Scheuklappen – im Dutzend billiger

Fragmente – von Roi Henry und Frank Jordan 

Weil das hier eine Art fröhliches oder zumindest witziges Sterbetagebuch werden soll, werde ich heute … Mein Gott! Was denn, wenn, was bleibt, in jenen Krampf reinfliesst, der da heisst „Contenance wahren“? Eine Art von Fassung? Wenn die Fassungslosigkeit grösser wird als du selbst, der Pulsschlag der Leere?

Wie sie abwehren, sie füllen? Mit beissendem Spott? Alles gut Leute – alles halb so wild. Wir sind heute so frei wie damals. Die DDR – das war auch nicht so schlimm. Wir waren auch frei. Wir waren immer frei. Ich kann ein Lied von dieser Freiheit singen. Es trällern – erst an der Gitarre, später an der Grenze nach West-Berlin. Geflüchtet vor dem Übermass an Freiheit in die neue Heimat. Wir waren damals derart frei, dass man uns nur zu schubsen brauchte, und schon verrieten manche alles. Nur Geduld, er kommt wieder, dieser Exzess an Freiheit. Und bis dahin: „Ach, trinkt doch, Freunde! Werft Gläser an die Wand! Flucht, so laut es geht! Stellt lärmend eure Regierungstreue unter Beweis!“ (Solschenizyn)

Sie haben keine Ahnung, wovon ich rede, nicht war? Wie auch? Sie haben keine Ahnung, wie Zersetzung und Propaganda funktionieren. Man möchte Ihnen gratulieren ob der Unbeschwertheit, in der Sie leben, aber man kann es nicht. Weil heute wieder derselbe Fehler begangen wird, den Mitläuferschaft stets begeht – ihre einzige Tat vielleicht: Gleichgültigkeit. Sie sagen, es sei bloss eine Haltung? Nein, halte ich dagegen – für eine Haltung entscheidet man sich. Also ist sie Tat. Ihre Tat. Unsere. Ist es Dummheit oder Kälte? Völlig egal beim Blick in Kinderaugen. So wird man zum Henker. Wie werden sie zurechtkommen in dieser bunt zerstörten Welt? Wie werden sie Ali oder Mustafa ihre Grenzen zeigen, wenn sie nicht wissen, was Grenzen sind? Wie sich wehren gegen Gewalt, auf die man sie nicht nur nicht vorbereitet, die man ihnen vielmehr verschwiegen und verboten hat?

Man konnte übrigens wirklich nicht alles lesen damals, nicht alles sehen, nicht alles hören. Genug aber allemal. Schon während des Studiums stellten einige fest, dass ein Parteibuch des SED helfen konnte bei vielem. Für alles andere gab es Scheuklappen. Auch ich legte mir ein paar an die Augen, kultivierte Zerstreutheit und hatte nie grosse Probleme, der Stasi aus dem Weg zu gehen. Abgesehen von der Mitschuld durch Schweigen und Eigeninteressen blieb man so relativ sauber. Das ist so üblich in Diktaturen. Man ist erledigt, wenn man sich gegen das System, die Spielmacher, die grosse schweigende Masse stellt.

Wenn man uns nur fragte! Wir könnten euch sagen, wohin die Reise geht und wozu sie führen, die Scheuklappen. Ich rettete mich damals, als die Stasi noch Stasi genannt wurde, mit einer ausgemachten Stieseligkeit. Ich rettete mich, indem ich stoisch vorgab, Medizin studieren und Arzt werden zu wollen. Ich konnte auch gut stottern und habe mich ausmustern lassen. Das ist nicht heldenhaft. Aber ist es feige, wenn überall Scheuklappen rumliegen? Wer zwei Paar davon nimmt, kriegt das dritte gratis. Ich hatte wegen der Medizin keine Zeit für Schwedt oder Bautzen.

Und heute? Dasselbe – keine Zeit. Wir wundern uns über den einen oder anderen Streifen am Himmel, aber dann gucken wir wieder nach unten, zurück oder verschließen unsere Augen. Würden wir uns auch so verhalten, wenn plötzlich jeden Tag mehrere Kängurus über unsere Wege hüpften? Es ist anzunehmen. Sie wären ebenso schnell inkludiert, wie die messerstechenden, machetenschwingenden und amokfahrenden Zeitgenossen. Alles Gottes Geschöpfe. Wie der Wal, das Nashorn, die Tarantel, der Kugelfisch, die Beutelratte. Wie die Politiker, die Journaille, der Klerus und die Untertanen.

Mein Abitur habe ich im Abendstudium an der Volkshochschule erworben. Es war billig und kostete pro Semester nur achtzig Ostmark. Wir lernten damals nicht, dass die Erde flach ist, dass alle Menschen gleich sind und dass der Islam eine Friedensreligion ist, die zur DDR gehört. Wir lernten anderes und haben uns nicht gewundert, dass Flüchtlinge an der Grenze erschossen wurden, nicht darüber, was politische Häftlinge zu berichten hatten und schon gar nicht darüber, dass erst Rentner über die Grenze in den Westen gelassen wurden. Das war es, was wir wussten. Jeder, der nicht auf den Kopf gefallen war. Und es war nur eine Frage der Zeit, bis sich genügend Menschen fanden, die Montags demonstrierten und kundtaten, dass sie nichts , aber auch gar nichts zu verlieren hätten, wenn Honecker nebst Gattin nach Chile verschwände, die Grenze geöffnet und die DM-Mark Zahlungsmittel wäre. Man kannte zumindest den Begriff Freiheit. Hatte eine vage Ahnung davon.

Und heute? Fast scheint es, als hätten wir erneut das Mass verloren. Das Mass für Freiheit. Jeder weiß das oder jeder könnte es sehen, wenn es ihn interessierte. Es schlackern dem alten Ossi die Ohren vor Verwunderung darüber, was alles möglich ist, wenn man mit Geduld und Geld den Kompass der Untertanen verstellt. Während Information und Emotionen längst inflationiert sind, ist der gesunde Menschenverstand ist auf der Strecke geblieben. Nein, er ist nicht einfach auf der Strecke geblieben. Er wurde aberzogen – bewusst getötet. Ansonsten wüsste jeder: kein Mensch braucht einen Staat und unendlich viele Schmarotzer. Und er wüsste: „Alles, was ich Euch gebiete, das sollt Ihr halten und danach tun. Du sollst nichts dazutun und nichts davontun.“ 5. Mose 13.1

Heute sind die Maulkörbe schon angeboren, die Scheuklappen werden anerzogen, angefördert und angebildet. Man möchte bloss eines: Schnell und weit laufen. So schnell und so weit man kann. Wozu? Um allein zu sein, wenn die meisten zurückbleiben? Um von fern sich davon zu überzeugen, dass die Kinder nicht nur weinen, sondern leiden werden?

Jetzt ist sie wieder da, die Fassung. Ramponiert zwar, geschunden, sitzt sie in der Ecke. Es reicht. Ich werde mir nicht das Herz und Hirn fressen lassen. Nicht von der Angst, nicht von schweigenden Menschen. Nicht von der Ahnungslosigkeit und von geschlossenen Mündern. Von keiner Ideologie, die immer, immer Rechtfertigung ist. Für alles.

Hat irgendjemand wirklich geglaubt, dass ich mir das noch einmal gefallen lasse?

 

Advertisements

Spaghetti Carbonara verweigert

„Britisches Mädchen muss Arabisch sprechen und ihr Kreuz abgeben“ titelt der „Blick“. „Zwangsislamisierung in London?“ fragt n-tv. „Pflegefamilie streng muslimisch: Fall empört Briten“ ist in weiteren Medien zu lesen.

Worum geht es in dem Fall, der in den vergangene Tagen in England und darüber hinaus für Empörung sorgte? Im Osten Londons, im Bezirk Tower Hamlets, wurde ein fünfjähriges, christliches Mädchen innerhalb von sechs Monaten in zwei streng religiöse, muslimische Pflegefamilien gesteckt. „The Times“ berichtete, das Mädchen sei in einer der Familien gezwungen worden, Arabisch zu lernen und ihren Kreuzanhänger abzulegen. Den Unterlagen der Sozialbehörden sei zu entnehmen, so die Zeitung weiter, dass eine der Familie nicht einmal Englisch sprach. Die Behörde verteidigte sich indem sie mitteilen liess, die Medienberichte über den Fall seien fehlerhaft. Worin der oder die Fehler bestanden behielt sie indes für sich.

Skandal? Ja – Skandal. Die zwangsweise Umerziehung von Kindern ist einer der fünf Punkte, die die UN zur Definition des Tatbestands „Völkermord“ anführt (mehr dazu hier). Es ist entweder furchteinflössend oder völlig unerklärbar, was in Beamtenhirnen vorgeht, die solches organisieren.

Trotzdem ist der kranke Funktionärs-Wille zur ideologischen Neu-Schöpfung oder Korrektur eines Kindes der kleinere Skandal. Über den grossen hinter den Schlagzeilen, der einem die Sprache verschlägt, wird keine Silbe verloren. Darüber nämlich, dass dieses Kind, zuallererst und bevor die Behörde es in die Finger kriegte, das Opfer seiner eigenen Familie, seiner Eltern wurde. Sie haben diese Fünfjährige nach Strich und Faden verarscht und dann aufgegeben. Oder glaubt irgendjemand ernsthaft, die Beamten wären eingeschritten, hätten Vater und Mutter das Sorgerecht entzogen, wenn alles zum Besten gestanden hätte? Wir sind wohl auf dem besten Weg dahin – aber wir sind noch nicht da. Noch sind die Staatsorgane nicht bemächtigt, Familien aufgrund von Gesinnungsfehlern auseinander zu reissen. Das erledigen wir via Emanzipation und Selbstbestimmung noch vollkommen selbständig. Noch ist der Entzug des Sorgerechts einer der letzten Schritte um das Wohl des Kindes zu gewährleisten.

Hätte man mich rausgerissen aus meiner Familie mit fünf Jahren, weg zum Jugendamt, mich reingedrückt in Fremdes, wieder rausgerissen, wieder woanders rein – ich weiss, dass ich heute ein kaputter Mensch wäre. Da kann mir keiner kommen und mir was von Bezugspersonen vorschwafeln und Hauptsache gefördert. Schwachsinn! Ich wollte nie – auch  nicht eine Minute lang – von irgendwem geliebt werden. Ich wollte es von meinen Eltern. Und nur von ihnen. Von ihnen beiden, ohne Partei sein zu müssen. Alles andere empfand ich bereits damals als den gewaltsamen Eintritt von Unbefugten in einen Bereich, der gross mit einem einzigen Wort überschrieben war: Familie. Ohne sie kein Atem.

Und jetzt stehen wir also hier: Ein ganzer Kontinent regt sich auf über die Willkür von Behörden, über falschverstandene Buntheit und Entwurzelung. Es ist wunderbar, Schuldige zur Hand zu haben. Noch wunderbarer, wenn sie anonym sind, unsichtbar, gesichtslos wie das Amt. Da kann man dann im Windschatten der Medien keifend und schnatternd und quietschend und aufs rattigste die Krallen ausfahrend sich so richtig empören. Es ist einfacher und um so vieles unterhaltsamer, als einander in die Augen oder in den Spiegel zu sehen und sich zu sagen: Wir sind es, die versagt haben. Wir. Du. Ich. Egal aus welchen Gründen. Am „Wir“ ändert sich nichts.

Im Bekanntenkreis ging einer, weil „er sich Familie anders vorgestellt hatte“. Ein anderer hatte „keinen Bock“ mehr. In einem Fall war das Kind ein Unfall. Ein paar haben „sich auseinandergelebt“ und wieder andere wollten „noch was vom Leben“ haben. Und Treue, Heimat, Geborgenheit – das wissen wir alle – das sind böse Begriffe. Rückwärtsgewandt, Fortschritts- und Emanzipationsfeindlich. Finster und unaufgeklärt. Das Problem: Ohne Familie gibt es keine Treue, keine Heimat, keine Geborgenheit. Nicht im Dorf, nicht in der Gemeinde, nicht in einem Land. Oder anders gesagt: Ohne Treue, Heimat und Geborgenheit gibt es so etwas wie „eine Gesellschaft“ nicht. Es gibt nur Führung und Anhängerschaft. Beide anonym.

Und bis dahin regen wir uns darüber auf, dass einem unfreiwillig fremdplatzierten und in seiner Seele zerrissenen Mädchen sein Leibgericht, Spaghetti Carbonara, verweigert wird.

 

Diener sein – nie Knecht

In knapp vier Wochen wird in Deutschland gewählt. Stimmung und allgemeiner Umgang auf sozialen Netzwerken werden zunehmend gereizt oder fatalistisch. Aufrufe dringlicher, drängender. Die vielbeklagte „Spaltung der Gesellschaft“, glaubt man dem allgemeinen Tenor, wird deutlicher sichtbar.

Warum eigentlich wird sie beklagt, diese Spaltung? Wie – bitte sehr? – sollte möglich sein, dass nicht Risse, Gräben und allgemein Trennendes auftreten zwischen Dutzenden Millionen von Individuen? Es ist nicht das Drama, als das man es zu verkaufen versucht, sondern das Normalste der Welt. In jeder Familie, jeder Gemeinschaft tun sich solche „Spalten“ auf.

Was man uns als „Gräben“ wischen Gleich und Ungleich, zwischen links und rechts, zwischen Geschlechtern, Generationen, Einkommens- und Vermögensklassen oder zwischen Tradition und Moderne aufschwatzt, ist bei genauer Betrachtung stets wohlstandsversiffte Problem-Bewirtschaftung mit dem immer gleichen Ziel: Ausbau der staatlichen Zeitgeist-, Opfer- und Fürsorge-Maschinerie unter dem Schlagwort der sozialen Gerechtigkeit. Würde das Geld, das man der arbeitenden Bevölkerung via Steuern abpresst knapp, wäre eine Weiterverschuldung des Staates unmöglich, würden 90 Prozent dieser Probleme schlicht und einfach verschwinden.

Faul sein können Menschen, weil „man“ es sich leisten kann. Parallel-Gesellschaften, die sich aus drei Generationen bildungsferner Individuen zusammensetzen, können existieren und expandieren, weil „man“ in der Lage ist, ihre Existenz ohne Leistung zu sichern. Männer und Frauen trennen sich, weil Hunger keine Gefahr darstellt. Über die Idee eines 55’000köpfige Funktionärsmolochs in Brüssel, die grenzenlose Finanzierung politischen Freiertums und bürgerlicher Schmarotzerei würde man in einer starken freien Gemeinschaft selbstverantwortlicher Individuen bloss lachen. Die Enteignung via Negativ-Zinsen, Geldentwertung und Bargeldeinschränkung wäre uns bestenfalls einen Witz wert.

Das Verrückte an der Sache ist etwas anderes: Zum grossen Teil sind wir als Gesellschaften nämlich viel weiter, als gespalten. Wir sind zersplittert. Wir sind ein Inselreich von Millionen von Ichs. Der Archipel Ego. Der wichtigste Graben vor dem jeder steht und von dem die PR-mässig gross aufgebauschte Spaltung ablenken soll, verläuft ganz anderswo durch und kann auch nur dort zugeschüttet oder überbrückt werden: Durch jeden einzelnen von uns.

Es ist der Graben zwischen der Mentalität einer kindischen Selbstüberhöhung und Demut, wischen leistungsfreiem Bedientwerden und freiwilligem Dienen. Zwischen dem Recht des Forderns und Dankbarkeit. Zwischen Freiheit und Knechtschaft. Hier und nirgendwo sonst stehen sich bequemes Schuldabschieben und kristallklare harte Verantwortung, antriebsloses Mitstolpern und freier Wille, die Scheinsicherheit der Masse und die einsame Panik des Ungewissen, das Schweigen als Schrei der Feigen und das Ja oder Nein des unbedingt Freien so unerbittlich gegenüber. Hier und nirgendwo sonst liegt die Quelle aller Spaltung. Hier und nirgendwo sonst lässt sich zuerst der Mensch und dann die Gesellschaft zerreissen zwischen Minderwertigkeiten und Grössenwahn. Und es ist hier und nirgendwo sonst, wo unsere Sache verhandelt und entschieden wird. Es ist der schönste Graben der Welt. Es ist der Graben zwischen dumpfem geducktem Am-Leben sein und Leben schlechthin.

Irrtum vorbehalten ist es ein chinesisches Sprichwort, das sagt, wer sich selbst betrachte, leuchte nicht. Ben Harper singt davon, dass einer brennen müsse um zu scheinen. Und das gendermässig personifizierte Böse, Hemingway, prägte den Satz: „Schreiben ist einfach – du setzt dich an die Maschine und blutest.“

Solchen im Besten erlittenen Entwürfen von einem ausserhalb unserer selbst Neues erschaffenden Leben stehen wir heute als Gesellschaft diametral gegenüber. Jeder ist Mittelpunkt eines eigenen Alls. Gefordert, beklagt, die Stimme erhoben wird nur für sich selbst. Das „Du“, „Er“ oder „Sie“ in den heischenden Sätzen ist sentimentales Beiwerk. Der mit elektronischen Herzchen bedachte Nächste oft bloss „zu Markierender“ auf dem Selfie.  Kreativität ist bizarr-bunter Konformismus in der Komfortzone staatlicher Förderung. Leben wird in Likes gemessen. Für alles andere gibt es die Menschenrechte, aus denen sich jeder Anspruch ableiten lässt.

Dass sich dabei mitten am Tag Unvereinbares gegenübersteht ohne dass es auffällt oder gar stört wird übersehen. Auf der einen Seite ein brachial-säkularer Fatalismus, der da sagt, das Leben sei nur Materie, Zufall und ansonsten unterhaltsames Lärmen, auf der anderen Seite ein übersteigerter Wahn des individuell Wünsch- und damit Machbaren.

Als Beispiel kann der sprachliche Umgang mit Extremsituationen des Lebens – Geburt, Krankheit, Tod – dienen. In der Schweiz hat es sich eingebürgert, dass man sagt, einer oder eine habe eine Sepsis „gemacht“, oder einen Herzinfarkt oder eine Embolie. Als wär’s eine Art ausschliesslich dem Willen und Wollen des Betroffenen unterliegende Kompetenz. Der Mensch ist Macher und Könner und hat alles im Griff. Gnadenlos wird aufgerechnet und gerichtet. Dem Gegenüber stehen jährlich zehntausende verhinderte Leben. Und obwohl wir uns ermächtigen, über die Existenz und Beschaffenheit unserer Nachkommen zu entscheiden, werden Abtreibungen nicht „gemacht“. Eine Abtreibung „hatte“ man, wie Mumps oder Masern. Aktiv abgetrieben wird nur in Filmen des Staatsfunks.

Das ist der Graben, Leute! Hier ist die Spaltung. Auf der einen Seite Leben, Freiheit, Entscheidung, Verantwortung und Schuld. Auf der anderen allgemeine Schuldlosigkeit und Untätigkeit – kleinmütiges, hilfloses, schicksalsergebenes Existieren, das sich gerne auch Emanzipation und Aufklärung nennt. Hier muss entschieden werden, auf welcher Seite man verweilen will.

Lautstark fordern, sich exponieren und vorwagen über die kultivierten Wohlstands-Scheingräben, um sich dann eingeschüchtert von der Schildwache des politisch Korrekten und gerade noch rechtzeitig an den Rettungsseilen allgemein akzeptierten Opfertums zurückzuhangeln ins Lager der blökend Unentschiedenen, läuft dann nicht mehr. Sätze, die mit „Ich als Frau“ beginnen und die nicht nur die Sprecherin quasi prophylaktisch, sondern alle Frauen vorsichtshalber und von vornherein als potentielles Opfer klassieren und in den Status von „Berechtigten“ (zu was auch immer) erheben, gibt’s dann nicht mehr. Schluss mit Rettungsseilen. Panik ist programmiert. Glück auch.

Es wird schwer. Es braucht einer heute schon wieder sehr viel Mut für sein „Ja“ oder sein „Nein“ und für sein Dabeibleiben. Nachtsicht ist keine zu erwarten. Genauso wenig wie Humor von Frau Merkel. Woher die Kraft nehmen, wenn man – stumm vor Angst – das Kratzen der Sohlen hört, wenn bisher Zugewandte sich abwenden? Dankbarkeit hilf. Das eigenen Ausgetragenworden- und Amlebensein ist täglicher Grund zu feiern. Wer dieses Wunder sieht, den Pulsschlag fühlt, der will für sich und die Seinen mehr, als bloss ungeschoren davonkommen. Der so an seinem Urgrund Dankbare, lebt als Befreiter. Der Der Freie hat die eigene Freiheit im Auge und auch die der anderen, die die seine bedingt. Der wirklich Freie ist nie Schmarotzer, Dieb, Neider, Profiteur. Der Freie ist vor allem dies: Der Freiheit und damit seines Nächsten stolzester Diener. Nie der Menschen gefügiger Knecht.

Wir haben die Wahl. Jeder von uns. Und alles, was danach kommt, werden wir uns verdient haben. So oder so.

 

Letzte Bundestagswahl im September?

von Franz Bettinger

Heute weiß ich mich mit dem Journalisten Dushan Wegner völlig solidarisch. Ich fühle mich Freunden, Ex-Freunden, Feinden und dem staatlichen Gewaltmonopol gegenüber völlig gelassen, denn ich stimme mit Wegner zutiefst überzeugt überein: „Liebe Gesinnungs-Kontrolleure, ich habe keine Angst vor euch. Ich weiß, ihr könnt mich als Nazi beschimpfen. Wen kümmert’s, was ihr sagt? Eure Worte bedeuten mir nichts mehr. Alle eure Prognosen waren falsch.“ Zum Euro, zur EU, zur Energiewende, zur Integration und zur Einwanderung.

Kanzlerin und Regierung haben vielfach Recht gebrochen. Sicherheit und Ordnung in Deutschland sind in Gefahr. Was bleibt ist eine teure Inszenierung von Sicherheit und Ordnung zum Preis der Freiheit. Die Anzeichen häufen sich, dass wir in einen Totalitarismus schlittern: Die Ideologie ist grenzenlos, Gender, Gesinnung, Links und Klima. Denunzianten werden von Stiftungen und Gewerkschaften gefordert und gefördert. Wir bezahlen es mit unseren Steuern. Wer sich nicht einordnet, wird ausgegrenzt bis hin zum Jobverlust. Richter inklusive Verfassungs-Richter schauen weg.

Was ist das für ein Verfassungsgericht, das sich hinter Formalien (wie der Organklage) versteckt? Es duldet ja pro-aktiv die eklatantesten und in höchstem Maß staatsgefährdenden Rechtsbrüche der Regierung. Es macht mit einem Unrechts-Regime gemeinsame Sache. Nach 1935 ist das eine weitere Schande deutscher Rechtsgeschichte.
Eine nationalistischere Außenpolitik hat übrigens noch keine Bundesregierung vor Merkel praktiziert. Noch nie war die brd so isoliert in Europa, so zerstritten mit den USA, Russland, England, Polen, Ungarn und Österreich. Und ihr, so rufe ich meinen Ex-Freunden zu, ihr, die ihr zu Merkel hält, bis dass der Tod euch scheidet, ihr hält das alles für normal?

Erinnert Ihr euch? Es gab einmal ein Post-Geheimnis, ein Bank-Geheimnis, Meinungsfreiheit, Zensur-Freiheit. Und heute? Gesetz und Ordnung? Ihr täuscht euch!  Lange Zeiten der Ruhe begünstigen optische Täuschungen. Illusionen. Dazu gehört auch die Annahme, dass die Unverletzbarkeit der Wohnung durch die Verfassung gesichert sei. Vergesst es – sie gründet sich auf den Familienvater, der mit seinen Söhnen und einer Axt vor dem Tor erscheint. Wohlstand und Staatsfürsorge haben die Wahrnehmung gekauft, durch den Fleischwolf gedrückt und irgendwas Konturloses in Regenbogenfarben hinterlassen. Vor zwei Jahren erklärte Merkel, wir hätten keinen Rechtsanspruch auf Demokratie. Widerworte, Aufstand, Revolution? Fehlanzeige. Wie geht’s weiter? Letzte Bundestagswahl im September?

Ich frage Euch, Freunde: wann, wenn nicht heute, sind wir berechtigt, mehr noch: verpflichtet, zur sofortigen Anwendung von Artikel 20 Absatz 4 des Grundgesetzes. Widerstand gegen eine illegitime Regierung, die sich selbst ermächtigt, fortgesetzt die Verfassung zu brechen, und die alles tut, jede Opposition zu unterdrücken. Wozu, wenn nicht für heute, ist dieser Artikel 20 von den Vätern des Grundgesetzes geschaffen worden?

Die Staufenbergs, von denen ich wünschte, es gäbe sie irgendwo, wird man wie eh und je hängen. Es ist traurig, aber das müssen Staufenbergs in Kauf nehmen. Und wir? Wir werden später Straßen nach ihnen benennen und froh sein, dass es solche Leute gab.

 

Kommt nach Deutschland!

Schienbeintritte und Albernheiten – Fragmente von Roi Henry

Verachtung ist ein großes Wort. Leichtfertig sollte man es nicht verwenden. Man sollte es vorsichtig angehen. Und konziliant natürlich. Mit einem Lächeln auf den Lippen geht alles leichter, flüssiger.  A la rigueur dünnflüssig.

Ich lache für mein Leben gern. Ich lebe für mein Leben gern. Und doch ist sie da, die Verachtung. Ist irgendwann reingekommen und hat sich hingelegt wie ein zugelaufener Hund. Ich empfinde sie inzwischen für vieles. Sie steht mir in punkto Lebensfreude zwar bloss ein bisschen, aber deutlich im Weg. Was macht man damit? Ihr ausweichen, sie umgehen, kleinreden, zivilisieren oder gar füttern, wenn sie fast überall, wo man hinkommt, schon da ist? Hier wie in vielem: Im Wörtchen „fast“ liegt Rettung. Heureka!

Fast will man verachten, wenn man Eltern sieht, die gutes Funktionieren der Brut mit Verantwortung und Elternrolle gleichsetzen. Fast will man bitter werden, wenn man als Kinderarzt sieht, dass allenthalben Impfzwänge gefordert und gesetzlich verankert werden und die wichtigste Impfung – jene für Freiheit – nicht verabreicht wird. Wenn „den Kindern dienen“ bloss ein Bedienen und ansonsten reibungsloses Organisieren ist. Fast will man rufen: Es ist doch im Prinzip ganz einfach! Es kann heiter und schmerzlos über die Bühne gehen. Hört auf, in jeder Lebenslage auf ein Helmchen zurückzugreifen. Es ist lächerlich und würdelos, ständig die Verantwortung nicht nur für sein Tun und – schlimmer noch – für die Seinen von Anfang an wegzudelegieren. Das hat noch nie funktioniert und stets im Elend geendet.

Zum Glück bleibt es ein „Fast“.  Textfragmente wie dieses hier könnten Tritte sein. Tritte ins Schienbein. Man sagt, sie seien besonders schmerzhaft. Vielleicht sind viele Tritte erfolgreich, um etwas zu Fall zu bringen, was manche als „das System“, andere als „Wohlstands-Verwahrlosung“, „Versklavung“ oder andere als „kriminelle Machenschaften“ zwar hart, aber recht undeutlich anprangern. Es wabert ein giftiger Nebel durch das Land, durch alle Schichten und Häuser. Er hat noch keinen richtigen Namen, hat aber für viele schon fatal geendet.

Ich kann nicht leugnen, daß ich Freude daran habe, zu sehen, wie der staatlich organisierte und namenlose Moloch schwerfällig, laut ächzend und dennoch jämmerlich zu Boden geht. Tritte. Es braucht sie. Von vielen in grosser Zahl. Was wäre möglich, wenn in vielen Köpfen wieder nachgedacht würde? „Das Mögliche ist ungeheuer.“ Jeder muss selber entscheiden, ober er treten will. Wann und wie oft. Tritte sind etwas, das nicht andere für uns erledigen können.

Ansonsten bleibt nur das Verharren in der Helmchenmentalität. Ein Halbleben in der Gewissheit, daß die eigene Selbstzufriedenheit nicht im Geringsten davon tangiert wird, welche Partei eine Wahl gewinnt und wer über uns herrscht, sondern ausschliesslich davon, ob man für die folgenden Jahre wieder einen Grund hat, sich in den Leitplanken sogenannter Sicherheit wie immer zu verhalten. Weiter gehorchen, arbeiten und konsumieren. Das Spiel staatsfürsorglicher Rundum-Service-Zufriedenheit gegen sinnlose Gesinnungsdiktatur und Selbstaufgabe geht in die Verlängerung. Der Preis die Freiheit. Abschalten. Weggehen. Fast verachtet man. Aber nur fast. Die Liebe zum Land, das man das seine nennt, ist grösser. Es bleibt Trauer.

Aber wie gesagt: Ich lache und leben für mein Leben gern. Und als ein leidenschaftlicher und ungehörter Verfechter des Freiheitsgedankens kann ich von Herzen bekennen, daß es jedem Deutschen selbstverständlich zusteht, einen Hundehaufen anzubeten. Genauso, wie es mir zusteht, besagten Haufen vor der eigenen Tür still und leise zu beseitigen und mich ansonsten darum zu kümmern, selber sauber zu bleiben. Und mich ab und zu der einen oder anderen Albernheit wie beispielsweise der untenstehenden Werbebotschaft für noch Migrations-Scheue und Fast-Reisewillige zu widmen (kann auch singend gelesen werden):

Kommt nach Deutschland. Deutschland ist ein schönes Land. Das schönste Land der Welt. Man kann gefahrlos über Strassen gehen, natürlich unter Beachtung der Regeln des Straßenverkehrs. Man kann Wunderwerke der Technik jetzt auf allen Feldern sehen. Windräder. Schön, wie sie so langsam vor sich hindrehen. Und wie sauber ihr Strom. Deutschland ist kinderfreundlich. Überall ist’s bunt. Kinder mögen Farben. Das Angebot in Deutschlands Supermärkten ist gigantisch. Die Medienlandschaft in Deutschland ist vielfältig. Über fast alles wird knallig berichtet. Besonders leserfreundlich lässt man Nachrichten, die schockierend wirken könnten, verantwortungsvoll weg. Die Volksgesundheit erreicht ungeahnte Ausmaße. Das Durchschnittsalter beträgt bald fast zweihundert Jahre. Die Medizin kommt kaum nach. Pflegeheime schießen wie Pilze aus dem Boden und machen den Alten das Leben schöner und den Arbeitsmarkt attraktiv. Die deutschen Politiker sind die besten der Welt. Treu, warmherzig und bodenständig. Die Grünen werden geliebt ob ihrer weisen Voraussicht, dass es sich mit Vorschriften und Helmchen gar ganz vorzüglich lebt. Die sozialen Medien sind besonders in Deutschland beliebt. Man kann sich so oft streicheln, wie man möchte. Es ist herrlich. Deutschland ist eines der offensten Länder der Welt. Offen für den Islam, offene Grenzen, offen für Dosenpfand und die Ehe für alle. Offen für euch. Man denkt an das Schlaraffenland. Politisch korrekt natürlich. Deutschland steht jetzt stramm in Tradition mit der DDR. Rechtes Gedankengut wird zu recht verfolgt. Das beste von damals und heute hat sich zum Vorteil aller vereint. Deutschland ist in der Welt so beachtet und geachtet. Von diesem Boden wird nie wieder etwas ausgehen. Kartoffeln und Gerste vielleicht. Das stimmt uns alle so friedlich. Hier leben wir gerne, gehen unserer täglichen geliebten Beschäftigung nach und rufen damit allen begeistert zu: Kommt nach Deutschland. Hier lässt es sich gut leben.

Wenn zwei heute dasselbe sagen

Zwei Männer, zwei Spezialisten der Kapitalmärkte, zwei erfolgreiche Publizisten. Auf der einen Seite der US-Ökonom und ehemalige IWF-Chef Kenneth Rogoff, auf der anderen Seite Thorsten Schulte, Betreiber des Blogs silberjunge.de, und Autor der Amazon Bestsellers „Kontrollverlust“. Der eine weltweit gefeiert für seine Out-of-the-box-Denke, der andere vor allem im deutschsprachigen Raum bekannt, behördlich schikaniert (drei Betriebsprüfungen in drei Jahren) und medial regelmässig zerrissen, im besten Fall ignoriert.

Das Verrückte an der Sache: Sie sagen beide dasselbe. Das globale Geldsystem ist am Ende. Die Opportunismus-Politik von Regierungen und Zentralbanken ist gescheitert, das Erscheinungsbild der Stabilität des globalen Geldsystems ist nur äusserlich. Pulver verschossen, Hose auf Knöchelhöhe, Zukunft ungewiss. Der Unterschied: Während Schulte seit Jahren dafür plädiert, das Übel an der Wurzel zu packen, Zentralbanken und Politik, die uns an diesen Punkt geführt haben, an die Kandare zu nehmen und zu entmachten und den Bürgern mehr individuelle Freiheit und Verantwortung zurückzugeben, steht Rogoff für ein resolutes Mehr-Desselben. Mehr Macht und Spielraum für Politik und Zentralbanken, weniger Freiheit und mehr Zwang für die Bürger.

Dass der eine zu Boden und in den Ruin geschrieben und schikaniert wird, während der andere längst eine Art Heiligenstatus geniesst, beantwortet jede Frage danach, wem das System dient. Der aktuelle Stand: Während Schulte am vergangenen Freitag vom staatlichen Gewaltmonopolisten eine Anzeige wegen übler Nachrede kassierte, wird Rogoff im Jounral of Economic Perspectives grosszügig Platz eingeräumt, um seine Visionen auszubreiten. Grund genug, sich diesen Aufsatz genauer anzusehen.

Und man stellt fest: Während die Mainstream-Presse, die Rogoff und seine Ansichten thematisiert, sich darauf beschränkt, das Schreckgespenst des Bargeldverbots in Steter-Tropfen-Manier zur Gewöhnung der Bürgerschaft an die Wand zu malen, sind Rogoff und Konsorten längst weiter. Natürlich wäre es auch ihm und nahestehenden Institutionen wie dem IWF und dem globalen Zentralbankenkartell am liebsten, zwecks glatteren Durchregierens das leidige Cash sofort abzuschaffen. Aber das ist gar nicht mehr nötig. Das einzige, was es braucht, ist eine Verschiebung – die Schaffung der technischen Möglichkeiten, die es erlauben, Bargeld und Freiheit zu ersetzen durch die Illusion von Bargeld und Freiheit.

Warum das? Weil, wie Rogoff freimütig schreibt, wir uns heute an demselben Punkt befinden, an dem man zum Ende des Bretton-Wood-Systems des goldgebundenen Dollars und der dollargebundenen Währungen stand. Das System erlaubte es den Staaten nicht, sich so zu verschulden, wie sie das gerne wollten. Resultat: Das System wurde geändert, der Goldstandard abgeschafft der Opportunismus- und Interessenspolitik Tür und Tor sperrangelweit geöffnet. Heute heisst dieser Brems-Punkt, der die Zentralbanken und Regierungen daran hindert, sich zwecks Machterhalts via Mehrheitskauf noch absurder zu verschulden, als man es bereit ist, und die Bürger auf „legalem Weg“ zu enteignen, Null-Zins-Linie. Denn im Gegensatz zu Jannet Yellen, die unlängst verkündete, zu unseren Lebzeiten seien neuerliche Finanzkrisen ausgeschlossen, spricht der heute von amtlichen Protokollen befreite Rogoff von Turbulenzen, Krisen und die Möglichkeit einer globalen Rezession in naher Zukunft. Und weiter: Sollten die Zentralbanken und Regierungen sich auf dem Rücken ihrer Bürger bis dahin nicht die Möglichkeiten geschaffen haben, via massive Negativ-Zinsen (aka Enteignung) auf das Vermögen der von ihnen Vertretenen zuzugreifen, dann droht der totale Funktionsausfall des gesamten Systems.

Rogoffs Vorschlag: Salamitaktik. Schritt für Schritt, Jahr für Jahr, Stück für Stück so die Freiheit einschränken, dass der Bürger es gar nicht mehr merkt. Schliesslich habe man es ja auch geschafft, dem Plebs einzutrichtern, zwei Prozent Inflation seien das „moralische Äquivalent zu Preisstabilität“ und es spreche nichts dagegen, dasselbe zu tun, wenn es um ein Inflationsziel von vier Prozent gehe, um die Verbrechens- und Terrorismusbekämpfung durch Abschaffung zuerst grosser und dann stets kleinerer Banknoten und um die Förderung elektronischen und damit überwach- und kontrollierbaren Konsumverhaltens.

Kommt uns das bekannt vor? Jawohl – wir sind längst mitten drin in der Scheibchen-Strategie. Und die Mehrheit der Leute schluckt es, ignoriert es oder denkt sich, die offiziell zwei Prozent Inflation oder die Negativ-Zinsen auf Sparguthaben fielen ja doch nur für die „reichen Säcke“ ins Gewicht. Damit dies so bleibt, damit die einerseits stets zahlreicher werdenden Staatsabhängigen ruhiggestellt und die Systemprofiteure am anderen Ende der Skala einen Nutzen davon haben – auch dafür ist vorgesorgt: Erstere werden im Negativ-Zins-Paradies bis zu einem Guthaben von 1000 Euro von staatlich finanzierten Null-Zins-Konten profitieren (man lasse sich dieses groteske Wortmonster auf der Zunge zergehen!), letztere werden via steigenden Aktien- und Immobilienpreisen abkassieren. Dass in diesem Szenario einmal mehr jene die Zeche zahlen werden, die sich und ihren Kindern mit ihrer Arbeit über Jahre und Jahrzehnte eine Kriegskasse geschaffen haben, die zwar nicht gross genug ist, sich eine Investitions-Immobilie zu leisten, aber zu wichtig, um sie an der Börse aufs Spiel setzen, versteht sich von selbst und ist Rogoff keine Zeile wert. Im Gegenteil: Wer von Enteignung der Sparer rede denke nicht gross genug und sei naiv.

Da denkt man doch lieber gleich weiter und widmet sich stattdessen der grossen Illusion. Stichwort: Duales Währungssystem. Lasst dem Plebs das Bargeld, aber macht es ihm so richtig madig. Bargeld und elektronisches Geld werden wie zwei unterschiedliche Währungen behandelt. Wer von seinem Konto künftig Geld beziehen will, muss bei dieser Transaktion elektronisches Geld in Bargeld tauschen. Darauf gibt es einen Wechselkurs, den die Zentralbank festlegen kann. Schöne neue Welt. Oder eine andere Spielart: Banknoten werden mit Magnetstreifen versehen, die die Anzahl Tage messen, während denen sie nicht im elektronischen Geld-Kreislauf waren. Für jeden Tag gibt es eine kleine Strafe. Und wer so blöd ist, Bargeld zu horten, wird irgendwann, wenn er es wieder einzahlen will, massiv weniger dafür erhalten, als im dem Moment, als er die Note erhielt.

Ein Schelm, wer da denkt, das Schreckgespenst Bargeldverbot würde absichtlich gepflegt. Und zwar solange, bis alles andere als das kleinere Übel dasteht, als das man es uns verkaufen will. Man weiss es nicht. Und auch Rogoff gibt ehrlicherweise nicht vor, mehr zu wissen, als dass das kranke und gelähmte System durch seine Vorschläge ein wenig Zeit gewinnt. Es ist beängstigend und bezeichnend zugleich, wenn er seine Werkzeuge und ihre Wirkung mit den überraschenden Konsequenzen vergleicht, die ein Objekt bei Annäherung an ein Schwarzes Loch zeigt.

Wie schützen wir uns? Die Antwort bringt einem zurück zum oben erwähnten Vergleich Schulte-Rogoff. Während der eine Wissen, Energie und Renommee dazu einsetzt, das System so „sauber und elegant“ wie möglich vor dem Bürger zu schützen, plädiert der andere für Selbstverantwortung und findet einfache, klare Worte: Wer – ungeachtet der Höhe der Summe – nicht etwas Gold und Silber kauft, ist am Tag X selber schuld.

Allen indes, die Cryptowährungen als eine Art alternativen sicheren Hafen ansehen, denen sei das entsprechende Arbeitspapier und die darin enthaltenen Bedenken des IWF ans Herz gelegt. Kurz: Die Einführung und Verbreitung privater Crypto-Währungen könnte die Nachfrage nach Zentralbank-Geld untergraben und die regulative Geldpolitik behindern. Die Bedrohungen des Systems seien zwar aufgrund der Einschränkungen der virtuellen Währungen kurzfristig nicht gegeben, aber mittelfristig könnte sie relevant werden. Die Lösung laut IWF-Papier: Eine eigene digitale Währung der Zentralbanken (CBDC). Private digitale Währungen könnten so verhindert oder zumindest im Zahlungssystem in den Hintergrund gedrängt werden.

Noch Fragen?

Darauf einen Dujardin!

Kein schöner Land – von Franz Bettinger und Roi Henry

Liebe Freunde und Ex-Freunde,

die Nachrichten-Agentur Reuter vermeldet …
– das 1. Treffen der Anonymen Pegidisten in Dresden,
– die Etablierung eines Aussteiger-Programms für AfD-Wähler,
– die ersten staatlichen Dauer-Zuschüsse für politisch verdiente Medien,
– die Reportage „Geschenkte Menschen beim Auspacken einheimischer Frauen“,
– die Verfolgung aller nicht-staatlicher Fake News durch den Justiz-Philister Heiko Maas,
– den 2. Friedensnobelpreis für Obama, weil er Syrien in eine bessere Zukunft gebombt   hat,
– die Aufstockung des Bundestages um so viele Abgeordnete, wie die AfD Sitze gewinnt,
– die Entdeckung von intelligentem Leben in der Umlaufbahn von Angela Merkel,
– die Vergabe von Auto-Vernichtungs-Abzeichen an verdiente Antifa-Mitglieder,
– das Mahnmal für den Unbekannten Flüchtling auf dem Brandenburger Tor,
– die 1. Olympiade im Sackhüpfen unbegleiteter weiblicher Migranten.

Ausserdem: Xi Jinping, Kim Jong-un, Donald Trump und Wladimir Putin werden sich am Wochenende in einer kleinen unbeheizten Turnhalle irgendwo im asiatischen Raum zu einem fairen Kräftemessen treffen. Man zieht es vor, nichts darüber zu berichten, denn in der nächsten Woche müssen alle vier wieder ihren Ehefrauen zur Hand gehen, das Abendessen vorbereiten und den Hund ausführen.

Darauf, liebe Freunde, einen Dujardin! Und nicht vergessen: Klatschen gegen den Terror. Immer schön klatschen.

Was kommt als nächstes?

Gegen die Wand geschrieben – von Franz Bettinger

Wer hätte sich das gestern vorstellen können: den Verfall unsrer unabhängigen Medien, die Gleichschaltung und Entmachtung des Parlamentes, das Verschwinden jeglicher Opposition, die totale Missachtung von Gesetz und Verfassung? Diesen Putsch von oben? Was kommt als nächstes? Die Aufnahme der Türkei in die EU? Nur, weil wir unsere Grenzen nicht dicht machen wollen? Saakaschwili’s Georgien und Mazedonien in die NATO? Die Abschaffung des Bargeldes? Gestern noch eine Verschwörungs-Theorie, und heute? Wird das Abitur bald den Volksschulabschluss ersetzen? Wird Deutschland doch noch zum atomaren Kriegsschauplatz? Unvorstellbar? Ihr seid noch jung genug, um euch noch mal schwer zu wundern, wenn’s glühend heiß und hell um euch wird.

Das deutsche Volk, mein Volk, wundert mich immer mehr. Ein Volk von Armleuchtern, die am Rande ihres Grabs noch ein Bäumchen pflanzen. Ein Volk, das es nicht besser verdient. Es applaudiert wie der französische Adel 1789 den eigenen Henkern. Sogar die Kirchen ziehen – wie stets an der Seite der Macht – fröhlich mit in den Untergang. Zumindest ihre Schäfchen. Die Selbsterledigung der BRD ist der größte Treppenwitz der Geschichte. Fällt euch nichts auf? Die Brainwash-Veranstaltungen unserer Talkshows, wo eine vier- gegen-eins-Gewichtung als ganz normal, als hart aber fair erachtet wird? Die Atomisierung aller höheren Werte ist so gut wie abgeschlossen. Alles ganz demokratisch. Gut, dass ich keine Nachkommen habe. Mein Rennen ist längst gelaufen. Viele EU-Staaten stehen übrigens geschlossen auf der Seite von Pegida und AfD. Sie stellen sich gegen Merkel. Europa ist nicht als Ganzes bereit, den  Amoklauf des deutschen Gutmenschen mitzumachen.

Na ja, alles schon mal da gewesen. Auch die geistigen Höhenflüge und die Erhabenheit der römischen und griechischen Antike endeten amerikanisch, will sagen: in der geistigen Enge des dunklen Mittelalters. Da sage noch mal einer, Geschichte wiederhole sich nicht. Rudi Dutschkes Marsch durch die Institutionen war erfolgreich. Damals bin ich selbst blauäugig einäugig mit-marschiert und habe dumme Parolen gebrüllt. Aber nicht sehr lange. Ich habe meinen Eltern und Verwandten, die ich trotz ihrer fortgesetzten Existenz im Dritten Reich für keine schlechten Menschen hielt, Löcher in den Bauch gefragt und konnte mir dennoch nicht erklären, wieso die Nazis von 90% der Bevölkerung bejubelt wurden, trotz so unsäglicher Maßnahmen wie den Nürnberger Rasse-Gesetzen. Heute kann ich es: nicht verstehen, aber erklären.

Wir führen das Kunststück gerade wieder auf. Wir treten mit dem Pathos und Selbstbewusstsein eines Weltverbesserers für unsere ‚gute‘ Sache ein, und wieder wollen wir alle anderen zum Mitmachen verpflichten. Merkel und Brüssel nennen es Solidarität und meinen Kadavergehorsam. Gott sei Dank zeigen uns andere EU-Staaten den Vogel. Es kommt bloß nicht im Fernsehen. Deshalb weiß man nichts davon und reibt sich die Augen, wenn im Ausland darüber berichtet und diskutiert wird.

Ich schreibe gegen die Wand. Mein Tun ist so unnütz wie einem Ochsen ins Horn zu kneifen. Mangels IQ bleibt den Merkelschen Horden und den angegliederten grünen Neu-Faschisten nur das Mittel der Diffamierung und Ausgrenzung Andersdenkender. 12% sind immerhin  aufgewacht. In Frankreich sind es bereits mehr. Vielleicht werden es auch hier rechtzeitig noch mehr. Hierin liegt die einzige Hoffnung – dem Spuk mit friedlichen Mitteln noch ein Ende zu bereiten. Mehr als ein Funke ist es nicht.

Worüber im Wahlkampf einstimmig geschwiegen wird

Frankreich hat bereits gewählt. Von 100 Franzosen haben 11 Emmanuel Macron und EU-Integration mit Schubreserve gewählt. Das ist Demokratie. Als nächstes stehen die Wahlen in Deutschland an, wo gerade die heisse Phase des sogenannten Wahlkampfs anläuft. Egal, ob man das Prozedere, im Zuge dessen die Bürger das Recht haben, für Kandidaten stimmen zu dürfen, die andere im Vorfeld für sie ausgewählt haben, Demokratie oder Selbstentmündigung nennt: Als Zwangsmitglied eines Schauspielhauses – egal, ob hineinfinanziert oder hineinbeschissen – macht es Sinn, sich nicht vorrangig um die Grabenkämpfe zwischen den Ensembles oder gar die Intrigen innerhalb letzterer zu kümmern, sondern einen Schritt zurück zu nehmen und sich dem Management zu widmen, das über Spiel- und Besetzungspläne der nächsten Saisons entscheidet.

(Polit-)Darsteller können jederzeit in die Wüste geschickt und ersetzt werden. Sollte es Probleme geben, dann ist anzunehmen, dass man eher zu solchen Mitteln greifen wird, als dazu, das Management zu entlassen und das Gebäude abzufackeln.  Es ist ratsam, die parteipolitischen und medial aufbereiteten Veitstänze in aller Ruhe beiseite zu schieben und sich ganz dem Etablissements zu widmen, in dem die Show abgezogen wird.

Übertragen auf die Deutschen innerhalb der EU und vor den Wahlen heisst das, sich vermehrt mit der EU und den Zukunftsvisionen ihres Personals zu befassen. Das im März publizierte „Weissbuch zur Zukunft Europas“ bietet sich als Ausgangspunkt an.

Das Vorwort von Jean-Claude Juncker, eine Art EU-Römerbrief, in dem eine seichtsentimentale Brühe von Frieden und Freundschaft (bezeichnenderweise nur zwischen den Staatschefs), Errungenschaften, Herausforderungen, Träumen und Chancen eines vereinten, selbstbewussten und zuversichtlichen Europas angerichtet wird, ohne den Leser dabei mit Details der Zubereitung zu belästigen, kann getrost übersprungen werden. Dass der Präambel ein Zitat Robert Schumans folgt – zusammen mit Jean Monnet als Gründervater der EU und als Befürworter eines zentralen bürokratischen Managements mit Ziel USE gefeiert (sein Heiligsprechungsprozess ist seit 2004 beim Vatikan anhängig) – ist da schon bezeichnender. Aber geschenkt – weiter.

Auf den kommenden Seiten wird bestätigt, was Juncker vorsingt: Alles Gute, das in unseren Breitengraden während der letzten 60 Jahre geschaffen, erlebt und genossen werden konnte, verdanken wir der EU. Egal, ob wirtschaftliche Prosperität, Wohlstand, Innovation, Forschung, Bildung und natürlich Frieden – ohne die EU gäbe es das alles nicht. Der Grund, warum die anhaltenden Probleme – Stichworte Jugendarbeitslosigkeit, Populismus, Ungerechtigkeit zwischen Geschlechtern und sozialen Schichten, wirtschaftliche Ungleichgewichte – noch nicht gelöst worden sind und die EU noch kein Hort reiner Glückseligkeit ist, findet in bedauerndem Ton und  in einem Nebensatz Platz: „Trotz vieler hochrangiger Gipfeltreffen und hilfreicher EU­-Fördermaßnahmen liegen die Handlungsinstrumente und ­-befugnisse doch weiterhin bei den nationalen, regionalen und lokalen Regierungen.“ Fast fühlt man ein wenig Mitleid mit den gutmeinenden Zentralisten.

Dieser Einsicht folgen fünf Szenarien für die Zukunft Europas. Ideen, die in den kommenden Monaten im Rahmen einer Debatte, die den „ganzen Kontinent einbezieht“ weiterentwickelt und anlässlich der Rede zur Lage der Nation – pardon! – Union Jean-Claude Junckers im September – um seine „persönlichen Vorstellung zur Zukunft Europas erweitert“ – dargelegt werden sollen. In Kürze:

Szenario 1: Weiter wie bisher. Konzentration auf die Umsetzung der positiven Reformagenda. Kontinuierliche Vertiefung der Zusammenarbeit im Bereich Binnenmarkt, Digitalisierung, Energiepolitik, Verteidigung, Terrorismusbekämpfung, Grenzschutz und Aussenpolitik. Nachteil: Es droht schwere Fassbarkeit in der Beschlussfassung – oder anders gesagt: Die Sache geht nicht schnell genug.

Szenario 2: Schwerpunkt Binnenmarkt. Der Binnenmarkt wird zur Hauptdaseinsberechtigung der EU. Nachteil: Es drohen Unterschiede, die dazu führen, dass Freizügigkeit und freier Dienstleistungs-Verkehr nicht mehr gewährleistet sind. Neu auftretende gemeinsame Probleme „müssen bilateral gelöst werden“. Bilaterale Verträge zwischen souveränen Staaten sind sehr lästig für eine Behörde mit Durchregierungs-Anspruch.

Szenario 3: Wer will tut mehr. Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten. Die EU macht weiter wie bisher, gestattet interessierten Mitgliedern jedoch, sich in bestimmten Bereichen zu gruppieren. So etwa bei der Verteidigung, der inneren Sicherheit und Justiz, Steuern und Soziales, oder bei der Schaffung eines gemeinsamen Rechtsraums für Zivilsachen. Es entstünden so bereichsbezogene Koalitionen der Willigen. Nachteil: Es drohen in der Folge allerdings Unterschiede bei den Bürgerrechten. Nur in jenen Ländern, die „mehr wollen“ wird sich die Kluft zwischen den Erwartungen der Bürger und den Ergebnissen schliessen. Die anderen, die nicht mitmachen, sind die Abgehängten. Wer will das schon.

Szenario 4: Weniger, aber effizienter. Konzentration auf ausgewählte Themen wie Verteidigung, Handel oder Grenzschutz. In anderen Bereichen, etwa dem Konsumentenschutz oder der Gesundheitspolitik, würde die Harmonisierung auf ein Minimum zurückgefahren. Was gut klingt, entpuppt sich als Fake. Erstens: Hat jemals einer, der noch einen Puls aufweist, es je erlebt, dass eine Bürokratie sich freiwillig beschneidet, verkleinert und effizienter wird? Eben. Und zweitens: Bei den „ausgewählten Themen“, auf die man sich konzentrieren will, handelt es sich um fast alle bisher von der EU-beackerten Felder: Innovation, Handel, Sicherheit, Migration, Grenzmanagement, Verteidigung, Forschung, Entwicklung, Dekarbonisierung und Digitalisierung. Mit einem kleinen Unterschied:  „In den auf EU-­Ebene geregelten Bereichen wird die Einhaltung der Vorschriften allerdings durch größere Durchsetzungsbefugnisse gewährleistet.“ Wir ziehen uns erst mal aus ein paar Bereichen zurück, was Jahrzehnte dauern wird, und gönnen uns stattdessen die Macht und die Möglichkeit, in den wirklich wichtigen Bereichen ohne Störung durchsetzen zu können, was wir als gut und richtig erachten.

Szenario 5: Viel mehr gemeinsames Handeln. Oder, wie das EU-Papier es vorgängig nennt: “ ein gemeinsamer Sprung nach vorn“ (Assoziationen zu anderen Sprüngen mit der verheerenden Wirkung von hundert Stockwerken Schwerkraft für Millionen von Menschen, sind rein Zufällig). Ein flächendeckender Integrationsschub mit fast ausschliesslich positiven Effekten: „Es wird wesentlich mehr und schneller auf EU­-Ebene entschieden. Die Bürgerinnen und Bürger genießen mehr Rechte, die sich direkt aus dem Unionsrecht ableiten lassen.“ Kurz: This is the real Thing. Alles andere ist nur halbgut oder schlecht.

Was sie Funktionärsheere in Brüssel und in den Mitgliedstaaten wünschen liegt auf der Hand. Es sind dieselben Leute, die einem Papier zufolge, das Reuters vorliegt, die gesetzlichen Grundlagen zur Sperrung sämtlicher Konten zur Verhinderung eines Bank-Runs, zu schaffen wünschen. Und es sind dieselben Leute, die via EZB und via Rechts- und Regelbruch nicht nur Staatsfinanzierung betreiben, sondern ganz klar auch Staatspolitik, wie die Société Générale jetzt aufgrund der Handlungsmuster bei der Umsetzung des EZB-Anleihekaufprogramms, festgestellt hat. Dies, um nur zwei Beispiele aus der vergangenen Woche zu nennen. Dass im ersten Fall kein einziges grosses Medium über diesen gewünschten Schritt zur Einschränkung der Eigentumsrechte (die Enteignung ist dann nur noch einen Knopfdruck weit weg, wie wir seit Zypern wissen) berichtet hat, und dass, was Beispiel zwei anbelangt, sich auch nur einige bemüssigt fühlten, die Leserschaft damit zu belästigen sagt über die Präferenzen der naturgemäss staatsnahen Medienhäuser bereits einiges aus.

Dass aber keine einzige Partei mit Ausnahme der AfD und – in Ansätzen – der FDP im Wahlkampf dazu Stellung nimmt, überhaupt klar Stellung nimmt zu ihren konkreten Ideen und Plänen betreffend die EU und ihre Weiterentwicklung – es sei denn in pilcherschem Sonntagsfilm-Pathos à la „starkes, gerechtes, soziales, nachhaltiges, dynamisches und selbstbewusstes Europa“ und ohne Erwähnung der Finanzierbarkeit –  spricht Bände und sollte den einen oder andere Moment realitätsnaher Panik bei den Bürgern auslösen.

Denn hier, in der Beziehung des Nationalstaats zur demokratisch nicht legitimierten Zentrale in Brüssel wird über die Zukunft, unsere Zukunft als Individuen und Bürger entschieden. Über die Handlungsmöglichkeiten eines jeden Landes bei sämtlichen brennenden Themen. Darüber, ob wir auch weiterhin freie Bürger freier Staaten, oder bloss noch Konsumbürger von Verwaltungs-Einheiten sein werden, die nur noch dem Markennamen nach bestehen und – überwuchert von bürokratischen Netzwerken – von den Zentrale aus gemanagt werden. Kurz: Hier wird über unsere künftige Freiheit entschieden, über unser Eigentum und Recht.

Was nun AfD und FDP betrifft: Erstere ist wie alle anderen im Wahlkampf. Sie ist Partei, wie alle anderen. Sie will an die Macht und an die Töpfe wie alle anderen. Polit-Versprechen sind die wässrigste Währung der Welt. Letztere, die ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten fordert, hat in jüngster Vergangenheit sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland vor allem einen Eindruck hinterlassen: Jenen, dass die verschiedenen Geschwindigkeiten sich ausschliesslich auf sie selber, beziehungsweise auf ihre faszinierende Vielfalt an Tempi, mit denen sie sich an die jeweiligen Macht-Gegebenheiten anzupassen in der Lage ist, beziehen.

Zu wählen hiesse, an Wahlen zu glauben. Und es hiesse vor allem, dass der frei Wählende tatsächlich eine Wahl hätte zwischen realen Möglichkeiten in Bezug auf die entscheidenden Themen seiner Zukunft und der seiner Kinder. Davon und vom einstimmigen Schweigen der Parteien zum wichtigsten Thema überhaupt ausgehend, kann, was am 24. September in Deutschland veranstaltet wird, nicht als Wahl bezeichnet werden.

Das Ende dieser sich wiederholenden Inszenierung, das früher oder später notwendigerweise eintreten wird, wird nicht einmal mehr Demokratie genannt werden können. Es bleibt jenen, die ihre Fersen mit aller Kraft gegen die verwaltete Knechtschaft und in den Grund der Freiheit stemmen, die Rezepte des Managements auf sich selber anzuwenden: „Schliesst, die ihr zusammengehört, den Kreis fester“ (Schuman). Freiwillig, nicht demokratisch. Es sind wenige genug.

 

 

 

 

 

 

 

Sterbenden Auges sieht man besser. Vielleicht.

Fragment von Roi Henry

Mich nennen einige Aussteiger, obwohl ich mich als Einsteiger sehe. Das ist der ganze einfache und dämliche Witz.

Ich bin eingestiegen in den Glauben, in die Fremde und die Ferne, die mehr Nähe ist. Und jetzt auch ins Sterben. Letzteres hat mit einem anhaltenden schmerzhaften Hustenanfall begonnen. Quasi über Nacht. Das Schlimmste befürchtend bin ich zum Toubib gegangen – das heißt hier etwa soviel wie Onkel Doktor. Der schickte mich zum Röntgen. Jetzt ist es sogar das Allerschlimmste, ein Lungenemphysem, was irgendwann in Ersticken endet. Irgendwann ist in diesem Falle eines der dümmsten Füllwörter überhaupt, aber so kenne ich mich. Sei’s drum. Nun reiht man sich also ein. Man hätte es früher wissen können. Alles. Zurück auf Anfang. Vielleicht wird das hier eine Art fröhliches Sterbetagebuch. Fröhlich aus Dankbarkeit. Noch nie war der Blick zurück so deutlich in die Zukunft gerichtet. Ich kann gar nicht anders. Ich bin dankbar für den Weg bis hierhin, denn von hier aus geht es weiter.

Aber dazu wollte ich eigentlich gar nichts notieren, sondern hierzu: Frankreich liegt mir nicht so nahe, wie mancher glauben möchte, weil ich an der französischen Atlantikküste lebe. Mir liegt Deutschland nahe, obwohl ich es seinerzeit nicht mehr ertragen konnte. Ich kann es hier im Exil aber fast noch weniger ertragen. Ich mag nicht zusehen, wie das Land siecht und vor die Hunde geht. Siechen ist ein fürchterliches Wort. Aber es passiert. Und man kommt nicht daran vorbei, sich mit denen zu beschäftigen, die dafür verantwortlich sind. Natürlich ärgert sich der Deutsche auch über sich selbst, aber daß er nicht einmal mehr Reste oder einen Funken Ehrgefühl in punkto Freiheit, Selbstbestimmung, Nationalstolz und Integrität besitzt, kann ich nicht verstehen. Verdauen schon gar nicht.

Deshalb würde ich es wieder machen. Weggehen. Auch wenn es schwerfällt, sein geliebtes Land, die Heimat zu verlassen. Aber zurück ins Reich? Das sei fern! Ich schlafe lieber arm und ehrlich an einem warmen Strand, als mich gemein zu machen mit dem, was ich verachte. Ich würde es immer wieder tun, auch weil ich nicht weiß, wie man allein gegen einen Moloch gewinnen kann. Ich habe viel versucht. Gespräche frontal, meine Stellung ausgenutzt. Man sieht weg. Und dem System ist es egal, wie es uns geht. Es lacht hämisch über alle, die was anderes glauben. Mir wird es nie egal sein, und ich werde da sein, wenn es darum geht, dem zunehmend zahnlosen, aber brutalen Goliath in den Arsch zu treten. Aber bis dahin wird wahrscheinlich soviel Zeit vergehen, in der ich auch getrost sterben kann.

Was ich eigentlich sagen wollte. Die Freiheit, das zu tun, was man will, was man kann, die Freiheit, auch einmal sagen zu können: „Ich weiß nicht“, und die Freiheit, sich so zu fühlen, wie man es mag, und trotzdem das in den eigenen Augen Richtige zu tun an einem Ort, den man liebt, zu einer Zeit, die man schätzt, egal, der Wunsch, frei zu sein, zu werden, zu bleiben, ist Menschenrecht, einziges Menschenrecht und dafür würde ich sterben. Aber selbst mit dem Sterben möchte ich niemandem schaden. Kann ja sein, daß er es bedauert, mich an die Freiheit verloren zu haben. So einen Konflikt würde ich dann gerne wieder zu lösen versuchen. Weitermachen. Es bleibt wunderbar spannend.