Steven Pinker wird gefressen


Letzthin las ich, dass der Experimentalpsychologe und Harvard-Professor Steven Pinker dem „intellctual dark web“ zugerechnet würde. Jener losen Gruppe öffentlicher Personen, Intellektueller und Wissenschaftler, die sich punktuell oder ganz in Opposition zur medialen und wissenschaftlichen Hauptstromrichtung der political correctness, der Identitätspolitik und des allübergreifenden „Anti“ stellen. Sie sind „Pro“, differenz-bejahend, begeistert, lösungssuchend im Gegensatz zu jenen, deren pöbelnder Antrieb und prügelnde Begeisterung eine einzige Ablehnung sind. Sie sind – so der Tenor der schreibbefugten Journaille – „rechts“. Ihnen zugerechnet zu werden, ist eine Art pr-mässiger Zuführung zum Schafott.

Ein ungepflegtes „Hä?“ meinerseits war erste Reaktion. Und gleich darauf, als ich nach den Gründen suchte, war es wieder da – ich werde es nicht mehr los, seit ich es vor zwei Tagen in dem NZZ-Artikel von Monika Maron gelesen habe: dieses gallige Lachen aus ohnmächtiger Ungläubigkeit über die bizarre, aber zwingende Logik einer Argumentation heraus, die vorgibt, das für die gesamte Menschheit Gute nicht nur zu kennen, sondern auch organisieren zu können, indem sie alles Bisherige verteufelt und zerstört.

Wie ist das möglich? Was ist passiert? Gerade gestern noch, so scheint es, war Pinker ein Liebling des Öffentlichen. Der Medien ebenso, wie des wissenschaftlichen Betriebs. Preise, Ehrendoktorwürden, Pulitzer-Nominationen, Humanist of the year.

Es ist der Mechanismus der Revolution, die ihre Kinder frisst. Heute ist „rechts“ sein, das Böse. Morgen wird es von „nicht links sein“ abgelöst werden und sich durch die sogenannte „Mitte“ bis weit ins „linke“ Lager hineinfressen.

Aber zurück zu Pinker: Was hat er getan, das zu dieser Ver- und Aburteilung führt? Nun – er hält sich an erhobene Daten. An nachprüfbare Fakten. Er verweigert sich dem apokalyptischen Ist und Wird, das die Grundlage für den Ruf nach totaler Umschmiedung nicht nur des „Systems“, sondern der Menschen schlechthin bildet. Denn die Logik ist ja die: Wo alles gut ist, braucht es kein „neues System“. Nur Elend, Katastrophe und Leid rechtfertigen solches.

Da kommt also einer daher, den man bisher zu den Seinen gezählt hat und behauptet, die berichtete mediale Wahrheit sei eine Verzerrung der Realität. Letztere sei nicht so schlecht, sondern im Grunde Hoffnung schaffend. Die Welt und der Mensch bräuchten nicht erneuert zu werden. Es reiche, wenn offen, neugierig, wagend und Erkenntnis suchend der eingeschlagene Weg fortgesetzt werde. Armut, Kindersterblichkeit, Waldschwund, Gewalt, Kriminalität, Zugang zu Bildung, Analphabethismus – alles ist besser geworden. Gewaltig besser. Sogar die UN – nicht gerade für ihre Zukunftszuversicht und Vertrauen in den Menschen bekannt – bestätigt die Zahlen, von denen man selten liest.

Das also ist Pinkers Sünde, dass er Daten wider den Konsensterror interpretiert. Und man kommt zum Schluss: Wer heute auf der richtigen Seite sein will, muss im Grunde nicht einen Ist-Zustand bekämpfen, ein „System“ (was auch immer sie damit meinen) oder eine „Richtung“ – das sind nur gut verkäufliche im Vagen verbleibende Vorwände. Er muss in Wahrheit die Realität und die beste Lösung bekämpfen. Die Lösung, die da lautet: Weiter so mit laufenden Korrekturen, Verbesserungen, Anpassungen, Innovationen. Weiter in bestem evolutionären Sinn: Das Chaos und das Nicht-Lineare bejahend, weg von der tödlichen Illusion der Beherrsch- und Planbarkeit des Lebens und des Menschen. Sie wurde schon oft versucht – und sie hat in der Regel nicht mit einer Verbesserung des Menschen oder für den Menschen geendet, sondern mit seinem Ende.

4 Gedanken zu “Steven Pinker wird gefressen

  1. Und letztlich hängt alles damit zusammen, dass „der Mensch“ einfach nie zufrieden ist und alles „verbessern“ sprich optimieren will, was unweigerlich in den Abgrund führt. Alles Kopfgeburten und Hirnfürze. Und so wird alles immer schlimmer, in diesem unausrottbaren Grössen- und Verbesserungswahn. Und es ist klar, dass die vielen Abgeordneten und Politiker mit immer neuen Auflagen, Verboten (Verbesserungen?) und Regulierungen in Erscheinung treten müssen, sonst würde man ja merken, dass die „dort oben“ für gar NIX gut sind. Überall ausser in Europa, USA und einigen Kriegsländern hat sich die Situation für die meisten Menschen massiv verbessert. Aber das wird ausgeblendet. Und statt weltweit Gewaltexzesse und Kriege zu stoppen, wird das Klima gerettet und unzählige völlig überflüssige „Verbesserungen“ sprich Ideologien verbreitet, während Tiere immer noch gequält und geschächtet, Frauen gesteinigt, Meere zugemüllt und die Natur zerstört wir. Da ist keine Verbesserung in Sicht. Warum nicht beim wirklich Wesentlichen anfangen, statt ganz grosse Entwürfe für die Zukunft zu trompeten und die Apokalypse herauf zu beschwören? Und: Wenn Jeder und jede zuerst einmal bei sich selbst anfangen würde, wäre die Welt im Nu „gerettet“ und aufgeräumt. Wetten? Aber Jeder appelliert zuerst an alle andern. So kommen wir nicht weiter, Freunde.

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  2. Pinker ist fuer mich der ultimative „white piller“. Er schaut sich an was politisch so getan wurde und wie die Statistiken dazu aussehen, und zeigt auf alles was besser geworden ist. Es ist eine Form von cherry-picking, auch darauf basierend, dass weder die UN noch sonst jemand ehrlich messen will, was schlechter wird.

    Wer hat denn die ganzen Gutmenschenprogramme bezahlt? Klar geht es dem afrikanischen, arabischen Kind besser, wenn Nahrungsmittelhilfe geliefert wird, wenn Schulen gebaut werden und Lehrer mit Lehrmaterial bereitgestellt sind. Geht es den Europaeern in Europa, Nordamerika, Australien, die das berappt haben auch besser oder nicht doch schlechter, wenn sie wie Zitronen ausgequetscht werden?

    Pinker verwurstelt auch zwei Dinge, die grundsaetzlich verschieden sind. Man kann mit nachweislich schaedlichem Verhalten einfach aufhoeren um etwas zu verbessern. Aufzuhoeren sich selbst und anderen zu schaden ist i.d.R. gut und aufwandsarm. Ein proaktives Programm mit viel Geld und Aufwand durchzuziehen hat aber seine Risiken und Nebenwirkungen. Die Kindersterblichkeit in Afrika zu reduzieren korreliert irgendwie mit der Foetensterblichkeit (Abtreibung) und Geburtenarmut in europaeischen Laendern. Ersteres ist gut und wird von Pinker herausgestellt, zweiteres ignoriert er.

    Seine Zwangszuordnung zu „den Rechten“ ruehrt nur daher, dass er die juengsten „progressiven“ Programme auch mal auf die Risiken und Nebenwirkungen untersucht.

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