Verschleudertes Erbe

Wir und Generationen vor uns, die sich in Schulen, an Gymnasien und Universitäten mit simpler Wer-was-wann-durch-wen-Didaktik zufrieden geben mussten, sind, ohne dass es bemerkt worden wäre, geistig zu Wuchsbegrenzung vergewaltigt und klein gehalten worden. Unser Potential wurde aufs rüdeste beschnitten, wir selber und unsere Möglichkeiten gewaltsam und unumkehrbar durchgeformt – Kompetenzkrüppel allesamt, Gebremste, Geknechtete, Gebrochene!

So muss es sein, schenkt man den – erstaunlicherweise unversehrt dem Bildungsgulag der Vergangenheit entkommenen – meist staatlich besoldeten Eziehungsexperten Glauben. Unterhaltsam und belohnbar müssten die Eleven an den zu vermittelnden Stoff herangeführt werden, wolle man auch nur eine minimale Chance auf erfolgreiche Lebensbewältigung erzielen, heisst es da. Inhalte müssten nicht gelehrt und gelernt, sondern gemeinsam und spielerisch erkundet werden, flexibel, mutig und integrativ in Sprach- und Mathebäder getaucht (das ist kein Witz, das ist Fachjargon). Und vor allem: Lernstoff, Lernziele und Lernformen begründet. Wenn du als Lehrperson kein gutes Warum zu bieten hast, bist du ein Versager, eine Niete und Null in Sachen nachhaltiger Weltaneignung und kannst von deinen Schülern nicht erwarten, dass sie dir und deinem Stoff die Abgründe – Pardon! – die juwelenbesetzten Tore ihrer geistigen Paläste öffnen.

Obwohl Experten nicht müde werden zu betonen, Erfolg oder Misserfolg der neuen Didaktik lasse sich erst anhand mehrerer Schülergenerationen festmachen (ja – es sind dieselben Leute, die behaupten, Dinge, wie Geschlecht und Rollen seien innerhalb einer Generation umzudeuten und abzuschaffen), liegen erste Resultate vor: Italienische Unis vermeldeten kürzlich, dass dreiviertel der Studenten de facto halbe Analphabeten seien. Eine Studie unter den Professoren von 135 geisteswissenschaftlichen Fakultäten an 62 deutschen Universitäten zeigte schon 2011, dass den Studenten Lese- und Schreibkompetenz in ihrer Muttersprache grösstenteils abgeht. Ebenso die Fähgikeit zu selbständigem Formulieren oder Zusammenfassen. Vom Anspruch des reflektiven Erfassens eines thematischen Kerns, ist man mittlerweile weit entfernt. Gleichzeitig vermeldet Bern als erster Kanton in der Schweiz, dass man bei den Französischprüfungen auf Gymnasialniveau fürderhin auf Grammatik verzichten würde, da es die Schüler vor zu grosse Hürden stelle. Derselben Logik folgend ist das Inventar von Klassenzimmern der unteren Stufen bereits vor Jahren um Betten ergänzt worden, in die sich Schüler während des Unterrichts und zur Erholung vom Bildungsmässigen Hürdenlauf zurückziehen können.

Welch Gegensatz zu jenem, der da vor 500 Jahren stand und nicht anders konnte, als sein  „Sola Scriptura!“ über den theologischen Grundsatz hinauszudenken und als Ruf zu den geistigen Waffen der Freiheit mitten in die grösstenteils des Lesens und Schreibens nicht mächtige Bevölkerung hinauszutragen. Welch ein Unterschied zu den kaum dem Kindesalter entronnenen Verschonten der grossen Kriege, deren Danach nur Hunger war: Hunger nach Wissen, Verstehen, Schaffen und Erschaffen. Leben bloss ein anderes Wort für Lernen.

Nebst der Tatsache, dass sich mit Martin Luther erstmals ein Mensch auf seine Glaubens- und Gewissensfreit berief beim Rütteln an den Toren einer korrumpierten Kirche und Gesellschaft, war es vor allem dieser Ruf zur Schrift, zur geistigen Verantwortung des Einzelnen, der eine Tür vom Mittelalter in die Neuzeit aufstiess und der über Jahrhunderte nachhallte und heute zu verklingen droht. Aufgenommen wurde der Klang in der Schweiz durch die Reformatoren Ulrich Zwingli in Zürich und – 25 Jahre später – in Genf durch den Lutherschüler Johannes Calvin. Sowohl Zwingli, als auch Calvin verfochten eine puritanische Glaubens- und Lebenslehre, die unter anderem zur Neudefinition geltender Werte in punkto Arbeit, Bildung und Wissen führten. Schon Luther verstand seine Tätigkeit als Beruf und im Umkehrschluss auch Handel, Landwirtschaft, Gewerbe, Handwerk, Unterricht und Regierung als Berufung und als Teil des Gottesdiensts, der Dienst am Nächsten, getreue Geschäftsführung, Fleiss und Sparsamkeit forderte.

Und immer wieder: Leistung, Bildung und Wissen –  Lesen und Schreiben! Es blieb nicht ohne Wirkung: Sowohl Zürich, als auch Genf florierten im Zug der Reformation. Calvinisten waren es, die den Bankenplatz Genf begründeten, die Uhren- und Textilindustrie, die Beziehungen zum Rohstoffhandel. Im Gegensatz zum Mittelalter, war Bettel verpönt. Zugang zu Wohlfahrt bekamen nur noch jene, die unverschuldet in Armut gelangt waren: Kranke, Alte, Kinder aus Grossfamilien und Studenten.

Man kann – zum Glück! – von biblischen Inhalten, christlicher Glaubenslehre und dem Impakt der Reformation noch halten was man will. Sie indes abzutun als Druckposten kässmannsch pervertier Soialromantik, als heuchlerische Utopie der Feigen und Bequemen, wird der Sache nicht gerecht und ist ebenso Zeitgeist-Klischee, wie das sozialethische PC-Geschwafel, das vermengte kirchliche und politische Obrigkeiten als Ersatz durchzudrücken versuchen.

Was anderes war es denn, was Luther zuallererst gebracht und gepredigt hat, wenn nicht Freiheit? Freiheit durch Befähigung zum Wissen. Wissen was da steht. Wissen was ist. Um zu verstehen. Um mündig und selbständig Entscheidungen fällen zu können. Nicht weniger also, als die Befähigung dazu, die Verantwortung für das eigene Leben aus den Händen „falscher Pfaffen und Rottengeister“ in die eigenen zurückzuholen. Und zwar mithilfe der „Kaiserin aller Dinge“ – dem Verstand. Luther verlangte von den Menschen nicht weniger, als eine vernunftbegründete freiwillige Zweiteilung ihres Lebens durch die Annahme der individuellen „Bürgerschaft zweier Reiche“: Jenes der Gnade Gottes, und jenes der Welt. In dem einen gewiss durch Glauben, in dem anderen handelnd mit Verstand.

Von einer reformierten Kirche verlangte er dasselbe und wies sie in die Schranken ihrer einzigen Legitimation: Konzentration aufs Kerngeschäft, die Botschaft der Bibel. Es war die totale Absage an politisches Bütteltum ohne Auftrag, die Entlarvung der Absurdität einer ideologische Reinheit anstrebenden Kirche und eines Gottesdienstes, der im eigenen Interessen zu  einer Mischung aus Parteiversammlung und Heizdeckenverkaufsevent verkommen war.

Und heute? Heute sind wir auf dem besten Weg, uns von solcherlei einengenden Korsagen zu befreien. Endlich. Wir wissen, dass lebenslanges Lernen und Betteln – auch bekannt als Leistungen beziehen – Menschenrechte sind auf die wir ohne eigenes Zutun Anspruch haben. Wir wissen, dass Luther die Leute zum Duckmäusertum erzogen und Deutschland hitlerreif gepredigt hat, dass das klassiche Lehr-Lern-Muster, Fleiss, Disziplin und Ausdauer angefaschistelte Züge aufweisen und dass Wissen kein Können zur Folge haben muss um via Kompetenz (und sei es nur jene, die das Ausfüllen eines Formulars erfordert) Anrecht auf Teilhabe, Verwirklichung und Allimentierung durch die Allgemeinheit zu haben.

Wir wissen ausserdem dank staatlicher und kirchlicher Funktionäre, dass apokalyptischen Gewaltverherrlichungs-Ideologien wie dem Islam einzig mit Verständnis, Dialog und Gebet entgegengetreten werden darf und dass die Kritik an einer Regligion, die nicht unterscheidet zwischen Weltlichem und Geistlichem, gegen die Würde köpfender, verbrennender, steinigender, versklavender und kreuzigender Menschen verstösst. Und wir wissen auch, dass biblische Eckpfeiler wie Eigentum, Individuum, Familie, Gewaltfreiheit, Karitas und vor allem individuelle Freiheit rückwärtgewandte, unsoziale, zu denunzierende und am besten zu verbietende Eigenschaften völkelnder Fanatiker sind. Und wir wissen zu guter Letzt, dass Auftrag und Wille von Kirchen und Staat nicht weniger als die Gestaltung einer „gerechten Gesellschaft“ sind. Und dass nur sie das schaffen können.

In Anbetracht solch hehrer Ziele interessensmässig symbiotisch verschmolzenen Funktionärstums kann die Tatsache, dass wir daneben via Bildungseinrichtungen und Lernbäder organisiert verblöden, schon mal unter den Tisch fallen.

Wie innehalten, wie raus aus der genickbrecherischen Rückwärtsabwicklung dessen, was Leben in Freiheit sein sollte? Es ist immer dasselbe, das einzig Abhilfe schaffen kann: Lesen! Schreiben! Selber denken. Sich selber ein Urteil bilden. Selber entscheiden. Auch hier gilt: Noch haben wir die Wahl. Mitmachen oder sich verweigern. Sich in jedem Sinn bewehren, oder sich via Ignoranz den politischen und kirchlichen Herren des richtigen Glaubens überantworten. Anderen die Schuld geben oder das Geschenk der Verantwortung annehmen. Lachen, das Leben lieben, schaffen, erschaffen oder kriechend und kniend  in den Pappbunkern des kulturell und politisch Korrekten in Deckung gehen. Mehrheitskonforme Zeitgenossenschaft oder stolzes Abseitsstehen. Diktat oder Freiheit. So einfach, so schwer.

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