Wer ist „wir“?

Replik auf einen Leserkommentar

Leser** fragt im Kommentar zum Text über die Platzierung eines christlichen Kindes bei zwei muslimischen Familien: „Ich habe versagt, weil ‚die Beamten‘ den Eltern das Kind wegnehmen mussten? (…)  Wenn Sie mich persönlich mit diesem Wort einschließen, werden Sie mir auch zugestehen, dass ich mich angesprochen fühle. Und zwar ganz persönlich und auf höchst unfaire Weise. (…) Der genannte Fall fand in England statt. Soweit reicht Ihr ‚wir‘ also ganz offensichtlich, dass Sie mich mit der englischen Gesellschaft in einen Topf werfen. Wie ist es mit dem Kongo oder den Handlungen des IS? Gilt da Ihr ‚wir‘ auch noch, bloß weil die meisten Menschen, die da leben, auch zwei Beine und zwei Ohren haben wie ich und mir daher ähnlich sehen? Oder wie ist das zu verstehen? Ich frage ja nur.“

Danke an Leser** für den berechtigten Einspruch. Genauso, wie besagtes „wir“ ein Ort des Unterschlupfs für persönliches Nicht-Entscheiden (aus welchen Gründen auch immer) sein kann, muss es in besagtem Text als eine Zuweisung von Mitschuld in einem konkreten Fall – die Misere eines Kindes – verstanden werden, zu der keiner berechtigt ist. Schuld ist eine persönliche Entscheidung. Sie kann nicht kollektiviert werden.

Ob einer sich also zum „wir“ im Text zählt, kann er nur selber entscheiden. Gemeint ist das „wir“ der Wohlstands-Gesellschaft. Besser: der Noch-Wohlstandsgesellschaft. Wie Leser** indes ebenfalls richtig feststellt, ist diese Gesellschaft nicht „ein gleichgeschalteten Volkskörper, dessen ameisenhafter Teil ich bin“ sondern besteht aus Individuen, die individuell entscheiden und handeln. Dieses Entscheiden und Handeln (egal, wie es zustande kommt) findet stets vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Trends im Sinn einer Entwicklung statt.  Entwicklungen, die bestimmt, mitgetragen, akzeptiert oder bloss ertragen werden.

Das ist es, worauf ich im Text über das englische Mädchen hinauswollte, und woran ich mich „überlupft“ habe, wie man in der Schweiz sagt. Ich sagte „wir“, wo ich nur „ich“ sagen kann. Ich sagte „wir“, weil ich mir nicht anmassen kann „die“ zu sagen. Das ist es auch, was die Frage beantwortet, was ich als kinderloser Single mit einer Zunahme der Fremdplatzierungen von Kindern von über 20 Prozent zwischen 2010 und 2015 (Deutschland) zu tun habe. Es ist die Marschrichtung der Mehrheit und das abschnittsweise eigene Mitmarschieren.

Als ich zur Welt kam, kannte ich kein „wir“. Irgendwann gab es dann ein „Ich“, dem ein „Du“, ein „Er“, ein „Sie“ folgte. In das „Wir“ wuchs ich hinein. Es war die Familie, in die ich eingebettet war im besten Sinn des Wortes. Nach und nach und unter Anleitung der Eltern lernt man das Regelwerk kennen, das den Bestand dieses „Wir“ sichert und aus dem man bei Zuwiderhandlung temporär ausgeschlossen zu werden riskiert. Als Kind und Jugendliche empfand ich dabei zweierlei: Sicherheit und Begrenzung. Ersteres vereinfachte mir das Leben dadurch, dass ich mich selber, den Alltag und seine Bewältigung nicht täglich neu erfinden, definieren und in Frage stellen musste, sondern im Rahmen der geltenden Regeln frei war. Die Grenzen, die oft mit den Regeln identisch waren, empfand ich dagegen als einengend und verstand nicht, dass meine Eltern damit und mit dem Besten, das sie zu bieten hatten, die Bedingungen für meine spätere Freiheit schafften. Kann man also sagen, dass man nebst Individuum auch das Produkt dieses ersten „Wir“, der Familie ist? In meinem Fall ein klares Ja.

Mit dem Heranwachsen und Heraustreten aus der Familie wurde auch mein „Wir“ weiter gefasst. Auf die bisherige Entwicklung dessen, was ich bei diesem Heraustreten vorfand, und auf die bis dahin geschaffenen Bedingungen hatte ich keinen Einfluss. Die Gesellschaft. Ich hatte aber die Wahl, einzutreten und das Regelwerk als Ganzes zu befolgen, es punktuell zu befolgen, mich dagegen zu stemmen, nur beschränkt einzutreten oder gar nicht. Ich tat ersteres. Ich war ein Konsensmensch. Das wirtschaftliche Umfeld, das bis dahin geschaffen worden war, erlaubte es mir ausserdem, bis zum 30. Lebensjahr in einem adoleszenten Denken und Handeln zu verharren. Oder anders gesagt: Es gab nur mich. Mich und meine Karriere, meine Weiterbildungen, mein Umfeld, mein Radius, meine Reichweite. Ich konnte es mir stets leisten, dem alles andere unterzuordnen und war mir nicht bewusst, dass ich mit diesem Verhalten perfekt im Trend lag. Auch darin, dass ich wohl meine eigene Firma hatte, aber nie Angestellte. Beziehungen, aber nie den Willen zu heiraten oder eine Familie zu gründen. Wenn Zweifel aufkamen, Diskrepanzen zu den einst vermittelten Werten, dann gab es tausend Gründe dafür, warum diese nicht zählten. Und sei er nur ein windelweiches Hinweisen auf „Zeiten, die sich ändern“.

Warum? Weil es bequem ist, nicht anzuecken. Weil es schmerzt, Freunde zu verlieren. Weil es Angst macht, isoliert zu sein. Weil finanzielle Unsicherheit Panik auslöst. Das Resultat: Man lehnt sich an an eine adoptierte wertemässige Durchschnittlichkeit und sucht Ehrenrettung in lächerlicher Hyperindividualität, die sich in der Preisklasse des Hotels, in dem man seine Ferien verbringt, oder des Autos erschöpft. Sogar dann, wenn Freunde einen in der selbstverschuldeten Misere um Hilfe bitten, wenn man also durch das eigene Involviertsein sehr wohl auch das Recht auf Meinungsäusserung hätte, habe ich geschwiegen. „Geht mich nichts an“ als stets gleiche Formel von bequemer Ignoranz und Feigheit. Und was das Geschäftliche anbelangt: Ich habe alles organisiert, was sich „Veranstaltung“ nennen kann. Was soll’s – man muss schliesslich leben.

Ich wurde erst erwachsen und mir meiner Verantwortung bewusst, als die Einebnungs-Rhetorik lauter, das neidische Wachen darüber, dass alle gleich sind – und sei es nur gleich arm – und das entsprechende Fordern nicht nur näher rückte, sondern mich persönlich berührte. Als ich mich gegenüber von Mitarbeitern eines Kunden wiederfand, die die Zusammenarbeit verweigerten, weil sie der Meinung waren, mein Honorar,  das mir ihre Chefs für die Präsentation der Firma in der Öffentlichkeit freiwillig bezahlten, sei zu hoch. Da erst merkte ich, wie geduckt mein Gang war. Da erst trat ich heraus aus dem „wir“, forderte stolz sein zu dürfen, aufrecht zu gehen, besser sein zu dürfen und Erfolg zu haben. Eine Art zweite Geburt – nicht im Sinn einer Rückentwicklung auf ein Nur-Ich, sondern der Schritt ins Menschsein. Nicht nur dem Namen nach. Damit aber ging und geht auch das Eingeständnis einher, dass ich über Jahre hinweg von der Richtung, in der die Gesellschaft sich entwickelt hat, profitiert, die Entwicklung und die damit einhergehenden Missstände mitgetragen und gefördert und mich nie dagegen gestemmt habe. Die Entscheidung zu Schuld. Aber auch das Wissen um die Kraft, sie zu tragen und um den Willen, den Versuch des Abzahlens mit nicht inflationierbaren Werten zu wagen.

 

 

 

 

 

2 Gedanken zu “Wer ist „wir“?

  1. Der sich beklagende, stille Dissident, der Leser**, aber auch jeder andere, der sieht dass etwas boeses geschieht, muss sich schon fragen lassen: Warum hast Du nichts getan? Und wenn er etwas tat und ohne Erfolg blieb muss er sich fragen lassen: Was waren Deine Konsequenzen? Meine Grosselterngeneration musst sich das fragen lassen nach 1945, und auf ein Mal gab es unglaublich viele Deutsche, die schon immer gegen Hitler waren. Mein Gott haben die gelogen und sich selbst belogen. Man ist immer ein Teil eines „Wir“ und zwar oft, ob man will oder nicht. Die stille innere Emigration ist aber keine glaubhafte Abgrenzung von einem „Wir“ zu dem man nicht gehoeren will.

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