Bodenloses Glück

Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied – in der unscheinbaren Redewendung liegt nicht nur die ganze Weite und Grösse und Last dessen, was Freiheit und das Potential eines Lebens ist. In ihrer Entsorgung auf dem Müllhaufen „sozialen Fortschritts“ liegen auch der grösste Irrtum und die grösste Lüge „unserer“ Zeit. Und in ihr wurzelt das reale Verderben und Vergehen von Millionen von Menschenleben und ganzen Kulturen.

Jeder am Finanzmarkt Aktive weiss, dass sein erster Job nicht der ist, Gewinn zu machen, sondern Verluste zu vermeiden. Jeder Mediziner ist sich bewusst, dass seine erste Aufgabe nicht darin besteht, zu heilen, sondern zuerst keinen Schaden anzurichten. Was bescheiden klingt, verlangt Höchstleistung; es zu erreichen ist bereits ein enormer Erfolg und fordert grosses Wissen, Erfahrung, permanentes Lernen, die Überwindng von Angst, Risikobereitschaft und ein unerschütterliches Ja zu disziplinierter und kontinuierlicher harter Arbeit. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr.

Für das Grösste nun, das ein Mensch in Händen hält, sein Leben und im erweiterten Sinn das seiner Kinder, soll dies nicht gelten. Der demütige und im Grunde einzig natürliche Ansatz, wonach es eines Menschen erste Aufgabe ist, das Leid zu vermindern, den Schmerz zu verhindern oder zu lindern, die jedem Leben innewohnen, ist ersetzt worden durch die Parole vom „Recht auf Glück“ – gerne auch soziale Gerechtigkeit genannt – und vom Mythos von der Fähigkeit einer abgehobenen Clique „Weiser“, es zu organisieren. Für alle. Eine lebens- und menschenverachtende Scharlatanerie erster Güte. Was für eine Anmassung. Was für eine Verachtung. Was für eine Armut.

Anmassung deshalb, weil es „das Glück für alle“ nicht gibt. Ich liebe, achte und bewundere meinen Bruder. Ein Leben aber, indem ich gezwungen würde, seine Vision von Glück zu adoptieren, wäre nicht lebenswert. „Das Glück“ gibt es nicht. Es zu behaupten und zu befürworten ist die Forderung nach einer Reduktion des Lebens auf eine wurzellose Hors-Sol-Existenz in standardisierter staatlicher Nährlösung. Und es ist auch eine Absage an die heute angeblich so angebetete Natur, deren einzige Konstante der Mangel ist und damit potentielles Leid, potentieller Schmerz, potentieller Tod. Der Mensch, der dies verdrängt und es zu delegieren versucht, ist nicht nur ein Versager, sondern ein Verräter am Leben selbst und ein Verräter möglichen Glücks, das nie ein permanenter Zustand ist, sondern eine Aneinanderreihung kleiner und grosser Siege über sich selber, über Unsicherheit, Angst und Gefahr.

Damit erklärt sich im Grunde auch schon die Verachtung derer für die Menschen, die vorgeben, ihnen zum Glück verhelfen zu wollen. Bereits beim Kratzen an der Oberfläche dieses metaphysischen Schwachsinns zeigt sich, dass die hehre Vision von dem, was menschliches Glück sein könnte, sich auf das Verteilen von Geld beschränkt, das sie den einen wegnehmen, um es den anderen zu geben. Was Marx wohlklingend die Überwindung des „Reichs der Notwendigkeit“ nannte, jenseits dessen erst die „Kraftentwicklung“ hin zum Glück möglich sei, ist im Grunde bloss dies: „Lasst sie sich die Wänste füllen, dann sind sie ruhig.“ Das Individuum im Rahmen einer solchen Klempnerei ist bloss ein Gerät, eine Gemeinschaft nicht mehr als eine Maschine, an der die Ingenieure des Glücks nur die richtigen Knöpfe zu drücken brauchen.

Dies allein sollte im Grunde reichen, um jedem staatlichen Versprechen in Sachen „Glücksbereitstellung“ eine Absage zu erteilen. Aber damit hört das Elend von Anamassung und Verachtung noch nicht auf. Es kommt erst zur vollen Blüte, wenn auch die Armut sowohl im materiellen als auch im ideellen Sinn erreicht ist. Ideell als Folge der oben beschriebenen Reduktion des Lebens auf eine Prêt-à-Porter-Version von Freiheit. Materiell deshalb, weil sich an der praktischen Untauglichkeit staatlicher Wirtschaftsoganisation bis heute nichts geändert hat. Sie ist utopisch, zerstörerisch und dutzendfach grandios gescheitert. Oder um es mit Lenin zu sagen: „Ich kenne keinen Sozialisten, der diese Probleme (die Organisation der Wirtschaft, Anm. mh) behandelt hat. (…) Nichts stand über solche Dinge in den Lehrbüchern der Bolschwiken (…) geschrieben“. Und – lässt sich ergänzen: erst recht nichts vom unternehemerischen Geist. Nichts von der Risikobereitschaft, vom Fortschrittsstreben und vom Ideenreichtum von Menschen, die darauf beharren, ihr Wirtschaften und Kooperieren sei mehr, als Gier nach Profit. Nichts von der Last der Verantwortung, von der Angst, von der Freude des Gelingens. Nichts von denen, die täglich „leiden“ für ihre Kinder oder ihre Kunst und darin die ganze Welt und Sinn sehen und nicht bloss dumpfe Notwendigkeit.Und vor allem nichts davon,dass alles Glück erlitten werden will.

Es gibt im Leben keine Garantie für Zufriedenheit und Glück. Und schon gar kein Recht darauf. Wer es behauptet, wird dir nicht zu deinem Besten und zu irgendeiner Form von Glück verhelfen; er wird dir die Chance darauf nehmen und dir bestenfalls und zu Beginn einen dopaminbesoffenen Konsumkick verschaffen. Er wird zu diesem Zweck anderen ihre Leistung und ihren Lohn wegnehmen, dir aber deine Freiheit. Am Ende allen das Leben. Auch dann, wenn er es gut meint

13 Gedanken zu “Bodenloses Glück

  1. Der groesste Irrtum der Soziologen ist (und sonst interessiert mich kaum welchen Unfug die verzapfen), dass sie meinen sie duerften und muessten das Volk fuer ihre Experimente missbrauchen. Da verhalten sie sich wie einige grosse Pharmafirmen. Die alten Griechen hatten das mit dem Schierlingsbecher ganz vernuenftig geloest.

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  2. Hmm,
    steile These, es gibt kein Glück für alle, oder?
    Wenn man nur einen groben Kamm zur Hand nimmt, mag das so aussehen.
    Bei all der wirkenden, wie vorhanden (auch in den vielen Potenzialen) Vielfalt …
    Da ist ja schon fast, wie das Dogma, daß es keine Wahrheit gäbe, bei den aber-Millarden Sichtweisen – ist ja fast schon so, „daß man Äpfel und Birnen“ vergleicht … (;-)

    Wir können mit der „Sichtweise“(;-) ja gleich auch noch die Freiheit demontieren …
    „Ohje, das passiert ja schon“, denkt sich der kleine Narr und erschauert.
    Was man so alles mit intellektuellen „Gebrabbel“ anstellen kann, mit der Veränderung von Werten und Definitionen – und die „Leutz“ verführt, nur noch die limitierte Seite des „Lebens“ zu sehen, nämlich nur noch Leid und Schaden zu vermeiden

    und sich nicht nach dem Frieden, der Freiheit und die unzähligen Formen und Farben des Glücks zu sehnen und sich „aktiv“ darum zu kümmern …
    Welch´seltsame Beschneidung der menschlichen Potenziale …!

    Alles Liebe,
    Raffa.

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    • Glück ist meiner Meinung nach eine Art Nebenprodukt. Zufriedenheit, Dankbarkeit, auch Stolz auf das Geleistete und Erreichte, tätige Liebe sind alles Formen von Glück. Und wie Du richtig sagst: Für jeden Menschen heisst das etwas anderes. Aber ich glaube vor allem auch, dass, wenn man die Etappe der „Notwendigkeit“, wie Marx sie nennt, also die Arbeit zum Zweck des Überlebens und Existierens überspringt, man nie die grosse, tiefe Zufriedenheit, das Glück dessen erleben kann, der es durchleidet und hindurchbricht. Es ist im Grunde sehr einfach: Ein sehr gutes Essen am Abend, das etwas mehr kostet als normal, weil ich es mir Dank grosser Anstrengung leisten kann, schätze ich weitaus mehr, als wenn es mir „als ein Recht“ geschenkt würde. Das eine ist im Kleinen der Lohn für das „Leiden“. Das andere ist bloss ein kurzfristiger Konsumkick. Das eine macht einen Moment gross – auch wenn es nur ein Nachtessen ist – das andere macht den Menschen und den Moment klein. Ich finde gerade nicht die Worte, aber vielleicht weisst Du, wie ich es meine.

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    • Marx nannte das Glück „seinem Selbstzweck“ zu leben. Und schloss daraus, dass dies erst „nach der Arbeit“ kommen könne. Nach dem Leiden. Ich behaupte gerade das Gegenteil. Ohne das Leiden im weitesten Sinne – das Engagement, die Anstrenung, das Überwinden, das Die-Angst-Meistern, das Lernen, das Durchhalten – ist Glück, also Erfüllung und Zufriedenheit gar nicht erst möglich, sondern verbleibt ein dopaminbesoffener Kurzkick ohne Wirkung. Heute nennt man es gerne soziale Gerechtigkeit und meint damit dasselbe wie Marx. Das einzige, was solches wirklich züchtet, ist Neid, Missgunst, Korruption (auch geistig und seelisch) und am ende des zu Verteilenden – denn das stellt sich früher oder später ein – Gewalt.

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      • Sehe ich auch so. Alles was nicht selbst erarbeitet und somit „verdient“ ist, wird sehr schnell schal. Da kommt dann schnell und immer schneller der nächste Konsumkick. Bis zur Sucht. Es es somit auch kein Zufall, dass so viele Lottomillionäre innert kürzester Zeit wieder arm wie vorher, wenn nicht noch ärmer sind. Ja, das ist die eine Seite. die andere Seite ist natürlich die immer grössere Gier von Staaten, Banken und Riesen-Konzernen. Die benehmen sich just wie naive und unvorbereitete Lottomillionäre. Nur dass bei den Staaten (dem Staat) keiner wirklich zur Rechenschaft gezogen wird.

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      • Der Marx ist für mich alten „links-Sozi“ schon seit einiger Zeit etwas suspekt und derzeit mehr als gehypt. Dieses Aufplustern des alten Knaben in unserer Zeit hat mich dann auch noch etwas nachforschen lassen, wo denn der „kerl“ zu Hause war und auch, wer seine Lehrmeister waren …
        Nun, was darüber hinaus bleibt, auch bei seinen Veröffentlichungen, da fehlt mal wieder etwas Essentielles und Prinzipielles (;-), was das Leben im 19., wie auch im 21. Jahrhunderts angeht – auch, was rede ich, das, was ich meine ist einfach nur „zeitlos“ … (;-)

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  3. Pingback: Staatliche Anmaßung und Scharlatanerie: „Das Glück“ gibt es nicht (Perle 211) | Jabar Post Indonesia - Jabar Post

  4. „Ich liebe, achte und bewundere meinen Bruder.
    Ein Leben aber, in dem ich gezwungen würde,
    seine Vision von Glück zu adoptieren,
    wäre nicht lebenswert.“

    Ein Satz für die Ewigkeit, der in jede gute Zitatensammlung gehört. Nur um sicherzugehen: meintest Du „Vision“ oder „Version“? Beides ergibt Sinn.

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