„Herr der Fliegen“

Der 1954 erschienene Roman von William Golding erzählt die Geschichte einer Gruppe von Jungs zwischen sechs und 12 Jahren, deren Flugzeug im Zug einer Evakuierungs-Aktion abstürzt und die auf einer unbewohnten Insel strandet. Auf einen Schlag dem Einfluss der Zivilisation und der Erwachsenen entzogen, vollzieht sich fast sofort und den persönlichen Präferenzen und Prägungen der einzelnen Jungen entsprechend eine Spaltung der Gruppe in zwei Teile. Die einen unter Führung von Ralph bemühen sich um den Erhalt restzivilisatorischer Vernunft und suchen in erster Linie nach Lösungen, die zu ihrer aller Überleben und Auffinden führen sollen. Die anderen versammeln sich um Jack, der seinen „Leuten“ dominant und fordernd Action, Abenteuer, Frass und Spass verspricht. Was als Meinungs-Differenz beginnt wird zum Konflikt, zur gnadenlosen Hetzjagd und schliesslich zum Massaker. Jack siegt auf ganzer Linie: Ralphs Gruppe ist teils unter Zwang, teils freiwillig übergelaufen oder tot. Er allein überlebt durch pures Glück.

Die Story ist fürchterlich. Der scheinbare Widerspruch zwischen der Gewaltorgie und der Tatsache, dass es Kinder sind, die sie veranstalten, ist kaum auszuhalten. Ebensowenig der Leim falscher Freiheit, auf den die Jungen der Gruppendynamik und Jack folgend gehen und sich in keinem Moment bewusst sind, dass er deren Gegenteil ist: Knallharte Hierarchie in ihrer autoritärsten und totalitärsten Ausprägung.

Daran erinnert und in nicht minder bestürzter Ratlosigkeit findet man sich, im Fall aktueller Begebenheiten wieder. Da wäre zum einen die Studentenvertretung der Uni Salzburg, die mittels eines Sitzungsprotokolls „Verstösse“ gegen gender-gerechtes Verhalten festhalten will. Einträge in das Protokoll soll es beispielsweise bei „Augenverdrehen“, „nicht geschlechtergerechter (was für ein Wort!!) Sprache“ oder „sexistischen Wortmeldungen“ geben. Darüber, wie die „Verstösse“ geahndet, beziehungsweise die Verstossenden umerzogen werden sollen, schweigt sich die Vertretung von rund 300’000 Studiernden, die sich über Pflichtbeiträge finanziert, aus.

Ein weiteres Beispiel: Die Scheite auf dem Haufen, der für den schwulen katholischen Juden Milo Yiannopoulos von der versammelten Meinungs- und Medienschafferschaft errichtet worden ist, heissen „Hate-Speaker“, „Ultrarechter“, „Frauenfeind“ und „Trump-Fan“. Gestern hat ein Teil der Studentenschaft der Uni Berkley entschieden, es sei an der Zeit, die Chose anzuzünden. Mit gewaltätigen Protesten, die sowohl Verletzte, als auch enorme Sachbeschädigungen zur Folge hatten, und die nur mittels eines Grossaufgebots der Polizeit unter Einsatz von Tränengas beendet werden konnten, wurde der Auftritt des „Wortführers der Alt-Right-Bewegung“ im Rahmen seiner Dangerous-Tour verhindert.

Man kann schulterzuckend feststellen: Kinder sind gnadenlos – auch dann, wenn sie schon Mitte zwanzig sind. Die Fragen indes „zuckt“ man damit nicht weg. Warum benehmen sich nach neuesten pädagogischen Standards sozialisierte Jugendliche wie die Jungs in „Herr der Fliegen“ – wie Kinder? Warum ausgerechnet sie, die in den Achtzigern und Neunzigern in grossen Wohlstand, individuelle Freiheit, in oftmals antiautoritäre Erziehungsmodelle und mitten in die freie Persönlichkeitsenfaltung hineingeboren wurden? Wie sind diese Menschen, die heute die Jugend sind und morgen Entscheidungsträger sein werden, geprägt und sozialisiert worden wenn das Endprodukt dieser „Erziehung“ in lupenreiner Ideologie, im denunziatorischen Spitzeltum und im gewaltsamen Vernichten anderer als den eigenen Ideen beseht?

Oder anders ‚rum: Woher kommt dieser Wahn? Dieses das Leben und die Feiheit anderer niedermähende Sich-Festklammern am eigenen und einzig „Richtigen“ trotz teilweise himmelschreiender Unvereinbarkeit mit überprüfbaren Realitäten? Woher diese Lust am an Nager gemahnenden schnatternden, pfeifenden, beissenden und hugrigen Lynchmob, der sich als die Vorhut des Korrekten und Kultivierten verstanden sehen will? Wie ist die Schizophrenie erklärbar, in der die Panzerdivisionen lebensunerfahrener Moralwächter Seit an Seit mit der Überzeugung eigener „Gerechtigkeit“ und „Richtigkeit“ koexistiert?

Die Frage, ob es möglicherweise an scheinbaren Freiheit der „Kinder“, die in Wahrheit oft nichts anderes als die Befreihung der Eltern war und ist, liegt, muss hier erlaubt sein. Eigenständigkeit, Selbstverantwortung und Kreativität sind die schönen Schlagworte einer Erziehung, die vor allem eines ist: keine Erziehung. Keine Grenzen, Engen, Zwänge. Das Kind entwickelt sich selber zu einer guten, freien und reifen Persönlichkeit. Oder frei nach Frankfurter Schule: Die totale Grenz- und Autoritätsbefreiung des Kindes zu nicht weniger als der Verhinderung von Faschismus und autoritärer Charaktere.

Was ist, wenn das Gegenteil richtig ist? Wenn sich selbst enwickelnde Kinder genau das suchen, was die Eltern – aus welchen Gründen auch immer – ihnen verweigern? Nämlich Grenzen, Regeln, Hierarchien? Wenn all jene „kindergerechter“ handeln, die sagen, ihre Regeln und Grenzen seien nicht in erster Linie Freiheit raubende Gebote, sondern ihre beiden in Liebe ausgestreckten Arme, von denen der eine Respekt fordere und lehre während der andere Vertrauen  zum Leben und zu anderen fördere. Arme, in  deren scheinbarer „Enge“ ihr Kind frei heranwachsen und gefahrlos auch das entfernteste Andere kennenlernen könne?

Der Schreibende hat selber keine Kinder, ist aber der Meinung – bei allem Respekt für die erzieherische Freiheit jedes Einzelnen – dass diese Fragen gestellt gehören. Denn: Wenn in Zeiten, wo die Not eine rein emotional gefühlte ist, derartiges wie die obigen Begebenheiten, nicht nur angedacht, sondern umgesetzt wird, dann mag man sich nicht vorstellen, was das Gebot der Stunde bei jenen Menschen sein wird, sollte das Leid ein real erlebtes werden. Solches Verhalten zeugt von allem möglichen, nur von einem nicht: von Freiheit. Und es spricht den Parolen von Frieden, Gleichheit und Gerechtigkeit Hohn.

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13 Gedanken zu “„Herr der Fliegen“

    • Die Frage – auch hier – ist jene nach der Freiwilligkeit. Lasst die Leute doch sprechen, wie sie wollen! Die einen so, die anderen so. Tausende Jahre Menschheitsgeschichte, Kirchengeschichte und ungezählte Diktaturen haben gezeigt, dass Gewalt/Bestrafung/Zwang als Anreizsysteme und Motivation zwecks Bekehrung zu einer Ideologie noch nie funktioniert haben. Jedenfalls nicht längerfristig. Und jetzt also das …

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  1. Sie fragen: „Wie ist die Schizophrenie erklärbar, in der die Panzerdivisionen lebensunerfahrener junger Moralwächter Seite an Seite mit der Überzeugung eigener Gerechtigkeit und Richtigkeit koexistiert?“ Lieber Frank Jordan, Sie haben die Frage in ihrer Frage bereits beantwortet. Warum man so etwas Faschistisches tut? Das habe ich neulich auf Tichys Einblick zum Thema ‚Game of Thrones‘ (Varys‘ riddle) so beantwortet:

    Die größte Macht ist der Glaube und die Liebe. Um ihretwillen begeht man Heldentaten und Verbrechen. Um nichts weniger! Mein Kronzeuge ist Antoine de Saint-Exupéry. Er sagte sinngemäß: „Die schlimmsten Mörder der Weltgeschichte waren immer auch die größten Verehrer des Guten, Rechten und Schönen. Schau dir die grausam mordende Kirche an, die Päpste, die Hexen-Verbrenner und Folterer der Heiligen Inquisition. Ihre Bosheit wurde ja immer mit Liebe aufgewogen, der Liebe zu Gott. Wer wäre denn für weniger zu sterben und zu morden bereit! Drunter geht’s gar nicht. Man kann nichts Böses tun, außer in der Absicht, damit Gutes zu tun.“

    Die schlimmsten Gräuel können immer nur mit einem reinen Gewissen begangen werden. ‚Man sieht nur mit dem Herzen gut‘ lässt Saint-Ex den Fuchs im ‚Kleinen Prinz‘ sagen. Etwas anderes ist nicht möglich. Mit weniger als der besten Absicht könnte man andere Menschen nicht wie Vieh quälen, versklaven oder töten. Und da kommt meistens Gott ins Spiel, oder das Herz, oder eine andere mächtige Idee. Mein Fazit: Wer die Herzen der Menschen gewinnt, kann die Welt auf den Kopf stellen. Im Guten wie im Bösen.

    Zu Ihrem Thema fiel mir noch ein:

    Im SPIEGEL Nr. 4 befindet sich auf S.124 ein gar nicht so schlechter Artikel über Milo Yiannopoulos: Der Rebell schlägt einen „alternativen Spaziergang“ über das Universitäts-Gelände vor, weil linke Gender-Aktivistinnen ihm und seinen Zuhörern den Vortragssaal gesperrt haben. „Faschist, wir wollen dich hier nicht!“ kreischt eine Studentin mit Kürbis-rotem Gesicht. – „Beruhig dich, Pumpkin!“ spricht Milo, der schwule Sohn deutsch-griechischer Eltern, den die p.c. Protestler weg haben und ausschaffen wollen. Body-Shaming heißt diese Art des Spotts. Viele US-Unis haben in den vergangenen Jahren deshalb safe spaces eingerichtet, in denen diese Sorte von Beleidigung sofort und streng geahndet wird, schreibt der Spiegel-Autor. Er fragt sich, was wohl der Grund dafür gewesen sei, die junge Studentin, die doch nichts weiter als „Faschist“ gerufen hatte, als „Pumpkin“ zu bezeichnen und in dieser Weise auf das Allerschlimmste zu beleidigen. Dem Spiegel fällt gar nicht auf, in welcher schwarzen, lichtundurchlässigen Echokammer er selbst sich seit Jahren befindet.
    Gruß, Franz

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  2. Kinder sind die Zukunft so heißt es, Eltern mit all ihren eigenen Erziehungsschmerz meinen es in aller Regel gut mit ihren Kindern.
    Was bedeutet Erziehungsschmerz? Technisch ausgedrückt die Ideen der Kinder werden von den Eltern programmiert oder überschrieben oder finden keine Beachtung.
    Hinzu kommt das der Deutsche es den Autoritäten gerne recht machen will und so fühlen sich viele Kinder verraten und verkauft von den Eltern.
    Es gibt eine Wickeltechnik bei den Neugeborenen, meist bei den slawischen Völkern, von Kopf bis Fuß eingewickelt, das nur noch das Gesichtchen ausschaut, so wird es augenblicklich ruhig, weil es Grenzen spürt und sich so geborgen fühlt. – wie i m Mutterleib –
    Je älter das Kind umso lockerer die Grenzen.

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    • ad Eveline: Mag sein, dass ein fest eingewickeltes Baby ruhig wird. Das ist möglicherweise eine objektive Beobachtung. Ihr „weil“ ist dann keine mehr. Ihre Erklärung für die Stille – (Ruhe?) – des Babys ist Interpretation, ist eine Story, ist Story Bias, man könnte, wenn man böswillig wäre, auch sagen: eine Wunschvorstellung, oder auch: eine gestrickte Legende. Vielleicht steckt hinter der Stille des Babys auch eine innere Verzweifelung, eine Ohnmacht über eine Lage, die sprachlos macht. Ich soll – so die Legende meiner ersten Jahre – ein wildes, kaum zu zähmendes Kind gewesen sein. Meine Mama fesselte mich sogar mit Riemen an das Chaisechen – die Chaise, wie man in der Nachkriegs-Zeit im Saaland noch lange den Kinderwagen nannte. Genutzt hat’s nicht. Ich strampelte mich frei.
      Erziehungs-Schmerz? Das waren für mich die Fesseln, die meine Eltern und dann die Schullehrer mir anlegten. Aber ich wand mich da raus. Gruß, Franz

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      • ad Franz
        Als ich diese fest eingewickelten Babys sah, gingen mir auch ihre Gedanken durch den <kopf. Später las ich, das indianische Kinder auch auf dem Rücken der Mutter fest eingewickelt wurden.
        Wir leben in einer polaren Welt – vielleicht wird gerade der Freiheitswille geschult – über das feste Einbinden. Gruß Eveline

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  3. Lieber Herr Jordan,

    ja, die sogenannte „Freiheit“ der Kinder ist in Wahrheit oft nichts anderes als die Befreiung der Eltern. Aber wovon genau haben die sich befreit? Gewiss nicht von ihren Kindern. Erst recht nicht vom sogenannten „Stress“, den ihnen die Kinder bereiten. (Das genaue Gegenteil ist der Fall; Sie haben es bei jener denkwürdigen „Einladung“ ins totalitäre Kinderparadies selbst erlebt. Ihr ef-Bericht darüber ist mir unvergesslich). So dass man wohl sagen muss: Das Einzige, wovon die Eltern sich befreit haben, ist die Kinder-Erziehung. Davon haben sie sich gewissermaßen emanzipiert.

    Also sind die Kinder nicht erzogen worden. Die logische Folge davon ist, dass sie Kinder bleiben. Zum Beispiel Ihre „gnadenlosen Kinder von Mitte zwanzig“, die aber auch erheblich älter sein können. Und gnadenlos sind sie, so fürchte ich, u.a. deshalb, weil sie mangels Erziehung alle ihre Kinder-Bosheiten behalten durften, und weil sie diese peu à peu mit Erwachsenen-Fähigkeiten und -Tricks weiter „aufrüsten“ können. (An der Universität zum Beispiel werden sie daran gewiss nicht gehindert. Genausowenig wie am ungehemmten Ausleben ihrer Kinder-Empfindlichkeiten, für die ihnen sogar „safe spaces“ hingestellt werden. Die sind mindestens so „safe“ wie Kinderzimmer.) Dass ein so realitätsfernes Aufwachsen zu regelrecht wahnhaften Vorstellungen von der (Erwachsenen-)Welt führen kann, wundert mich eigentlich nicht.

    Sie fragen: „Was ist, wenn sich selbst entwickelnde Kinder genau das suchen, was die Eltern – aus welchen Gründen auch immer – ihnen verweigern? Nämlich Grenzen, Regeln, Hierarchien?“ Ich glaube, das suchen sie tatsächlich. Leider machen sie’s so, wie es Kinder tun (kleine Kinder und vor allem unerzogene Kinder, muss man korrekterweise sagen): Lärmend und randalierend mit dem Kopf durch die Wand, Motto: „WILL aber!“ bzw. „WILL aber nicht!“. Aber die Erwachsenenwelt reagiert auf so etwas nicht immer mit „Liebe“ (obgleich sich die Universitäten nach Kräften bemühen), und das heißt: Irgendwann werden diese großen Kinder den Knüppel auf den Kopf bekommen. Damals, in der Kinderwelt, wär’s vielleicht noch anders gegangen, aber jetzt eben nicht mehr. Ich sehe das wie eine mathematische Funktion vor mir, ungefähr so: Je mehr kleine Strafen unausgeführt geblieben sind (durch die Eltern), umso größer und punktueller muss die „eine“ Strafe ausfallen, wenn sie sich irgendwann nicht mehr vermeiden lässt.

    Die Strafe für gewalttätige Linksradikale etwa. Mal sehen, wie lange sich unsere Gerichte noch darum herumdrücken. Sicher bin ich nur in einem: Der Impuls muss von den USA kommen. Wir Europäer schaffen das nicht (mehr) selber. Aber Trump ist auf einem guten Weg. Er hat Berkeley schon angedroht, ihnen den Geldhahn zuzudrehen, wenn sie die Linksradikalen nicht erziehen.

    Da haben wir sie, die Erziehung. Irgendwann lässt sie sich nicht mehr vermeiden.

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  4. Ich lese gerade „Die Gerechten aus Kummerow“ . Ehm Welk. Kindheitsgeschichten , Dorfgeschichten aus einem vorpommerschen Dorf vor nur knapp 100 Jahren.
    Was hatten diese Kinder? Eine mystische Natur, ein intaktes Dorf, einen Pastor, Kantor , Graf. Eine heilige Dreieinigkeit. 🤔?

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  5. Mir fällt gerade noch siedendheiß eine Analogie ein: Es ging ja im Artikel um Kinder, die ohne Grenzen aufwachsen, weil ihnen die Eltern niemals welche gesetzt haben. Die werden dann z.B. zu Linksradikalen, die an der Uni randalieren und andere gewalttätig am Reden hindern. Zufälligerweise sprechen sich diese Linksradikalen oft für „no borders, no nations“ aus. No borders – keine Grenzen.

    Das könnte man unmittelbar damit in Verbindung bringen, dass sie ohne Grenzen aufgewachsen sind. Vielleicht kann man sagen: Sie halten Grenzen für unnötig, ja für grundsätzlich schädlich, weil sie niemals die positiven Aspekte von Grenzen kennenlernen durften (Ihre „in Liebe ausgestreckte Arme, von denen der eine Respekt fordere und lehre, während der andere Vertrauen zum Leben und zu anderen fördere“) – und dann übertragen sie diese Nicht-Erfahrung im individuellen Bereich umstandslos auf das Kollektive, auf das Politische, auf alles. Nach dem Motto: Grenzen sind nie gut, egal in welchem Bereich. So haben wir’s gelernt, also ist das so – basta. Und daher kämpfen wir dafür, dass endlich auch diese vorgestrigen Grenzen zwischen sogenannten „Nationen“ verschwinden.

    Ich frage mich gerade, wo dieser „no borders“-Extremismus eigentlich sonst herkommen sollte, wenn nicht von individueller Nicht-Erfahrung von Grenzen. Die erlebte Grenzenlosigkeit wäre dann vielleicht zu einer Art Sucht geworden, die – suchttypischerweise – nach Erhöhung der Dosis lechzt. Und eine „höhere Dosis“ ließe sich u.a. dadurch erzielen, dass man den Bereich ausweitet, auf den das Suchtmittel angewandt werden kann. Hier: Konnte sich der Süchtige früher nur im individuellen Bereich seinen Grenzenlosigkeits-Joint reinziehen, so kann er ihn jetzt auch dann kiffen, wenn’s politisch wird. Er kann also schlicht und einfach häufiger kiffen, und darum geht’s. Dann ist nämlich die Dosis erhöht.

    Auf der anderen Seite steht die Tatsache, dass dieser „Kiffer“ andere Leute am Reden hindert, das heißt: ihnen Grenzen setzt. Sehr merkwürdig. Oder auch nicht. Vielleicht drückt sich gerade darin seine eigene Sehnsucht nach Grenzen aus. In der Psychologie sind solche „Umkehrungen“ wohlbekannter Alltag. Jedenfalls: Wäre an der obigen „Suchttheorie“ was dran, so stünde das keineswegs im Widerspruch zu Ihrer Annahme, dass diese großen Kinder Grenzen suchen. Das ginge ohne weiteres gleichzeitig.

    A propos Suchttheorie: Der Blogger Hadmut Danisch ist seit einiger Zeit dabei, Feminismus und „Linkssein“ mit Sucht in Verbindung zu bringen. Er ist schon sehr weit gekommen mit seinen Forschungen und fördert immer verblüffendere Dinge zutage. Wer sich dafür interessiert, dem empfehle ich wärmstens u.a. diesen Artikel:

    http://www.danisch.de/blog/2017/01/20/die-illusion-einer-vergewaltigung/

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