Der Junge muss an die frische Luft

Rocco Burggraf macht Pause – Eine brillante Analyse

Vor fast fünf Jahren war die Merkelsche, im Alleingang beschlossene Grenzöffnung – Anlass und Auftakt für mich, hier mehr oder weniger öffentlich darüber nachzudenken, was dies für unser Leben bedeutet. Ich habe in vielen Textbeiträgen und Kommentaren versucht, vor einer drohenden Spaltung der Gesellschaft zu warnen und dabei verschiedene Perspektiven eingenommen. Zuletzt habe ich mehr und mehr Partei für die ergriffen, die nach meiner Überzeugung ohne jede rechtliche Legitimation aus dem demokratischen Willensbildungsprozess ausgegrenzt werden. Ich halte dies für ein Spiel mit dem Feuer, aber Vernunft ist in diesen Tagen des Hauens und Stechens keine relevante Kategorie mehr.

In Deutschland hat sich eine, von Medien regelrecht eingepeitschte Form der Besessenheit entwickelt, die einen großen Teil der Menschen und zwar in verschiedenen politischen Lagern in Angst und Verzweiflung treibt. Wir sehen heute rechts wie links eine nahezu deckungsgleich begründete Panik. Hier wie da werden jetzt Fluchtländer gecheckt, weil man die dunkle Herrschaft der jeweils anderen Bösewichter heraufziehen und für sich keine Zukunft mehr sieht. Beide Lager lamentieren über Fake-News, dunkle Netzwerke und sprachliche Analogien zum Faschismus, werfen sich gegenseitig die Spaltung, das Ausgrenzen in der Gesellschaft vor. Zwar darf die AfD laut soeben verkündetem Gerichtsurteil von Bundesbehörden nicht mehr als ‚rechtsextrem‘ bezeichnet werden – es gibt also noch vereinzelte Stimmen der Vernunft – aber wen interessieren heute noch rechtlich gezogene rote Linien, wenn die eigenen moralischen doch die viel höheren „Brandmauern“ darstellen. Es wird also ganz sicher nur ein paar Tage dauern, bis neue „Sprachregelungen“ für die Aussätzigen gefunden sind, die jede Verständigung auch weiterhin von vornherein ausschließen. Die Grabenkämpfe werden weitergehen, wobei die totale Diskursverweigerung – hier bekenne ich mich – erklärtermaßen – also völlig eindeutig auf das Konto des links stehenden, vom Status Quo profitierenden Gesellschaftsmilieus geht. Und das ist nichts weniger als eine heimtückische und sehr genau durchdachte Kriegserklärung an alle Andersdenkenden.

Interessenkampf ist Daseinsform. Die Welt sieht am Boden anders aus als von einem Hügel, und wer von einer Weltraumstation auf die Erde blickt, hat wiederum ein anderes Gefühl von Raum und Zeit. Es gibt daher weder eine Wahrheit noch Rezos „einzige legitime Meinung“. Aber – wir hatten uns als entwickelte Nachkriegsgesellschaft Regeln für das Zusammenleben und das Finden unserer „Wahrheiten“ gegeben. Wichtige, hervorragend funktionierende Regeln, die lange Zeit Frieden, Wohlstand und Sicherheit ermöglicht haben. Regeln, die in diesem Moment auf breiter Front ad acta gelegt werden, weil die Selbstbereicherung riesiger, nicht mehr an der Wettschöpfung beteiligter Kreise, die westliche Wertegemeinschaft an die Absturzkante geführt hat und nun nicht mehr so ohne weiteres funktionieren.

Was wir angesichts der, nach dem Liebesentzug der Amerikaner und dem Brexit schwindenden Reserven, sehen, ist der Überlebenskampf der Dinosaurier. Internationale, kaum demokratisch legitimierte Bürokratiemonster wie die EU, die UNESCO, die UNO, zigtausende fremdfinanzierte Nichtregierungsorganisationen, der Parteienfilz, ein gigantischer gebührenfressender Medienkomplex, fragwürdige Lehrstühle, Forschungsinstitute und Vereine beanspruchen mehr und mehr Anteil am kleiner werdenden Kuchen und müssen sich fragen lassen, was diesem Heißhunger eigentlich noch an Output für die Gesellschaft entgegensteht.

Kein Mensch kann inzwischen mehr nachvollziehen, was da mit welcher Expertise, mit welchen Absichten und mit welchen Folgen für uns alle in Gang gesetzt wird. Wir sind umgeben von Regulierungswut, absonderlichen Führungsfiguren und einem ohrenbetäubenden Alarmismus, bei dem jeder jeden Tag das Ende der Welt ausruft. Seiner ganz persönlichen Welt natürlich. Die EU das Ende Europas, Umweltverbände sehen das Klima kollabieren, Tierschützer sehen ein irreversibles Artensterben, Feministen finden, dass es Frauen so furchtbar geht wie noch nie, Menschenrechtler finden nahezu jedes Leben außerhalb Deutschlands unzumutbar…man kann das nach Belieben fortführen. Die Kakophonie des Untergangs steht einstweilen in krassem Missverhältnis zu den tatsächlichen Lebensverhältnissen und so wird das permanente Ausrufen verschiedenster Katastrophen inzwischen selbst zur Katastrophe.

Die wirklichen Menschheitsherausforderungen indes, die Bevölkerungsexplosion, das Auftreten von Pandemien, die technologischen Antworten auf ein sich regional unterschiedlich veränderndes Klima, das gewaltige Nord-Süd-Gefälle bei den Lebensbedingungen und die abenteuerliche internationale Finanzpolitik, werden verdruckst umrundet. Europa mit Deutschland in der Mitte bohrt für schnellen Beifall lieber dünnere Bretter und steuert so auf gewaltige Verteilungsschlachten in den Metropolen der Welt zu. Eine Implosion, die uns dann wohl endlich demnächst die ersehnten Herausforderungen verschafft und die allenthalben beklagte Sinnkrise nachdrücklich beendet.

Wer versucht, die Ursachen für die in verschiedenem Ausmaß in allen westlichen Demokratien zu beobachtenden Auseinandersetzungen zu finden, landet früher oder später bei der soeben skizzierten Erkenntnis, dass das Fehlen existenzieller Herausforderungen nach irrationalem Ersatz verlangt. Wir schaffen uns die Probleme, die uns fehlen. Damit wären wir auch beim heute oft verwendeten Begriff der Wohlstandsverblödung. Ein Deppen-Idiom mit philosophischem Gehalt. Menschen brauchen – so sieht’s für mich aus – ihre substanziellen Erschütterungen. Fehlen sie, verlieren sie ihre definierte Aufgabe, ihre Ziele, Orientierungen und Prioritäten und verstricken sich, in teils wahnhaft geführten Ersatzkämpfen. In einem Strudel, der sie selbst und andere ins Verderben reißt. Es entstehen Aufstieg und Fall, eine Art Schaukelbewegung der Geschichte, die der Aufmerksame ganz ähnlich auch in privaten persönlichen Schicksalen wiederfindet.

Alle bisherigen Weltwirtschaftskrisen und geführten Kriege haben ein solches, stark irrationales Element. Es haftet Ihnen etwas Unerklärliches an. Wie konnte es soweit kommen, fragen wir uns. Immer danach. ‚Vorwärts leben, rückwärts verstehen‘ – hat Kierkegaard so passend festgestellt. Aber auch die mögliche Antwort auf den Rückblick, in deren Ergebnis eine friedvolle, kontinuierliche Entwicklung von kulturell unterschiedlichen Gesellschaften stehen könnte, scheinen wir nicht finden zu können. Weil unsere Natur des Fressens und Gefressenwerdens in regelmäßigen Abständen ihren Tribut verlangt? Vielleicht. Sie sorgt jedenfalls auch für die Klügsten unter uns für die Täler, aus denen wir dann freudvoll hervorkrabbeln. Wenn wir noch krabbeln.

Wer bei solchen Überzeugungen angelangt ist, für den ist die Resignation nicht weit. Denn es heißt nichts anderes, als dass wir da angesichts wirkender Urmächte, nur sehr wenig ausrichten können. Aber die Resignation ist nichts, womit man auf Dauer leben kann. Die Orte und Räume in denen wir uns aufhalten, haben mit der Zeit die Tendenz immer größer und bestimmender zu werden. Die dunklen und die hellen. Man sollte also von Zeit zu Zeit Ort und Raum wechseln und bewusst zurück ins Licht treten, denn wo Verhängnis und Ausweglosigkeit herrschen, ist knapp daneben immer auch Chance. Ich werde daher den eingetragenen Verein des Verdrusses für eine Zeit lang verlassen und will sehen was sich neues entwickelt.

Bis irgendwann hier oder woanders! Macht’s gut erstmal!

4 Gedanken zu “Der Junge muss an die frische Luft

  1. Wie wohltuend wahr, vernünftig und sachlich zusammengefasst. Der Irrsinn, der uns derzeit umzingelt. Die Polarisierten Weltuntergänge. Die echten und herbeigeredeten. Bitte nicht „verschwinden und schweigen“. Wir brauchen derzeit jeden Zipfel Vernunft und Sachlichkeit. Leider verstummen genau diese Stimmen in einer Art verständlicher Resignation. Wer will schon allein gegen einen Orkan anschreien oder gegen einen Tsunami im Schlauchboot paddeln. So sieht es aus und immer mehr „Einzelkämpfer“ verstummen einfach. Bitte nicht! (oder wenigstens nicht für lange) Danke!

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  2. Hervorragender Text!

    Das für mich wichtigste darin ist:
    >>… landet früher oder später bei der (…) Erkenntnis, dass das Fehlen existenzieller Herausforderungen nach irrationalem Ersatz verlangt. Wir schaffen uns die Probleme, die uns fehlen. (…) Wohlstandsverblödung. <jenejene< uns lachend und immer neu hinhalten.

    Irgendwann ist das Geld zur Alimentierung der Sinnleeren alle, früher oder später. Die darauffolgenden harten Zeiten werden viel ausgleichen und jede beliebige Menge Darwin-Awards verteilen, leider aber auch viele Unschuldige mitreissen. Spätestens danach hat sich die Frage, was jemand mit seinem Leben in einer wohlstandsübersättigten, verweichlichten Vollkasko-Gesellschaft anfangen soll, erledigt. Denn dann wird es wieder um das blanke Überleben und das Arbeiten auf dem Feld dafür gehen.

    Gefällt 1 Person

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