Gut hassen

Hass ist nach allgemeinem Verständnis eine der stärksten menschlichen Emotionen. Hass ist Abscheu. Hass will schaden. Vernichtung des Gehassten bedeutet Lustgewinn.

Die Kürzestbeschreibung macht klar: Hass ist abgründig, destruktiv, schädlich und potentiell tödlich. Für den Gehassten ebenso, wie für den Hassenden. Wer kann, hütet sich davor. Caroline Emcke, Gewinnerin des „Friedenspreises des Deutschen Buchhandels“ liegt richtig, wenn sie dem Hassenden eine Verengung der Sicht unterstellt. Aber sie liegt in sichtverengtester Weise falsch, wenn sie das Potential des Hasses unter dem Mikroskop des eigenen – so ist anzunehmen von jemandem, der sich „über den Hass gebeugt“ hat um ihn zu „analysieren“ – Nicht-Hassens, als Strömung definiert, die sich exklusiv vom „rechten“ in jeder Beziehung minderbemittelten Rand der Gesellschaft bis in deren verrohte und verblödete Mitte zieht. Eine der „wichtigsten Intellektuellen der Gegenwart“ legt damit Zeugnis jenes „verengten und geschlossenen“ Weltbildes und der „Kollektivierung von Individuen“ ab, das sie ausschliesslich anderen Kreisen als jenen, in denen sie selbst sich bewegt, zuschreibt.

Sie sagt damit: Würden meine Kinder via Schulpflicht aufs gröbste indoktriniert, via Sexualkunde in ihrer Intimsphäre verletzt und politisch auf Linie getrimmt, dann würde ich – Ohnmacht hin oder her – den Apparat und die Menschen, die solches notfalls mit Gewalt und Drohung und gegen meine innersten Überzeugungen erzwingen und durchdrücken, nicht hassen. Würden sich irgendelche „rechten“ Fanatiker mit ausgeprägt suizidaler Neigung ab und zu und unter dem duldenden Blick der „Regierung“ mitsamt ein paar Unbeteiligten ins Jenseits befördern, würde ich nicht hassen. Würde einer meiner Nächsten belästigt, vergewaltigt oder getötet – ich würde nicht hassen. Werden Kinder, Tiere oder andere Wehrlose misshandelt und gequält – ich hasse nicht.

Diese Selbstidentifikation, die mit Variationen auf das gesamte linke Justemilieu angewandt werden kann, lässt zweierlei Schlüsse zu. Entweder handelt es sich bei diesen Leuten um eine Art entmenschlichter Verstandesmaschinen bar jeden Mitgefühls, mitleid- und gnadenlos einzig der Vernunft verpflichtet. In diesem Fall sind die gern verwendeten Termini vom „Opfer“, vom „Verletztsein“, von der „Demütigung“ oder der „Verwundung“ reine Mache.  Oder aber es gibt zwei Sorten von Hass: Den richtigen auf das richtige und den falschen auf das falsche.

Im Interview mit dem Schweizer „Tages Anzeiger“ machte Daniel Cohn-Bendit kürzlich klar, dass von Letzterem auszugehen ist. Auf die Frage, wo denn der Unterschied liege zwischen der radikalen Opposition, dem Establishment-Hass und der sogenannten Hetze einer Marine Le Pen und dem nicht gewaltfreien Hass gegen alles Hergebrachte der 68er Bewegung, antwortet er, sie hätten wohl radikal opponiert, aber immer lachend.

Für die korrekt kultivierte Ohren der Cohn-Bendits und Emckes dieser Welt, die in vortrefflichster Weise das heutige Establishment – eine tiefreligiöse Kultur-, Medien- und Politoligarchie – repräsentieren, muss dieses Lachen auch dann zu hören sein, wenn der „Schwarze Block“ im Namen des Antirassismus privates Eigentum im Wert von Millionen von Euros vernichtet, wenn steuergeldfinanzierte Kulturetablissements zur Ermordung von Politikern aufrufen, wenn durchallimentiert Benachteiligte ganze Strassenzüge verwüsten und wenn der Tod politisch Andersdenkender öffentlich gefeiert wird. Auch Sätze wie: „Holt Hitler, um die Juden zu töten“, „Ich wünsche euch den Tod“ (in Richtung Charlie Hebdo) und „Ihr Weissen, ihr solltet so rasch wie möglich sterben“ sind Wohlklang in den Gehörgängen der Nicht-Hasser. Letzteres Brech- und Reizgezwitscher von Mehdi Meklat, bis vor kurzem französischer Messias des Buntheitskults, Schriftsteller, Reporter und Produzent.

Ein besseres Beispiel für die schwarz-weisse Weltsicht der Meinungsbildner von Buntwelt, als der zur Ikone der multikulturellen Utopie erhobene Meklat, ist kaum zu finden. Zusammen mit einem Freund fing der damals 15jährige an, über das Leben in den Pariser Banlieus zu bloggen. Als die Medien die beiden entdeckten, brach ein Riesenhype los. „Les Kids“ avancierten quasi über Nacht zu den gehätschelten Stars des Medien- und Literaturbetriebs. Eigene Radio- und Video-Formate in öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, Dokumentarfilme bei Arte, Buchverträge, Kolumnen und ungezählte Artikel und Interviews waren die Folge. Meklats Sicht darauf, seinen Dank an die Branche, die ihn gross gemacht hatte und seine Wertschätzung der Kultur, in die er sich so erfolreich integriert hatte, folgte via Roman, der im renommierten Verlag „Le Seuil“ erschien: „Das Geld hat mir meine Ehre genommen. Ich hätte meine Mutter auf dem Scheiterhaufen verbrennen können, und hätte noch mehr Bücher verkauft. Ich hätte auf dem Dach meines Verlags meinen Pressesprecher ficken können vor aller Augen und ohne Skrupel. Ich war der Herr des Literaturbetriebs. Die Jounalisten lutschten mir im Fernsehen life die Eier und die Franzsosen mit ihnen.“ „Reine Poesie“ jubelte der kultur- und gendersensible Teil der solcherart Beglückten Frankreichs. „Nichts, als Intelligenz und Menschlichkeit“.

Man könnte lachen darüber. Über den grossen Betrug und Selbstbetrug jener, die sich hoch, offen und sehend wähnen, während sie in Wahrheit nichts anderes tun, als einen Menschen ihrer Wahl aufgrund ihrer eigenen Kriterien um zum Beweis der Richtigkeit ihrer Weltsicht in diskriminierendster Weise zum Kuscheltier und Wanderpokal herabzuwürdigen, mit dem es sich in den geschützten Werkstätten abgehobenen Gutseins blendend amüsieren lässt. Das Problem dabei: Sie tun es mit unserem Geld. Und ein Gutteil der Bürger folgt ihnen, wenn von der Kanzel die Losung verlesen wird: „Lieber politisch korrekt, als moralisch infantil“.

Nicht nur die verbalen und persönlichen Entgleisungen Meklats gegen Schwule, Juden, Frauen und Weisse im Allgemeinen waren seit Jahren bekannt, sondern auch die Tatsache, dass er seit 2011 auf Twitter einen Account unter dem Pseudonym Marcelin Deschamps mit rund 11’000 Followern betrieb, und dass das, was dort an rassistischer, homphober und antisemitischer Hetze in 55’000 Tweets abgesondert, geteilt und gefeiert wurde, an Übelkeitauslösendem kaum zu toppen ist. Stimmen, die den Medien von der verbalen Gewaltorgie berichteten, darauf hinwiesen und sich zu recht über die Perversion und Vulgarität echauffierten, wurden konsequent überhört. Erst als sich Comicautor, Schriftsteller und Filmemacher Joann Sfar einschaltete, konnte die Wirklichkeit solcher „Vielfalt und Hybridität“, die es „auszuhalten“ gilt, nicht länger ganz ignoriert werden. Aber auch dann noch sah ein Teil der Medien, die Meklat weiterhin hofierten, darüber hinweg oder versuchte, ihn und seine Ergüsse zu erklären, zu ent-schuldigen und zu bagatellisieren. Antirassismus-Organisation blieben stumm. Die Justiz untätig.

Die sozialen Medien erzwängen geradezu Spaltungen in der Persönlichkeitsstruktur, wurde dem in Sippenhaft festgesetzten Frankreich der tumben Hasser erklärt. Meklats Ausschreitungen seien Ausdrucks eines experimentellen Spiels mit dieser Spaltung, dem sich sich seine Generation zu stellen hätten. Sie dienten ausschliesslich der Denunziation (!!), seien surreales Experiment, ein Kunstprojekt oder einfach „blöde Witze“. Wo Witz oder wahlweise künstlerischer und didaktischer Mehrwert solcher „Projekte“ liegen soll, blieb indes das Geheimnis einer Kulturelite, die sich ihr Spielzeug nicht wegnehmen lassen wollte. Meklat selber, von dem sich nach dem erzwungenen Eklat – sei es aus Überzeugung oder aus Selbsterhaltungstrieb – viele distanzierten, blieb in seinen Eklärungen und Entschuldigungs-Versuchen untypisch vage. Mitnichten vage waren er und seine Förderer indes wenn es darum ging, die Schuldigen der „inszenierten Demontage“ zu identifizieren. Von einer „digitalen Allianz der Faschosphäre“ war die Rede, die mit allen Mitteln zu zerstören versuche, „wofür Meklat stehe: die erfolgreiche Integration“. Tempo und Geschmeidigkeit, mit denen der menschgewordende Integrationserfolg im Anschluss zum Opfer verwertet und dann entsorgt wurde, sind beeindruckend. Inzwischen hört man nichts mehr von der Sache. Johnny Hallyday kämpft gegen den Krebs.

Die eklatant-arrogante Dürftigkeit der Argumente dieser selbsternannte Elite, Menschenreparierer und Gesellschafts-Verbesserer ist atemberaubend. Was sich auch heute noch als Befreier vom Bündlertum des nationalen Sozialismus gebärdet, ist in Wahrheit bloss anderes Personal vor den Kulissen derselben totalen und totalitären Herrschaftsansprüche. Schwarzweisser ist kaum möglich. Gut und geduldet mit Anspruch auf Allimentierung ist, wer europa- und immigrationseuphorisch, islamophil, nationalhassend und globalisierungsfreundlich ist. Verdächtig und potentiell hassend ist, wer solches in Zweifel zieht oder gar ablehnt.

Hass bekämpfen bedeutet also in Wahrheit nichts anderes, als Zweifler bekämpfen. Zweifler bekämpfen, heisst selbstverantwortlich Denkende bekämpfen. Diese bekämpfen, bedeutet, Meinungsfreiheit und Freiheit bekämpfen. Oder anders gesagt: Querdenken ist Hass. Auslöschungs- und Vernichtungs-Rhetorik und -Aktivitäten im richtigen Denkschema sind Provokation. Provokation ist gut.

Es ist, wie Stefan Zenklusen, Schweizer Philosoph und Essayist, treffend formuliert, an Ironie kaum zu überbieten, dass genau jene Leute, die zur Untermauerung jedweden wehleidigen Argumentchens „die dunkelsten Stunden Europas“ beschwören, dies mit den Mitteln tun, ohne die es solche Stunden in solcher Form nicht gegeben hätte: Denunziation, faschistoide Ausschlussmechanismen, Verdrehung, Fantasie, Lüge, Hexenjagden und Austreibungen. Bloss ein anderes Benthamsches Universum des permanenten Beobachtetwerdens in den Petrischalen inferiorer Kultur, über die sich im eisigen Wind der Kollaboration die Köpfe der grossen Denker und Lenker beugen.

Indes – der wahre Eklat bleibt dies: Es funktioniert erneut. Johnny Hallyday kämpft. „AfDler sind Arschlöcher. Immer. Überall.“

Advertisements

5 Gedanken zu “Gut hassen

  1. Die Definition von Haß ist falsch: „destruktiv, schädlich“, na und? Weshalb darf ich nicht Obama hassen, wenn er den Mord an Menschen befiehlt? Stellen Sie diese Frage immer für alle staatlichen Massenmörder, z. B. Stalin, Hitler, Bush, die aktuellen Herrscher von Saudi-Arabien. Aber es geht noch weiter: Gewalt erzeugt Gewalt, und staatliche Gewalt erzeugt eine gewalttätige Einstellung in Form von Haß. Niemand fragt, warum Haßbotschaften jetzt vermehrt im Netz auftauchen und auf einer breiten Basis in der Gesellschaft zu stehen scheinen. Der Grund ist ganz einfach: die staatliche Gewalt hat der Öffentlichkeit, die nicht mit den Entscheidungen des Staates einverstanden ist, im übertragenen Sinne die „Zunge“ herausgeschnitten, indem sie die Meinungsäußerungen zu unterdrücken sucht.

    Gefällt 1 Person

    • Im Artikel ist keine Erwähnung davon, dass nicht gehasst werden „darf“. Wenn Sie der Meinung sind, Hass bringe in Bezug auf Denken und Handeln das Beste in Ihnen hervor, er sei konstruktiv und zielführend – auch gut! Es ist meine persönliche Meinung, dass keiner von uns gegen Hass gefeiht ist. Aber ebenso ist es meine Meinung, dass, wer sich davon bestimmen lässt, nicht bestmöglichst und wirkungsvollst zu handeln in der Lage ist. Aber darum geht es ja nicht – sondern um die Bigotterie von zweierlei Mass bei der Bewertung von etwas, das als Hass bezeichnet wird, oft aber „nur“ Meinungen von Leuten sind, die sich mitnichten von Emotionen leiten lassen.

      Gefällt 1 Person

  2. Freilich ist Hass regelmäßig zumindest mit geistiger Gewaltanwendung verbunden.Man kann dies aber durchschneiden. Etwa bei der Notwehr oder Nothilfe. Einer Frau zuhilfe eilen, die gerade misshandelt wird, und dem Angreife gezielt auf die Fresse hauen um die Situation zu bereinigen, wirkt besser, wenn dies möglichst ohne Hass erfolgt, weil der blind macht und die Übersicht auch im eigenen Geist trübt.
    Es gibt also noch eine dritte Sichtweise außer schwarz-weiß.
    Auch das staatliche Gewaltmonopol soll ja bestmöglich ohne Hass ausgeübt werden. Gerade deshalb ist ja Notwehr und NOthilfe erlaubt.

    Gefällt mir

  3. Schon Schulkinder wurden damals in der DDR mit der hinterfotzigen Frage hereingelegt: „Du bist doch auch gegen den Krieg, oder?“ Heute werden Schulkinder aus dem gleichen Grund gefragt: „Du bist doch auch gegen den Hass, oder etwa nicht?“

    Hass ist ein Gefühl. Gefühle sind da oder nicht. Sie sind Ergebnisse, nicht beeinflussbar. Somit sollte es keine Rolle spielen, ob ich jemandem eine Ohrfeige verpasse, weil ich ihn hasse oder im Gegenteil liebe. Die Ohrfeige ist als Körperverletzung straffähig, basta. Die Umstände – zum Beispiel eine verständliche Begründung – können zu einem milden Urteil führen, ja, sie dürfen aber nicht zu einer Schlechterstellung führen. Es darf keine Rolle spielen, ob ich aus Geiz Steuern hinterziehe, oder weil ich unseren Staat für einen Räuberstaat halte, oder weil ich Merkel hasse.

    Tut es aber. Und zwar seit dem 14. April 2012. Damals beschloss die Merkel-Regierung eine tiefgreifende Gesetzesänderung, mit der – auf den ersten Blick nachvollziehbar – menschenverachtende oder fremdenfeindliche Beweggründe des Täters unter dem Schlagwort Hass-Kriminalität strafverschärfend wirken sollen. Das Strafrecht wurde zur Auslegungs-Sache. Der § 46 Abs. 2 StGB war die Einführung von Gesinnungs-Justiz. Es ist die alte Erzählung vom Guten und vom Bösen – oder: vom bösen und vom sehr bösen Täter. So lautet das Narrativ.

    Ein Verbot des Hasses kann keine guten Folgen haben. – Alle Gefühle haben einen evolutionären Sinn: Ohne Vorsicht und Angst gibt es kein Überleben. Ohne Freude und Liebe keine sozialen Bindungen. Ohne Neid und Machtgelüste keinen Antrieb. Ohne Zuneigung und Trauer kein Familien-Zusammenhalt. Ohne Ekel Vergiftungen. Ohne Scham ständig schwanger. Ohne Wut und Zorn kein sich Wehren. Denkt es zu Ende!

    Gruß, Franz

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s