Erwerbsstreben und Glücksstreben

Von Robert Nef

 Die Vorstellung, der Kapitalismus basiere auf einem Menschenbild, bei dem der Profit in Geld das ausschlaggebende Motiv und Ziel aller Menschen sei, ist eine terrible simplification.

Geld ist ein Mittel, und „Wirtschaft“ ist ein Teilbereich der Kultur. Wirtschaft im weiteren Sinn wird, sobald die Menschen einmal die Grundbedürfnisse (warm, satt und sauber) gestillt haben, vor allem von den psychologischen Sekundärbedürfnissen des Glückstrebens, „pursuit of happiness“, gesteuert: Befriedigung, Wohlbefinden,  Anerkennung, Wertschätzung, Zuneigung, Vertrauen, Bekanntheit und Ruhm.

All dies ist, gemessen an der Nachfrage, stets knapp. Der Geltungstrieb ist mindestens so stark wie der Erwerbstrieb und sehr oft wird letzterer nur so hartnäckig verfolgt, weil man hofft, ihn in den Dienst des ersteren stellen zu können. Kurz: Menschen wollen nicht einfach alle mehr Geld verdienen und weniger arbeiten. Sie wollen geliebt werden, beliebt sein, etwas bedeuten, sich selbst verwirklichen oder auch einfach in Ruhe gelassen werden.

Geld kann dabei eine Rolle spielen und eignet sich zur immer raffinierteren Befriedigung der Primärbedürfnisse, versagt aber sehr oft im Bereich des differenzierteren Geltungs- und Wertschätzungsbedürfnisses, das auf andern Märkten mit anderen „Währungen“ getauscht wird.
Wer Freiwilligenarbeit leistet und beispielsweise bei Wikipedia aktiv Texte liefert oder unentgeltlich für Blogs schreibt, ist nicht einfach ein idealistisches nicht ökonomisiertes Individuum „jenseits von Angebot und Nachfrage“, sondern befriedigt ebenfalls seine Bedürfnisse, die aus meiner Sicht nicht ausserhalb der Ökonomie liegen. Der Gewinn in Geld steht nicht im Zentrum, sondern der Gewinn bezüglich Geltung vor andern und vor sich selbst.

Auch das ist Ökonomie. Man sollte die Ökonomie nicht zu eng definieren. Sie besteht im kreativen Umgang mit Knappheiten aller Art. Die Hochschätzung des Politikers und des von Politikern abhängigen Künstlers und des öffentlich finanzierten Gelehrten (homo politicus im weitesten Sinn) und die Geringschätzung des Handwerkers, des Produzenten von Gütern und Dienstleistungen und des Händlers (homo oeconomicus) ist das hässliche Erbe der Antike, d.h. einer Gesellschaft, deren Produktivität auf Sklaven und Eroberungskriegen beruhte.

Nicht die Machtausübung, sondern die Produktion und der Tausch von Gütern, Dienstleistungen und Ideen ist die Mutter aller Dinge.

4 Gedanken zu “Erwerbsstreben und Glücksstreben

  1. Ja, das ist die Wahrheit. Leider ist jedoch die „falsche Hierarchie“ beim Gelderwerb und bei Berufen kaum aus den Köpfen der Menschen zu vertreiben. Dies ist so unselig und einseitig, dass es mich fast so sehr ärgert, wie das kurzfristige und einseitige Denken der Politiker, extremen Geld-Schefflern und -Abzocker. In diesem Klima wird es wirklich schwierig einfach gut und altruistisch zu denken und zu sein, auch wenn überall selbsternannte „Gutmenschen“ herumhüpfen. Geben und Nehmen sollte jeder und jede für sich selbst ausloten dürfen, wie auch die Prioritäten in seinem Leben. Wenn nun alles verordnet und verwaltet wird, macht es dies nur noch schwieriger, weil alle auf die andern schauen und dort eine Änderung verlangen.

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  2. […Nicht die Machtausübung, sondern die Produktion und der Tausch von Gütern, Dienstleistungen und Ideen ist die Mutter aller Dinge. …]
    Und die „Mutter aller Dinge“ bedeutet, die Basis, auf der Kooperation in einer Gesellschaft erst moeglich wird. Was die Linken, Schmarotzer und Trittbrettfahrer tun ist das was tribale Diebesbanden frueher getan haben – die Produzenten und Haendler ueberfallen/versklaven, mit Macht und Waffengewalt, und sich einfach zu klauen was sie brauchen, anstatt selbst etwas zu produzieren.

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  3. Wenn man Ökonomie so weit auslegt, dann wird das Streben nach Macht auch zur knappen Ressource und also Teil der Ökonomie, wodurch sich alle Widersprüche in Nichts auflösen.
    Aus gewissen Erfahrungen bin ich aber zur festen Meinung gelangt, dass die Unbegrenztheit ein allgemeines Übel ist. Man sollte also die Bedeutung der Ökonomie begrenzt halten.

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