Wählen ist Wollen

Kleiner Gimmick zur Europawahl – von Andreas Thietdke

Wählen ist Wollen, ist Ausdruck einer Vorliebe (Präferenz). Wählen ist ordinal (ordnend), zeigt also, was vorgezogen und was zurückgestellt wird. Deshalb kann man Ordinalzahlen verwenden. Das sind: Erstens (1.), zweitens (2.), 3. und so weiter.

Mit Ordinalzahlen kann man keine Rechenoperationen durchführen wie mit Kardinalzahlen (das sind 1, 2, 3 und so weiter). Erstens plus viertens ergibt nicht fünftens. Wenn mein Lieblingsfilm an erster Stelle Star Wars ist und an vierter Stelle Herr der Ringe, dann kann ich nix addieren oder subtrahieren.

Ich kann Präferenzen zählen. Das Ergebnis ist eine Anzahl. Eine Anzahl ist keine Präferenz, also keine Wahl, weil sie nicht die Form 1., 2., 3. hat, sondern schlicht eine Anzahl von etwas Gezähltem, Gemessenen oder Gewogenen.

Addiere ich die Präferenzen der Wähler, ist das Ergebnis die Anzahl der unterschiedlichen Präferenzen. Es ist eine historische Information über eine Anzahl von Vorlieben.

Der Nutzen eines Menschen, seine letzten Ziele, die Befriedigung, die er von einer Wahl erfährt, sind nicht vergleichbar, weil es keinen allgemeinen Standard gibt von dem psychischen Gewinn, den ein Mensch erfährt von seiner Wahl, keinen Ur-Meter, kein Ur-Kilogramm. Präferenzen-Summen zählen lediglich die Köpfe der Wählenden, aber sie können nichts über den Nutzen aussagen, den die Wählenden sich von ihrer Wahl versprechen, weil Nutzen inter-subjektiv nicht vergleichbar ist.

Beispielsweise wenn vier Menschen einen fünften vergewaltigen, dann sind 80% für die Vergewaltigung. Es ist natürlich absurd zu behaupten, die fünf hätten zu 80% die Vergewaltigung gewählt. Der Vergewaltigte hat sie gerade nicht gewählt. Und der Unnutzen, den der Vergewaltigte erfährt, kann nicht mit dem Nutzen der vier Vergewaltiger „verglichen“ werden. Nutzen ist subjektiv.

Nur bei Einvernehmen liegt eine gemeinsame Wahl vor. Bei jeder anderen „Mehrheit“ schlicht ein Dissens: Wir können nur sagen, dass diese Anzahl dasjenige wählt und die andere etwas anderes. Sie stimmen nicht überein.

Dass das Gewicht einer Stimme quasi infinitessimal (unendlich) klein ist, spielt also gar keine Rolle mehr. Aber trotzdem: Wenn eine Million Menschen ihre Präferenzen auf einen Zettel schreiben und dann wird schlicht die Anzahl der Präferenzen ermittelt und die gegenläufigen Präferenzen von Minderheiten im Hinblick auf Regierung und Gesetze ignoriert, und wenn zudem kein „Gewählter“ an das gebunden ist, was er vorher im „Präferenz-Aufschreibe-Kampf“ „versprochen“ hat, dann ist es nach aller menschlicher Erfahrung folgenlos, was der einzelne aufschreibt.

Es ist keine individuelle Wahl, weil das Wollen des einzelnen keine Rolle spielt. Es ist aber auch keine kollektive Wahl, weil dann Einvernehmen vorliegen müsste (80% des Kollektivs waren für die Vergewaltigung ist keine sinnvolle Aussage). Das Kollektiv hat keine eigene Persönlichkeit, es besteht nur aus Individuen, deren Nutzen nicht „gemessen“ oder „verglichen“ werden kann.

Diese Arten des Aufgeschriebene-Präferenzen-Zusammenzählens und das Schlussfolgern, wer dann herrscht, wurden auch nie einvernehmlich entschieden. Solche Gruppen von Regierungen kamen durch Gewalt an die Macht und erhalten sie sich durch Drohung mit Gewalt. Die Wählenden haben in erster Linie nicht zugestimmt, dass überhaupt in dieser Art und Weise Entscheidungen getroffen werden, und auch wenn viele damit einverstanden sind, so sind es viele doch auch nicht.

Ich beschreibe hier lediglich, ich mache keine Sollte-Aussagen. Man kann das Addieren von Präferenz zum Zweck der Etablierung von Herrschaft gut finden, weil klar ist, dass die Bestimmer die Mehrheit der gezählten Köpfe hinter sich haben, und man so Bürgerkriege vermeiden möchte.

Oder man kann es schlecht finden, weil dann lediglich das „Recht“ des Stärkeren (der „Mehrheit“) gilt. Es ist das Resultat von dem, was die Bürger an der Anarchie so fürchten: Dass dann schlicht gilt, was die Stärkeren wollen. Denn dass das gilt, was die Stärkeren durchsetzen können, ist schlicht eine Tautologie (Aussage, die immer wahr ist), denn sonst wären sie ja nicht die Stärkeren.

5 Gedanken zu “Wählen ist Wollen

  1. Kein Wunder zweifeln immer mehr an Churchills Worten (Democracy is the worst form of government, except for all the others.). Im Grunde ist Demokratie nur EINE METHODE, um zu Entscheidungen zu gelangen. Es gibt viele andere Techniken und Methoden um zur Entscheidungsfindung zu gelangen, die jedem brauchbaren Manager bekannt sind. Z.B., der Maechtigste bestimmt, eine Technokratie (die Oligarchie beruecksichtigt die Fachleute), Konsens. Techniken, wie SWOT, PEST Analysen, Matrizen mit Gewichtungen usw. stehen zur Verfuegung. Und nicht zu vergessen: „aus dem Bauchgefuehl“ und „auswuerfeln“. Letztere beiden scheinen eine ideale Kombination mit unserer derzeitigen angeblichen Demokratie zu bilden, da die Parteien nur gefuehlige Werbung machen und letztlich mehr oder weniger zufaellige Entscheidungen (Grenzoeffnung) getroffen werden. Eine Technokratie (Kombination von Maechtigsten und Schlausten) kaeme mir persoenlich mehr entgegen, als die durch eine Oligarchie gesteuerte Ochlokratie, die wir derzeit haben. Aber, am Ende des Tages gilt, seit Jahrtausenden:

    Die Starken tun was sie wollen, die Schwachen erleiden was sie muessen.

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  2. Das „großartige“ Wahlergebnis der SPD zeigt doch, daß immerhin einige wach zu werden scheinen. Leider bemerken zu viele nicht, daß es sich bei den Linksgrünen nur um das umlackierte neue Modell
    mit Windabweiser (Klima) aus alter Werkstatt handelt und noch viel mehr erkennen nicht, daß es sich beid er CDU um Grimms Märchen handelt (Rotkäppchen). Es gibt sooo viel Platz in der Mitte!

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  3. Es gibt auch das Modell der Allparteienregierung, damit kommen alle Präferenzen ihrer Stärke nach in die Regierung. Das mildert die Diktatur der Mehrheit – es gibt dann aber keine parlamentarische Opposition mehr, das begünstigt die Kartellbildung.

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