Spaghetti Carbonara verweigert

„Britisches Mädchen muss Arabisch sprechen und ihr Kreuz abgeben“ titelt der „Blick“. „Zwangsislamisierung in London?“ fragt n-tv. „Pflegefamilie streng muslimisch: Fall empört Briten“ ist in weiteren Medien zu lesen.

Worum geht es in dem Fall, der in den vergangene Tagen in England und darüber hinaus für Empörung sorgte? Im Osten Londons, im Bezirk Tower Hamlets, wurde ein fünfjähriges, christliches Mädchen innerhalb von sechs Monaten in zwei streng religiöse, muslimische Pflegefamilien gesteckt. „The Times“ berichtete, das Mädchen sei in einer der Familien gezwungen worden, Arabisch zu lernen und ihren Kreuzanhänger abzulegen. Den Unterlagen der Sozialbehörden sei zu entnehmen, so die Zeitung weiter, dass eine der Familie nicht einmal Englisch sprach. Die Behörde verteidigte sich indem sie mitteilen liess, die Medienberichte über den Fall seien fehlerhaft. Worin der oder die Fehler bestanden behielt sie indes für sich.

Skandal? Ja – Skandal. Die zwangsweise Umerziehung von Kindern ist einer der fünf Punkte, die die UN zur Definition des Tatbestands „Völkermord“ anführt (mehr dazu hier). Es ist entweder furchteinflössend oder völlig unerklärbar, was in Beamtenhirnen vorgeht, die solches organisieren.

Trotzdem ist der kranke Funktionärs-Wille zur ideologischen Neu-Schöpfung oder Korrektur eines Kindes der kleinere Skandal. Über den grossen hinter den Schlagzeilen, der einem die Sprache verschlägt, wird keine Silbe verloren. Darüber nämlich, dass dieses Kind, zuallererst und bevor die Behörde es in die Finger kriegte, das Opfer seiner eigenen Familie, seiner Eltern wurde. Sie haben diese Fünfjährige nach Strich und Faden verarscht und dann aufgegeben. Oder glaubt irgendjemand ernsthaft, die Beamten wären eingeschritten, hätten Vater und Mutter das Sorgerecht entzogen, wenn alles zum Besten gestanden hätte? Wir sind wohl auf dem besten Weg dahin – aber wir sind noch nicht da. Noch sind die Staatsorgane nicht bemächtigt, Familien aufgrund von Gesinnungsfehlern auseinander zu reissen. Das erledigen wir via Emanzipation und Selbstbestimmung noch vollkommen selbständig. Noch ist der Entzug des Sorgerechts einer der letzten Schritte um das Wohl des Kindes zu gewährleisten.

Hätte man mich rausgerissen aus meiner Familie mit fünf Jahren, weg zum Jugendamt, mich reingedrückt in Fremdes, wieder rausgerissen, wieder woanders rein – ich weiss, dass ich heute ein kaputter Mensch wäre. Da kann mir keiner kommen und mir was von Bezugspersonen vorschwafeln und Hauptsache gefördert. Schwachsinn! Ich wollte nie – auch  nicht eine Minute lang – von irgendwem geliebt werden. Ich wollte es von meinen Eltern. Und nur von ihnen. Von ihnen beiden, ohne Partei sein zu müssen. Alles andere empfand ich bereits damals als den gewaltsamen Eintritt von Unbefugten in einen Bereich, der gross mit einem einzigen Wort überschrieben war: Familie. Ohne sie kein Atem.

Und jetzt stehen wir also hier: Ein ganzer Kontinent regt sich auf über die Willkür von Behörden, über falschverstandene Buntheit und Entwurzelung. Es ist wunderbar, Schuldige zur Hand zu haben. Noch wunderbarer, wenn sie anonym sind, unsichtbar, gesichtslos wie das Amt. Da kann man dann im Windschatten der Medien keifend und schnatternd und quietschend und aufs rattigste die Krallen ausfahrend sich so richtig empören. Es ist einfacher und um so vieles unterhaltsamer, als einander in die Augen oder in den Spiegel zu sehen und sich zu sagen: Wir sind es, die versagt haben. Wir. Du. Ich. Egal aus welchen Gründen. Am „Wir“ ändert sich nichts.

Im Bekanntenkreis ging einer, weil „er sich Familie anders vorgestellt hatte“. Ein anderer hatte „keinen Bock“ mehr. In einem Fall war das Kind ein Unfall. Ein paar haben „sich auseinandergelebt“ und wieder andere wollten „noch was vom Leben“ haben. Und Treue, Heimat, Geborgenheit – das wissen wir alle – das sind böse Begriffe. Rückwärtsgewandt, Fortschritts- und Emanzipationsfeindlich. Finster und unaufgeklärt. Das Problem: Ohne Familie gibt es keine Treue, keine Heimat, keine Geborgenheit. Nicht im Dorf, nicht in der Gemeinde, nicht in einem Land. Oder anders gesagt: Ohne Treue, Heimat und Geborgenheit gibt es so etwas wie „eine Gesellschaft“ nicht. Es gibt nur Führung und Anhängerschaft. Beide anonym.

Und bis dahin regen wir uns darüber auf, dass einem unfreiwillig fremdplatzierten und in seiner Seele zerrissenen Mädchen sein Leibgericht, Spaghetti Carbonara, verweigert wird.

 

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5 Gedanken zu “Spaghetti Carbonara verweigert

  1. […]Es ist einfacher und um so vieles unterhaltsamer, als einander in die Augen oder in den Spiegel zu sehen und sich zu sagen: Wir sind es, die versagt haben. Wir. Du. Ich. Egal aus welchen Gründen. Am „Wir“ ändert sich nichts.[…]
    Das ist der ausschlaggebende Satz. Genau das wollen die Leute nicht wahrhaben. Da gibt man der Merkel die Schuld, oder dem Schulz/Junckers. Die machen nur was wir sie machen lassen. Nur wenn man dann merkt, dass nicht mal knapp 50% der Waehler (wie in den USA) bereit sind etwas zu aendern, auch und vor allem weil man selbst nie bereit war aufzustehen und mal mit den Nachbarn und Kollegen Tacheles zu reden, dann kann man dem Untergang nur noch – moeglichst von aussen – zuschauen.

    Es ist fast so, als ob es die Aufklaerung, die Emanzipation, nie gegeben haette. Die Untertanen schlucken – auch grummelnd – was die linken Religionsfuehrer vorgeben.

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  2. ICH habe versagt, weil „die Beamten“ ihren Eltern das Kind wegnehmen mussten? Vielleicht wäre eine Minute des Innehaltens angebracht, bevor Sie, lieber Herr Jordan, zum nächsten moralischen Rundumschlag ausholen. Nicht jede Kritik passt auf alles und nicht jeder Behördenschwachsinn kommt zustande, weil „wir“ versagt haben oder unsere Gesellschaft so böse ist. Ihre zusammenfantasierten und zusammengesponnenen Hintergrundgedanken zu diesem Fall sind nur abwegig. Die Überschrift ihres Geschreibsels dagegen ist darüber hinaus zynisch und dumm..

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    • Werter Andreas Auer. Nein – Sie persönlich sind nicht schuld. Ich persönlich auch nicht. Und doch sind wir Teil dieser Gesellschaft. Oder sehen Sie sich nicht als solchen – als vollkommen ausserhalb stehend? Auch das ist möglich. Ich für meinen Teil kann es nicht. Wenn ich also schreibe „Wir“, dann nicht im Sinn einer Kollektiv-Schuld. Sowas gibt es nicht. Aber es gibt sehr wohl eine Richtung, in die sich eine Gesellschaft entwickelt. In die „wir“ uns als Gesellschaft entwickeln. Eine „Wachstumsrate“ im Bereich der Sorgerechts-Entzüge von über 20 Prozent zwischen 2010 und 2015 (Deutschland) deutet für mich abwärts. Die Tatsache, dass ein ganzer Kontinent, Medien, Kommentatoren und Social-Network-User sich über eine Fehlplatzierung (DAS, DIESES Wort ist zynisch!) aufregt ohne es für nötig zu halten, an das Grundproblem auch nur mit dem kleinen Finger zu rühren, bestätigt mich in dieser Sicht der Dinge. Hier braucht einer nicht über Dummheit oder Zynismus zu verfügen: Medien, die die Verweigerung eines Lieblingsgerichts erwähnenswert finden, während das Elend des Kindes (für einen Sorgerechtsentzug ist meist Misshandlung in irgendeiner Form „nötig“), das zu dieser Situation geführt hat einfach unter den Tisch fällt, ist an Hohn nicht zu überbieten. Das ist abwegig.

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      • Sehr geehrter Herr Jordan. Es ehrt Sie, dass Sie das Konzept der Kollektivschuld ablehnen. Dennoch brauche ich Ihnen mit absoluter Sicherheit nicht die Bedeutung des Wortes „wir“ erklären. Wenn Sie mich persönlich mit diesem Wort einschließen, werden Sie mir auch zugestehen, dass ich mich angesprochen fühle. Und zwar ganz persönlich und in auf höchst unfaire Weise. Unsere „Gesellschaft“ besteht nämlich nicht aus einem gleichgeschalteten Volkskörper, dessen ameisenhafter Teil ich bin (zumindest glaubte ich bisher, dass wir dieses Stadium überwunden hatten), sondern aus Individuen, die sich moralisch einandfrei verhalten oder auch nicht. Ich als Einzelner kann und muss meinen moralischen Maßstäben bestmöglich folgen und muss mir dann hinterher genau aus diesem Grund nicht an den Kopf werfen lassen, im Sinne eines „wir“ für jedwede (Fehl)entwicklung der Gesamtgesellschaft verantwortlich zu sein, in die ich zufällig hineingeboren bin.
        Der genannte Fall fand in England statt. Soweit reicht Ihr „wir“ also ganz offensichtlich, dass Sie mich mit der englischen Gesellschaft in einen Topf werfen. Wie ist es mit dem Kongo oder den Handlungen des IS? Gilt da Ihr „wir“ auch noch, bloß weil die meisten Menschen, die da leben, auch zwei Beine und zwei Ohren haben wie ich und mir daher ähnlich sehen? Oder wie ist das zu verstehen? Ich frage ja nur.
        Und noch einen anderen Aspekt mögen Sie freundlicherweise bedenken: Alle totalitären Staaten (und zu einem protototalitären Staat entwickelt sich Deutschland im Moment) machen sich die Sorge um den Nachwuchs im Allgemeinen sehr zu eigen. Sei es nun eine Ohrfeige für den Kleinen oder eine durch nichts zu belegende Missbrauchsbehauptung einer frisch Geschiedenen: Sorgerechtsentzüge sind ebenso Kennzeichen eines übergriffigen, anmaßenden Staates wie für elterliches Versagen. Überdenken Sie daher bitte ihr 20%-Argument noch einmal in Ruhe. Im genannten Einzelfall kennen aber weder Sie und ich die genauen Hintergründe. Was „nötig“ war und was nicht, wissen wir also beide nicht.
        Was wir aber wissen, ist, dass das Totalversagen durchgeknallter Beamter zumindest ab dem Zeitpunkt der Wegnahme des Kindes von seinen Eltern nicht grade zum Wohl dieses Kindes beigetragen hat. Es ist nicht nötig, das Opfer auch noch mit Allerwelts-Moralisierung und lächerlich machenden Überschriften durch den Kakao zu ziehen.

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  3. Werter Andreas Auer. Sie geben Anstoss zu neuem Geschreibsel. Hier der Text: https://frankjordanblog.wordpress.com/2017/09/06/wer-ist-wir/ Und: Wenn Sie den Titel des Textes über die Fehlplatzierung des englischen Mädchens als Lächerlich-Machen des Opfers empfinden, dann erlauben Sie mir zu sagen, dass genau das Gegenteil meine Absicht war mit der Wahl der Überschrift. Wie gesagt, war sie als Wink mit dem Zaunpfahl an die Adresse jener Medien und Kommentatoren gemeint, die das Fehlen eines Lieblingsgerichts für erwähnenswert halten im Leben eines Kindes, das brutal aus allem, was es kennt, wieder und wieder herausgerissen wurde und wird.

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