Wir teilen uns ein Kind

„1 Vater + 2 Töchter + 3 Mütter = Familie“ titelte vor kurzem die „Berner Zeitung“. Thema des Artikels war die „Co-Elternschaft“. Die Lebensform, in deren Rahmen sich Personen, die kein Paar im klassischen Sinn bilden, für das gemeinsame Zeugen und Aufziehen eines Kindes entscheiden. Kind und Liebe werden entkoppelt.

Tönt hart? Ist auch hart. Es ist knallharte juwelenhaft funkelnde Selbstoptimierung. Zu Wort kommen ausschliesslich Befürworter alternativer Familienmodelle wie Co-Parenting oder Patchwork. Vertreter und Befürworter klassischer Familien werden mit bonhomminaler Geste belächelt und ansonsten ignoriert.  Was nicht erwähnt wird: der grosse Teil der selbsternannten Verfechter der neuen Normalität, ist im „Alten“ gescheitert. Was sich neu, offen, fortschrittlich und modern gibt, ist an seiner Wurzel vollkommen nichteinzigartes Versagen. Erfolg bei der Partnersuche, im bisherigen Beziehungs- oder Familienalltag: Fehlanzeige. Von den Kindern, die die Selbstverwirklichung der Eltern oft mit Selbstbeschränkung und emotionaler Isolation zahlen, ist nur am Rand die Rede. Die Lebens- und Arbeits-Hypothesen der „Teams“, wie sich solche Interessengemeinschaften gerne nennen, sind exotisch um nicht zu sagen, abstrus.

Zur Klärung: Jeder hat das Recht, nach seiner eigenen Façon das Glück  zu suchen. Darum geht es nicht. Das Stichwort ist hier dasselbe wie in jedem anderen Lebensbereich, der von interessierter Seite okupiert, abseits der Fakten und mittels abenteuerlicher Konstrukte durchgedrückt und teilweise finanziert wird: die Freiwilligkeit. Scheitern ist menschlich. Das Scheitern umzudeuten in ein Erfolgskonzept, von dem die „Gesellschaft“ profitiert, ist überspannte und emotional durchsichtigste Heuchelei.

Kinder sind nie freiwillig Teil einer Patchwork-Familie. Überhaupt einer Familie. Kinder werden in was auch immer hineingeboren. Sie haben keine Wahl. Keine Wahl haben sie auch in Bezug auf die Tatsache, dass ihre menschliche Natur sie am engsten an die leiblichen Eltern bindet. Wird diese Bindung gestört, zerstört oder ist von Anfang an nicht vorhanden, hat das direkten Einflus auf das Kind, seine Entwicklung, seine Zukunft und damit auf die Zukunft der Gesellschaft. Eine zerbrochene Familie wird nicht langsam und nachhaltig zur Patchworkfamilie. Eine zerbrochene Familie ist keine Familie mehr. Punkt. Alles Schönreden von „Hauptsache Zuneigung“ und „neuer Grossfamilie“ ist Blendwerk. Eine Scheidung oder Trennung bedeutet das Ende der Kontinuität für das Kind. Wechselnde Partnerschaften sind das Gegenteil von Verbindlichkeit. Wo alles ersetzbar ist, ist auch jeder Wert verhandel- und austauschbar, alles im Provisorischen verhaftet, man selber mit eingeschlossen. Spätestens wenn dem Kind alles Bisherige um die Ohren fliegt, hat es auch diese Lektion gelernt.

Das Geschwafel von frühkindlicher liebevoller Prägung, Halt, Geborgenheit, Sicherheit und Zuflucht unabhängig wechselnder Bezugspersonen ist genau das: leeres Gerede. Dass Sensucht, Heimweh und Anhänglichkeit in diesen Konzepten nicht vorgesehen sind und von der Freiheits-, Fröhlichkeits und Ego-Diktatur der Eltern mitleid- und erbarmungslos niedergewalzt werden, wird in haarsträubender Kälte unterschlagen. Vom organisatorischen Fallout und Dauerstress ganz  zu schweigen. Das hat Folgen. Allen Mantras, dass „alles möglich sei, wenn man nur wolle“, zum Trotz, belegen weltweite Studien immer wieder, dass die lustbetonte Neu-Konzeption der Familie nicht hält, was man gerne verspricht: Kinder aus Patchwork-Familien kommen mit doppelter Häufigkeit mit dem Gesetz in  Konflikt, als solche aus klassichen Familien. Patchwork-Kinder werden um ein Vielfaches öfter Opfer von Misshandlung oder Vernachlässigung, sind viel öfter übergewichtig, haben öfter Schulprobleme, sind öfter psychisch auffällig und weisen öfter neurotische Fehlhaltungen und eine verminderte soziale Kompetenz auf. Und einig ist man sich auch hierin: Von Glück reden kann ein Kind, das in solcher Konstellation Grosseltern hat, die in klassischen Rollen verhaftet sind und ein Mindestmass an Gewohnheiten, Bleibendem und Verässlichem bieten.

Wer profitiert von diesen neuen, „fortschrittlichen“ Lebensformen? Vom wahl-, zügel- und ziellosen Lieben im verantwortungsfreien Lebenstraum, die, betrachtet man es genau, nichts anderes ist, als eine Neuauflage der marxistischen Wahnidee von der Selbst-Vergottung des Menschen? Die Kinder sind es bisher jedenfalls nicht. Und allen frenetischen und euphorischen Artikeln zum trotz, sind es offensichtlich auch die „Teams“ nicht: Hunderte von Sites bieten Rat und Hilfe und SOS-Telefone für Krisensituationen, Katastrophen und Probleme im Patchwork-Paradies. Erfahrungsberichte sind oft desillusionierte Bestandesaufnahmen mitten zwischen Kisten und leeren Regalen traurig gescheiterter Illusionen. Bezüglich des Rests der Gesellschaft, der die hoffnungsvoll Zusammengeflickten nachdem die Nähte nicht gehalten haben oft genug finanziell mitzutragen hat, kann nur mit geschlossenen Augen und ausgeschaltetem Hirn von irgendeiner Art des Profitierens gesprochen werden.

Wer profitiert sind jene, die es befördern. Das Vokabular aus der Requisitenkammer der Manipulation zieht auch heute noch. Chancengleichheit, Gleichberechtigung, Selbstverwirklichung sind die Konstrukte, auf die der Mensch sich, geht es nach dem Staat, allein stützen soll. Und tut er’s und fällt er dabei, dann ist nicht der Mesch, sondern die Umwelt das Problem. Tut er’s nicht, dann liegt das Rezept zur Bildung der Mehrheitsmeinung auch bereit: „Familie“ im klassichen Sinn wir „populistisch“ besetzt, Begriffe wie Nestwärme und Sicherheit stehen in Wahrheit für Regression, der Schritt zur Umdeutung in „rechtes Gedankengut“ ist ein kleiner.

Wie einst die Kirche die heidnischen Feste übernommen hat zwecks Steigerung der Bekehrungs-Motivation der Heiden, übernimmt der Staat heute die Begrifflichkeiten des Bewährten und Gewachsenen. Sagt Familie, Mutter, Vater, Kinder und meint doch nur eines: ein Heer neigungs- und triebgesteuerter Individuen ohne Bindung und Halt, dem alles erlaubt ist und dem doch die Kraft, der Wille, der Sinn und die Ausdauer zu jeder Art von Widerstand fehlt. Die Ikonen dieses Kult heissen „Alleinerziehende“, „Regenbogenfamilien“ und „Co-Parents“ und sollen das Ideal des zwangsbefreiten Menschen darstellen. Was einst Versagen war, ist heute Auszeichnung, was Ausnahme ist, wird zur Normalität erklärt. Auf der Strecke bleiben jene, die in selbiger Doktrin bis zur 13. Schwangerschaftswoche als Zellklumpen gelten – die Kinder.

 

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