Sterbenden Auges sieht man besser. Vielleicht.

Fragment von Roi Henry

Mich nennen einige Aussteiger, obwohl ich mich als Einsteiger sehe. Das ist der ganze einfache und dämliche Witz.

Ich bin eingestiegen in den Glauben, in die Fremde und die Ferne, die mehr Nähe ist. Und jetzt auch ins Sterben. Letzteres hat mit einem anhaltenden schmerzhaften Hustenanfall begonnen. Quasi über Nacht. Das Schlimmste befürchtend bin ich zum Toubib gegangen – das heißt hier etwa soviel wie Onkel Doktor. Der schickte mich zum Röntgen. Jetzt ist es sogar das Allerschlimmste, ein Lungenemphysem, was irgendwann in Ersticken endet. Irgendwann ist in diesem Falle eines der dümmsten Füllwörter überhaupt, aber so kenne ich mich. Sei’s drum. Nun reiht man sich also ein. Man hätte es früher wissen können. Alles. Zurück auf Anfang. Vielleicht wird das hier eine Art fröhliches Sterbetagebuch. Fröhlich aus Dankbarkeit. Noch nie war der Blick zurück so deutlich in die Zukunft gerichtet. Ich kann gar nicht anders. Ich bin dankbar für den Weg bis hierhin, denn von hier aus geht es weiter.

Aber dazu wollte ich eigentlich gar nichts notieren, sondern hierzu: Frankreich liegt mir nicht so nahe, wie mancher glauben möchte, weil ich an der französischen Atlantikküste lebe. Mir liegt Deutschland nahe, obwohl ich es seinerzeit nicht mehr ertragen konnte. Ich kann es hier im Exil aber fast noch weniger ertragen. Ich mag nicht zusehen, wie das Land siecht und vor die Hunde geht. Siechen ist ein fürchterliches Wort. Aber es passiert. Und man kommt nicht daran vorbei, sich mit denen zu beschäftigen, die dafür verantwortlich sind. Natürlich ärgert sich der Deutsche auch über sich selbst, aber daß er nicht einmal mehr Reste oder einen Funken Ehrgefühl in punkto Freiheit, Selbstbestimmung, Nationalstolz und Integrität besitzt, kann ich nicht verstehen. Verdauen schon gar nicht.

Deshalb würde ich es wieder machen. Weggehen. Auch wenn es schwerfällt, sein geliebtes Land, die Heimat zu verlassen. Aber zurück ins Reich? Das sei fern! Ich schlafe lieber arm und ehrlich an einem warmen Strand, als mich gemein zu machen mit dem, was ich verachte. Ich würde es immer wieder tun, auch weil ich nicht weiß, wie man allein gegen einen Moloch gewinnen kann. Ich habe viel versucht. Gespräche frontal, meine Stellung ausgenutzt. Man sieht weg. Und dem System ist es egal, wie es uns geht. Es lacht hämisch über alle, die was anderes glauben. Mir wird es nie egal sein, und ich werde da sein, wenn es darum geht, dem zunehmend zahnlosen, aber brutalen Goliath in den Arsch zu treten. Aber bis dahin wird wahrscheinlich soviel Zeit vergehen, in der ich auch getrost sterben kann.

Was ich eigentlich sagen wollte. Die Freiheit, das zu tun, was man will, was man kann, die Freiheit, auch einmal sagen zu können: „Ich weiß nicht“, und die Freiheit, sich so zu fühlen, wie man es mag, und trotzdem das in den eigenen Augen Richtige zu tun an einem Ort, den man liebt, zu einer Zeit, die man schätzt, egal, der Wunsch, frei zu sein, zu werden, zu bleiben, ist Menschenrecht, einziges Menschenrecht und dafür würde ich sterben. Aber selbst mit dem Sterben möchte ich niemandem schaden. Kann ja sein, daß er es bedauert, mich an die Freiheit verloren zu haben. So einen Konflikt würde ich dann gerne wieder zu lösen versuchen. Weitermachen. Es bleibt wunderbar spannend.

 

 

 

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2 Gedanken zu “Sterbenden Auges sieht man besser. Vielleicht.

  1. Sie sind nicht allein, Henry. Auch ich werde da sein, wenn es darum geht, dem zunehmend zahnlosen, aber brutalen Goliath in den Arsch zu treten. Mit dem Kopf und dem Herzen bin ich bei Ihnen. Und wir werden immer mehr.

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