Gefährten, nicht Feinde

Vor ein paar Jahren hatte ich das Glück, während eines Winters eine Hütte in den Schweizer Voralpen bewohnen zu dürfen. Täglich war ich nach der Schreibarbeit für Stunden mit dem Hund unterwegs. Während unserer Runden über die eisigen Höhen abseits von Dorf und Strassen traf ich nie jemanden. Was hätte ich getan, wäre ich einem begegnet, der mit Abweichungen dieselben kaum sichtbaren Pfade im Gestöber genommen hätte, auf anderen Wegen denselben schneegepeitschten Kreten ins Nirgendwo gefolgt wäre und in einer anderen Ecke unter denselben verlassenen Stalldächern Schutz gesucht hätte?

Hätte ich ihn grundsätzlich für sein schieres Dasein gehasst? Hätte ich ihn einen hirnlosen Idioten genannt, weil er zwar dasselbe uns beiden unbekannte Ziel, aber auf andere Weise anzustreben schien? Hätte ich seine Art zu gehen, seine Schritt- und Atemtechnik, sein Haltsuchen und Tasten nicht nur kritisiert, sondern aufs Wüsteste verlacht, beleidigt und mit Worten aus aus dem Bereich des Stoffwechsels bedacht? Hätte ich ihn zu meinem Feind gemacht und den Hund auf ihn gehetzt?

Sicher nicht. Allein die Vorstellung ist grotesk. Mit grosser Wahrscheinlichkeit hätte ich mich gefreut, da oben mal einen zu treffen, der dasselbe sucht und sieht. Als der Hund und ich eines Tages für Stunden in einem Schneesturm umherirrten, wäre ich der dankbarste Mensch gewesen, als solcher nicht allein, klein, blind und verloren in diesem weissen Chaos zu sein.

Das Verrückte ist nun, dass genau das heute oft geschieht. Nicht auf verlassenen Bergen bei minus 26 Grad, aber in nicht minder schönen, gefahrvollen, majestätischen Gegenden: jenen der Suche nach Wegen zur Erkenntnis, auf denen man einigermassen gehen kann, nach Wahrheiten und Teilwahrheiten, die zumindest vorübergehend Grund bieten und Halt zum Rasten.

Noch verrückter wird es, wenn man sich klar macht, dass die Begegnungen da „oben“ von vornherein feststehen und unausweichlich sind. Weil, wer beispielsweise seine Ablehnung von etwas verstehen will, sich dieselben Fragen stellen muss, wie der, der etwas befürworten möchte. Denselben Weg gehen, dieselben Schwierigkeiten meistern, dieselben Ängste durchstehen. Sowohl der Atheist, als auch der Gläubige müssen sich beispielsweise die Frage „Wer oder was ist Gott?“ vorlegen? Wie sonst kann einer ablehnen oder an das glauben, wovon er nichts weiss?

Anstatt sich nun aber grundsätzlich über die Begegnung, das Dasein eines anderen zu freuen, ihn zu fragen, wer er sei, woher er komme und wohin er wolle, geht man im Diskursiven bestenfalls grusslos vorbei – oft allerdings nicht, ohne ihm noch schnell die Ahnungslosigkeit und Idiotie seiner Person, Motive, seines aktuellen Standorts und seines bisherigen Wegs ohne nähere Begründung um die Ohren zu hauen.

Solches ist nicht einfach eine verpasste Chance, es ist nicht bloss schade und bedauerlich. Es ist fatal. Fatal deshalb, weil nicht nur die Chancen auf Erkenntnis, Fortkommen und Reichtum schrumpfen, sondern man selber. Wo einer sich grundsätzlich über andere erhebt, sein Ich mitsamt seinen Ideen zum König macht und über die Wirklichkeit – die eigene und die anderer – urteilt, anstatt sich bescheiden davon zu ernähren, der verliert nicht nur die anderen und die Möglichkeiten ihrer Ideen. Er verliert Kompass und Messgeräte, sich selbst und zuletzt die Wirklichkeit. Er wird zum Nichts. Geistig ebenso wie seelisch. Und er muss, um diesen Zustand ohne Halt auszuhalten, unten im Talkessel des „Man“ Schutz suchen in Haltung und bei anderen, die ausser menschlichem Kleingeld, denselben „Feinden“ und derselben Haltung auch nichts zu bieten haben. So funktioniert Spaltung.

7 Gedanken zu “Gefährten, nicht Feinde

  1. Was für eine schöne Analogie. Das ständig über andere zu urteilen, ohne vorher zu denken, ist eine Krankheit. Es ist die Krankheit unserer Zeit. Es ist die Ursache sowohl der jetzigen Stagnation wie des langsamen Absinken ins Chaos. Keiner und Keine bleiben bei sich selbst, sondern jeder urteilt vorschnell und übergriffig über alle Andersdenker. Das ist zutiefst krank und verhindert jede Entwicklung zum Besseren. Im Gegenteil. Es ist ein Rückfall in barbarische unmenschliche Zeiten, aller „political correctness“ und den Toleranz-Apellen zum Trotz. Oder genau deswegen. Intolerant Toleranz von allen andern fordern und gleichzeitig fast alle andern als „Gegner“ zu behandeln ist schizophren. Und genau so gespalten sieht auch die ganze Gesellschaft aus. Keinem scheint in den Sinn zu kommen, das Geforderte zuerst bei sich selbst anzuwenden. Nein, alle andern müssen sich ändern. Das hatten wir doch auch schon. Und es ist auch früher nie gut ausgegangen. Warum nur scheint der Mensch nichts aus der Geschichte und den eigenen Erfahrungen zu lernen?

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  2. Es ist schon fast ein wenig beängstigend. Guten Morgen. Gestern schrieb ich den unten aufgeführten Artikel, heute lese ich diesen hier. Es ist schön zu wissen, dass ich nicht alleine bin mit solchen Gedanken. Ganz herzlichen Dank dafür.

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    Ich erinnere mich noch an meine Kindheit und die vielen faszinierenden Bücher, Aufsätze, Zeitungsartikel, Berichte – viele davon haben mich oft nachts nicht schlafen lassen. Stoff zum Nachdenken und zum Diskutieren. Nie hat mich interessiert, wer etwas gesagt hat; selten, warum etwas wie gesagt wurde. Immer nur, was gesagt wurde.

    Wie es aussieht, haben damit die meisten Menschen heute ein Problem. Statt selbst zu denken, setzen sie lieber auf Glaubwürdigkeit. Nur ist das eben kein Kriterium für „wahr“ oder „falsch“. Weil in Glaubwürdigkeit der Glaube sein Unwesen treibt. Glaube und Wissen streiten sich im Gehirn. Ist wenig Wissen darin, ist viel Platz für Glauben. Nimmt die Zahl der Wissenden und der Wissen-Wollenden ab, steigt die Zahl derer, die glauben wollen. Glauben beruhigt. Glauben ist einfach. „Ich glaube“, sagt man und fertig ist der Lack. Niemand wird das hinterfragen, denn über den Glauben diskutiert man nicht. Erst recht nicht, wenn er politisch korrekt ist.

    Wissen bedeutet fragen; hinterfragen; nichts glauben, egal, von wem es kommt; prüfen; unvoreingenommen sein; seinen Vorurteilen eins mit der Keule verpassen; bedeutet Offenheit; bedeutet Ehrlichkeit, auch und vor allem zu sich selbst und es bedeutet in jedem Fall die beiden M: Mühe und Mut.

    Beide vertragen sich nicht mit Schubladen wie Lesben, Schwule, Transgender, Außerirdische, Frauen, Männer, Nazis, Linke, Rechte, Politiker, Journalisten, Ärzte, Liberale, Neoliberale, Kommunisten, Sozialisten, Terroristen, Feministen und diversen Sternchen. Sie vertragen sich weder mit „…isten“, noch mit „…mus“ und auch mit keiner wie auch immer bezeichneten Gruppe von Menschen.

    Es gab einmal eine Zeit, da konnten wir einander zuzuhören, mit gutem Willen und mit der Bereitschaft, uns die Argumente des Kontrahenten anzuhören. Wir konnten mit Sachlichkeit und Wissen überzeugen und besaßen auch die Bereitschaft, uns überzeugen zu lassen. Ich vermisse, dass mir jemand mit Fakten die Beine weghaut statt mit der Einschätzung meiner Person oder der Kategorisierung der Person oder Gruppe, über deren Aussage/Artikel/Buch ich gerade rede. Ich vermisse Diskussionen, bei denen der Glaube nicht eingeladen ist, ebenso wenig wie Genosse Ego, die beleidigte Leberwurst, der Brüllaffe, der Selbstdarsteller und der Typ, der mit seinen Händen ständig ein Dach über dem Kopf bildet. Die sollen sich gefälligst den Arsch vor der Tür abfrieren.

    Wahr und falsch sind weder hinterhältig, rücksichtslos, gemein, links, rechts, narzisstisch, nazistisch und so weiter; ja, sie sind nicht einmal gut oder böse. Sie sind.

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  3. Mein Beitrag zur Grundfrage nach Gott: Homo non Deus est. Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. So steht es in der Bibel. Darauf beruht sowohl die Menschähnlichkeit Gottes als auch die Gottähnlichkeit des Menschen. Möglicherweise schuf auch der Mensch Gott nach seinem Bilde, ich lasse das offen. Aber er tat gut daran, die Allmacht an ihn zu delegieren und selbst auf diese Anmassung zu verzichten. Sie bewahrt den Menschen davor, göttlich, allmächtig und allverantwortlich sein zu müssen. Das ist eine wohltuende Entlastung, welche Energien freisetzt, nicht zuletzt für die Liebe, von der man mit guten Gründen gesagt hat, sie sei Gott. Auf dieser Basis ist für mich der Gottesglaube eine Befreiung und nicht eine Unterwerfung. Robert Nef

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  4. Darf ich das Ziel des Menschen unlompliziert und direkt benennen? Das Ziel ist Gott, nicht der Urnenpark. Papst Benedikt XVI antwortet auf die Frage von Peter Seewald, wie viele Wege zu Gott es denn gebe: So viele es Menschen gibt! Der andere also als Gefährte, nicht als Feind!
    Jesus sagt selbst von sich: ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Die Generation der Kriegsenkel, die jetzt „in verantowrtlicher Position“ ist, zeigt täglich, daß sie weder mit dem Leben noch mit der Wahrheit etwas anzufangen weiß. Keine Generation in meiner Lebenszeit hat derart dilletantsch mit Theorien und Ideologien alles bisher Erreichte zerstört. Aber es begann vor etwa 50 Jahren. als Geld und Wirtschaftserfolge als Heilsbringer Gottt ersetzten, zumndest hierzulande.
    Meine Gewissheit ist, daß Gott lebt, und meine Hoffnung ist, daß er eingreift, wenn dieser Generation die Zügel endgültig entgleiten.

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  5. Es liegt am Milieu. Es gibt solche Milieus, in denen das Machtstreben herrscht. Es gibt andere, in denen mehr an Vertraulichkeit oder zumindest Ordentlichkeit vorhanden ist. Die Agressoren drängen sich allerdings überall hinein, wo man ihnen zu wenig Abwehr entgegen bringt. Öffnung nennen sie das, Menschlichkeit nennen sie das, und was ihnen sonst noch beim Eindringen und Erobern nützt.
    Ohne ausrechend starke Abwehrkräfte gibt es nichts besseres als die Herrschaft der Agression. Genau deshalb werden auch diese, die Abwehrkräfte, immer besonders attackiert, geschwächt, denunziert, blockiert. Immer, immer wieder, ohne Ende. Die Abwehr muss von innen kommen, wenn und wo sie ausbleibt wird alles erobert, wird Beute der Agression. Die Bösen finden das gut.

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