Unterhaltsvorschüsse – Betrogene Kinder

Es gibt sie in ungezählten Variationen: Die Filmszene, in der der Verurteilte versichert, er sei unschuldig und wo irgendeiner antwortet: „Jaja – das sagen sie alle.“ Ähnlich vorhersehbar gestalten sich Diskussionen rund um das Thema „Alleinerziehende und staatliche Unterstützung“: Die in Frage kommenden Personen sind – glaubt man dem Chor der Eingeweihten – durchs Band Ausnahmen, wenn es um die selten sachliche Begründung dafür geht, warum gerade sie ein Anrecht darauf haben, finanziell von der Allgemeinheit mitgetragen zu werden. Auf die Frage, ob es sich denn bei diesen Menschen allesamt um Verwittwete, Misshandelte, Vergewaltigte oder Kranke handelt, wird anstelle einer Antwort gern und unbelastet von Logik die Hungerne-Kinder-Keule hervorgeholt: „Sollen die Kinder dafür büssen, dass ihre Eltern die Sache mit der Kohle nicht auf die Reihe kriegen? Sollen sie etwa hungern?“ Eine andere ebenso beliebte argumentative Schlagwaffe ist die Haben-Sie-Kinder-Frage. Und wehe dem, der sie nicht positiv zu beantworten in der Lage ist. Er hat nicht nur keine Ahnung und auch kein Recht auf Meinung, sondern ist höchstselbst mitschuldig an der demographischen Zerbröselung des Abendlands. Zahlen, Schnauze halten, weitergehen.

So einmal mehr zu beobachten in den Kommentarspalten der FAZ unter einem Artikel, der jene rund 450’000 Alleinerziehenden zum Thema hatte, die auf „staatliche Unterstützung angewiesen“ seien. Für sie werden jährlich 850 Millionen Euro an sogenannten Unterhaltsvorschüssen ausgezahlt. Fast eine Milliarde. Sogenannt, weil das Wort Vorschuss im Sinn einer Vorauszahlung für nachträglich zu erbringende Leistungen nur in 23 Prozent der Fälle (2015) korrekt ist. 650 Millionen sind nicht Vorschusszahlungen, sondern schlicht Unterhaltszahlungen. Ihre Rückerstattung an die Allgemeinheit ein frommer Wunsch. Ausserdem räumt der Artikel auf mit einem gerne gefplegten Mythos: Der sture Zahlungsverweigerer, der der Mutter seiner Kinder trotz Einkommen das Geld verweigert, ist eine der echten Ausnahmen. Die Mehrzahl jener, die die Zahlungen zu leisten hätten, sind dazu nicht in der Lage oder schlicht unbekannt.

Aber wo liegt das Problem, könnte man fragen, wenn ein grosser Teil der Menschen – Einschliesslich Familien, Freunden und Partnern – der Meinung ist, diese Zahlungen seien berechtigt, mehr noch: notwendig, während nur eine Minderheit für die Kälte der Selbstverantwortung (die auch die eben erwähnten Nächsten miteinschliessen würde) plädiert? Das Problem ist, dass das Ganze auf einem grossen Irrtum basiert. Auf einem sorgfältig aufgebauten und sorglos adoptierten Missverständnis dessen, was Leben sein könnte und sollte.

Um das zu  verstehen, braucht man sich nur mit einem einzelnen Wort zu befassen – jenes des oder der Betroffenen. Mit erwähnten Ausnahmen käme es keinem in den Sinnn, sich selber im Zug der lustvollen körperlichen Vereinigung – sei es in der Vorstellung eines mehr oder minder vagen „Für-immers“, sei sei es mit dem Ziel des A-la-minute-Lustgewinns – als Betroffenen zu bezeichnen. Wovon auch betroffen? Ich-betroffen? Hormonbetroffen? Sex-, Illusions-, Romantik-, Alkohol- oder Hirnarretierungsbetroffen?

It’s consequences, stupid! Erst die Konsequenzen – natürlich nur die unerwünschten – werden mit dem Ehrenkreuz der Betroffenheit geadelt. Betroffenheit impliziert Schuldlosigkeit und Ausgeliefertsein. Betroffenheit bedeuetet Bedürftigkeit. Bedürftigkeit verlangt nach Hilfe. Hilfe von aussen, Hilfe, die die eigenen Nächsten offenbar nicht zu leisten gewillt sind, Hilfe der anonymen Allgemeinheit via Staat also. Es ist bezeichnend, dass der Begriff der Betroffenheit von Menschen wie Ihnen und mir gar nicht oder äusserst selten verwendet wird. Oder kennen Sie einen Alkoholiker, der sich selbst als Betroffenen bezeichnet? Einen Junky, einen Verschuldeten, Betrüger, Scharlatan oder Gewalttätigen? Ich nicht. Ich kenne nur Sozialarbeiter, NGO-Personal, Politiker und ein Heer von Funktionären, die den Begriff ins Spiel werfen, wenn jene, die ebenfalls am Tisch sitzen – freiwillig und weil sie sich Spass davon erhofften – pleite sind. Vater Staat als liebevoll fürsorglicher Croupier.

Indes: Die Bank gewinnt immer. Wenn das freiwillig eingegangene Risiko einer Schwangerschaft in ungewollte Schwangerschaft umgedeutet und wie eine ansteckende Krankheit behandelt wird, dann wird nicht den sogenannt Betroffenen oder gar der Gesellschaft geholfen. Casinos existieren einzig aus dem Grund, weil für den Betreiber etwas zu holen ist. Und theoretisch selbstverantwortliche Menschen werden von den Staatsbetreibern einzig aus dem Grund als Betroffene und Hilfebedürftige gehandelt, weil nur so Profit zu machen, die staatliche Organisation aufzublähen und Kontrolle ausbauen ist. Der Begriff ist gleichsam der Knopf, der die Fürsorge-, Betreuungs- und Präventions-Maschinerie in Bewegung setzt, mit dem ein weiteres Leben in Obhut – auch bekannt als Gewahrsam – genommen wird. So sieht’s aus.

Den Boden raus haut dem Ganzen dann dies, dass solche Unterwerfung mit Würde gleichgesetzt wird. In Würde Betroffener sein. In Würde die Hose auf Knöchelhöhe und kniend darum flehen, die Kontrolle über das eigene Leben abgeben zu dürfen und ein paaar Brosamen dessen zu erhalten, was beim grossen Fressen des Staatspielhöllenpersonals von jenem Tisch fällt, den die Mitmenschen auf den Schultern tragen. Die Würde des Kindes, sagen Sie? – Meinen Sie jene Würde Ihres Kindes, für die sich faktisch weder Mutter, Vater, Grosseltern, Tanten, Onkel, Freunde oder neue Partner verantwortlich fühlen? Meinen Sie jene Würde Ihres Kindes, für die der arbeitende Nachbar zuständig ist? Mit Verlaub: würdeloser geht kaum!

Damit hier keine Missverständnisse entstehen: Keiner behauptet, es sei leicht, alleinerziehender Elternteil zu sein. Es ist schwer und kann hart sein – ebenso, wie der Gang in die Selbständigkeit, das Erlernen eines neuen Berufs in mittleren Jahren, das Wagnis, seine Existenz auf die Karte Kunst zu setzen oder um der Freiheit Willen eine Arbeit zu tun, die im Verhältnis mit dem eigenen Ausbildungs- und Fähigkeitsniveau auf Marianengraben-Level liegt. Aber genausowenig, wie die Menschen, die sich für einen dieser Wege entscheiden Betroffen, Bedürftig und Opfer sind, sind es Eltern. Und ob die Kinder zu Betroffenen und Bedürftigen werden, zu konsumzentrierten Konformisten, die alles im Leben von aussen erwarten, liegt einzig in ihrer Hand. Verantwortung, Überwindung, Durchbruch, Lebensglück, Freude, Erfüllung, Selbstbehauptung, Treue und Loyalität sind wohl harte Währung, fordern das Beste und alle Kraft, sind aber nicht auf Vorschuss zu haben.

Und da liegt das Problem: Irgenwo auf der Strecke zwischen dem Punkt, an dem unsere Vorfahren das Recht gefordert, errungen und in Anspruch genommen haben, in Freiheit und auf eigenes Risiko das eigene Glück zu suchen und zu machen und jenem Punkt, an dem Glück zum Menschenrecht umgedeutet worden ist, sind wir als Gesellschaft über die Klippe gegangen und planschen heute als Mehrheit – aka Mitte – im Seichtwasser eigener aber von anderen zu finanzierenden Befindlichkeiten. Dass das Wasser lauwarm ist und gerade tief genug, um darin bequem sitzen zu können, verdanken wir längst nur noch der Tatsache, dass per Schlauch nachgefüllt wird (Staatsverschuldung inklusive Enteignung der beklagten Kindergeneration) und dass sich draussen im Blau dank den Schlauchbetreibern in finanz-, sozial- und geopolitischer Sicht ein Tsunami zusammenbraut, der sich um missbrauchte Würdebgrifflichkeiten und imaginiertes Opfertum nicht scheren wird. Wenn’s losgeht, ist stranden keine Option mehr. Und jene, für die’s richtig hart wird, die einzig wahren Betroffenen, werden jene sein, in deren Name heute Strandlatschen und Spielzeug gefordert werden: die Kinder. Sie werden die Opfer sein – Opfer des Betrugs, den ihre Eltern an ihnen begangen haben indem sie ihnen weismachten, Leben sei etwas, auf dem man sitze und nicht etwas, nachdem man sich mit aller Kraft und täglich zu strecken habe.

Die Frage ist längst nicht mehr, ob die Riesenwelle kommt, sondern einzig, wann. Eine Gesellschaft als ganzes geradebiegen zu wollen, als wär’s ein Stück Draht, ist illusionär. Aber jeder und jede ist dazu in der Lage, schwimmen zu lernen und die Fähigkeit an seine Kinder weiterzugeben. Können Sie sich an das Gefühl erinnern, wenn man als Kind die Schwimmhilfen von den Armen genommen hat? Wie dünn sich die Arme angefühlt haben und wie kalt das Wasser auf der Haut, wo vorher der Luftgefüllte Gummi sass? Die Angst, die Aufregung, die Freude? Wer sich entscheidet, auf eigene Kosten, in Würde und in Freiheit das anzugehen, was Leben sein kann, wird Ähnliches in verschärfter Form erleben. Wer dies jenen, die nach uns kommen vorlebt, wird am Ende vor erwachsenen Menschen stehen, die in der Lage sind zu sagen: Es interessiert mich nicht, was andere haben, dürfen, können. Was mich interessiert ist, was ich erringen kann, was ich mir auf meine Kosten erlaube und zu was ich, wenn ich will, zu geben in der Lage bin. Heute schwimmen zu können bedeutet morgen Grund zu finden. Halt, der weit über die den Hurenlohn der „richtigen Haltung“ hinausreicht.

Es sind solche Menschen, die nach dem Tsunami tausend Chancen sehen werden, anfangen, zupacken, zurückholen, aufbauen. Sie und nicht jene, die heute von Teilhabe schwafeln und Schmarotzertum meinen, Würde ins Spiel werfen als wär’s eine Kompetenz und aus den Neidkloaken heraus nach Gerechtigkeit brüllen. Sie werden dann keine Stimme mehr haben. Und keinen mehr, der sie beweint.

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2 Gedanken zu “Unterhaltsvorschüsse – Betrogene Kinder

  1. „Oder kennen Sie einen Alkoholiker, der sich selbst als Betroffenen bezeichnet?“ Ja kenne ich und nicht nur einen – Bekanntenkreis, ehemalige Kollegen. Auch alle, die in Selbsthilfegruppen für Alkoholiker gehen, bezeichnen sich i.d.R. als Betroffene, d.h.nicht unbedingt, dass sie loskommen von der Sucht. Und es gibt sehr viele Selbsthilfegruppen für allerlei Suchtkranke. Nun zu den Kindern: Da es Sozialhilfe gibt, ist der Teil eigentlich auch gegessen. Das Zuzügliche, wenn es zuzüglich ist, hab da keine Ahnung, ob der Unterhalt mit der Sozialhilfe gegeneinander verrechnet wird, sollte dann nicht gezahlt werden. Ausufern tut das Ganze doch nur jetzt, durch den Zuzug der Resettler. Und wirklich, sollen die Kinder dafür büßen, wenn ihre Eltern nichts auf die Reihe bekommen? Die Frage ist durchaus berechtigt und sollte nicht weggewischt werden. Hier im Land wird soviel Steuergeld für Sachen ausgegeben, die auf den Prüfstand gehören. Geld für Kinder streichen, sollte da an letzter Stelle stehen, auch wenn mit den Entscheidungen der Eltern selbst nicht einverstanden ist. Das Leben schreibt viele Geschichten jenseits von Selbstverwirklichung und One-Night-Stand. Deutschland steht am Abgrund und wir unterhalten uns über Unterhaltszahlungen für Kinder von Alleinerziehenden. Sicherlich ein nicht unwichtiges Thema. Aber es gibt sehr, sehr viel Wichtigeres, was HEUTE ansteht.

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    • Ja – richtig, es gibt anderes. Ob wichtiger oder nicht, bezweifle ich. Die Mentalität dahinter, jene, die uns an den Abgrund führt, ist nämlich dieselbe: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Ob Banken oder Eltern, das spielt in meinen Augen keine grosse Rolle. Es geht ums Prinzip. Und: beides wäre nicht möglich, ebensowenig wie die Allimentierung staatlicher und staatsnaher Industrien – Asyl, Sozial, Energie, Rüstung, Pharma – ohne unser Falschgeld-System. DAS ist das grösste Problem. Und eine Gesellschaft, ganze Generationen, die sich haben kaufen lassen, von Fake-Money und dann die Würde ihrer Kinder anschleppen, um am Tropf bleiben zu dürfen. Ja – mir tun die Kinder leid. Auch ich will nicht, dass Kinder leiden. Aber das Problem fängt viel früher an – bevor das Kind im Brunnen liegt. Beim Geschenk des freien Willens und der damit verbundenen unbglaublich grossen Verantwortung, die wahrzunehmen der Mensch die Chance hat um ganz Mensch zu sein. Was heute – oft zulasten der Väter und zugunsten einer ganzen sich davon mästenden staatlichen und staatnahen Industrie (aber auch darum geht’s hier nicht, weder um Männer, noch um Frauen) – stattfindet, ist eine Perversion. Eine noch grössere Perversion ist indes dies, dass ein solches System notwendig ist. Die Geschwindigkeit und Geschmeidigkeit, mit der zwei erwachsene Menschen als Komplizen die grösste Verantwortung, die es wohl im Leben geben kann, anzunehmen vorgeben um dann, wenn es aus irgendeinem Grund nicht mehr geht wie geplant oder auch nur wie gewünscht, zu Opfern zu mutieren um einander angeblich zum Wohl des Kindes und auf Kosten der Allgemeinheit nach Strich und Faden fertigzumachen, ist atemberaubend. Man stelle sich vor, zwei die zusammen eine Firma gründen zerstreiten sich und fordern nun von der Allgemeinheit, (denn nichts anderes ist der „Staat“, der aus sich heraus weder etwas herstellt noch erwirtschaftet) ihre Misere zu regeln. Nur sehr wenige würden dafür einstehen, dies via Steuerverwertung zu tun. Wo liegt der Unterschied? Die Kinder? Ja – aber erst NACH dem Entscheid, sie zu zeugen. Wer an diesem Punkt „ich“ sagt oder „wir“, sollte nicht später von sich weg fragen und nur „er“ sagen und den/die Ex oder den Staat meinen. „Ich“ bzw. „wir“ sind die Ursache dessen, was heute ist. Das Fatale und was nicht bedacht wird und doch prägt: Wer erst „ich“ sagt zum eigenen Tun und später umschwenkt auf „die“ oder „er“, der gibt mit der Schuld auch die Verantwortung ab. In einem übertragenen Sinn also das Resultat – das Kind, das er als Blitzableiter für nicht wahrgenommene Verantwortung missbraucht. Man leitet Schuld ab und deutete eigenes Tun zu „Schicksal“ um, bezeichnet sich selbst als Betroffenen, will Opfer sein und nicht Angeklagter. Haltet den Dieb! rufen und die Hand aufhalten. Der Entscheid, Kinder zu haben oder nicht, ist vielleicht der grösste, den ein Mensch fällen kann. Dies zu tun und später nicht dazu zu stehen, gemeinsam FÜR DIE KINDER das Beste aus sich herauszuholen ungeachtet der eigenen Emotionslage, ist nicht nur unwürdig, sondern wie gesagt, auch ein Betrug der Kinder, denen man keine Chance gibt, das Schwerste und zugleich Schönste des Lebens kennen zu lernen und später selber zu leben: Verantwortung. Auch bekannt als Freiheit.

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