Splitter in der Haut der Freiheit

Ungefiltert in die Unruhe hinein – Persönliches

Einer hat mal gesagt, wer ein Gefühl habe, der solle ein Gedicht schreiben. Oft und mit grossem Wohlwollen neige ich dieser Ansicht zu. Wenn es Ihnen genauso ergeht, dann sollten Sie die Lektüre hier einstellen. Alles, was jetzt kommt, basiert ausschliesslich auf Gefühl. Ausserdem: Es wird ein reiner Egotrip. Ich schreibe und publiziere den Text um meiner selbst willen. Für ein Stück Freiheit da, wo ich es vor einem Jahr nicht vermutet hatte. Und aus Respekt und Achtung jenen Personen gegenüber, die ich in den vergangen Monaten treffen und an deren Strang ich mein kleines Gewicht hängen durfte.

Es geht um Schrauben. Und Splitter. Und Ruhe. Das vor allem. Ruhe in bestem Baader’schen Sinn, wonach das einzig wahre Menschenrecht jenes ist, in Ruhe gelassen zu werden. Was ich in den letzten 20 Jahren getan und gelassen habe, hatte meist ebendiese Ruhe zum Ziel. Wer selbständig ist und gute Jobs abliefert, hat beim Schaffen und daneben seine Ruhe. Wer in einen versteckten Winkel Frankreichs zieht und abgesehen von Kunden und Hunden nur wenige Kontakte pflegt, hat unbestreitbar viel Ruhe. Und mehr Ruhe, als allein auf 4000 Metern im Gurtzeug eines Deltas geht nicht.

Denselben Zweck hat der Name Frank Jordan: Er ist Schaltung, die zum Zweck persönlicher Ruhe und im erweiterten Sinn auch jener meiner Familie, zwischen Monika Hausammann – so mein Taufname – und die Welt eingebaut ist. Er ist Trennung, Abschwächung, Selektion. Das Problem: Es funktioniert nicht. Nicht mehr. Wo sogenannte Volksvertreter sich mit Unterstützung gekaufter Mehrheiten daran machen, die Freiheit, also das Recht auf Ruhe des einzelnen, via Gewaltmonopol und mittels Zensur zu verteidigen, kann und darf nicht gefiltert und abgeschwächt werden. Solchem müssen ganze und echte Menschen ihr Bestes entgegenhalten. Egal, wie wenig es ist. Das wiederum ist nur möglich, wenn in maas’scher Logik ein Teil der persönlichen Ruhe um ihres Erhalts willen aufgegeben wird.

Die naheliegende Frage: Was macht es für einen Unterschied, ob eine, deren soziale Kompetenz, Reichweite und Wirkung bestenfalls am Rand stattfinden, ganz ist oder nicht? Die Antwort: Für die Welt keinen. Für mich persönlich die Einnahme der eigenen Medizin: Integrität. Die Entscheidung, dass die Zeit beschaulicher Sonntagsfahrten mit angezogener Handbremse für den Moment vorbei zu sein hat. Geschuldet der Einsicht, dass, sofern man dankbar ist, bis hierher das Leben frei und in Ruhe gelebt haben zu dürfen, man schleunig aufs Gas steigen sollte. Als Person und nicht bloss als Name.

Denn: Unmerklich, ignoriert und teilweise wohl auch begrüsst, werden in Sachen Freiheit und Ruhe Schrauben angezogen, während andere sich lockern oder überdrehen. Sind diese Schrauben Verbindungen an ein und demselben Werkstück, kommt es zu Ungleichgewichten, im Extremfall zu Bruch und Zusammenbruch. Genau das – so der subjektive Eindruck, das Gefühl – passiert zurzeit in unterschiedlichem Mass in den Gesellschaften Europas.

Wo angezogen wird – testweise oder planmässig – da tut’s im Moment erst sehr wenigen weh. Entweder deshalb, weil die betroffenen Menschen und Firmen – ja, es sind Unternehmen, die Steuern zahlen, Leuten Arbeit geben und nie, nie NGO’s, Regulierungs-Profiteure oder andere Schmarotzer – zu wenig bekannt sind, aus Angst vor „sozialen Sanktionen“ längst gemieden werden oder bereits zu Boden denunziert und totgeschwiegen worden sind. Oder aber deshalb, weil, wenn es um Kontensperrungen von Einzelpersonen in sozialen Netzwerken geht, es Vergebung und neues Leben gibt im Form von Freischaltung und wo – vor die Option eines virtuellen to be or not to be gestellt –  die meisten demütig und ohne Aufsehen geloben, um des netzmässigen Weiterlebens willen fortan ein sündenfreies Reden zu pflegen. Vielleicht aber auch, weil ein aus Gesinnungsgründen Gemobbter oder Entlassener nicht Mittel und Möglichkeiten hat, ausserhalb des Freundeskreises – sofern noch vorhanden – auf sich aufmerksam zu machen.

Noch sind es bloss Splitter. Wer sich einen „einmacht“ versucht, ihn rauzudrücken, ärgert sich, wenn’s nicht funktioniert, zuckt irgendwann die Schultern und wartet fortan darauf, dass das Ding via Eiterung den Körper selbständig verlässt. Ist er an einer Stelle, auf die nie oder selten Druck ausgeübt wird, merkt man ihn kaum mehr. Aber er ist da. Und wenn es ein Metallsplitter ist oder Glas, dann ist theoretisch bei Nichtbehandlung von Infektion, über Sepsis bis Amputation und Tod alles möglich.

Unserer Freiheit wurden sich in den vergangenen Monaten ein paar solcher Splitter zugefügt. Es sind die offenen oder leisen Massnahmen, die gegen eigentümlich frei, das Magazin meines Verlegers, André F. Lichtschlag ergriffen worden sind. Massnahmen, die durchaus zur Zerstörung der wirtschaftlichen Grundlage führen können. Auch weitere, wie die „Achse des Guten“, „Sezession“ und „Tichy’s Einblick“  – um nur ein paar zu nennen –  sind „zum Schutz der Meinungsfreiheit“ nicht geschont worden. Privatpersonen und Autoren ebenso wenig. Die Empörung über solche Sperrungen, Löschungen, Kundenerpressung und Ausschluss-Drohung ist kurzfristig gross. Die Betonung lieg auf „kurzfristig“. Wie im Fall des Splitters ist solches für den Peloton der Medienkonsumenten weniger Schmerz, denn Event, dessen Höhepunkte oft in einem resoluten „Teilen, teilen, teilen!“ verebbt. Wie anders in Zeiten digitaler Schnellstlebigkeit und ADHS-mässigem Multilevel-Leben? Irgendwo passiert gerade ein Terroranschlag, ist Wahl oder ein Einzelfall erhitzt die sich abkühlenden Gemüter. Bis zur nächsten Umdrehung der Schraube, der nächsten Sperre, der nächsten Verleumdung, der nächsten wirtschaftlichen und sozialen Existenz, die pulverisiert wird. Bis zum nächsten Empörungs-Event.

Gleichzeitig und oft unbemerkt findet ein Loslassen statt. Ein Sich-Abwenden, Resignieren und Ermüden. Gerade noch Engagierte, Dagegen-Haltende und Warnende mögen nicht mehr. Soll ihnen das Leben selbst den Hintern versohlen, wenn’s einfach so weitergeht, wenn’s nicht tiefer geht, wenn’s nicht interessiert, wenn’s nicht schmerzt. Schrauben, die eben noch starke Verbindung waren, Stützen, Halt, fallen ab. Kommentarlos, erschöpft und leer verschwinden sie im publizistischen Nichtsein. Alles ist bereits tausendfach gedacht, geschrieben, gesagt. Der Warnungen gibt es genug.

Im selben Tempo und Mass, indem sich Unberechenbar- und Kurzlebigkeit ausbreiten, wo hier was abfällt, dort angezogen wird und da ausleiert, machen sich Unsicherheit und das Bedürfnis nach Orientierung und Stabilität breit. Es wird wieder in „Lagern“ gedacht. Man will sortieren können, ordnen, einteilen. Klar, einfach, alltagstauglich und wetterfest. Man erschafft oder sucht sich ein Koordinatensystem, in dem es gelingt, den eigenen Standort und den anderer klar zu benennen und notfalls auch nachts, besoffen und bei Nebel zu finden. Beliebter Treffpunkt ist die „Mitte“. Dort, wo manch einer durchaus auch damit einverstanden ist, dass „man“ allzu verunsichernden Menschen, Medienportalen und Magazinen nicht mehr über den Weg läuft. Ein Ort minimaler Garantien auf Sicherheit und Ordnung. Einigermassen sauber, hell, warm. Dort, wo um der „Sache“ willen auch entschieden werden darf, nichts zu entscheiden. Wo gekämpft wird, indem man nicht kämpft. Von Staates Gnaden befreit, betreut, durchreguliert und umverteilt in den Bankrott – aber bitte ohne die ganzen Islamisten. Freiheit gibt’s nur auf Rezept und in Kleinstdosen, aber wie auch Stefan Zweig in seinen Erinnerungen schrieb, bedeutet Freiheit vielen weniger Reichtum, denn Gefahr.

Nach diesem Schema wird auch gewählt: Lieber bekanntes Übel, als neues. Und wenn neu, dann jenes, das da verspricht, alles beim Alten zu lassen, aber diesmal besser. Das Resultat sind als Landesväter angepriesene Nivellierungs-Technokraten, die, wie Macron gerade in Frankreich, zum Besten der Nation erneut die Behörden mit Vollmachten ausstatten, die es erlauben ohne juristische Umwege und anderen Klimbim in das Privatleben ihrer Bürger einzugreifen (Verlängerung des Ausnahmezustands). Es sind PR-mässig optimal gecoachte Herren des Übergangs, die sich mit nationalem Pathos daran machen, die Länder Europas kulturell, finanziell, sozial, politisch und wirtschaftlich auf ein Niveau zu dimmen, das ein geschmeidiges Durchregieren und Managen von zentraler Stelle nicht nur möglich macht, sondern gebietet. Gerne auch mit Unterstützung und im Interesse der Freunde aus Übersee.

Ja – es ist ein Eindruck. Ein persönlicher Eindruck von Gefahr. Vielleicht – man hofft es – ist man selber jener Automobilist, der im Radio die Warnung vor einem Geisterfahrer hört und ausruft: „Was heisst da einer? Hunderte!“ Vielleicht ist diesmal wirklich alles anders. Menschlich Unverändertem, Wahrscheinlichkeiten und Vergangenheit zum Trotz. Wenn’s so ist…so what? Bloss einer, der sich geirrt hat. Ich ziehe es vor, mit allem, was mir zur Verfügung steht in eine persönliche Blamage zu brettern, als auf der Bremse stehend an die Wand zu fahren.

Vielleicht gibt es sie, die sogenannt Abgehängten, Frustrierten, Zukurzgekommenen, als die man zu Rechtfertigungszwecken die Schliess- und Sperrkandidaten gerne und mehrheitlich widergekäut bezeichnet. Ich weiss es nicht. Ich kenne keinen, auf den diese Beschreibung zutrifft. Was ich aber sicher weiss: es sind ganz bestimmt nicht die eigentümlich freis, dieser Welt. Nicht die André Lichtschlags und ihre Leute. Da ist nicht Frust, da ist Lebensliebe, Schaffensfreude, Drang und Wille zur Freiheit – der eigenen und der anderer. Egal, welcher Meinung sie sind. Was sie aber auch nicht sind, ist Teil des Pelotons, des grossen Haufens der „Mitte“. Wer sie sucht, findet sie in der Gruppe der Ausreisser. Es sind jene Schrauben, die allem Zug und Druck zum Trotz seit Jahren oder Jahrzehnten halten. Bis jetzt. Ihrer würdig sein und im Rahmen des eigenen Wenigen mitzutragen, bedeutet ganz sein. Ungefiltert. Aus dem Schatten eigener Ruhe und stillen Komforts in die Unruhe hinein. Auch und gerade mit jenem Namen, dessen Trägern ich alles, was ich bin und habe verdanke.

FRANKJORDANBLOG wird unter diesem Namen weitergeführt. Der Einfachheit halber.

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