Freiheit war gestern. Was nun kommt, ist der wohlwollende, allumsorgende Corona-Staat

Von Andreas Thiel

Wenn einer Monarchie die Monarchen ausgehen, ist das lustig. Aber wenn einer Demokratie die Demokraten ausgehen, ist das beunruhigend. Wir träumen einen bizarren, psychedelischen Traum und warten darauf, wachgeküsst zu werden.

Was haben wir verloren? Ich habe in meinem Bekanntenkreis gefragt, was Freiheit sei – die Antworten füllen Poesiealben. Wer nicht weiss, was verloren gegangen ist, wird es auch nicht wiederfinden.

Oft hörte ich den Satz «Die Freiheit endet dort, wo die Freiheit der anderen beginnt». Aber auf die Frage, wo die Freiheit der anderen beginne, erhielt ich keine vernünftige Antwort. Je nach persönlicher Präferenz begann sie beim Klima, bei der autofreien Zone, der Selbstverwirklichung, der Gesundheit oder der Abwesenheit von materiellen und anderen Nöten.

Das alles sagt viel aus über Partikularinteressen und Modeströmungen, aber nichts über die Freiheit.

Das Wesen der Freiheit

Das Adjektiv frei geht auf die indogermanische Wurzel prāi- zurück, was schützen, schonen, lieben bedeutet. Hinter dem Wort Freiheit steckt also nicht die Bedeutung «machen, was man will». Im Duden ist zwar durchaus die Definition «Handeln nach eigenem Gutdünken ohne Rücksicht auf andere» zu finden, allerdings steht sie für Willkür. Der Begriff Willkür verbindet Wille mit Kür, einem mittelhochdeutschen Wort für «Wahl». Das entspricht einer inhaltlichen Verdoppelung des Wollens und bedeutet Rücksichtslosigkeit. Die Willkür ist das Gegenteil von Freiheit.

Deshalb bringt Anarchie keine Freiheit. Anarchie bedeutet zwar nicht Gesetzlosigkeit, sondern Herrschaftslosigkeit. Anarchisten propagieren ihre Idee als Experimentierfeld für Gemeinschaften, die ihre Regeln in losen, informellen Gruppen unabhängig voneinander selber definieren. Der Haken daran ist aber gerade die Abwesenheit allgemeinverbindlicher Regeln. Wo solche fehlen, herrscht faktisch Gesetzlosigkeit.

Warum empfinden wir die Gesetzlosigkeit nicht als Freiheit? Weil die Gesetzlosigkeit ein Gesetz kennt: das Gesetz des Stärkeren. Das heisst, man ist der Willkür ausgesetzt. Denn auch jeder Starke begegnet früher oder später einem noch Stärkeren.

Alle Starken einzusperren, wäre absurd, denn damit würde man nicht nur die vermeintlich Starken ihrer Freiheit berauben, sondern man müsste im Endeffekt alle einsperren, da auch jeder Schwache im Auge des noch Schwächeren ein Starker ist. Die Starken ihrer Freiheit zu berauben, fördert nicht die Freiheit anderer, sondern führt zur Unterdrückung aller. Die willkürliche Erlassung und Anwendung von Gesetzen führt von der Anarchie zum Totalitarismus. Der Zustand der Freiheit muss irgendwo dazwischenliegen.

Freiheit muss von der Wortbedeutung her Schutz gewähren, Schonung garantieren und Liebe ermöglichen. Aber auf die Frage, welche Gesetze sich hierzu eignen, erhielt ich so viele Antworten, wie ich Leute fragte.

Zumindest herrschte Konsens darüber, dass Freiheit verbindlicher Gesetze bedürfe. Ich begab mich auf die Suche nach etwas zwischen Anarchie und Totalitarismus.

Die Freiheitsgeschichte

Ich begann mit Musil und endete bei Moses: Der Exodus ist die älteste mir bekannte Freiheitsgeschichte. Das Volk Israel befreit sich vom Joch des Pharaos. Damit wäre die Geschichte eigentlich erzählt gewesen. Aber in jeder tiefsinnigen Erzählung fängt mit dem gewonnenen äusseren Kampf der eigentliche Kampf an, nämlich der innere, und somit die wahre Geschichte. Mit der errungenen Freiheit beginnt der weitaus schwierigere Kampf um den Erhalt der Freiheit. Von diesem Kampf handelt die sogenannte B-Story. Und laut klassischer Dramaturgie liegt dort die Moral versteckt.

In der B-Story des Exodus tanzt das Volk Israel um das Goldene Kalb. Um es zu erschaffen, war der private Goldschmuck eingezogen worden. Das Goldene Kalb entstand durch Kollektivierung von Privateigentum. Bis heute stellt der Goldschmuck bei Nomadenvölkern eine funktionierende Altersvorsorge dar.

Das Volk Israel probte somit die Aufhebung der privaten Vorsorge zugunsten eines kollektiven Götzen, den man in Erwartung allgemeiner Wohlfahrt umtanzt. In dieser allegorischen Orgie hat Moses einen Irrglauben beschrieben, der Jahrtausende später unter dem Namen Sozialismus zu einer Weltreligion heranwachsen sollte.

Aber dann steigt – welch Timing! – Moses mit seinen Gesetzestafeln vom Berge Sinai herab. Falls Moses sich an die verborgenen Regeln der Dramaturgie hält, liegt in diesen Gesetzestafeln der Schlüssel zur Freiheit verborgen.

Seit Jahrtausenden sind die mosaischen Gesetze allen jüdischen, christlichen und auch muslimischen Kindern geläufig als «Die Zehn Gebote». Dabei werden wir die ersten vier Gebote auf unserer Suche nach der verlorenen Freiheit sogar überspringen, denn sie regeln keine irdischen Angelegenheiten, sondern definieren das Verhältnis des Menschen zu Gott:

Die spirituellen Gebote

1. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.

2. Du sollst dir kein Bild von mir machen.

3. Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen.

4. Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst.

Diese Gebote sind nicht weltlicher, sondern spiritueller Natur, was nicht heisst, dass sie weniger wichtig sind. Nicht mehr als einen Gott zu haben, heisst, dass man nicht dem Guten und dem Schlechten gleichzeitig dienen kann. Und dass man sich von Gott kein Bild macht, verhindert, dass man es anderen aufzwingt. Dies wird noch verstärkt durch das Verbot, den Namen Gottes zu missbrauchen. Und mit der Ehrung des Sabbats empfiehlt Moses, jeden siebten Tag die Arbeit ruhen zu lassen und seine Gedanken auf Gott auszurichten.

Das ist bemerkenswert, denn hierin unterscheidet sich Moses von allen anderen. Zarathustra, Buddha, Jesus und selbst Mohammed lehren, seine Gedanken ständig auf Gott auszurichten, woran selbst Kleriker scheitern. Moses hingegen scheint ein ausgesprochener Realist gewesen zu sein, denn auch ein paar Jahrtausende nach ihm ruht bei uns noch alle sieben Tage die Arbeit, und Millionen von Menschen besuchen Kirchen und Synagogen.

Diese spirituellen Gebote dürfen nie zu weltlichen Gesetzen gemacht werden, denn sonst muss der weltliche Gesetzgeber ein Gottesbild schaffen, um es einem weltlichen Gericht zu ermöglichen, festzustellen, ob jemand davon abweicht, womit der Gesetzgeber mindestens zwei dieser vier Gebote verletzt. Das ist das Dilemma weltlicher Gottesstaaten.

Hingegen kommt das Wort Gott in den übrigen sechs Geboten nicht mehr vor. Denn diese ordnen das Verhältnis von Mensch zu Mensch.

Die weltlichen Gebote

5. Ehre Vater und Mutter.

6. Du sollst nicht töten.

7. Du sollst nicht ehebrechen.

8. Du sollst nicht stehlen.

9. Du sollst nicht falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

10. Du sollst weder begehren deines Nächsten Frau noch Besitz oder Eigentum.

Diese weltlichen Gebote lassen sich aufteilen in drei Gesetze und drei dazugehörige moralische Prinzipien.

Die Gesetze lauten:

1. Du sollst nicht töten.

2. Du sollst nicht stehlen.

3. Du sollst nicht ehebrechen.

Das passt zur Wortbedeutung der indogermanischen Wurzel von Freiheit: schützen, schonen, lieben. Allein mit diesen drei Gesetzen definiert Moses, unter welchen Bedingungen der Mensch frei ist:

1. Du sollst nicht töten.

Als kleinsten gemeinsamen Nenner muss eine freie Gesellschaft auf Gewalt gegen Leib und Leben verzichten beziehungsweise solche gemeinsam ahnden. Wer seinem Nächsten das Leben nimmt, zerstört dessen Freiheit.

2. Du sollst nicht stehlen.

Wer seinen Nächsten bestiehlt, raubt ihm die Freiheit, sein Eigentum so einzusetzen, wie er es für richtig hält, sei es, um die Familie zu ernähren, Löhne zu zahlen, Wissenschaft zu betreiben, die Kunst zu fördern oder auch nur um sich zu vergnügen.

Wichtig ist die Erkenntnis, dass dieses Gesetz nicht das Vorhandensein von Eigentum garantiert, sondern bloss den Schutz des Vorhandenen. Kein Gesetz kann Glück oder Wohlfahrt garantieren. Gesetze bieten nur Schutz vor der Willkür anderer Menschen, aber nicht vor der Willkür des Schicksals. Für das Schicksal sind wohl eher die ersten vier Gebote massgebend.

3. Du sollst nicht ehebrechen.

Hier geht es eindeutig um mehr als um die Beziehung zwischen zwei Menschen, nämlich um die Familie. Sobald Kinder im Spiel sind, wird mit dem Ehebruch der Kern einer Familie zerstört. Der Grundsatz lautet somit: Neben Leben und Eigentum muss auch die Familie geschützt werden.

Die Familie gibt Leben weiter. Der Staat kann das nicht. Und wo er es trotzdem versucht, wird er es ohne Liebe tun und Retortenleben generieren. Ähnlich verhält es sich mit dem Eigentum. Die Familie gibt Eigentum weiter. Der Staat vernichtet Eigentum. Das heisst nicht, dass jede Familie Leben und Eigentum weitergeben muss oder kann. Aber die Familie ist dafür prädestiniert.

Die Freiheit definiert sich demnach durch den Schutz von Leben, Eigentum und Familie vor willkürlichen Übergriffen. Diese drei Säulen stützen sich gegenseitig. Fällt eine, fallen die anderen auch. Wer die Familie zerstört, vernichtet die Grundlage von Leben. Wer Eigentum aufhebt, beraubt die Familie ihrer Mittel. Und wer Leben nimmt, vernichtet die Freiheit schlechthin.

Aber Moses liefert zu seinen drei Gesetzen ja auch noch drei moralische Fundamente:

1. Du sollst nicht falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

2. Du sollst weder begehren deines Nächsten Frau noch Besitz oder Eigentum.

3. Ehre Vater und Mutter.

Bei näherer Betrachtung handelt es sich um die gleichen drei Grundsätze, aber nicht als Gesetz, sondern als Moral formuliert. Moses’ Säulen der Freiheit stehen auf moralischen Fundamenten:

1. Töte nicht – begehe nicht einmal Rufmord.

2. Stehle nicht – begehre nicht einmal fremdes Eigentum.

3. Schütze die Familie – und halte sie über Generationen hinweg zusammen.

Auf diesen drei Säulen ruht jeder moderne Rechtsstaat. In der Schweiz lauten sie: StGB, OR und ZGB. Sie sichern Leben, Eigentum und Familie. Was darüber hinausgeht, schützt die Freiheit nicht mehr, sondern schränkt sie wieder ein. Jeder Rechtsstaat schützt in seinen grundlegenden Gesetzen Leben, Eigentum und Familie. Und jeder Unrechtsstaat beginnt mit der Schleifung mindestens einer dieser drei Säulen. Meistens beginnt es mit dem Angriff auf das Eigentum.

Hier erschliessen sich auch die einleitend zitierten Worte «Die Freiheit endet dort, wo die Freiheit der anderen beginnt». Moses beantwortet die Frage, wo die Freiheit der anderen beginne, mit: Leben, Eigentum und Familie.

Das Misstrauen gegen die Freiheit

Es drängt sich die Frage auf, weshalb Moses diese drei Säulen auf moralische Fundamente stellte. Weshalb genügen zum friedlichen Zusammenleben nicht die drei Gebote «Nicht töten», «Nicht stehlen» und «Nicht ehebrechen»? Weil nicht nur Mord, sondern bereits Rufmord Existenzen zerstört. Weil Gier und Neid zu Schlimmerem verleiten als nur Diebstahl. Und weil mit einer Familie mehr auseinanderbricht als bloss eine Paarbeziehung. Ohne diese moralischen Fundamente fallen die drei darauf stehenden Gesetze beim ersten Hauch von menschlichem Trieb.

Mit dieser Erkenntnis machte ich erneut die Runde. Mein bürgerliches Umfeld – von libertär bis nationalkonservativ – erklärte sich rundum einverstanden mit dieser Definition der Freiheit. Auf diverse Vorbehalte stiess ich jedoch in meinem linken Freundeskreis, und zwar von sozialliberal bis regenbogengrün. Woher kommt dieses linke Misstrauen gegenüber der Freiheit der anderen?

Es war Karl Marx, der der linken Hemisphäre Freiheitsfeindlichkeit einimpfte. Er hat den Tanz ums Goldene Kalb wiedereröffnet. Kostgänger dieser politischen Halbkugel verfolgen ausnahmslos eine antikapitalistische Ideologie, das heisst, sie versprechen sich die Lösung aller erdenklichen Probleme – von der Altersvorsorge bis zum Klimawandel – von der Kollektivierung von Privateigentum. Alle meine linken Freunde glauben, menschliche Schwächen durch Systemveränderungen ausmerzen zu können.

Marx lebte zur Zeit der industriellen Revolution und zeigte sich empört angesichts der Berichte über die Ausbeutung von Arbeitern in Englands Fabriken. Marx glaubt allerdings nicht, dass das Problem bei der Gier liegt, sondern er ist überzeugt davon, das bevorzugte Objekt dieser Gier, das Geld, sei das Problem. Er glaubt, einen Systemfehler entdeckt zu haben.

Seine Theorie basiert auf der Annahme, mit einer Systemkorrektur, nämlich der Abschaffung des Geldes, würde man dem «Kapitalisten» sein Objekt der Begierde entziehen, womit auch die Gier aus der Welt geschafft wäre. In seinem «Manifest der Kommunistischen Partei» kommt Marx leider nie auf die Idee, sich die Frage zu stellen, was gierige Menschen im Kommunismus tun.

Kern der kommunistischen Theorie ist die Aufhebung von Privateigentum. Auf den Gedanken, dass er dadurch dem Staat ungeheure Macht verleiht und der Gier ein viel perfideres Mittel in die Hand gibt als Kapital, nämlich staatliche Macht, kommt Marx nicht. Sobald der Staat beginnt, Menschen zu enteignen, schlagen sich gierige Menschen auf die Seite des Staates.

Geradeso gut hätte Marx auf die Idee kommen können, den Sexismus zu bekämpfen, indem er Frauen verbietet, sich unverhüllt an die Öffentlichkeit zu wagen. Diese Idee stammt zwar nicht von Marx, aber totalitäre Ideen gleichen sich nicht im Grundsatz, sondern im Prinzip. Die Idee, Menschen zu retten, indem man sie unterdrückt, ist nicht besser geworden, seit sie bunt ist.

Kollektivismus ist die Kriminalisierung des Privaten. Für Marx gibt es kein rechtmässiges Eigentum. Es ist ihm egal, ob jemand durch Glück oder Fleiss zu Eigentum gekommen ist. Nach seiner Definition ist jeder, der über Eigentum verfügt, ein Ausbeuter. Marx verurteilt jeden, der wirtschaftlich denkt und handelt, jeden innovativen Geist und jeden, der mit Fleiss und Geschick etwas aufbaut, jeden, der mit seinem Reichtum Kunst fördert oder Grundlagenforschung betreibt. In Marx’ Weltsicht gibt es keine freien Menschen mit unterschiedlichen Begabungen und Interessen, mit Glück oder Pech, sondern nur «Unterdrücker» und «Unterdrückte».

Alle Händler erklärt er zu böswilligen Wucherern. Deshalb ersetzt er den freien Handel durch staatliche Umverteilung. Und er rechnet nicht damit, dass ein umverteilender Staat ebenfalls Geld kostet, sogar mehr noch als der freie Handel, da der Staatsangestellte einen höheren Lohn bezieht als der Händler, einen Lohn, der überdies nicht einmal vom Erfolg der Umverteilung abhängt, wie es beim Handel der Fall ist. Und hier zeigt sich das Grundproblem der linken Idee an sich: Der Lohn des Umverteilers ist nicht vom Erfolg der Umverteilung abhängig. Das macht jeden linken Lösungsansatz teuer und ineffizient.

Marx’ vermeintlicher Weg ins Paradies ist eine unfehlbare Anleitung zum Unrechtsstaat, denn er macht Moses’ Gebote – eins nach dem anderen – dem Erdboden gleich:

1. Aufhebung von Besitz und Eigentum

2. Aufhebung der Familie

3. Diffamierung und Verfolgung von Andersdenkenden

Die Worte, die Marx wählt, sind von erstaunlicher Klarheit. Sein «Manifest der Kommunistischen Partei» ist ein gesellschaftlicher Zersetzungstext:

II, 14: In diesem Sinn können die Kommunisten ihre Theorie in dem einen Ausdruck: Aufhebung des Privateigentums, zusammenfassen.

II, 40: Aufhebung der Familie!

II, 71: Es kann dies natürlich zunächst nur geschehen vermittelst despotischer Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Produktionsverhältnisse, durch Massregeln also, die ökonomisch unzureichend und unhaltbar erscheinen, die aber im Lauf der Bewegung über sich selbst hinaustreiben und als Mittel zur Umwälzung der ganzen Produktionsweise unvermeidlich sind.

(Karl Marx: Manifest der Kommunistischen Partei, 2. Ausgabe von 1848)

Wer solchen Ideen folgt, verdirbt sich den Charakter. Aber auf wessen Pult ist das Rezept für den Kommunismus zu einem Plan gegen Pandemien mutiert? Worauf laufen die derzeitigen Notstandsgesetze hinaus? Marx lässt nichts unangerührt:

II, 73, unter anderem:

– Starke Progressivsteuer

– Abschaffung des Erbrechts

– Konfiskation des Eigentums aller Emigranten und Rebellen

– Zentralisation alles Transportwesens in den Händen des Staats

– Gleicher Arbeitszwang für alle

usw.

(Karl Marx: Manifest der Kommunistischen Partei, 2. Ausgabe von 1848)

Die Aufhebung des Privateigentums ist bis heute der Hauptpfeiler linker Politik. Und ist es nicht das, was wir gerade erleben? Falls es das wäre, würde es zumindest erklären, weshalb die linken Parteien den Notstand nicht mehr aufheben wollen.

Aber vielleicht ist es noch verrückter. Selbst unsere angeblich liberalen Politiker tappen nämlich heute in sämtliche von Karl Marx ausgelegten ideologischen Fallen. Beim Vaterschaftsurlaub handelt es sich nicht um einen Schutz der Familie, sondern um eine Bedrohung derselben, weil es sich um eine Kollektivierung von Privateigentum handelt. Bei der CO2-Abgabe handelt es sich nicht um einen Beitrag zur Rettung des Planeten, sondern um eine simple Kollektivierung von Privateigentum. Selbst der Freisinn tanzt ums Goldene Kalb. Er ist nicht mehr fähig, die Freiheit zu wahren. Über den letzten Zustand unserer Freiheit, bevor sie über Nacht verschwand, lässt sich Folgendes berichten:

1. Keine Partei rief zu Mord auf, aber Rufmord war schon lange politischer Alltag.

2. Keine Partei rief zu Diebstahl auf, aber das Privateigentum war vor dem Staat schon lange nicht mehr sicher.

3. Keine Partei rief zum Ehebruch auf, aber die Demontage der Familie dauert schon lange an.

Das Ende der Freiheit

Die Gesetze, die die Freiheit garantieren würden, hätten wir noch gehabt. Aber wir haben die Moral verloren. Und hier sieht man auch, weshalb Moses die Gesetze auf die dazugehörige Moral gestellt hat. Wenn man jedem Missliebigen das Recht auf sein Eigentum öffentlich abspricht, dann steht das Gesetz, das dieses Eigentum schützen soll, auf Sand. Wenn wir die Freiheit für unsere Kinder erhalten wollten, brauchten wir nicht noch mehr Gesetze, sondern weniger Gesetze und dafür wieder mehr Moral.

Allerdings darf Moral nie Gesetz werden. Wer davon überzeugt ist, dass seine Ansichten so unfehlbar sind, dass er das moralische Recht besitzt, sie anderen aufzuzwingen, richtet im Falle auch nur eines leichten Irrtums unermesslichen Schaden an. Und da man immer alles von verschiedenen Seiten betrachten kann, ist schon die Tatsache, dass jemand davon überzeugt ist, auf dem einzigen richtigen Standpunkt zu stehen, ein untrügliches Indiz dafür, dass er sich kolossal irrt.

Nachdem wir die Moral verloren hatten, war es ein Leichtes für den Bundesrat, die Gesetze, die unsere Freiheit schützten, auch noch umzustossen. Durch die Aussetzung der Vertragsfreiheit für ganze Wirtschaftssektoren ist der Schutz des Eigentums aufgehoben. Durch die Separierung der Generationen ist der Schutz der Familie entfallen. Und das Mantra, mit dem der Bundesrat die Freiheit zu Grabe trägt, lautet: «Das Leben muss geschützt werden.»

Wir singen es mit, ohne zu merken, dass das Gesetz «Du sollst nicht töten» umformuliert wurde in «Du sollst nicht sterben». Ein Gesetz, das das Verhältnis von Mensch zu Mensch ordnete, soll nun neu das Verhältnis des Menschen zum Schicksal definieren. Mit anderen Worten, der Bundesrat hat weltliche Gesetze ersetzt durch spirituelle Gebote.

Der Bundesrat hat eine neue Ordnung errichtet, welche auf den ersten vier Geboten basiert:

1. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.

Der Bundesrat hat sämtliche Staatsgeschäfte dem einen Gott unterworfen: Sars-CoV-2.

2. Du sollst dir kein Bild von mir machen.

Und ob! Der Bundesrat präsentiert uns ein Bild seines allmächtigen Gottes: Es ist ein Virus.

3. Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen.

Und wie! Der Bundesrat bestraft jeden, der seinem Virus nicht huldigt, und droht mit kollektiver Vernichtung, falls das Volk vom Glauben abfallen und wider das Virus sündigen sollte.

4. Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst.

Der Bundesrat teilt die Woche neu ein in sieben Sabbattage.

Die Trennung von Staat und Religion war ein Befreiungsschlag gewesen, nachdem die Kirchen staatlich geworden waren. Jetzt ist der Staat religiös geworden. Das ist das Gleiche.

Der Bundesrat hat die Freiheit geschleift, um einem Virus einen Tempel zu errichten. Wäre er wenigstens so vernünftig wie Moses und geböte, nur jeden siebten Tag dem Virus zu widmen! Aber das Virus durchdringt alles und jeden. Nichts darf mehr in einem anderen Licht als im Lichte des Virus betrachtet werden. Wir leben seit gestern in einem Gottesstaat.

Andreas Thiel ist Satiriker und Autor, unter anderem von «Der Humor» und «Intellekt mich» (beide Werd-Verlag).

Dieser Text ist zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen.

5 Gedanken zu “Freiheit war gestern. Was nun kommt, ist der wohlwollende, allumsorgende Corona-Staat

  1. . Ja, Freiheit beginnt mit einem Exodus aus der Knechtschaft der hierarchisc von Königen und Magier-Priestern organisierten Sesshaftigkeit. Der freiheitsdurstige Mensch muss als Auswanderer wieder Nomade werden um in das «gelobte Land» zu gelangen, und auf diesem Weg findet er jene wenigen Grundregeln, die das friedliche Zusammenleben ermöglichen. Freiheit hat denselben Wortstammwie Frieden, Freude und Freundschaft. Zum Thema Sesshaftigkeit und Nomadentum ist für mich das erhellendste Werk «Der Staat» von Franz Oppenheimer, geschrieben 1911. Oppenheimer war ursprünglich Marxist, er profilierte sich aber als Staatsskeptiker, der dem ökonomischen Mittel (Tausch), gegenüber dem politischen Mittel (Zwang) Vorrang einräumte. Er war der akademische Lehrer von Ludwig Erhard und deutete den Staat als das Resultat der Machtstabilisierung von Eroberern. Das stimmt vielerorts, aber die Schweiz ist ein Sonderfall. Sie ist nicht von Eroberern sondern von Dissidenten gegründet worden, die ihr Eigentum gegen fremde Vögte verteidigten.
    Eine dialektische Herausforderung ist das Lateinische «privatus», das Du gut charakterisierst, das aber eigentlich „das Weggenommene“ bedeutet. Hat der Privateigentümer sein Eigentum einer ursprünglich kollektiven Eigentümergemeinschaft weggenoommen? Ich deute das anders: Das „Wegnehmen“ betrifft nicht andere Menschen betrifft, sondern die Natur. Eigentum isoliert ein Stück Natur, nicht um es zu zerstören, sondern um es als «Garten» zu pflegen, zu kultivieren. So steht es auch im Blog-Beitrag von Michael von Prollius zum Thema Gärtner. Ich schreibe das einfach als kleines Zeichen des dankenden Denkens, des Verstehens und des Weiterdenkens.

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  2. Karl Marx und Friedrich Engels verdienen Respekt. Beide haben ihre Hände nicht
    mit Blut besudelt. Das blieb den Interpreten Lenin und Trotzki vorbehalten.
    Diese wiederum ebneten den Weg für den grössten Massenmörder der Geschichte.

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  3. Ja, das ist typisch für Sozialisten, dass sie die Schuld bei allem möglichen suchen, von Geld über Nation bis Industrie – nur die Menschen sind immer unschuldig.

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