Ohne Individualismus keinen Fortschritt

„Über die Freiheit“ – von John Stuart Mill (1859)

„In der Antike, im Mittelalter und in minderem Masse auch in der langen Übergangszeit von der Feudalität zur Neuzeit war das Individuum eine Macht in sich, und sogar eine erhebliche Macht, wenn grosses Talent oder hohe gesellschaftliche Stellung sich damit verbanden. Heutzutage verliert sich der Einzelne in der Menge. (…) Die einzige Macht, welche ihren Namen verdient, ist die von Massen und von Regierungen, solange sie sich zum Organ von Massentendenzen und -instinkten machen. (…) Die Grösse Englands ist jetzt eine Kollektivgrösse: im Individuellen klein, scheint es, als ob wir nur durch unsere Methode der Vereinigung eines Grossen fähig seien – und damit sind unsere Moralisten und religiösen Menschenfreunde vollkommen zufrieden. Aber Menschen anderen Schlages waren es, die England zu dem machten, was es gewesen ist, und Menschen anderen Schlages werden gebraucht, um seinen Fall abzuwenden.

(…) Es scheint, ein Volk kann für eine gewisse Strecke Zeit fortschrittlich sein und bleibt dann stehen. Wann steht es still? Wenn es aufhört, Individualität zu besitzen. (Dabei ist es) ja nicht der Fortschritt, gegen den wir uns stemmen, im Gegenteil, wir schmeicheln uns, das fortgeschrittenste Volk zu sein, das jemals lebte: Individualität ist es, wogegen wir im Kriege sind! Wir würden glauben, wir hätten ein Wunder vollbracht, wenn wir uns alle gleichgemacht hätten. Dabei vergessen wir, dass die Unähnlichkeit des einen mit dem andren im Allgemeinen das Erste ist, das die Aufmerksamkeit entweder auf die Unvollkommenheit des eigenen und die Überlegenheit eines anderen Typs lenkt oder auf die Möglichkeit, durch Verschmelzung der Vorzüge beider etwas Besseres zu erzeugen.

(…) Wenn der Individualismus nicht im Stande ist, sich erfolgreich dieses Jochs zu erwehren (Gleichmacherei, Anm. mh), so wird Europa, trotz seines noblen Vorhabens, trotz christlichen Bekentnisses dahin tendieren, ein zweites China zu werden.

Was hat Europa bisher von diesem Schicksal bewahrt? Was die europäische Völkerfamilie zu einem fortschreitenden, statt stagnierenden Teil der Menschheit gemacht? (…) (D)ie bemerkenswerte Verschiedenheit an Charakter und Kultur. (…) Aber schon beginnt dieser Vorteil sich beträchtlich zu mindern. Es nähert sich entschieden dem chinesischen Ideal, alle Einzelnen gleich zu machen. Herr von Tocqueville bemerkt in seinem letzten wichtigen Werk, wie viel mehr die Franzosen der heutigen Zeit einander gleichen als noch die der vorhergehenden Generation. (…) (Humbold weist) auf zwei für die menschliche Entwicklung nötige Bedingungen hin, welche die Menschen einander ungleich machen, nämlich Freiheit und Mannigfaltigkeit der äusseren Umstände. (…)

(Die) Angleichung schreitet (aber) noch fort. Alle politischen Veränderungen der Zeit befördern sie, da sie alle dazu neigen, das Niedrige zu erheben und das Hohe zu erniedrigen. (…) (Aber) eine noch mächtigere Wirksamkeit (…) – um eine allgemeine Angleichung der Menschen zuwege zu bringen – entfaltet in unserem und in anderen freien Ländern das absolute Übergewicht der öffentlichen Meinung.

Die Kombination all dieser Ursachen bildet eine so grosse dem Individuum feindliche Masse, dass es nicht leicht ist zu erkennen, wie es sicht behaupten kann. Die Schwierigkeiten werden noch wachsen, wenn nicht der einsichtige Teil des Publikums zur Erkenntnis des individuellen Wertes gebracht werden kann, zur Einscht, dass Unterschiede vorteilhaft sind, selbst wen sie nicht alle zum Besten dienen, sondern einige sogar allem Anschein nach zum Schlimmeren.

Wenn die Ansprüche des Individualismus überhaupt zu verfechten sind – jetzt ist die Zeit dafür, solange noch viel fehlt, um die aufgezwungene Angleichung vollständig zu machen. Nur in den frühen Stadien kann man einen Standpunkt erfolgreich gegen Übergriffe behaupten. Die Forderungen, dass alle anderen Menschen uns gleichen sollen, wächst durch die Nahrung, die sie erhält. Wenn der Widerstand wartet, bis das Leben nahezu auf einen gleichförmigen Typus gebracht ist, dann wird man alle Abweichungen von diesem Typ als gottlos, unmoralisch, ja sogar monströs und widernatürlich ansehen. Die Menschheit gerät rasch ausserstande, Verschiedenartigkeit zu begreifen, wenn sie einige Zeit ihren Anblick nicht mehr gewohnt ist.

4 Gedanken zu “Ohne Individualismus keinen Fortschritt

  1. So paßt auch wohl das feudale Kleinstaaten-Tum im ersten Deutschen Reich wunderbar in das Bild.
    Greift jedoch dieser sozialistische Gedanke der Gleichheit und Größe um sich, dann ist die Kultur, die des freien Denkens und des Streitens dahin.
    Man nimmt zwar noch die alten Errungenschaften, die Basis mit, doch der Gedanke „der Effektivität der Größe“ sorgt schlicht und ergreifend dafür, daß es eben in einer Monokultur endet. So brauch man auch nicht die Biologen bemühen, um zu erkennen, wo es letztendlich endet.

    Wie fein, offensichtlich und auch unverfroren wird ja, zielgerichtet, die „Eine-Welt-Regierung“ mit all ihren Schattierungen und Gliederungen propagiert. Mediale Begleitung ist mittlerweile auf allen Kanälen passend am Start, so daß sie sich (die Steuermänner und -frauen) auf ihr limitiertes und dienendes Volk freuen.

    Genug des klaren, wie sarkastischen Realismusses meinerseits,
    haben wir Mut und entfernen wir uns, auf den 100sten Affen wartend?

    Alles Liebe,
    Raffa.

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  2. Schoen, dass Sie das wieder heraus gekramt haben. Es ist uns heute kaum noch bewusst, wie stark sich die Gesellschaft im Zuge der Industrialisierung veraendert hat. Von wirklicher Diversitaet zu Massenbewegungen, Massenkonsum und Massenverbloedung (siehe Dutton/Menie).

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  3. Das Paradox dabei ist, dass einzelne Individuen sich gegen die Macht der Masse nicht erfolgreich wehren können — es sei denn sie vereinigen sich zum Kollektiv der Individualisten, zwecks Verteidigung der Individualitätsrechte.

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