Memoiren eines Schleppers

Gastbeitrag von Franz Bettinger

12 Grad Ost, 36 Grad Nord. Das waren die Koordinaten, die wir aus unserer eigenen Peilung und der eines anderen NGO-Kutters ermittelten. Wir hielten darauf zu. Nach einer Stunde sahen wir sie im Feldstecher, obwohl es schon Nacht war. Ein kaum besetztes Schlauchboot, kaum 12 Mann drin. Wo war der Rest? Enttarnte Christen, die man über Bord geworfen hatte? Eine hohe Welle, Kenterung, Ertrunkene? Das waren sie, die zwei Möglichkeiten, und sie spornten uns noch mehr an, den armseligen Rest zu retten.

Kenterung konnten wir ausschließen, denn das Schlauchboot hatte einen intakten Motor. Wir tuckerten auf sie zu. Schwarze. 18 Schwarze zählte ich. Ruhige Gesellen. Nicht das übliche Geschrei. Sie hatten Gepäck. Rucksäcke. Längliche Gebilde. Mehr Gepäck als was man sonst so auf den vollbepackten Gummiflößen sieht. Ich fühlte, irgendetwas stimmt nicht. Aber was? Gepäck lag auch unter einer Plane im Heck.

Sie kletterten an den zwei Strickleitern hoch, die wir zu ihnen hinab ließen. Drei von ihnen blieben allerdings unten im Schlauchboot. Warum? Neue Methode? Sollten die drei ihr Boot, das in der Tat wesentlich fitter aussah als die üblichen, an die Libysche Küste zurückbringen? Wäre ja nicht dumm, dachte ich noch, als plötzlich alles sehr schnell ging. Geschrei von oben. Rüde Worte. Ein dumpfes Geräusch. Wie wenn ein Stück Fleisch auf den Boden aufschlägt. Dann sah ich, wie einige der Geretteten Waffen aus ihren Rucksäcken holten – Pistolen, Uzis und Kalaschnikows – und sie entsicherten. Da wurde mir alles klar. Wir wurden überfallen.

Steuermann und Funker flogen die Treppe runter, unserem bleichen Kapitän vor die Füße. Gegenwehr? Völliger Unsinn! Wer käme auf so eine selbstmörderische Idee. Wir wussten ja, wen wir da üblicherweise an Bord nahmen. Die übelsten Gesellen und Mörder, Halsabschneider, viele Kindersoldaten darunter, denen das Köpfen Spaß machte und die von Deutschland gehört hatten, von Geld, Mädchen, Ficki-Facki und das alles ohne jedes Risiko. Ich konnte mir keinen Reim auf die Situation machen. Was wollten die Piraten von uns? Wir wollten sie ja schließlich dahin bringen, wo sie ihre Träume ausleben durften. Seit 18 Monaten taten wir das. Es war ein Bombengeschäft. Ich hatte schon so viel auf der hohen Kante, dass ich noch 1 Jahr drangeben und mich dann gemütlich und saturiert aus dem Menschenhandel in Richtung Montenegro zurückziehen wollte. Nun dieser Mist.

Eine Stunde später war mir klar, was gespielt wurde. Wir waren in eine Falle getappt. Die Piraten wollten nicht nach Europa gebracht werden. Ganz im Gegenteil. Wir mussten alle in ihr Rettungsboot, wo wir in Schach gehalten wurden. Aber Schachspielen gegen uns war gar nicht nötig. Unter uns ‚Ärzten ohne Schwänze‘ gab es keine Schachspieler, nur Feiglinge. Ich gebe es unumwunden zu. Waren wir in Somalia? Wollten die Lösegeld? Na ja, dachte ich, Lösegeld wäre kein Problem. Die Soros-Merkel-Connection hatte genug von dem Zeug. Trotzdem Mist. Aus dem Urlaub in Antalya würde nun wohl nichts werden, dabei war das Ressort schon bezahlt.

Ich weiß nicht, wie sie es machten. Es gab kaum Lärm an Bord des von uns verlassenen NGO-Kahns – keine Detonation, nichts – und doch fing das Schiff vor unseren Augen plötzlich an zu sinken. Die Piraten hangelten sich sehr behände die Leitern runter, nahmen strategische Plätze in ihrem Schlauchboot ein, der Motor startete, und wir entfernten uns schnell vom Ort des Geschehens, den Sternen nach zu urteilen, in Richtung Sfax, jedenfalls nach Südwesten.

Das war der leichte Teil meiner Geschichte, die vielleicht mal im Stern veröffentlich werden wird gegen gutes Geld, hoffe ich. Zeit genug zum Schreiben habe ich jedenfalls. Der Rest ist schnell erzählt. An der Küste wurden wir in einen MAN-16-Tonner verfrachtet, den die Bundeswehr den „Befreiern Libyens von Gaddafi“ spendiert hatte. Dann ging es durch die Wüste, tagelang, nach Süden. Der Skorpion stand in seiner ganzen Pracht vollständig und fast senkrecht über mir, und das im Mai. Ich war der einzige, der etwas vom Himmel verstand. Der Rest unserer so tollen seefahrenden Computer-Heini-Smartphone-Truppe hätte Antares nicht von Mars unterscheiden können. Unsere Entführer redeten fast kein Wort mit uns. Das war sehr unangenehm.

Irgendwann waren wir am Ort unserer Bestimmung. Mali, Niger, Tschad? Oder noch in Libyen? Da half mir der Sternenhimmel nun auch nicht mehr weiter. Hier sitzen wir jetzt in diesem Wüstenei, sind uns gegenseitig gram und schreiben Memoiren. Zwei Monate sitzen wir bereits hier, und nichts geschieht. Einmal hatte ich ein kurzes Gespräch mit dem Wächter. Er spricht perfekt Englisch, wenn er will. Sie hätten erreicht, was sie wollten, sagte der Mann.

PS:   Die geschilderte (erfundene) Lösung des Schlepper-Problems ist natürlich nicht vom Gesetz gedeckt, möglicherweise aber von Art. 20 Abs. 4 GG, dem Widerstandsrecht: Wer die Schlepper an ihrem kriminellen Tun hindert, löst das Problem. Wie? Verschleppen der Schlepper. Irgendwohin ins dunkle Afrika. Bis auf weiteres. Das passiert, sagen wir, zweimal, dann ist die Völkerwanderung zu Ende. Was die Piraten vor Somalia hinkriegen, sollte im Mittelmeer nicht unmöglich sein.

 

 

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3 Gedanken zu “Memoiren eines Schleppers

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