Wissen oder glauben?

Eine Studie von Psychologen um Miron Zuckerman von der University of Rochester und Ed Diener von der University of Virgina, die im April im Fachblatt Personality and Social Psychology Bulletin veröffentlicht wurde, zeigt auf, dass ein Zusammenhang zwischen dem Glauben an einen Gott und der Fürsorge, die ein Staat seinen Bürgern bietet, besteht. Das Ergebnis der Studie, in deren Rahmen zwischen 2005 und 2009 mehr als 455’000 Personen aus 155 Ländern befragt wurden: Je weniger Sicherheit säkulare Instanzen den Menschen  bieten, desto eher wird nach dem Beistand Gottes gesucht. Oder anders rum: Wo der Staat ein alles kontrollierender Wohlfahrtsstaat ist, brauchen die meisten keinen Gott. Europas leere Kirchen bestätigen es.

Die Wissenschaftler kommen denn auch zu dem Schluss, dass nicht der Inhalt einer Glaubenslehre die Menschen zu Gläubigen macht, sondern ihr psychisches Bedürfnis nach Sicherheit, Halt, Kontrolle und Trost. Im Umkehrschluss bedeutet das: Je grösser das Vertrauen in die letztendliche Verantwortlichkeit des Staats für das persönliche Wohlergehen eines jeden einzelnen ist, desto weniger braucht es die Vorstellung eines gerechten, liebenden und eingreifenden Gottes.

Wer also weiss, dass der Staat ihn nicht in Halt- und Trostlosgikeit, ins Unkontrollierte und Unsichere fallen lässt, und, sollte er doch fallen, nicht darin liegen lässt, hat keinen Glauben nötig. Wer hingegen der Meinung ist, das Leben in Freiheit bedeute, auf sich allein gestellt die Konsequenzen seiner Entscheidungen zu tragen, hat Tendenz zu glauben. Dort Sicherheit durch Emanzipation und Aufklärung, hier der Hang zu krückenbewehrter Flucht aus der Unsicherheit ins Immaginierte. Dort die Rebellion des Geistes, hier der Glaube des Kindes. Kurz: Wissen braucht keinen Gott. Nichtwissen, braucht ihn. Soweit die Studie.

Wovon sie nicht spricht, ist, dass, was heute als Wissen gilt, auf dessen Grundlage gehandelt wird, längst bloss noch dessen Beschwörung und nicht mehr sein Ausdruck ist. Hinter den Formeln oft nur lauwarm hoffende Leere – ein Fest bequemen, sklavischen, geistig toten Glaubens an einen obrigkeitlich organisierten Harmonie-Terror, in dem Ungleichheit, Unberechenbarkeit, Chaos und Unsicherheit verboten sind.

Die Frage, welche Idee grössere Glaubenskraft verlangt, drängt sich auf: Jene an einen persönlichen Gott, der den Menschen zu Freiheit von Tyrannei befähigt (eigener ebenso wie fremder), oder jene an das grenzen- und selbstlose Wohlwollen einer kleinen Gruppe von Menschen – denn genau das ist der Staat -, die sich als Lenker, Vollender, Erneuerer und Retter geriert? Ist es wirklich die Spur des Verstandes, dem die Menschen folgen, wenn sie an die fehlerlos gute Absicht und Vollkommenheit staatlicher Geld-, Sozial-, Familien-, Bildungs- und Migrationspolitik glauben. An Gender- und Klima-„Wissenschaft“? An staatliche Gerechtigkeit, Wohlfahrt oder Rettung ? Oder etwa daran, dass es via Frauen-Boni, Rassen-Ablasse, Minderheiten-, Trauma-und Armuts-Rabatte, so etwas wie organisierbare Gleichheit und damit eine von Neid befreite Welt gäbe?

Oder anders gefragt: Ist es emanzipiert und aufgeklärt, zu denken, irgendjemand anderer als man selber sei zuständig dafür, die fertige Form persönlichen Glücks für jeden einzelnen bereitzustellen, während man selber befreit sei von der Arbeit und der Qual des Formens? Ist es stark und menschenwürdig, zu erwarten, das Vollendete werde freihaus geliefert und man selber käme um die quälende Unsicherheit der Provisorien herum? Ist es fortschrittlich, zu denken, das Versuchen, das Scheitern, das erneute Versuchen nähmen aus selbstloser Berufung andere auf sich, während man selber ausschliesslich ein Recht auf das Gelungene habe?

Nein. Das Gegenteil ist der Fall. Die Form ohne die Mühe und Beschwerden des Formens ist tot. Das Vollendete ohne das Wissen um die Stationen des Provisorischen hat keinen Wert. Das Gelungene ohne die Möglichkeit des Scheiterns ist nur Ware. Leben ohne Unsicherheit, also das, was der Staat vorgibt, für die Menschen anzustreben, ist nicht Leben. Es ist eine freiwillige heimatlose Lagerexistenz hinter Mauern fauler Ignoranz. Aus purer Angst vor Gefährdung, vor Brüchen, vor Dissonanz. Angst vor der Anstrengung und den Grenzen des Verstehens, vor den zwingend sich einstellenden Widersprüchen jeder Wirklichkeitserfassung, vor dem Zwielicht des Zweifels, vor dem Nur-Ahnen und dem bewussten Sprung in den Glauben. Angst vor dem Leben.

Denn Tatsache ist und bleibt: Wer das volle Leben will, wer Freiheit will, wird glauben müssen. Zumindest an die Begrenztheit menschlicher Erkenntnis und daran, dass es „dahinter“ mehr gibt. Denn was wäre das denn für ein Halbleben, das sich beschränkt auf die Feststellung „Alles ist, wie es ist und das war’s“? Was für eine dem Menschenmöglichen unangemessene Auffassung. Was für eine phantasielose Armut. Und vor allem: Was für eine naive Anmassung, zu denken, man selber oder ein anderer Mensch, der es gut mit einem meine, sei im Besitz einer fehlerlosen Vernunft oder gar der Wahrheit. Es ist eine der ältesten und tödlichsten Lügen überhaupt.

Anstatt also aufeinander rumzuhacken und von oben und unten und von seitwärts auf einander herunter zu sehen, stellen wir uns der unmenschlichen Arroganz der Wahrheits- und Gerechtigkeits-Besitzer entgegen. Egal, ob Christen oder Atheisten – wenn wir es aus freier Entscheidung und selbst errungener Überzeugung sind, dann wissen wir, dass wir glauben. Und dann wissen wir, dass, wer vorgibt nicht zu glauben, sondern einzig zu wissen, uns bescheisst. Leben – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – bedeuten doch gerade das ahnende Erkunden des Möglichen, das tastende Aufscheuchen des Nur-Vorstellbaren, das Erringen und Akzeptieren einer Wirklichkeit, der mit Logik nie zu 100 Prozent beizukommen ist.

Die Frage nach Wissen oder Glauben ist eine, die jeder, der den Anspruch hat, als Freier zu leben, sich selber stellen sollte. Ebenso wichtig aber ist jene nach dem Nichtwissenwollen. Sie ist für uns, unser Leben und für unsere Zukunft als Gesellschaft mit grosser Wahrscheinlichkeit entscheidend. Einmal mehr.

9 Gedanken zu “Wissen oder glauben?

  1. Hm…. Erschließt sich mir nicht. Ich finde, du machst da eine ganze Menge scheinbare Dichotomien auf, und deine Schlussfolgerungen kommen mir nicht mal dann valide vor, wenn man die als solche anerkennt.
    Wer so viel von Verantwortung und Freiheit redet, sollte es sich nicht so leicht machen.
    Find ich.

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    • Sie bringen es mit einem Wort auf den Punkt: „Scheinbar“. Hier wird gar nichts aufgemacht – weder Dichoto-Dingsdas noch sonst irgendwas. Wie auch, wenn der Gegenstand der Überlegung (Glaube) etwas ist, das gern im Zwielicht belassen wird. Oder gar als etwas abgetan, das ausserhalb des Geistes zu suchen oder gar ein vermeidbarer Fehler sei, während er, wo es opportun erscheint, schlicht in etwas anderes (Wissen) umgedeutet wird? Solche Texte sind immer ein Tasten – entsprechend sind die „Schlussfolgerungen“: Es sind keine. Es ist ein Suchen, ein Ideenaufstöbern, ein Anregen und Anstossgeben. Zallererst stets an die eigene Adresse. Das ist meine Freiheit im Rahmen dieses Blogs. Und meine Verantwortlichkeit. Der Leser ist umfassend gewarnt (siehe: Dieser Blog ist ein Möbel).

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  2. Entscheidend ist für mich, was man unter Glauben versteht. Religiöser Glaube ist das eine, Glaube an Zukunft, Vergangenheit, Wahrheit und Wissen ist etwas völlig anderes.
    Außerdem sollte man berücksichtigen, welchen Zwecken religiöser Glaube in der Vergangenheit auch gedient hat.
    Aufklärung entfernt Menschen von den Religionen, Religionen halten Menschen von Aufklärung fern. Mein Motto: Glaube nichts, hinterfrage alles. Daher kann man im Glauben keine Freiheit finden. Weder wenn man an den Staat glaubt, noch wenn man an einen Gott glaubt.

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    • Ist es nicht dann grundsätzlich Glaube, wenn Dinge einem persönlich nur plausibel erscheinen,? Ist es nicht das Nicht-, Noch-Nicht- oder Nicht-Mehr-Sichtbare, woran man glaubt? Ich weiss nicht, ob der Glaube an einen Gott etwas „völlig anderes“ sein kann, als jener an künftiges Wissen oder eine wie auch immer geartete Zukunft. Prekär – und das ist der zweite Punkt, den Sie ansprechen – wird es dann, wenn Menschen (eine Gruppe oder einzelne) eine Art „Glaubensgehorsam“ von anderen fordern. Mithin das, was Kirchen und Staaten zum Zweck des letztendlich immer persönlichen Machtausbaus und -erhalts tun. Gerade im Christentum kann nicht die Rede davon sein, dass die Lehre an sich dem Zweck der Machtakummullierung dient. Es sind die Menschen. Stets die Menschen. In diesem Fall die Kirche. Und der Staat gebärdet sich heute mitsamt seinen „Nahestehenden“ (Universitärer Wissenschaftsbetrieb, mit Steuergeld allimentierte NGOs, ihn finanzierende Grossbanken- und Konzerne) wieder sehr ähnlich. Meinungen werden in „gut“ oder „böse“ unterteilt, was sich Wissenschaft nennt, ist oft nicht mehr systematische Methode der Untersuchung von Naturphänomenen, sondern philosophisches Prinzip des säkularen Humanismus und gewisse Antwortoptionen werden von vornherein ausgeschlossen. In diesem Sinn denke ich eher: Aufklärung entfernt Menschen von Kirchen und allen anderen Formen des organisierten Machtanspruchs von Menschen über Menschen und nicht sosehr vom Glauben.

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  3. ich hoffe es ist nicht zu billig, aber im Sinne von: „Mensch bilde Dir selber ein Urteil“ möchte ich auf folgende Schrift hinweisen: Toleranz und Gewalt: Das Christentum zwischen Bibel und Schwert von Arnold Angenendt. Sie hat mir die Augen geöffnet dafür, dass viel mehr dessen, was ich als Kirchenausgetretener gerne als Eigenkreation des säkularen Humanismus feiern möchte, ohne die kirchlichen Entwicklungen kaum so denkbar ist.
    Jedenfalls bietet mir persönlich die Lektüre jede Menge von “ Es ist ein Suchen, ein Ideenaufstöbern, ein Anregen und Anstossgeben.“ 🙂

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  4. Interessante Betrachtungsweise. Politik hat eindeutig etwas mit Religion zusammen. Auf lesefunk.de veröffentliche ich bald einen Artikel über die Trennung von Kirche und Staat: „Ich glaube nicht“

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    • Danke für Kommentar und Hinweis. Der Staat verhält sich in meinen Augen genauso wie die Herrschafts-Kirchen der Vergangenheit und bedient sich der Scheiterhaufen, der Ächtung, des Banns und der säkularen Prophetien (Klima, Gender, Energie) wie seit jeher. Kein grosser Unterschied in meinen Augen. Glaube/Religion ist meines Erachtens etwas Persönliches und vor allem Freiwilliges. Die Kirchen von früher und der Staat heute sind es nicht. Dass trotz dieses faktischen Zwangs daran geglaubt und davon Rettung und Führung erhofft wird (von Menschen also) ist in Zeiten, wo jeder sich „aufgeklärt“ nennt, umso erstaunlicher. Letzten Endes ging es wohl schon immer darum, persönliche Verantwortung abzugeben in der irrtümlichen Annahme, man sei dann „freier“, das Leben einfacher.

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