessend zu etwas Neuem zusammenzusetzen. Das Resultat, das Endprodukt staatlich gewünschter Neukomposition ist der befreite Mensch: grenzen- und schamlos ich-zentriert, Nachwuchs und Nächste verklappend, geschlechtsreisend, mäkelnd, satt, von aussen fordernd, sentimental, verängstigt, gefügig, politisch korrekt, zwar kontinent, aber ansonsten leer. Oder um mit Nietzsche zu sprechen: „(…) lauter Vordergrund, alles überfüllt“ – dahinter Beklemmung, die ahnt und nicht ahnen will.

Wen wundert’s, dass jene, von denen wir uns „führen“ lassen, nicht darauf hinweisen, dass, was bleibt und als „Leben“ herhalten muss erkaltet, ausgemessen, geordnet und verwaltet ist. Dass der befreite Mensch in Wahrheit nur noch ein Aufriss des freien Menschen ist. Dass jede Befreiung, die von dieser Seite kommt, das Gegenteil von Feiheit ist. Und dass sie nichts so sehr fürchten, wie die Stärke eines in Freiheit ganzen, ungeteilten und ungespaltenen Menschen. Denn: wie aristokratisch, herrisch und kraftvoll ist gegen diese fade staatliche Bewerbung angeblich Sicherheit gewährender Gemeinschafts-Schabracken die Ansage der Freiheit: Wofür ich bezahle, gehört mir und wovon ich will, dass es meines ist, muss ich bezahlen.

Hart? Ja – aber wundervoll. Freiheit ist die grösste Bejahung des Lebens überhaupt. Sie ist der Kern. Das Eigentliche.  Und sie hat nichts, aber auch gar nichts, mit dem landläufigen „Gegen-alles“ zu tun, als das jene, die nie auf eigene Kosten handeln, sie heutzutage zu verunglimpfen versuchen. Freiheit ist Lebensliebe und verbittet sich jeden billigen generellen Daseins-Hass, weil Dinge, Werte, Taten oder Menschen, auf die man angeblich ein Recht zu haben glaubt, nicht freihaus geliefert werden. Freiheit hasst nur punktuell und nur die Tyrannei.

Kein Wunder, dass diese zurückschlägt. Dass jedes mehr oder minder exzentrische Widerstandsnest freiheitlicher Kompromisslosigkeit – allen voran alternative Medien – ausgerottet werden muss. Gründlich. Da reichen die gängigen Parolen und Bosheiten, die das Gros der Gefügigen einschüchtern und verängstigen, nicht mehr. Da muss der grosse Hammer her. Häme, Hetze, Radau, Krach, Bankrott, Sturz. Wer nicht berufliche oder soziale Suizidneigungen hegt, schweigt oder besser noch: schlägt sich auf die „richtige“ Seite und lässt sich einreden, einbilden, einpredigen und einlügen, dadurch zu kämpfen, dass er nicht kämpft.

Aber es gibt auch die anderen –  Partisanen der Freiheit. Und täglich stossen einige dazu, die sich das Wissenwollen auf die Fahne geschrieben haben, auch wenn sie noch mit Angst zahlen. Menschen, die Freiheit als Symbol ihres Menschseins schlechthin verstehen, sie zu Ende denken und zu Ende lieben und sie zum Gesetz nicht nur des eigenen Lebens, sondern auch des eigenen Sterbens machen wollen. Die sich bewusst sind oder werden, dass diese Entscheidung einen schmerzvolle Ausschluss zur Folge haben kann und dass sie in die Situation geraten können, wo die Illegalität des Handelns der Legitimtät des Wollens gegenüber steht. Und dass sie täglich erneut werden entscheiden müssen.

Aber: „Kinder! – Nehmt euch selbst doch nicht so feierlich! (…) Jeder hat seinen Sparren.“ (Tucholsky). Was soll dieses Aufeinander-Rumgehacke, die Verausgabung auf Nebenschauplätzen, wo wir doch alle dasselbe wollen? Was schert es uns, dass der eine seine Kraft zu echter Freiheit im Jenseitigen sucht und findet, während man selber eher diesseitsmässig gebunden ist. Nicht die Gebundenheit ist das Primäre – die Freiheit ist es! Wieviel Energie wird hier verschwendet! Es war Clemenceau, der sinngemäss sagte, dass darin die Kunst des Krieges bestünde, dass man alles in Rechnung stelle: die Begriffsstutzigkeit der Menschen, die Langsamkeit des Durchdringens, die Borniertheit der anderen, Dinge, die gar nicht oder nicht so laufen, wie man es wünscht. Und dass man mit all dem den Sieg schaffen müsse.

In diesem Punkt hatte er recht. Uns streiten, verachten, im Disput bekämpfen, konkurrenzieren, unterliegen, gewinnen, lieben, unterstützen, fördern, bekehren, kurz: leben können wir nur, wenn diese eine Bedigung erfüllt ist: Freiheit.

C’est la guerre. Parlons-en!

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Sozialpalaver ist gratis

Zumindest für die Plauderer. Und kurzfrisitg. Die Betrachtung der Realitäten langfristig angelegter Szenarien wie jene staatlicher Interventions-Experimente – siehe Venzuela, Kuba oder DDR – , Wirtschaftszyklen von Auf- und Abschwung, die Lebensrealitäten unserer Nachkommen oder gar die langfristige Sicherung freier Wirtschaftsstandorte sind dabei nur störend. Von einem Durchbrechen des Denkens weg von der Ignoranz wirtschaftlicher Grundgesetze hin zu einem minimalen Verständnis der Angebots-Nachfrage-Logik ganz zu schweigen.

Die grösste und liebste Lüge hinter all der Plauderei der „Sozialen“: Wirtschaft, die der Staat lenkt, hat nur Sonnseiten für alle, während die freie Marktwirtschaft auch Schattseiten hat. Während also die eine Partei behauptet, alles gut, gerecht und gleich hinbiegen zu können, hat die andere bloss Argumente, die die Leute zurzeit (noch) nicht erreichen: Langfristige Sicherung der Freiheit, der Würde und der Existenz – die zu allem „Nachteil“ auch noch ihren Preis hat.

Entsprechend gross war/ist der Sturm in den Kommentarspalten jener Medien, die gestern die Aussage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln), wonach es ohne Mindeslohn rund 60’000 Jobs mehr gäbe, aufnahmen. Der Grundtenor: Das IW ist eine Ausbeuterlobby und Unternehmer, die gegen den Mindestlohn sind, Sklavenhalter. Die Tatsache, dass der Mindeslohn keine Jobs gekostet habe, sei schliesslich Beweis genug, dass er auf das Beschäftigungsniveau keinen Einfluss habe. Das Ministerium für Euphorie – Pardon!  – Arbeit fügt dem noch die Aussage hinzu, es seien nicht nur keine Jobs weggefallen, sondern viele Millionen von Jobs seien ausserdem besser geworden. Kein Wort davon, dass erstens keine neuen Jobs geschaffen wurden und zweitens neueste Zahlen belegen, dass viele der Mindestlohn-Zwangsbeglückten auch von einer Arbeitszeit-Kürzung „profitieren“. Und dies in Zeiten, in denen die Wirtschaft gewachsen ist!

In einer freien Wirtschaft, in der Banken und Grossunternehmen nicht mit der Politik, den Gewerkschaften und anderen Arbeitnehmer-Verbänden im Bett liegen, trifft die Nachfrage der Arbeitnehmer nach Erwerb auf das Angebot der Arbietgeber an Arbeit. Wo sich die beiden Kurven schneiden, liegt das Marktgleichgewicht. Gering qualifizierte und wenig produktive Arbeit wird gering bezahlt. Ein Umstand, der Menschen dazu bringt, sich besser aus- oder weitzubilden, durch Fleiss und Zuverlässigkeit weiterzukommen, oder bewusst die Entscheidung zu fällen, dies zugunsten anderer Lebensziele zu akzeptieren. Ein Umstand, den die Befürworter und Gläubiger staatlicher Einflussnahme als „unsozial“ anprangern. Das Argument verkauft sich wie geschnitten Brot: Wer, ausser irgendwelchen asozialen Madensäcken und gieriger „Reichen“ ist schon gegen ein Mehr für die Schwächsten, wenn die Löhne, so die Mär, keinen Einfluss auf das Beschäftigungsniveau und die Zukunft des Werkplatzes haben? Die Frage, warum dann nicht gleich ein Mindestlohn von 80 Euro gefordert und eingeführt wird, bleibt offen.

Die Realität indes sieht anders aus. Wer wirklich profitiert von Mindeslöhnen sind des Staates hochdotierte Diener und die ihnen nahestehenden zu Kontrollinstanzen der neuen Gesetze erhobenen Institutionen. Für sie sind Lohnregulierungen und Arbeits-Marktinterventionen wie der Sechser im Lotto. Ihnen werden für die neuen Aufgaben Millionen an Steuergeldern, Arbeitnehmer- und Arbeitgeber-Beiträgen in die Kassen gespült. Kein Wunder, werden da die Mythen gepflegt, die andernorts längst gescheitert sind. Kein Wunder, werden die vielbenutzen Schwächsten nicht gefördert, indem man ihre Abgabenlast verrringert, indem man Hürden für den Eintritt in den Arbeitsmarkt oder in die Selbstständigkeit verkleinert, indem man technische Handelshemmnisse für ausländische Produkte zugunsten der freien Wahl der Konsumenten abbaut oder indem man gar den staatlichen Apparat reduziert.

Ja – die Marktwirtschaft hat Schattenseiten. Das streitet keiner ab. Ebensowenig, dass die Schattenseiten nicht dem marktwirtschaftlichen System, sondern dem Faktor Mensch im System geschuldet sind. Es wird immer Menschen geben, die versuchen, andere auszubeuten. Zu glauben, wirtschaftsferne Beamte und Bürokraten seien prinzipiell die besseren Menschen und daher allein befähigt, Misstände zu beheben und den Menschen schlechthin zu korrigieren, indem sie das System knebeln während sie mit einer ausgewählten Clique von Vertretern beider Seiten zum eigenen Besten klüngeln, ist bestenfalls naiv.

Langfristig und im Rahmen wirtschaftlicher Auf- und Abschwünge, werden die Effekte dieser „sozialen“ Interventionen negativ sein. Europa, Deutschland oder wahlweise die Schweiz, heisst es, „kann sich einheitliche Mindestlöhne leisten!“ Ob es sich kleine und mittlere Unternehmen auch leisten können, wird nicht gefragt. Auch nicht, was solches für strukturschwache Regionen innerhalb eines Landes für Konsequenzen hat. Optionen wie eine mögliche zusätzliche regionale Schwächung, Landflucht und Betriebsschliessungen sind auf der gestalterischen Sonnseite keine Themen. Ebensowenig die Möglichkeit, dass jene, die man zu schützen vorgibt, die Unproduktivsten, also die Schwächsten (Ältere, Unerfahrene, Kranke, Geringqualifizierte) von vornherein nicht mehr eingestellt werden weil ihre Einstellung eine Lohnkostensteigerung über alle Lohnstufen zur Folge haben kann. Dass, schaffen es die neuen Mindestlöhner nicht, in irgendeiner Form produktiver zu werden, man in den etsprechenden Branchen die Abgaben für Kost und Wohnraum erhöht, oder sie entlässt. Dass weniger Arbietnehmer möglicherweise mehr Arbeit haben werden. Dass die Motivation der Menschen sinkt, sich gut  aus- und weiterzubilden, wenn die Anstrengung nicht zu signifikant besserem Lohn führt. Dass, wer bei mangelnder Effizienz nicht der Existenznot ins Auge blicken muss, auch keinen Grund hat, nach optimaler Produktivität zu streben. Dass all dies zu geringeren Steuereinnahmen führt, was eine Mehrbelastung der weniger werdenden Produktiven zur Folge hat. Und dass es schliesslich – und das ist garantiert – zu noch mehr Interventionen führen wird.

Aber keine Sorge – wir stehen hierzulande erst am Anfang! Frankreich mit seinem Mindestlohn und seinen zu politischen Kampfmaschinen mutierten Gewerkschaften, mit seinen Intervetionen und Korrekturinterventionen und flankierenden Interventions-Massnahmen gibt ein realistischen Eindruck vom beamtengeführten Gerechtigkeitsparadies der auch hier gern beschwornenen Zukunft. 40% Jugendarbeitlosigkeit als Resultat eines unterirdischen Bildungsniveaus, eines motivationszerstörenden Wohlfahrtsstaats und eines staatlich geknebelten Arbeitsmarkts sind ein beeindruckendes Resultat. In Staaten, in denen die Gewerkschaften ähnlich oder ebenso stark sind, sieht es gleich aus.

Egal, wohin man sieht – Fakt ist: Verdrängt, ausgehebelt, ihrer Würde und ihrer Freiheit beraubt und die staatliche Abhängigkeit getreiben werden die Schwächsten. Die heutigen Geringverdiener sind in diesen Sezarien vom gerechten Morgen die Arbeitslosen. Das Geschwafel der Gewerkschaften von wegen mehr Steuern, mehr Ferien, weniger Arbeit wird sich spätestens dann erledigt haben, wenn Arbeitsplätze abgeschafft oder ins Ausland verlagert wurden, die verteufelten „Reichen“ ausgewandert und die Mittelständler pleite sind.

Was dies für jene heisst, die nach uns kommen, für ihre Chancen auf Erwerb und Freiheit und Wohlstand, mag man sich nicht ausmalen. Was dies für Europa, Deutschland oder wahlweise die Schweiz bedeutet, wird am wenigsten mit dem zu tun haben, worauf die Initiatoren und Naiven sich berufen: soziale Gerechtigkeit. Das einzige, was am Ende solcher Experimente noch sozial gerecht sein wird, ist das fair verteilte Elend.

Wir teilen uns ein Kind

„1 Vater + 2 Töchter + 3 Mütter = Familie“ titelte vor kurzem die „Berner Zeitung“. Thema des Artikels war die „Co-Elternschaft“. Die Lebensform, in deren Rahmen sich Personen, die kein Paar im klassischen Sinn bilden, für das gemeinsame Zeugen und Aufziehen eines Kindes entscheiden. Kind und Liebe werden entkoppelt.

Tönt hart? Ist auch hart. Es ist knallharte juwelenhaft funkelnde Selbstoptimierung. Zu Wort kommen ausschliesslich Befürworter alternativer Familienmodelle wie Co-Parenting oder Patchwork. Vertreter und Befürworter klassischer Familien werden mit bonhomminaler Geste belächelt und ansonsten ignoriert.  Was nicht erwähnt wird: der grosse Teil der selbsternannten Verfechter der neuen Normalität, ist im „Alten“ gescheitert. Was sich neu, offen, fortschrittlich und modern gibt, ist an seiner Wurzel vollkommen nichteinzigartes Versagen. Erfolg bei der Partnersuche, im bisherigen Beziehungs- oder Familienalltag: Fehlanzeige. Von den Kindern, die die Selbstverwirklichung der Eltern oft mit Selbstbeschränkung und emotionaler Isolation zahlen, ist nur am Rand die Rede. Die Lebens- und Arbeits-Hypothesen der „Teams“, wie sich solche Interessengemeinschaften gerne nennen, sind exotisch um nicht zu sagen, abstrus.

Zur Klärung: Jeder hat das Recht, nach seiner eigenen Façon das Glück  zu suchen. Darum geht es nicht. Das Stichwort ist hier dasselbe wie in jedem anderen Lebensbereich, der von interessierter Seite okupiert, abseits der Fakten und mittels abenteuerlicher Konstrukte durchgedrückt und teilweise finanziert wird: die Freiwilligkeit. Scheitern ist menschlich. Das Scheitern umzudeuten in ein Erfolgskonzept, von dem die „Gesellschaft“ profitiert, ist überspannte und emotional durchsichtigste Heuchelei.

Kinder sind nie freiwillig Teil einer Patchwork-Familie. Überhaupt einer Familie. Kinder werden in was auch immer hineingeboren. Sie haben keine Wahl. Keine Wahl haben sie auch in Bezug auf die Tatsache, dass ihre menschliche Natur sie am engsten an die leiblichen Eltern bindet. Wird diese Bindung gestört, zerstört oder ist von Anfang an nicht vorhanden, hat das direkten Einflus auf das Kind, seine Entwicklung, seine Zukunft und damit auf die Zukunft der Gesellschaft. Eine zerbrochene Familie wird nicht langsam und nachhaltig zur Patchworkfamilie. Eine zerbrochene Familie ist keine Familie mehr. Punkt. Alles Schönreden von „Hauptsache Zuneigung“ und „neuer Grossfamilie“ ist Blendwerk. Eine Scheidung oder Trennung bedeutet das Ende der Kontinuität für das Kind. Wechselnde Partnerschaften sind das Gegenteil von Verbindlichkeit. Wo alles ersetzbar ist, ist auch jeder Wert verhandel- und austauschbar, alles im Provisorischen verhaftet, man selber mit eingeschlossen. Spätestens wenn dem Kind alles Bisherige um die Ohren fliegt, hat es auch diese Lektion gelernt.

Das Geschwafel von frühkindlicher liebevoller Prägung, Halt, Geborgenheit, Sicherheit und Zuflucht unabhängig wechselnder Bezugspersonen ist genau das: leeres Gerede. Dass Sensucht, Heimweh und Anhänglichkeit in diesen Konzepten nicht vorgesehen sind und von der Freiheits-, Fröhlichkeits und Ego-Diktatur der Eltern mitleid- und erbarmungslos niedergewalzt werden, wird in haarsträubender Kälte unterschlagen. Vom organisatorischen Fallout und Dauerstress ganz  zu schweigen. Das hat Folgen. Allen Mantras, dass „alles möglich sei, wenn man nur wolle“, zum Trotz, belegen weltweite Studien immer wieder, dass die lustbetonte Neu-Konzeption der Familie nicht hält, was man gerne verspricht: Kinder aus Patchwork-Familien kommen mit doppelter Häufigkeit mit dem Gesetz in  Konflikt, als solche aus klassichen Familien. Patchwork-Kinder werden um ein Vielfaches öfter Opfer von Misshandlung oder Vernachlässigung, sind viel öfter übergewichtig, haben öfter Schulprobleme, sind öfter psychisch auffällig und weisen öfter neurotische Fehlhaltungen und eine verminderte soziale Kompetenz auf. Und einig ist man sich auch hierin: Von Glück reden kann ein Kind, das in solcher Konstellation Grosseltern hat, die in klassischen Rollen verhaftet sind und ein Mindestmass an Gewohnheiten, Bleibendem und Verässlichem bieten.

Wer profitiert von diesen neuen, „fortschrittlichen“ Lebensformen? Vom wahl-, zügel- und ziellosen Lieben im verantwortungsfreien Lebenstraum, die, betrachtet man es genau, nichts anderes ist, als eine Neuauflage der marxistischen Wahnidee von der Selbst-Vergottung des Menschen? Die Kinder sind es bisher jedenfalls nicht. Und allen frenetischen und euphorischen Artikeln zum trotz, sind es offensichtlich auch die „Teams“ nicht: Hunderte von Sites bieten Rat und Hilfe und SOS-Telefone für Krisensituationen, Katastrophen und Probleme im Patchwork-Paradies. Erfahrungsberichte sind oft desillusionierte Bestandesaufnahmen mitten zwischen Kisten und leeren Regalen traurig gescheiterter Illusionen. Bezüglich des Rests der Gesellschaft, der die hoffnungsvoll Zusammengeflickten nachdem die Nähte nicht gehalten haben oft genug finanziell mitzutragen hat, kann nur mit geschlossenen Augen und ausgeschaltetem Hirn von irgendeiner Art des Profitierens gesprochen werden.

Wer profitiert sind jene, die es befördern. Das Vokabular aus der Requisitenkammer der Manipulation zieht auch heute noch. Chancengleichheit, Gleichberechtigung, Selbstverwirklichung sind die Konstrukte, auf die der Mensch sich, geht es nach dem Staat, allein stützen soll. Und tut er’s und fällt er dabei, dann ist nicht der Mesch, sondern die Umwelt das Problem. Tut er’s nicht, dann liegt das Rezept zur Bildung der Mehrheitsmeinung auch bereit: „Familie“ im klassichen Sinn wir „populistisch“ besetzt, Begriffe wie Nestwärme und Sicherheit stehen in Wahrheit für Regression, der Schritt zur Umdeutung in „rechtes Gedankengut“ ist ein kleiner.

Wie einst die Kirche die heidnischen Feste übernommen hat zwecks Steigerung der Bekehrungs-Motivation der Heiden, übernimmt der Staat heute die Begrifflichkeiten des Bewährten und Gewachsenen. Sagt Familie, Mutter, Vater, Kinder und meint doch nur eines: ein Heer neigungs- und triebgesteuerter Individuen ohne Bindung und Halt, dem alles erlaubt ist und dem doch die Kraft, der Wille, der Sinn und die Ausdauer zu jeder Art von Widerstand fehlt. Die Ikonen dieses Kult heissen „Alleinerziehende“, „Regenbogenfamilien“ und „Co-Parents“ und sollen das Ideal des zwangsbefreiten Menschen darstellen. Was einst Versagen war, ist heute Auszeichnung, was Ausnahme ist, wird zur Normalität erklärt. Auf der Strecke bleiben jene, die in selbiger Doktrin bis zur 13. Schwangerschaftswoche als Zellklumpen gelten – die Kinder.

 

Hunde

Er stand draussen vor dem Haus. Es lag am Ende eines Tals und eines schmächtigen Wegs ein Stück den Hang hinauf am Waldrand. Irgendwo bellte der Hund. Er machte Jagd auf Hasen. Je besser er die Menschen zu kennen glaubte, umso mehr hatte er seine Hunde zu schätzen gelernt. „Du hast einfach eine Scheiss-Einstellung“ hatte ihn eine Frau mal angeschrieen. „Das Leben kann schön sein!“ Konnte es vermutlich. Er war hierher gezogen. Das war Jahre her. Hier war es schön. Trotzdem hatte ihn in den letzten Wochen eine Art Dégoût vor dem Lärm gepackt, den sein Job mit sich brachte. Eine Feindseligkeit den aufgeblasenen, selbstgefälligen Funktionsträgern gegenüber, die, sah man es sich genauer an, nichts zu bieten hatten, als zählefletschende ängstliche Biederkeit. Jeder auf seiner eigenen schlecht besuchten Party.

Der Hund kam angehechelt. Die Zunge hing ihm bis auf den Boden. Er schien zufrieden zu sein. Der Mann machte auf dem Absatz kehrt um ins Haus und an den Computer zu gehen. Dann hielt er inne. Wozu da reingehen? Er hatte seinen Drive verloren, den Druck, den Nerv – er war der Sache nicht mehr gewachsen und wusste, dass er daran nichts ändern konnte. Wozu sich hinsetzen und nicht viel mehr tun, als sich ein paar Stunden lang überlegen, was er falsch gemacht hatte? Oder richtig? Kurzerhand trat er über die Schwelle und schnappte sich die Jacke vom Haken. „Lass uns eine Runde drehen“ sagte er. Der Hund wedelte und sprang ins Auto, als er die Heckklappe öffnete.

„Ich habe gute Lust, Ihnen überhaupt nichts zu zahlen“ sagte der Abteilungsleiter des ersten Kunden als er ihm eröffnet hatte, er würde für zwei Monate weg sein. „Wenn Sie Ihre gute Lust behalten wollen, dann rate ich ihnen, mir jetzt den Scheck für die letzten sechs Monate auszustellen und sich dann ganz fix einen anderen zu suchen.“ Der Kerl, weiss und weich wie lappriges Toastbrot, schien noch eine Spur heller zu werden. Er würde keinen anderen suchen. Der grosse miesepetrige graubärtige Mann, der sich nicht in Gruppen organisieren liess, die aus mehr als einer Person bestanden, war gut in dem, was er tat. Der Scheck kam über den Tisch geglitten. Der Mann schob seinerseit eine Karte mit der Nummer eines Kollegen über die glatte Fläche. „Für den Notfall.“ Er hatte auf einmal das Gefühl, den andern trösten zu müssen. Was hatte er schon für Möglichkeiten? Geiler Job, geiles Salär, geile Karre und kein Ausweg. Er stand auf und machte, dass er rauskam.

Ihre Runde bei den Kunden nahm ganze drei Tage in Anspruch. Es lief besser, als der Anfang hatte vermuten lassen. Dann war die Sache geregelt. Er hatte zwei Monate ohne Verpflichtungen vor sich. Er schrubbte das Haus, räumte aus, entsorgte und deckte die Möbel mit Tüchern ab.  Dann war er reisefertig. In der Nacht vor dem Abmarsch wurde der Hund krank. In den frühen Morgenstunden stöberte er den Tierarzt, der ein Freund war, in einem Kuhstall auf, wo dieser, den Arm bis zur Schulter in einem Tier, versuchte, ein Kalb, das falsch lag, zu drehen. Er untersuchte den Hund im Kofferraum. „Das hier ist böse und wird schnell gehen“ sagte er. „Wenn du jetzt nicht Schluss machst, wird es eine Tortur“. Der Mann nickte und der Tierarzt gab dem Hund, der wedelte, die Spritze. Der Mann nahm den Hund auf die Arme und trug ihn zum Auto des Arztes, der wieder im Stall verschwunden war. Im Dunkeln stehend hörte er geschäftiges Treiben von drinnen her, Stroh raschelte, knappe Anweisungen – das Kalb war da. Er stieg in seinen Wagen und fuhr davon.

Es dämmerte, als er vor dem Haus am Waldrand anlangte. Er machte sich auf alles gefasst. Er wusste, dass er hier draussen sehr kalt werden konnte, wenn man verloren hatte. Es gab keinen guten Ort zum Verlieren. Die Leere kam ihm entgegengeflogen wie etwas Grosses, Schweres, als er ins Haus trat. Er machte Feuer im Herd und setzte Kaffee auf. Seine Hände zitterten, die Augen brannten. Er kam sich vor, als sei er betrunken. Oder wahnsinnig. Oder beides zugleich. „Ich ersaufe hier drin“ dachte er. Er trat erneut vor die Tür. Alles war gepackt. Er würde trotzdem losgehen und eine Runde drehen. Zeit war das einzige, was blieb. Sie verzieh nichts, war aber auch nicht ungerecht. Mehr konnte er im Moment nicht verlangen.

Er druchschritt die Landschaft und die Tage wie etwas, das sich unerbittlich vor ihm auftürmte. Er marschierte bis es längst dunkel war, wurde müde, wollte aufgeben, vergass wieder, dass er müde war und marschierte weiter. Irgendwann konnte er dann nicht mehr, stellte im Schein der Stirnlampe das Zelt auf und kroch hinein um ein paar Stunden später weiterzugehen. Er merkte nicht, wie die Tage vergingen, wie es hell wurde und wieder dunkel. Alles erschien ihm wie eine einzige ewige Sekunde, er selber zu blöd, um aufzugeben oder zu feige.

Dann nahm sein Hirn die Tätigkeit wieder auf. Sprunghaft im blinden Gehen. Er dachte an die Hochzeit, zu der er eingeladen gewesen war. Eine Mischung aus Stammesritual, allgemeiner Betrunkenheit, 1.Korinther-13 und „Architektur heute“. Tausende Jahre Menschheitsgeschichte und am Ende das: grauenvoller, beleidigender Kitsch. Er war sich die ganze Zeit über vorgekommen, als hätte man ihm einen unsittlichen Antrag gemacht. Ein Teil von ihm hatte jeden Moment damit gerechnet, dass gleich ein Trüppchen politisch Andersdenkender energieneutral gebraten und verzehrt würden.  Er dachte an die Meldung in den Medien, wonach Frauen besonders verletztlich seien im Kontext des Klimawandels und dass dieser Narrativ beendet werden müsse. Im Imperativ. Mit Ausrufezeichen. 360 Schweizer Seniorinnen hatten Klage gegen den Staat eingereicht weil dessen Klimapolitik sie zu Opfern mache. Eine grosse Einzelhandelskette hatte daraufhin „Santa Claus“ zu „Santa Clara“ umerklärt und verzeichnete seither als einzige zweistellige Zuwachsraten im Weihnachtsgeschäft. Klimakterium. Klimax. Was auch immer. Es ging abwärts. Unerbittlich. Er dachte daran, dass Goldman-Sachs sich Italien erneut krallte – offiziell diesmal – und dass Griechenland möglicherweise gar nicht pleite war. Dass die deutsche Einheitskanzlerin vielleicht Artrose in den Fingern hatte und dass der Islam postfaktisch betrachtet, eine sehr menschenfreundliche und freiheitsfördernde Kultur war. Dass die EZB gerade wieder den EURO in den Boden rammte und dass, um dies zu kommunizieren, eigentlich keine Pressekonferenz notwendig gewesen wäre. Dass ein marxistisches veganes Restaurant nach zwei Jahren den Betrieb einstellen musste, weil die Kunden fernblieben, da sie nicht die Grösse und das richtige Bewusstsein besassen, um 45 Minuten auf ein Sandwich zu warten. Dorfdeppen allesamt. Dass in der dräuenden Sylvesternacht in deutschen Landen Tausende Polizisten für den friedlichen Ablauf der grossen Vereinigung der Kulturen sorgen würden. Dass der Kirche jährlich 40’000 Mitglieder abhanden kamen und dass man den Grund dafür bei den Menschen und bei Gott suchte. Ohne zu erröten. Dass, wer Gnade suchte fernab gnadenloser staatlicher Wohlfahrt, mindestens der Lächerlichkeit, in der Regel jedoch der Inquisition ausgeliefert wurde. Von den Menschen, die von Freiheit schwafelten, zuallererst.

Eigentlich war es kein Denken, sondern ein Rebellieren seines Hirns gegen die Leere. Die Gedanken gingen wie Fetzen von ihm und je weniger ihm zu seinem Schutz blieb, umso enger krallte er, was noch da war, an sich. Irgendwann war es zu Ende. Nichts mehr, worein er sich hätte wickeln können. Es war Nacht. Er lag im Schlafsack unter den Fellen und stellte fest, dass, wollte er nicht in etwas Starres, Irres hinübergleiten, er sehen müsse. Er setzte die Stirnlampe auf und blickte um sich. Es kam ihm vor, als sähe er seit langer Zeit zum ersten Mal. Er kroch halb aus dem Zelt, blieb in der Öffnung sitzen, fühlte die stacheligen Grashalme unter sich, sah den Schnee, der sauber roch und fühlte etwas wie Ruhe. Die Tatsache, dass er weder wusste, wo er war, noch wie lange er bereits unterwegs war, kümmerte ihn nicht. Er erkannte etwas von dem alten Druck in sich. Er kochte Kaffee, bliess den Rauch einer Zigarette zu den Sternen hoch und liess den Hund durch die Gedanken jagen. Die Pfoten hinterliessen Splitter, die zum Herz wanderten.

Er stank entsetzlich. Nach Schweiss und Resignation und Agonie. Er hielt nichts von all dem. Er brauchte dringend ein Zimmer, eine Dusche, ein Bett. Bei Tagesanbruch packte er und ging los. Die Welt um ihn her glitzerte. Von weitem sah er das grosse überhhängende Dach eines Bauernhauses. Davor auf dem Weg eine Gestalt. Ein Hund sprang um die Gestalt herum. Beim Näherkommen erkannte er den Bauern in dem Alten. Ein Grinsen war in ihm beim Gedanken an das hysterische Belfern auf den den Kanzeln des Politischen und Korrekten: Einen Bauern einen Bauern zu nennen, weil jede Furche seines Gesichts und jeder Zentimeter groben Stoffs ihn als solchen auswies. Safe-Space bitte! Der Hund war ein Bernersennen-Appenzeller-Verschnitt. „Ich habe Sie von weitem kommen sehen“ sagte der Alte, als er bis auf ein paar Meter herangekommen war. „Sie sehen aus, als wären sie irgendwo an einem Ende gewesen. Und Sie riechen auch so.“ „Klingt, als käme Ihnen die Sache bekannt vor“ sagte der Mann. Der Alte ging nicht darauf ein. „Sie können sich waschen hier. Es hat noch Kaffee.“ Es war keine Frage.

Er folgte dem drahtigen Rücken des Alten in das Haus und zur Hintertür wieder hinaus. Dort stand ein Brunnen unter dem ausladenden Vordach. Ein Stück Seife so gross wie ein Laib eckigen Brots. Er zog sich aus und wusch sich. Das eisige Wasser schien sich in die Haut zu brennen. Der Hund sass bei der Tür und tat, als sei nichts. Als er fertig und wieder angzogen war lehnte er am Brunnenrand und steckte sich eine Zigarette an. Der Alte erschien in der Tür und stand neben dem Hund. Er folgte ihm ins Haus. Auf dem Tisch standen Tassen gross wie Badewannen. Brot. Speck.

Später, als er wieder unterwegs und bereits ein ganzes Stück gegangen war hielt er inne. Das Lachen hatte gewartet und kam hervorgeschossen. „Also sind Sie auch noch ein verdammter Feiglig und nicht bloss ein verdammter Scheisskerl.“ Genauso hatte der Alte es gesagt. Was in Gottes Namen sollte man mit einem Mann anfangen, der so redete? Es hatte sich ganz harmlos angelassen. Auf die Frage, was er beruflich mache, hatte er geantwortet er sei eine Art Berater. Er helfe Leuten, ihre kleinen einsamen Ärsche über das nächste Quartal zu bringen. Er hatte es nicht mit diesen Worten gesagt, aber in dem Sinn. „Und was raten Sie sich selbst mit Ihrer Tonnanladung von Angst?“ Er hatte nicht die Zeit und die Geistesgegenwart besessen, zu antworten.

Ganz in der Nähe jagten jetzt ein paar aufgeschreckte Rehe wild davon. Er sah sie quer über ein Feld springen mit hochgezogenen Läufen, in langen Sätzen. Schwebend fast. „Wir verbringen unser ganzes Leben damit, uns was vozumachen“ hatte der Alte in die unbeantwortete Stille hinein gesagt. „Unser Beruf, unsere Leistungsfähigkeit, unsere Denke und was für tolle Nummern wir sind. Dabei haben wir ausser Unverschämtheiten, Zynismus und Verbitterung nichts zu bieten und schaffen es doch, uns einzureden, es sei Freiheit.“ Er war dagesessen wie eine verdammte Gipsfigur. Zu platt um zu lügen. Keine Wahrheit weit und breit. Es hatte ihn umgeworfen. Er verachtete Leute, die es umwarf. Der Alte hatte hingebungsvoll an einem Stück Brot gekaut und ihn ungerührt darauf hingewiesen, dass er einen Hund bräuchte. „Ich hatte einen bis vor kurzem“ hatte er gesagt. „Jetzt ist er tot. Ich will keinen neuen.“ Da war dann die Sache mit dem Scheisskerl und dem Feigling gekommen.

Er hatte gemacht, dass er da rauskam. Sie standen vor dem Haus. Der Alte hatte sich, während er den Rucksack auf den Rücken wuchtete und überlegte, ob in dieser Situation ein Dank angebracht sei  oder nicht, eine Pfeife gestopft und angezündet. „Tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe“ sagte der Alte. „Anstatt freundlich zu sein, benehme ich mich wie ein toller Hund. Das macht die Freiheit.“ „Die Freiheit?“ „Kennen Sie die Geschichte der Pandora?“ hatte der andere anstelle einer Antwort gefragt. „Der Spur nach.“ „Als die Götter ein schlechtes Gewissen kriegten ob der geballten Misere, die sie ihr für die Menschen mit auf den Weg zu geben gedachten, haben sie in einem Anflug von Reue noch die Hoffnung oben drauf gelegt. Das Problem dabei ist: Sie ist ein vorübergehendes Geschäft, diese Hoffnung. An Zeit gebunden. Ich bin 88. Ich habe keine Zeit. Geht es nach den Göttern, dann habe ich auch keine Hoffnung mehr. Also habe ich mich entschieden, trotzdem zu hoffen. Zu glauben. Das Äusserste, das Unmögliche. Und nicht dieses oberflächlichliche, kärgliche, halbgare Zeug.“ „Und worauf hoffen Sie?“ „Das geht Sie nichts an. Aber fast hätte ich’s nicht geschafft. Weil ich so eine verdammt tolle Nummer bleiben wollte.“ „Alles klar. Danke. “ Er hatte eine Geste gemacht, die Mann, Haus, Hund und Herberge einschloss und war losgegangen.

Jetzt sass er da an diesem Waldrand, der ebensogut war, wie jeder andere, rauchte und nichts war klar. Der Hund tauchte auf, er hätte nicht sagen können woher. Er schien nur aus Kopf und Ohren zu bestehen. Der sich perspektivisch verjüngende Rumf war zu mager, als dass man ihn hinter Ohren und Kopf gesehen hätte. Er drehte ein paar nervöse Runden um den Mann und verschwand wieder. „Gut so.“ Er ging weiter. Er war unruhig. Dieser verdammte Alte mit seinem Glauben und seiner Hoffnung. Wobei: Sie waren auch nicht schlechter, als das, was die dünne Luft der PC-Frömmigkeit zu bieten hatte, das seichte Vernunfts- und Toleranzgeschwätz, die fade Rührseligkeit meinungskonform ritualisierter Selbstheiligung.

Der Hund tauchte wieder auf. Stöbernd trabte er, sie Nase am Boden, ein Stück weit vor ihm auf dem Weg, blieb stehen, sah in seine Richtung. Der Mann machte einen Ausfallschritt, fuchtelte mit den Armen. Der Hund erschrak und verschwand im Gebüsch. Kurz darauf war er wieder da. Sie trieben das Spiel solange, bis das Dorf in Sicht kam. Da gab der Mann auf. Der Weg mündete in eine Strasse. Sie führte direkt in das Dorf. Er beschloss, hineinzugehen. Er brauchte ein paar Dinge. Vielleicht gab es eine Pension. Der Hund trabte auf der Strasse vor ihm her. Bremsen quietschten, Hupen. „Passen Sie doch auf ihren Scheiss-Köter auf!“ Die Frau lehnte sich aus dem Fenster des Wagens. Sie hatte ein verwüstetes Gesicht und war zu stark geschminkt. Bevor er antworten konnte, das sei nicht sein Scheiss-Köter, gab sie Gas und bretterte davon. Es tönte, als nähme sie dabei die halbe Seite eines geparkten Autos mit. Der Hund sass zu seinen Füssen. Er liess die Sache mit dem Zimmer sausen, kaufte ein paar Dinge ein und machte, dass er den Staub von den Füssen kriegte.

Der Hund blieb. Schreien, fuchteln, ignorieren hatten nichts gebracht. Nachts schlief er zusammengerollt dicht beim Zelt im Schnee. Er konnte die runde Beule in der Zeltwand sehen. Er drehte sich auf die andere Seite. Tonnenladungen von etwas, das ihn sich inwendig leer und jämmerlich fühlen liess. Als würde er den Verstand verlieren. Als hätte er keinen zu verlieren. Alles ging durcheinander in Träumen von Nichtschlafen und realem Nichtschlafen. Wenn er den Alten vergessen könnte. Aber natürlich konnt er nicht. Der Morgen war Erleichterung. Am dritten Tag geriet er um die Mittagszeit in einen Schneesturm. Er befand sich auf einem langgezogenen Bergrücken. Es war nicht schwer, die Orientierung zu behalten. Als er sich trotzdem verlief, der Wind immer stärker wurde und der frühe Abend hereinbrach drohten seine Nerven in die Brüche zu gehen. Man konnte keine drei Meter weit sehen in dem gnadenlos dunkler werdenden Weiss. Er holte die Stirnlampe hervor. Es wurde etwas besser. Irgendwo vor ihm leuchteten die Augen des Hundes. Der Schnee reichte ihm längst bis über die Flanken. Er folgte dem schwarzen Punkt. Bis zum nächsten Gehölz und dann würde er Rast machen für die Nacht.

Es kam kein Gehölz. Er konnte nicht mehr weiter, gab auf, scharrte eine Fläche vom Schnee frei und stellte gegen den Wind ankämpfend das Zelt auf. Der Hund liess sich herbei. Er war erschöpft. Der Mann gab ihm zu fressen und zu saufen. Als er die Zeltöffnung aufhielt und dem Tier bedeutete, es könne drinnen schlafen, wedelte der Hund nur. Er kam nicht mehr auf die Beine. Der Mann hob ihn hoch und legte ihn ins Zelt. Er schlief tief in dieser Nacht. Der Hund weckte ihn. Er scharrte wie wild am Boden wo der Reissverschluss war. Der Mann öffnete und der Hund stob davon. Draussen dieselbe Hölle wie am Abend zuvor. In hell und blendend jetzt. Er fühlte etwas wie Panik in sich aufsteigen. Er räumte hektisch zusammen. Der Hund war nirgends zu sehen. Eine irrsinnige Wut packte ihn, während er sich, bereits nach wenigen Metern klatschnass, durch das wahnsinnige Weiss kämpfte. Auf sich selber und die eigene Idiotie, auf den Schnee, die Menschen, die Frauen im speziellen, auf ihre Weiberlogik, überhaupt auf die Logik, die tat, als hätte sie was zu bieten, auf sein spiessiges Eine-Grosse-Nummer-Sein, auf seine Kunden, auf die Angst und den Tod und das Bild, das er hier abgab.

Als der Hund in kurzer Distanz vor ihm bellte merkte er, dass er bergab gegangen war. Steil. Eine ganze Weile schon. Er wollte innehalten,  rutschte aus, fiel und dachte im Fallen, dass der Hund eine ganz andere Stimme hatte, als der schmächtige Körper vermuten liess. Das Bellen hörte nicht auf, wurde zum wilden Gekläffe. Er versuchte, das Rutschen zu bremsen, stemmte die Fersen in den in den Grund, kriegte den mageren Stamm einer abgebrochenen Tanne zu fassen, riss sich Handschuhe und Haut auf, fluchte und kam schliesslich liegend zum Stillstand. Er wollte die klebrige Rinde des Stamms loslassen und den Schaden begutachten, als er merkte, dass seine Füsse im Leeren hingen und sein ganzes Gewicht an seiner Hand.

Hatte er geglaubt, das vorhin, vor Stunden oder erst Minuten, sei Panik gewesen, dann wurde er jetzt eines besseren belehrt. Das hier war eine andere Liga. Der Rucksack zerrte ihn in Richtung Leere. Er keuchte gegen die Lähmung an. Der Stamm, den er umklammerte war nicht mehr als ein Stämmchen. Nichts anderes in Reichweite. Nur er uns seine Furcht, von der er niemandem erzählen konnte. Furcht, wie ein kaltes Loch im Magen, wo eben noch seine erbärmliche, jämmerliche Wut gewesen war. Sie höhlte ihn aus, zerfrass alles. Die Muskeln schlotterten, der ganze Mann schlotterte, der Stamm schlotterte. Der Hund stand zwei Meter links von ihm. Und in all dem schämte er sich hundserbärmlich vor einem Publikum, das nur aus ihm selber bestand.

Dann betete er. Allem und sich selbst zum Trotz. Es war kein Gebet. Es war ein Gottesgebrüll. Er riss sich hoch, holte die Füsse auf festen Grund, stemmte das Gewicht auf das schmächtige Stämmchen und warf sich nach vorn, wo er auf dem Bauch zu liegen kam und gleich wieder zu rutschen begann. Er kam mit dem Schuh auf dem Stummelstamm auf diesmal. Er gab nach. Er kriegte einen Zweig zu fassen, einen mit der anderen Hand, als der erste brach. Er wusste nicht, wie lange die Sache dauerte. Er brüllte immer noch, als er auf einem ebenen Stück Boden zu liegen kam. Er stemmte sich hoch, fingerte ohne es zu merken nach einer Zigarette, steckte sie an. Rauchen oder heulen, eine andere Wahl hatte er nicht. Schliesslich tat er dann doch beides. Dann merkte er, dass die Scham weg war. Weit und breit nichts mehr davon. Statt ihrer etwas anderes, weites.

Zitternd kam er auf die Beine. Er pfiff und der Hund kam angelaufen. „Lass uns eine Runde drehen“ sagte er zu dem Hund.

Ein weiterer Jahrhundertbetrug?

In einem Brief des Wirtschaftsrats der CDU e.V vom 24.02.2015 (!) an die Mitglieder der CDU/CSU-Bundestagsfraktion heisst es: „Es kann nicht sein, dass ganz Europa über die griechischen Schulden debattiert und gleichzeitig keine verlässlichen Zahlen vorliegen.Die griechische Regierung verweist stets darauf, dass die Schuldenlast von 315,5 Mrd. Euro oder 176 Prozent des BIP nicht tragfähig wäre. Entscheidend ist jedoch nicht der Nennwert eines Kredits, sondern der Zeitwert. Dank der verschiedenen Umschuldungsrunden ist Griechenland um seine komplette Risikoprämie an den Finanzmärkten entlastet worden. Die stark subventionierten griechischen Schulden sind bis 2020 sogar tilgungsfrei. Dieser „Wettbewerbsvorteil“ wird verschwiegen. Würde Griechenland nach IPSAS bilanzieren, müsste es seine Schulden deutlich geringer ansetzen als den Nennwert von 315,5 Mrd. Euro.

In der vergangenen Woche, nach zwei Jahren diesbezüglichen ohrenbetäubenden Schweigens und neuerlichen 86 Milliarden zugesprochener „Rettungsgelder“legen nun diverse Medien unter Führung von „Spiegel Online“ nach mit der seit Jahren wiederholten Aussage des Ex-Golman Sachs-Mannes und Gründers der US-Investmentgesellschaft Japonica Partners, Paul Kazarian, wonach der griechische „Schuldenberg“ die „grösste Lüge des Jahrhunderts“ sei. Ein bequemer Mythos für die griechische Elite, hinter der sie ihre Inkompetenz und ihr Missmanagement verstecken könne.

Kazarian ist der größte private Gläubiger Griechenlands. 2012, als alle die griechischen Ramschanleihen loswerden wollte, platzierte Japonica ein Kaufgebot im Nennwert von drei Milliarden Euro. Natürlich hat der Fonds auch heute ein enormes monetäres Interesse daran, diese Sichtweise medial zu verbreiten. Aber er hat auch Argumente. Wie es im Papier des CDU-Wirtschaftsrats steht, lautet das „magische Wort“ nach wie vor IPSA-Standard.

IPSAS ist die Abkürzung für den Internationalen Standard zur Bilanzierung von Staatsschulden – ein Rechenwerk, auf das sich die Fachgremien der Rechnungsprüfer geeinigt haben, das bisher aber nur von wenigen Staaten angewandt wird. Die Idee besteht darin, für Staaten dieselben Maßstäbe wie für Unternehmen in der Bilanzierung anzuwenden. Entscheidend ist dann nicht der Nennwert eines Kredits (durch die herausgebende Institution festgelegter Wert), sondern der Zeitwert (Nennwert abzüglich Abschreibungen und Wertkorrektur). Das heisst im Klartext: Je länger ein Kredit läuft und je weniger Zinsen er abwirft, desto weniger ist er wert.

Im Fall Griechenlands hiesse die Anwendung des IPSA-Standards laut Kazarian, dass der Schuldenstand nicht bei 177 Prozent der Wirtschaftsleistung, sondern nur bei höchstens 71 Prozent liege. Denn: Erstens darf Griechenland seine Schulden über einen wesentlich längeren Zeitraum zurückzahlen und muss zweitens auch erst zehn Jahre später damit anfangen als ursprünglich vereinbart – durch die Inflation – EZB sei Dank! – bedeutet das eine deutlich geringere Belastung.

Was oder wem nun glauben? Der „Heuschrecke“, für die ein neuerlicher Schuldenschnitt im Fall Griechenlands ein Desaster beudeten würde? Oder aber der Aussage der temporär beurlaubten IMF-Chefin – für die Dauer ihres Prozesses in Frankreich wird sie „so tun, als sei sie in den Ferien“ – wonach die griechischen Schulden mit baldigem Erreichen von 200% des BIP nicht mehr tragfähig seien? Eine Aussage also, die allein schon dafür sorgen kann, dass die Risikoprämien für Griechenland weiter steigen bzw. die Bonitätsbewertungen schlechter werden und die wirtschaftliche und finanzielle Misere ihren Lauf nimmt.

Fakt ist: Was dem CDU-Wirtschaftsrat bereits im Februar 2015 bekannt war, ist auch dem IWF, der EZB, den Regierungen und ZB des Euroraums und verschiedenen anderen Institutionen bekannt. Warum wird nicht lauthals – von den Griechen zuallererst – darauf hingewiesen, dass die Schuldenquote viel niedriger ist, als laufend beweint? Dass die Zinspflichten bei nahe Null liegen? Warum verlangt die EZB nach wie vor hohe Strafzahlungen von Banken für die Vergabe von Krediten zum Kauf griechischer Wertpapiere? Warum wendet man nicht die oben genannten IPSA-Standrads an und begünstigt dadurch den Wegfall solcher Strafen und damit die Kreditvergabe an Griechenland und den Jobaufbau? Warum lässt sich Griechenlands Elite medial wirksam dazu „zwingen“ immer neue Finanzhilfen in Anspruch zu nehmen und Sparbemühungen zu verkünden? Warum spricht keiner es aus? Warum lösen solche Aussagen keinen Feuersturm in den europäischen Medien aus, wo das „Problem Griechenland“ längst zu einer schweren politischen Krise des Euroraums und sogar der gesamten Europäischen Union geworden ist. Wo doch Steuerzahler  – vor allem in Mittel- und Nordeuropa – mittlerweile mit hohen Milliardensummen für den tatsächlichen oder vermeintlichen Pleitestaat haften?

Ist es, wie Karzarian sagt? Dass die griechische Regierung das Schuldenproblem braucht – als Ausrede für alles? Um immer mehr Geld und Solidarität von den Europartnern zu fordern? Um die Wählerschaft davon abzulenken, dass echte, effektive Reformen allem „Sparen“ zum Trotz nicht umgesetzt werden?

Oder ist es ganz anders? Ist alles in Wahrheit „bloss“ Geopolitik? Ist es Griechenland, das sich Europa immer wieder „aufzwingt“ und die vermeintlichen Schuldenstände bloss als Rechtfertigung der Europartner vis-à-vis ihrer Wählerschaft dienen? Dass es der EU in Wirklichkeit darum geht, Griechenland unter Federführung der USA den Verbleib in der EU zu „bezahlen“ um eine geopolitische Hinwendung zu Russland um jeden Preis zu verhindern? Dass sich Griechenland schlicht und einfach seine strategische Lage  zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer bezahlen lässt?

Oder weitere Variante: Gälte, was für Griechenland gilt, auch für andere Staaten des Euroraums? Würde, legte man IPSA-Standards zugrunde, sich die EZB-Zinspolitik als das entpuppen, was sie aller anderlautenden draghischen Versicherungen zum Trotz ist: Als gewollte Inflationierungs-Strategie unter Federführung der amerikanischen FED, um eine Dollar- und Elite-Rettungsaktion und damit um die gezielte Enteignung der europäischen Bürger? Weil ausser diesem Zeitkauf-Szenario bloss jenes des Totalkollapses besteht bei Fortführung der EZB-Politik, wie Claudio Borio, Chefvolkswirt der BIZ, befürchtet?

Wie auch immer. In puncto „Riesenbetrug“ hat Kazarian wohl recht. So oder so.