Chancenoptimierung gegen Gefahrenminimierung

Von Robert Nef

In der Corona-Krise wird vor allem für ältere Menschen das Dilemma zwischen direkter Selbst- und indirekter Fremdgefährdung spürbar. Wahrscheinlich steckt dahinter ein Grundproblem: Freiheit umfasst immer ein Gesamtpaket von Chancen und Gefahren für uns selbst und gleichzeitig auch für andere. Eine definitive Bilanz ist wohl nicht möglich.

Freiheitsfreunde gehen von der Vermutung aus, dass die Chancenoptimierung insgesamt für alle mehr Nutzen bringt als die Gefahrenminimierung. Der pure Egoist wird vor allem seine eigenen Chancen optimieren und damit gleichzeitig die Gefahren für anderer erhöhen. Wahrscheinlich besteht die Kunst des kultivierten Optimierens dieser beiden Strebungen darin, herauszufinden, wo man beim Abschieben der Gefahren auf andere gleichzeitig auch für sich selbst wieder Gefahren schafft und vice versa.

Das Fazit ist ziemlich banal. Es deckt sich mit dem Appell «Liebe Deinen Nächsten, denn er ist wie Du» und mit dem kategorischen Imperativ und mit der Lebenserfahrung durchschnittlicher normaler Menschen, sofern es das gibt. Mindestens das römische Zivilrecht geht davon aus, aber es beruhte auf der Moral von Privateigentümern und Familienmenschen und blendete die Sklaven (die einen erheblichen Bestandteil der Bevölkerung ausmachten) aus. Wahrscheinlich besteht die Bevölkerung heute mehrheitlich aus Staatssklaven, die nicht mehr sich selbst gehören, sondern einer immer solidaritätssüchtigeren Staats- oder gar Weltgemeinschaft, die lediglich auf kollektive Gefahrenminimierung pocht.

So gehen viele Chancen zum Teufel. Das ist der kollektive «Preis der Restriktionen», aber er spielt aus der Sicht der Gefahrenminimierenden keine Rolle. Sie machen die Rechnung buchstäblich ohne den Wirt und zulasten des Wirts. Aber wo sitzen und wer sind die Sklavenhalter und ihre Funktionäre, und wer wagt es, gegen sie anzukämpfen?

Ich habe kürzlich wiedereinmal Kafkas «In der Strafkolonie» gelesen. Früher las ich die kurze Erzählung als Produkt eines sado-masochistisch veranlagten hoch sensiblen Expressionisten und Exzentrikers, heute als das Manifest eines visionären anarchistischen Kritikers real existierender Sozialmaschinerien.

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