Die Entsorgung des christlichen Abendlands

Das Christliche Abendland : Fiktion, geistiger Müll oder notwendige Identifikationsformel zur Selbstfindung und -bewahrung? Gedanken zur Verächtlichmachung eines Begriffs als Orientierungshilfe für nachkommende Generationen, die sich mit christlich-jüdischer Kultur identifizieren sollen. Ein Gastbeitrag von Josef Hueber

Für mich war er einer der Gründe, warum ich, wenn er dabei war, eine Talkshow bis zum Ende ansah. Seine Beiträge waren wie Kraftbrühe für den Kopf, während die anderen Teilnehmer meist nur Wassersuppe anzubieten hatten. Und die mediokren Köche: Anne Will, Maybrit Illner, Maischberger und – oh Schreck lass nach – der schnell-plappernde Quickie-Denker und so schön gegelte Schwarzkopf Markus Lanz! Manche in den Diskussionsrunden mochten vielleicht nicht schlechter formulieren als Michael Wolffsohn, doch die Substanz ihrer Formulierungen konnte man kaum mit seinen Beiträgen vergleichen.

Als ich Wolffsohn während einer der vielen kriegerischen Auseinandersetzungen im Norden Israels vorschlug, die unter den Grausamkeiten leidenden israelischen Kinder in einer spontanen Hilfsaktion nach Deutschland zu holen und in deutschen Familien unterzubringen, griff er die Idee begeistert auf. (Leider teilte er mir bald schon mit, deutlich enttäuscht, dass aus dem Projekt nichts werden würde – wegen bürokratischer Hindernisse.)

In der offensichtlichen Betroffenheit hatten wir, er Jude, ich Christ, wohl ein und dasselbe moralische Empfinden. War seine spontane Bereitschaft, Hilfe für Kinder zu leisten, nicht Ausdruck einer christlich-jüdischen Prägung, die im abendländischen Wertekanon beheimatet ist?

Christen und Juden kommen aus einem gemeinsamen kulturellen Elternhaus. Sie sind ganz sicher in manchem unterschiedlich, wie das unter Geschwistern so üblich ist. Aber da gibt es doch etwas, was in unser christlich-jüdisches Gen geschrieben ist: Achtung vor der Individualität und damit Freiheit jedes Menschen, Verpflichtung zur Hilfe im Sinn des Samariter-Gleichnisses, Ehrfurcht vor dem Leben, die Suche nach Meta-Physischem, und auch – die Tolerierung der verweigerten oder erfolglosen Suche danach im Atheismus.

Diese Freiheit der Entscheidung für oder gegen Gott kennt man nicht in einer Kultur, die den Ungläubigen als unterhalb des Tieres Angesiedelten verurteilt.

Da muss ein kleiner Unterschied zwischen diesen Kulturen vorliegen. Ist vielleicht doch eine spezifisch christlich-jüdische Kultur erkennbar, wie sie jetzt noch am Leben ist?

In der Süddeutschen Zeitung vom 3. April 2018 schreibt MW einen Artikel, dessen Überschrift eine augenreibende Wirkung hervorrufen muss:

„Der Begriff „christliches Abendland“ ist geistiger Müll“.

Starker Tobak.

Eigentlich riecht diese These nach zwei Personen, die mit „deutscher“, geschweige denn christlicher Kulturidentifikation nichts am Hut haben.

Aydan Özoguz, bis März 2018 Integrationsministerin, behauptete, dass eine „spezifisch deutsche Kultur […] jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar“ sei. An ihrer Seite der leider noch nicht auf einem Selfie mit der Kanzlerin um die Welt gereiste Journalist Deniz Yücel, der die Transformation Deutschlands als „Völkersterben von seiner schönsten Seite“ bezeichnet hat. Christliches Abendland als Müllbegriff ? Das hört sich an nach einer Paraphrase Yücels: „Kultursterben von seiner schönsten Seite“.

Erst 2016 hatte der Theologe und Brauchtumsforscher Becker-Huberti die These von der Phantasiegestalt ‚christliches Abendland’ vertreten, aber weniger aggressiv als Wolffsohn. Er sprach von dem Begriff als einer „Fiktion“ bzw. einer „ Chimäre“.

Insofern kocht Wolffsohn hier kalten Kaffee nochmal auf,

…ideal zubereitet für die gegenwärtigen links-populistischen Aktivisten zur Abschaffung unserer (vielleicht doch ein wenig christlich geprägten?) Kulturlandschaft, wie sie in Medien und Politik – und leider auch in der Kirche – mit wachsendem Eifer betrieben wird.

Als Kardinal Marx und Bischof Bedford-Strohm 2016 am Tempelberg in Jerusalem sowie an der Klagemauer sich des Kreuzes als schlechthinnigem Symbol des Christentums schamlos entledigten, schrieb MW einen Offenen Brief an beide in der Bildzeitung und beklagte deren fehlenden „Bekennermut“. Wozu er sich jetzt in seinem Artikel in der SZ mutig bekennt, ist eindeutig: die inhaltliche Entleerung des Begriffs „christliches Abendland“.

Wie beides, die Kritik am mangelnden christlich-abendländischen Kulturbekenntnis der Oberhirten und die Destruktion dessen, was diese andernorts und überall zu vertreten schuldig sind, bleibt Wolffsohns Geheimnis.

Der Verdacht: In der Emotionalität der von Wolffsohn vorgenommenen Entwertung des von ihm attackierten ’christlichen Abendlandes’ macht sich etwas Luft, was mit seiner sonst gekannten analytischen Nüchternheit nicht vereinbar ist und deswegen an Glaubwürdigkeit verliert. Formulierungen wie „stammtischlerisch grölende Zeitgenossen à la Pegida … „kirchlich-christlich-abendländische Sündenregister … die abendländische Ideologie … Heidenrepublik“ sind eher fragwürdig als tragfähig, hinterlassen sie doch den Eindruck von Ressentiment. Unmutsäußerungen, die fast schon Schadenfreude erkennen lassen, findet man leider auch:

„Von 1961 an [ … ] fehlten Arbeitskräfte aus der DDR. Bonn suchte und fand – Türken. Sie wurden [ … ] wie Waren importiert, das hat nicht nur ihre erste Generation frustriert. … Heute wird uns von ihren Kindern und Kindeskindern die Rechnung dafür präsentiert. So mancher reagiert darauf wie in Schillers Fiesco: „Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen.“ Anstand sieht anders aus.“

Begriffe sind der sprachliche Kitt des Zusammenhalts Gleichgesinnter

Begriffe auf ihre Belastbarkeit hinsichtlich ihrer Präzision zu untersuchen, ist ein legitimes, weil originäres Anliegen von Wissenschaft. Aus der Sprachpsychologie weiß man jedoch auch, dass die emotionale Aufladung eines Begriffs über die zu fordernde wissenschaftliche Präzision hinausgeht und dabei, was entscheidend ist, Wirkmächtigkeit entfalten kann. Begriffe können damit durchaus auch einen legitimen Anspruch erheben, der nicht in sich schon „Müll“ ist, nur weil es ihnen an Präzision mangelt.

Was sind die Folgen einer Streichung des Begriffes „christliches Abendland“?

Wenn man die Konsequenzen aus der von Wolffsohn geforderten Eliminierung des Begriffes „Christliches Abendland“ im Bewusstsein heranwachsender Generationen erwägt, stellen sich bedrohliche Bedenken ein.

Wollen wir, die schon länger hier lebenden Deutschen, darauf verzichten, unsere Kultur über das Christlich-Jüdische weiterhin zu definieren und sie allen – auch den neu Dazugekommenen- als den geistigen Nährboden erhalten, der uns Jahrhunderte lang geprägt hat?

Oder wollen wir die mit dem Begriff verbundenen Inhalte namenlos im Raum stehen lassen und damit in die Vergessenheit entsorgen? Und damit einem neuen Kulturverständnis Platz machen, dessen Inhalte konträr zu den ‚christlich-abendländischen’ stehen?

Die Botschaft an Heranwachsende

Heranwachsende in unsere Kultur einzuführen, die prägend für vergangene Generationen war und die im Abendland Werte wie Toleranz, die Gleichheit von Mann und Frau, von Menschen aller Stände und Hierarchien, sowie die Freiheit des Individuums hervorbrachte – all dies wird bei Menschen, die sich damit identifizieren, immer noch als Teil der abendländischen Kultur betrachtet. Beispiele für den Verrat an diesen Werten, die Wolffsohn zurecht anführt, stellen die Summe des Erreichten nicht in Frage.

Wenn der Begriff „christliches Abendland“ um das Jüdische aus Präzisierungsgründen ergänzt werden muss, gibt es nichts dagegen einzuwenden.

Dann spreche man eben von „christlich-jüdischem Abendland“, mit dem Hinweis auf die gültige Präsenz dieser Kultur, auch wenn Judentum und Christentum dem Morgenland entwuchsen.

Übrigens weist jeder christliche Gottesdienst auf diesen inneren Zusammenhang hin: Lesungen aus dem Alten wie aus dem Neuen Testament und die zentrale Rolle der Psalmen im Gesang sind davon ein anhaltendes Zeugnis. Das Christliche versteht sich als nicht vom Jüdischen abtrennbar.

Judenpogrome, selbst wenn sie christlich verbrämt wurden, sind zwar schreckliche Zeugnisse einer pervertierten christlich-abendländischen Kultur. Die inhärente Verbindung des Christlichen mit dem Jüdischen ist dadurch nicht aufgehoben.

Es geht nicht unwesentlich darum, den jungen Menschen von heute (soweit sie sich überhaupt dafür interessieren), eine übergreifende Identifikation mit unseren, in der westlichen Kultur geltenden Werten und dem notwendigen Wir-Gefühl zur Bewahrung dieser Werte anzubieten und zu erhalten.

Die Transformation des christlich-jüdischen Abendlandes in ein „buntes Abendland“ herbeizusehnen, wie dies von einer bestimmten politischen Couleur gefordert wird, und dies als moderne Erlösungsvision zu präsentieren – das kann wohl nicht die Lösung sein.

Dann nämlich ist nicht nur der Begriff, sondern auch die „Sache“ christliches Abendland Müll.

Dieser Text ist zuerst auf Philosophia Perennis erschienen. Danke für die Möglichkeit der Zweitpublikation auf FRANJORDANBLOG. 

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Ein Gedanke zu “Die Entsorgung des christlichen Abendlands

  1. Wir verlieren als Deutsche/Europäer alles, wenn wir den Begriff „christliches Abendland“ auf den Müllhaufen kippen. Auch als Atheist bin ich mir der Kultur meiner Wurzeln sehr wohl bewusst. Wir wären alle nicht das, wenn Europa nicht vom Christentum geprägt worden wäre. Wenn wir unser kulturelles Erbe wegwerfen, werden wir wurzellos und unsere ganzen kulturellen Errungenschaften werden in den Orkus der Geschichte verschwinden. Ein Einwand. Das Christentum hat sich in seiner Geschichte eher nicht mit dem Jüdischen verbandelt (sehr moderat ausgedrückt). Christen haben in ihre Geschichte sich stets vom Judentum abgegrenzt, deshalb ist das Glaubensbekenntnis auch das NT. Im Judentum gibt es kein NT. Gleiche Wurzeln bedeuten nicht unbedingt Übereinstimmung. Die Kinder des Judentums: Christentum und Islam haben sich sehr unterschiedlich vom Judentum wegentwickelt. Maßstab dürfen in der Betrachtung nicht diejenigen sein, die nicht mehr strenggläubig sind, die moderat geworden sind. Orthodoxe Juden haben kaum Gemeinsamkeiten mit dem Christentum und stehen sogar dem israelischen Staat oft negativ entgegen. Oder denken Sie daran – hier kann man die Unterschiede immer am besten sehen – wer wen heiraten darf und warum nicht und was mit den Kindern geschieht. Hier tun sich Welten auf. Unser damaliger israelischer Reiseleiter, ein hochrangiger Militär in Rente, sagte uns, dass orthodoxe Juden auch lieber (eigentlich komischer Weise) unter Muslimen leben würden, als in Israel. Der Begriff christlich-jüdisch ist noch nicht allzu alt und erscheint mir eher ideologischer Natur zu sein. In meinem Religionsunterricht wurde ich nie mit diesem Begriff konfrontiert.

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