Der Kern der Sache

Islam- und Immigrations-Kritik in allen Ehren. „Merkel-muss-weg-Aufrufe“ – okay. Empörung über die Lügen, den Beschiss, die Verschwendung, die Pfründen, den Postenschacher – alles berechtigt. Und alles geht am Kern vorbei. Haarscharf zwar – aber trotzdem vorbei.

Eine Mehrheit dessen, was man „Volk“, „Gesellschaft“, „Bürgerschaft“, „Souverän“ oder „Länger hier Lebende“ nennen kann, hat alles über Jahre und Jahrzehnte in Kauf genommen. Bestochen, gekauft, geködert vom Versprechen von einer „Freiheit“, die es nicht gibt: Einer Freiheit, für die Verantwortung, Risiko und die Möglichkeit von Erfolg und Scheitern nicht mehr konstitutiv sind. Eine Freiheit, die bloss Konditionierung ist.

Eine Ratte kennt den Weg durchs Labor-Labyrinth zur Essensausgabe und legt ihn, wann immer sie Hunger hat,  zurück. Nichts wird sie bremsen. Auch Artgenossen nicht. Und keinem käme es in den Sinn, sie frei zu nennen. Aber genau das ist es, was die Politik, die heute an allem allein Schuld sein soll, angeboten hat und was mehrheitlich gekauft wurde. Politiker brauchen Abnehmer für ihre Politik. Hätte es solche Abnehmer nicht gegeben, stünden wir heute nicht da, wo wir stehen, und wo kluge Köpfe, wie Tocqueville uns hin-prophezeit haben:

«Ich will mir vorstellen, unter welchen neuen Merkmalen der Despotismus in der Welt auftreten könnte: Ich erblicke eine Menge einander ähnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu verschaffen, die ihr Gemüt ausfüllen.

Jeder steht in seiner Vereinzelung dem Schicksal aller andern fremd gegenüber: Seine Kinder und seine persönlichen Freunde verkörpern für ihn das ganze Menschengeschlecht; was die übrigen Mitbürger angeht, so steht er neben ihnen, aber er sieht sie nicht; er berührt sie, und er fühlt sie nicht; er ist nur in sich und für sich allein vorhanden, und bleibt ihm noch eine Familie, so kann man zumindest sagen, dass er kein Vaterland mehr hat.

Über diesen erhebt sich eine gewaltige, bevormundende Macht, die allein dafür sorgt, ihre Genüsse zu sichern und ihr Schicksal zu überwachen. Sie ist unumschränkt, ins Einzelne gehend, regelmässig, vorsorglich und mild. Sie wäre der väterlichen Gewalt gleich, wenn sie wie diese das Ziel verfolgte, die Menschen auf das reife Alter vorzubereiten; stattdessen aber sucht sie bloss, sie unwiderruflich im Zustand der Kindheit festzuhalten; es ist ihr recht, dass die Bürger sich vergnügen, vorausgesetzt, dass sie nichts anderes im Sinne haben, als sich zu belustigen.

Sie arbeitet gerne für deren Wohl; sie will aber dessen alleiniger Förderer und einziger Richter sein; sie sorgt für ihre Sicherheit, ermisst und sichert ihren Bedarf, erleichtert ihre Vergnügungen, führt ihre wichtigsten Geschäfte, lenkt ihre Industrie, ordnet ihre Erbschaften, teilt ihren Nachlass; könnte sie ihnen nicht auch die Sorge des Nachdenkens und die Mühe des Lebens ganz abnehmen?»

Der Text wurde 1840 veröffentlicht, im zweiten Teil von Tocquevilles Meisterwerk «Über die Demokratie in Amerika». Der Kern der Sache ist demnach sehr einfach: Politik ist nicht die Lösung. Nie. Politik ist das Problem. Immer.

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4 Gedanken zu “Der Kern der Sache

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