Der antisemitische Mops

Abgründe – von Josef Hueber

Es wird kein Tag wie jeder andere. Amiram, unser israelischer Führer auf der Pilgerreise, sorgt dafür, wie an jedem Tag, dass wir pünktlich aufbrechen und Israel nicht gemütlich ist. Als ehemaliger Militär verkörpert er den Drill. Pünktlichkeit, nicht mit dem unterwürfigen Selbstbewusstsein eines bezahlten Dienstleisters erbeten, sondern zackig eingefordert und vorausgesetzt. Das Morgengebet, unmittelbar nach Abfahrt des Busses in der Gruppe vom begleitenden Geistlichen zelebriert, ist gesprochen. Eine anwachsende Beklemmung beansprucht jetzt deutlich wahrnehmbar Raum, als wir dem Ziel dieses Tages entgegenrollen: Yad Vashem.

Mein Vater, geboren 1907, hat mir nahezu nichts vom Zweiten Krieg erzählt. Doch einmal machte er eine Bemerkung, die ich als Kind nicht verstand. Er war als Soldat in Kiew, als eine Erschießung angesagt war.  Neugierig, wie so etwas vonstattenging, fragte er, ob er zusehen könne. Die Verantwortlichen hatten offenbar ein Sicherheitsbedürfnis und machten dies davon abhängig, ob er sich aktiv daran beteiligen würde. Dies, so mein Vater zu mir, wollte er aber nicht. Keine Bemerkung hinsichtlich der Unmoralität des Geschehens oder welche Menschen vor die Gewehrläufe gestellt wurden oder vor ihnen davonrannten, um dann wie flüchtende Hasen erschossen zu werden.

Und nun also Markus Meechan. Der schottische Experte für Komisches, Künstlername Count Dankula, hatte einen – von ihm unterstellt – witzigen Einfall. Er trainierte den Hund seiner Freundin, einen gelehrigen Mops, nach dem Muster von Pawlow so, dass er auf einen Impuls hin eine höchst ungewöhnliche Bewegung ausführte.

Schaun wir uns den Gag an! Der gelehrige Mops wird vor einen Bildschirm gesetzt, auf dem Hitler eine seiner fulminanten Reden hält. Wann immer nun Herrchen dem lernwilligen Mops Juden ins Gas („Gas the Jews“) zuruft, hebt die Knuddelwurst die Pfote zum Hitlergruß. Damit Herrchen den Riesenspaß nicht alleine genießen musste, sondern weltweit ein Kicherpublikum hinter sich weiß, stellte er den Witz mit dem Slogan Juden ins Gas auf Youtube.

Der Kolumnist Andrew Doyle von Spiked sieht es nun so: Ob dieses Video lustig ist, ist Ansichtssache. („Whether the video is funny or not is a matter of opinion“).

Um mir eine bloß subjektive Meinung ohne Relevanz für einen weiteren Gesichtskreis als den meinigen über diesen eigenartigen Joke bilden zu können, hole ich aus meinem Bücherregal den Band Yad Vashem, Zeugnisse des Holocaust. Ich blättere in Leichen, die auf einem Scheiterhaufen auf die Verbrennung ihrer stinkenden Körper warten. Ich sehe Kinder, die vor Orientierungslosigkeit ins Nichts starren, nackte Frauen, die kurz nach dem Erinnerungs-Schnappschuss wie Säcke zusammenfallen werden, Juden-Fratzen von tötungsgeilen Karikaturisten auf Plakate gekonnt gebrannt, lachende Soldaten vor ruinierten Judengestalten, einen zielsicheren Schuss auf eine ihr Kind schützende Mutter, einen Hinterkopfschuss auf einen in die Todesgrube fallenden Mann.

Witze über Antisemitismus, so kommentiert der Spiked- Kolumnist den Videokünstler, sind das beste Mittel, um die NS-Ideologie lächerlich und unschädlich zu machen. Und außerdem hätte sich der Künstler-Spaßvogel, wäre er Antisemit, ein effektiveres Mittel als einen Mops ausdenken können, um NS Ideologie zu verbreiten. Und zu guter Letzt eine zu überdenkende Handlungsempfehlung vom Verfechter des Mops-Videos. Wer immer, so der Autor, besorgt sei um das Erstarken von NS Gedankengut, solle das Video zur Bekämpfung von Antisemitismus weiterverbreiten.

Sollte derlei abgründige Logik funktionieren, müsste man dieses Video in Yad Vashem, dem Jerusalemer Museum der Meere von Tränen als neues Objekt im Kampf für das „Nie Wieder“ installieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

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