Philipp Anton Mende – „Die Nihilismus-Party“

„Eine Achterbahn im Licht des Nichts“ sei das rund 450 Seiten starke Werk von Philipp Anton Mende, sagt das Cover. Einspruch! Das wird weder dem Buch noch dem Autor gerecht. Das Werk ist vielmehr eine Art geistiger Reinigungsanlage. Mende eine Ein-Mann-Putzkolonne. Warum.

Wenn Pferde sich auf der Weide wälzen, muss man später mit dem Striegel ran um Fell und Kruste gleichsam aufzurauhen. Gegen den Strich. Jedes Tier hat bei dieser Prozedur seine „heiklen“ Stellen, an denen es Striegel und Bürste nicht leiden kann. Dann langt es mit dem Kopf nach hinten oder einem Hinterlauf nach oben, um sich mit Biss oder Hufschlag zu wehren. Ganz ähnlich ist es mir bei der Lektüre von Mendes „Nihilismus-Party“ ergangen. Ich war das Pferd. Und ich habe mich redlich gewehrt.

Der Evangelist Charles Haddon Spurgeon – ich hör‘ Sie lachen, Mende! – sprach in anderem Zusammenhang einmal vom Paradoxon, das es möglich mache, einen bei voller Zustimmung wider Willen von A nach B zu führen. Beim vorliegenden Buch standen sich in meinem Fall die auf Vorurteil beruhende Ablehnung eines ideologisch überfrachteten Sinnlosigkeits-Begriffs und das Fundament gegenüber, auf das Mende ihn gestellt sehen will: Objektivität, Freiwilligkeit, Friedlichkeit im Sinn einer ethisch-moralisch guten Menschlichkeit.

Die Neugier auf Letzteres überwog. Zu meinem Glück. Der Ökonom und Publizist Roland Baader sagte einst, weil die Sprache das Material sei, mit dem wir denken, könne das Denken nur dann klar sein, wenn auch die Begriffe klar definiert seien.  Das könnte durchaus das Motto von Mendes Buch sein. Was für eine Freude, der sauberen, gründlichen Denke des Autors „Station“ um -„Station“ – so sind die Kapitel benannt – zu folgen. Schmerzfrei geht das natürlich nicht ab. Aber es lohnt sich. Wissbegier, Lernwille und Lebensliebe des Autors übertragen sich ab der ersten Seite auf den Leser. Man will schlicht mehr. Mehr lernen, mehr wissen, mehr verstehen – und dabei leichter werden. Sauberer. Der Leser wird nicht enttäuscht. Denn nebst der schieren Vielzahl zeitloser Erörterungen über erkenntnistheoretische, philosophische, ethische und politische Fragen, ist das Buch von brennender Aktualität. Und weil Mende ein hervorragender „Striegler“ ist und sprachlich ebenso elegant wie unterhaltsam und immer wieder aus humorvoller Distanz heraus an den Gegenstand seiner Untersuchungen herangeht, sind die „heiklen Stellen“ kein Grund, um sich zu schlagen. Jedenfalls nicht mit aller Kraft.

Wie könnte es auch anders sein, wenn einer sich anschickt Zugangs-Breschen zur Welt zu schlagen, wo die Welt der Einfachheit, Bequemlichkeit oder Feigheit halber und widersinnigerweise vermehrt auf Stereotypen setzt? Auf ein vermeintlich schützendes „Wir“ anstatt auf ein angst- und schmerzanfälliges „Ich“? Wo Vielfalt in Wirklichkeit Reduktion bedeutet, Offenheit Rückzug, Buntheit Uniformität?

Kurz: Das Buch ist eine Wohltat. Klare Kauf- und Leseempfehlung. Mein persönlicher Wunsch an den Autor: Bitte mehr desselben.

2 Gedanken zu “Philipp Anton Mende – „Die Nihilismus-Party“

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