Der Super-Moralist

Er ist ein Mensch, wie Du und ich, der Super-Moralist. Man erkennt ihn nicht an einer anderen Hautfarbe oder auffällig andersartigen Riten. Und doch ist genau er es, der einem eindrücklich vor Augen führt, “ wie geölt das weiland mit den Judenboykotten oder der Rassentrennung in den USA lief; es ist ja dieselbe Mentalität, dasselbe trendbefolgungsgeile Meutenbehagen beim Ausschließen, dasselbe restlos gute Gewissen beim Stigmatisieren, dasselbe lobesbegierige Petzerwesen“. (M. Klonovsky) Er ist das Pendent zur „White Supremacy“ in Sachen Moral.

Der Super-Moralist hat es sich auf Knien vor dem Sockel, auf den er seine Überzeugungen, Ansichten und Gefühle für die ganze Welt sichtbar gestellt hat – meist nicht selber durchlitten und durchdacht, sondern quasi geistiges Prêt-à-porter anderer adoptierend – bequem gemacht und betet sie an und verlangt von allen anderen, dass sie sie ebenfalls anbeten.

Für den Super-Moralisten sind die Menschen nicht vielfältig und farbig – es gibt für ihn bloss weiss, schwarz und dunkelscharz. Es gibt die hellen, wachen und guten und es gibt die bösen, dunklen und einen gigantischen Haufen von Idioten. „Die Hölle, das sind (immer) die anderen“.

Was der Super-Moralist Diskurs nennt, ist Predigt, mehr noch: distanzloses, aufdringliches Missionieren. Eine Schau in Sachen tugendhafter und moralischer Selbstüberhöhung.

Der Super-Moralist will nicht überzeugen, sondern bekehren. Was er Argumente nennt ist das Herunterbeten verschiedener Variationen des Immergleichen. Er will nicht diskutieren, sondern befehlen. Er hasst Argumente, weil er selber nicht mehr als Schlagworte, Parolen und Gefühle zu bieten hat; weil er um sich schlägt und diskursiv absäuft, während der sachlich Argumentierende in ruhigen Zügen schwimmt. Für den Super-Moralisten stehen nie Ideen in Frage, sondern immer gleich der Mensch. Und weil er keine eigenen Ideen hat, müssen für ihn in letzter Konsequenz bei ihrer Widerlegung nicht sie sterben, sondern der Mensch. Wenn also Konzentration zum Bestandteil politischer Strategie wird, ist sie in der Seele und im Geist des Super-Moralisten längst Realität.

Weil der Super-Moralist keine Argumente, sondern nur Bekenntnisse hat, muss er sich mit Unterstellung, Verunglimpfung und wehleidiger Bitterkeit an der Person abarbeiten. Gegenargumente versteht er im Umkehrschluss dieser Logik als Angriffe auf sich selber. Er sieht sich schon zu Lebzeiten als eine Art Märtyrer.

Für den Super-Moralisten sind Handeln und Überzeugungen der Menschen nicht zwigend verbunden. Es kommt ihm einzig auf das in Dauerschleife und für alle hörbar kommunizierte richtige Bewusstsein an. Es bereitet ihm keine Probleme, nach Tansania zu jetten und zusammen mit jährlich 50’000 anderen auf den Kilimandscharo zu pilgern, weil er es mit dem richtigen ökologischen Bewusstsein tut. Alle anderen, die das zum Spass machen, sind Arschlöcher. Es kommt dem Super-Moralisten nicht in erster Linie darauf an, selber das seiner Meinung nach Richtige und Gute zu tun, sondern darauf, der ganzen Welt und sich selber zu zeigen, dass er weiss, was das Richtige und Gute ist.

Für den Super-Moalisten sind individuelle Rechte und Freiheiten nicht wichtig oder sogar etwas Negatives. Dies aus dem Grund, weil er ahnt, dass sie vor allem Verantwortung bedeuten und er selber nicht den Willen aufbringt, sie gemäss seinen moralischen Vorstellungen freiwillig für die eigenen Person einzuschränken. Er braucht eine Instanz – meistens wird die „Politik“ angerufen – die sie für ihn einschränkt.

Auf den Knien vor seinem Sockel herumrutschend erfleht der Super-Moralist Verbote und Gebote. Wird er erhört, wird der er es als seine edelste Aufgabe sehen, sie nicht nur einzuhalten, sondern vor allem darüber zu wachen, dass auch alle anderen sie einhalten. Der Supermoralist ist, schält man ihn aus den Schichten seiner korrekten Selbstwahrnehmung und – darstellung heraus, das Urbild des Denunzianten.

In der NZZ vom 11.1. schreibt Eduard Kaeser sinngemäss, in jedem von uns lauere die „moralische Rampensau“. Dem stimme ich zu. Diesem inneren Sauhund indes nicht ausgeliefert zu sein, sondern ihn zu erkennen und zu überwinden, macht uns zu Menschen. Denken, verstehen, entscheiden, handeln und dafür geradestehen. Und da liegt dann auch ein weiterer Unterschied zwischen den Super-Moralisten und dem ganzen Rest, der sein Menschsein so versteht: Die höchste Instanz des Super-Moralisten ist die eigene Befindlichkeit und Gefühlswelt. Er ist in der Regel kein schlechter Mensch. Aber es ist meiner Meinung nach vergebliche Liebesmüh, ihn aus dem Strudel seines mal lustvollen, mal leidenden Dauer-Angegriffenseins in einen sachlichen Diskurs hineinlocken zu wollen. Denn wo Lust – auch wenn sie als Leid oder Weltschmerz kaschiert daherkommt – Triebfeder ist, da ist die Sucht nicht weit. Einen derart Getriebenen aufhalten zu wollen ist Energieverschleiss. Oder anders gesagt: Es kann nie zu einer Diskussion kommen wo einer den anderen als Rechten, Rassisten, Hetzer oder Leugner bezeichnet, während dieser ihm bloss Denkfehler unterstellt.

Was bleibt? Weiterschwimmen und die grandiose Schönheit und Weite des Denkbaren und des Möglichken geniessen. Hoffen, dass die herbeigeflehten moralischen Patrouillenboote der Guten und Korrekten nie zu Wasser gelassen werden. Hand bieten, wenn einer ernsthaft in Schwierigkeiten gerät und real abzusaufen droht. Das vor allem.

8 Gedanken zu “Der Super-Moralist

  1. Selbsterkenntnis ist eine Voraussetzung für Beziehungsfähigkeit, Empathie und Sozialkompetenz. Ob Betroffene je erkennen werden, dass in diesem Beitrag von ihnen die Rede ist? Zweifel sind angebracht, denn der Dunning-Kruger-Effekt ist beachtlich. Kennen Sie den Dunning-Kruger-Effekt? Er besagt: Je inkompetenter jemand ist, desto weniger ahnt er es.

    Viele von uns sind von Selbstzweifeln geplagt. Dann können Anerkennung im Beruf oder im Freundeskreis helfen. Aber wie sieht es bei Mensch aus, die von Berufswegen umschmeichelt werden? Kann der Bürgermeister erkennen, dass der Beifall im Schützenzelt nicht seiner Leistung gilt sondern ein Höflichkeitsritual ist? Kann ein Musiker unterscheiden, inwieweit der Beifall seiner Kunst und nicht seiner Weltsicht gilt? Von Führungskräften ist bekannt, dass sie beim Ausscheiden aus ihren Ämtern erleben müssen, dass jene ihnen Verachtung zeigen, die ihnen früher auf der Schleimspur folgten.

    Eine selbstverstärkende Eigenart mag auch eine notwendige Neigung zum Narzissmus jener Menschen sein, die im Rampenlicht stehen (wobei Lehrer, Sozialarbeiter usw. auch ohne Scheinwerfer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen). Es ist sicherlich kein Zufall, dass solche Berufsgruppen besonders stark zum Super-Moralismus zu neigen scheinen. Mögen Sie echte Freunde haben, die sie bisweilen auf den Boden der Realität zurückholen.

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  2. Der Supermoralist ist ein schwieriger Mitbürger. Er ist nur „gut“und weiss deshalb auch alles besser. Deshalb darf er auch missionieren und alle andern moralisieren und zwangs-erziehen. Grässlich. Es gibt immer mehr von denen. Am besten ausweichen, wo man noch kann. Sie kämpfen gegen den Co2-Ausstoss, aber verpesten mit ihren Ansichten ständig die Luft zum Atmen, viel schlimmer als alles Co2. Totale Spiessbürger, über die man vor ca.) 10 Jahren noch gelacht hätte. Heute sind sie „Vorbild“ und setzen überall Verbote durch. Ich denke es ist eine Abart von Narzissmus. Bis jetzt bin ich hoffentlich noch nicht angesteckt. Allerdings ertappe ich mich auch beim Abblästern. Eben gegen Supermoralisten.
    Irgendwie bringen die es immer wieder fertig, die Freude abzutöten.

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  3. Ja, die Super-Moralisten sind ein grosses Ärgernis und jeder ist dankbar, der sich von diesem Vorwurf nicht betroffen fühlen muss. Es gibt aber ein grosses Aber: Sind wir alle stets frei von jeder moralischen Überheblichkeit, gerade weil wir die imperfekte Moral (was heisst das eigentlich?) für die bessere halten als die perfekte (und was soll nun das wieder sein?). Der gemässigte Moralist hat für jedes Verhalten eine gute Ausrede. Ich schätze den Aphorismus von La Rochefoucauld: „Wir müssten uns oft unserer besten Taten schämen, wenn wir deren wahre Motive kennen würden“. Niemand ist ganz frei von Heuchelei, auch sich selbst gegenüber. Auch vor andern schlechten Eigenschaften ist niemand ganz gefeit. Max Piccard hat 1946 ein immer noch lesenswertes Buch mit dem herausfordernden Titel „Hitler in uns selbst“ publiziert. Es enthält keinerlei Rechtfertigung für den Nationalsozialismus, aber es erklärt Vieles. Ich frage mich, ob nicht viele Menschen auch einen kleinen „Super-Moralisten“ in sich haben, der dazu führt, dass man sich umso heftiger gegen den manifesten Super-Moralismus in andern empört. Auch das Empört-Sein hat seine Grenzen. Moral, Relativität und Toleranz gegenüber verschiedenen Spielarten der Moral vertragen sich schlecht miteinander. Das ist aber alles natürlich noch kein Grund, den penetranten und zunehmenden politischen Super-Moralismus zu entschuldigen.

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    • Sehe ich genau so, lieber Robert. Jeder von uns hat in ihn sich. In zu bekriegen nach bestem Wissen und Können und bester Erkenntnis, ist eine lebenslange Aufgabe. Es ist dasselbe wie mit der Überheblichkeit, der Kritiksucht, der Sorgenzerfressenheit. Sich davon zu befreien, bedarf meiner Meinung nach der Hilfe. Ob einer diese im eigenen Ratio, der eigenen Seelenstärke oder im Glauben an den Geist solcher Befreihung finden kann, muss er selber herausfinden. Es wird einem dabei auf jeden Fall nie langweilig. Und. auch da muss ich dir recht geben: Ist der Moralist ein Extremist, was seine Forderungen anbelangt (wenn auch ein meist lauwarmer), so bin ich das auch im herrischen und radikalen Beharren auf einem möglichst breit angelegten „In-Ruhe-gelassen-werden“. Hier nicht in die Überheblichkeit des Super-Moralisten abzudriften ist manchmal gar nicht so einfach. Sei herzlich gegrüsst.

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    • Jeder hat einen kleinen Moralisten in sich. Der legt seine moralische Messlatte jedoch vorwiegend an sich selbst an. Er will mit Menschen zusammen sein, die aehnliche Moralvorstellungen haben. Er wirkt auf seinen eigenes kleines Umfeld, und ueberlaesst den Rest der Welt sich selbst.

      Der Super-Moralist hat im Gegensatz Weltbekehrungsphantasien, so wie ein Grossteil der Juenger der ‚Weltreligionen‘. Normale Menschen haben wenig Symphatie fuer den Verpeilten, der mit dem ‚Wachturm‘ in der Hand an der Strassenecke steht, den Zeugen Jehovas, der in aller Herrgottsfrueh an der Haustuer klingelt, den Sozialisten oder Gruenen, der einem ein Schuldbewusstsein einreden will. Es ist m.A. ein Zeichen der Degeneration, wenn Super-Moralisten in Kindergaerten und Schulen predigen und so die Kinder schon indoktrinieren.

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  4. Ergänzung, nach Insichgehen und Nachdenken.
    Klar, hat jeder und jede das „Gefühl“, moralisch richtig zu liegen und auf der „richtigen“ Seite zu sein. Der Unterschied zum Super-Moralisten ist jedoch, dass man dies oft in einem Diskurs klärt; und allenfalls auch andere, neue Einsichten annehmen kann. Der Super-Moralist hingegen ist so wie vormals die „Zeugen Jehovas“. Sie allein verfügen über die Wahrheit, die sie dann ungefragt überall verbreiten. Argumente? Fehlanzeige. Beweise? Fehlanzeige. Nur Dogma. Und Dogma, umhinterfragt, unreflektiert, hat mich schon immer in die Flucht getrieben. Auch bei andern „fundamentalen Gruppen“, u.a. gewisse Glaubensgemeinschaften und sogar Religionen. Wo man nicht mehr Fragen stellen darf, oder eine Gegenansicht äussern, wird es eben dogmatisch. Deshalb weiche ich auch den Super-Moralisten gerne aus.

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  5. Den „Juengern der (christlichen) ‚Weltreligion‘ “ wurde früher von Jugend an eingeschärft, sich nie wie ein solcher Super-Moralist zu verhalten. Es wurde sogar zu einer der Hauptsünden erklärt (Hochmut)!
    In diesen noch gläubigen Zeiten wurde eine solche Haltung als „Pharisäertum“ beschrieben und allgemein geächtet…

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