Der ewige Nazi als Opium des Volkes

Von Philipp Anton Mende

Merke: Wenn es schlicht und ergreifend keine Nazis gibt, gegen die man kämpfen könnte, werden sie kurzerhand erfunden und herbei halluziniert, um den eigenen Gewaltfetisch zu rechtfertigen. Die ewige Aufrechterhaltung des gleichermaßen ewigen Nazis ist für die sinn- und ziellos umherirrenden, belogenen Generationen von existenzieller Bedeutung und Notwendigkeit, um irgendwie durch den Tag zu kommen.

Ohne jene für jeden rational denkenden sowie klarsehenden Menschen mit Leichtigkeit zu durchschauende und zum Fremdschämen lächerliche Fassade bliebe nämlich nur ein Haufen wohlstandsverwahrloster Nachwuchs-Hardcore-Etatisten, einer Zivilisation scheinbar überdrüssig, gleichzeitig unfähig, objektive Wissenschaft nachzuvollziehen (oder gar anzustreben). Letzteres bedürfte nämlich eines Mindestmaßes an konzentrierter Anstrengung, ausdauerndem Sitzfleisch und innerer Disziplin, allesamt Dinge, die sich mit emotionaler Inkontinenz nicht vertragen. (Vorhin las ich irgendwo: „Früher dachte ich, 20-Jährige wären erwachsen. Das war ungefähr zu der Zeit, als ich dachte, Studenten wären schlau.“)

Nichtsdestotrotz lechzen auch die jungen Nazi-Ghostbusters nach Gemeinschaft. Diese finden sie in anderen Denkfaulen und Möchtegern-Rebellen. Gemeinsam können sie mangels Wissen und Überzeugungskraft keinerlei „natürliche“ Interessenten anlocken. Folglich wird ein „Wir-sind-die-Guten“-Narrativ nicht etwa anhand von Vernunft, Recherche, Empirie, Wissenschaft (kurz: Lernen & Verstehen) und zuletzt Überzeugungskraft mühsam und in einem langen Prozess verdient, nein, das Narrativ wird kurzerhand konstruiert. Hinausgeschrien. Postuliert.

So entsteht eine Solidarität, die sich dem Kampf gegen einen erfundenen Teufel verschreibt. Gleichzeitig schottet man sich von vornherein gegen jede Form von Debatte und Diskurs ab, indem man die Behauptung vorschiebt, das bringe sowieso nichts. Auf keinen Fall darf man aus erster Hand recherchieren, was der jeweilige „Teufel“ eigentlich tatsächlich gesagt oder geschrieben hat. Hörensagen genügt.

In Wahrheit weiß man, tief im Inneren, um die eigene, völlige Ahnungslosigkeit, völlig egal, ob es dabei um ethische PrinzipienÖkonomieMigrationKriminalitätIslamFeminismusGenderismusKlimaSozialismus etc. geht. Wichtig ist nur: Unter keinen Umständen darf man es zu einer öffentlichen Debatte kommen lassen. Das Resultat wäre eine Demütigung, die, sofern es doch einmal dazu kommt, leider nicht als Chance begriffen wird, daraus zu lernen, sondern als Bestätigung, mehr Totalitarismus wagen zu müssen, um den „Teufel“ mundtot, ja, unschädlich zu machen. Dabei müsste es doch das Leichteste der Welt sein, einen stupiden Nazi-, Rassisten-, Sexisten-, Faschisten- oder Kapitalisten-Teufel, der keinen Dunst hat bzw. „sowieso“ in allem falsch liegt, argumentativ an die Wand zu nageln. Seltsam.

Hier nur einige Beispiele, was passiert, sofern man sich als Ahnungslose(r) mit diversen „Teufeln” (sprich völlig normalen, aber intelligenten Menschen) einlässt:

3 Gedanken zu “Der ewige Nazi als Opium des Volkes

  1. Es existiert so ein Missverstaendniss in den Koepfen der modernen, sog. aufgeklaerten Menschen. Wir meinen, dass seit der Aufklaerung die Menschheit sich nur noch von Rationalitaet, Logik, Wissenschaftlichkeit steuern laesst und die alten Dogmen, der alte Glaube, irrational und somit wirkungslos waere. Gerade Jordan Peterson muss man dankbar dafuer sein, den guten alten verschmaehten Carl Jung wieder ins Bewusstsein gebracht zu haben. Wir erleben das ja derzeit im Extrem, dass Mythologie (ein Narrativ) erheblich mehr Einfluss auf Menschen hat, als jede zahlen-, faktenbasierte, oder wissenschaftliche Betrachtung. Mythologie schlaegt Fakten um Laengen. Das wissen die Journalisten und deshalb nutzen sie das auch.

    Der mythische Nazi, der mythologische Drache, der mythologische Teufel muss immerdar bekaempft werden, auch und gerade wenn er nicht sichtbar oder greifbar ist. Genauso wurde der Mythos des edlen Wilden, des ewigen Winnetous wieder belebt, der immer das gute und richtige tut und will, selbst wenn er etwas objektiv boeses tut. Die Antifanten sehen sich als Mitstreiter des mtyhologischen Winnetou, die gegen den Teufel in Nazigestalt kaempfen. Fakten richten da gar nichts aus. Es entscheidet sich daran, ob ein mythologisches Narrativ gefunden wird, welches attraktiver ist als das in den Medien propagierte. Das birgt die Gefahr, dass Teile der Nazi-Mythologie wieder verwendet werden, wie eine kleine Minderheit rechter Demonstranten immer wieder durch Hitler-Gruesse aufzeigt. Dies erweckt den Eindruck eines Dilemmas. Wir muessen da durch und ein besseres, alle zufrieden stellendes Narrativ entwerfen.

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    • Dieses Narrativ für alle ist die Geschichte, wie sie war. Die ist zwar nicht das, was alle wollten, aber das, was alle erlebt haben. Sie zu erkennen ist allerdings nicht einfach, und auch nicht immer möglich.

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