Antizyklisch: Jetzt hoffen

Es ist paradox: Seit Jahren zum ersten Mal überwiegt in mir die Hoffnung. Ein Gefühl wie jenes in Kindertagen, wenn Weihnachten näher kam. Je verrückter das alles wird, je schriller plärrend klimatische und gesundheitliche Seuchenzahlen medial hochgejazzt werden und der damit einhergehender Alarmismus auf neue Höhen gepeitscht wird; je länger die Zinsen unten bleiben und je grotesker die offiziellen Zahlen sind, die Auskunft darüber geben, welche Summen mittlerweile nötig sind, um das System hinkend am Laufen zu halten (Anleihekäufe, Hilfsprogramme); je abststruser in ihrem Grössenwahn die politischen Richtungsentscheidungen sind und je verbissener und unversöhnlicher man sich in den verschiedenen „Lagern“ (wie passend!) gegenübersteht, umso stärker wird dieses Gefühl, das schon Züge von Vorfreude hat. Eine Vorfreude, die weit über die eigene Person und Lebensspanne hinausreicht.

Der Grund: Es geht – das ist nicht zu übersehen – einem Kulminationspunkt, einem Ende entgegen. Irgendwann wird Gratisgeld nicht mehr reichen und keine Wirkung mehr haben. Irgendwann wird jeder ideologische Wahn mit der Realität der Knappheit kollidieren. Irgendwann, wenn der Begriff der „Freiheit“ schon fast verschwunden sein wird, weil keiner mehr beschreiben kann, was er jenseits infantiler Bedürfnisbefriedigung bedeutet, werden jene ausserhalb der „Lager“, die nicht schwach werden und die die Freiheit kraftvoll schaffend und erschaffend leben und hoch halten, wieder gesehen und gehört werden. Wo aber ein Ende naht, da naht auch ein Neuanfang.

Wird das zivilisiert vonstatten gehen oder mit grossem Leid? Ich weiss es nicht. Wird es morgen sein oder in vielen Jahren erst? Ich weiss es nicht. Werde ich das Neue überhaupt erleben? Ich weiss es nicht. Was ich aber weiss, ist, dass mein Hoffen ein begründetes ist; begründet in dem immer rasender sich drehenden Karussell von Dekadenz und Hysterie und damit in Tausenden von Jahren Menschheitsgeschichte, die Zeuge stehen für solcherart Endendes und für Neuanfänge. Und das reicht mir für das Hier und Heute. Es ist ein grossartiges Leben, wenn es Hoffnung gibt, deren Wirkkraft sich aus der Zukunft mitten ins Heute hinein entfaltet.

8 Gedanken zu “Antizyklisch: Jetzt hoffen

      • „Irgendwann wird Gratisgeld nicht mehr reichen und keine Wirkung mehr haben.“
        Es geht um Fiatgeld und nicht um Gratisgeld. Das Einzige, was knapp ist, ist die Menge der Güter, nicht die Menge der digitalen Nullen.
        „Irgendwann wird jeder ideologische Wahn mit der Realität der Knappheit kollidieren.“ Das hängt von der Definition von ideologischem Wahn ab.

        „Irgendwann, wenn der Begriff der „Freiheit“ schon fast verschwunden sein wird, weil keiner mehr beschreiben kann, was er jenseits infantiler Bedürfnisbefriedigung bedeutet, werden jene ausserhalb der „Lager“, die nicht schwach werden und die die Freiheit kraftvoll schaffend und erschaffend leben und hoch halten, wieder gesehen und gehört werden.“

        Wohl kaum, solange man kein Freigeist ist. Kein Ahnung, welche Bedürfnisbefriedigung du als infantil bezeichnest, wahrscheinlich nicht die eigene. 😉

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      • 2) Gratisgeld ist „Fiatgeld mit einem Augenzwinkern“ im Sinn: Ein Tauschmittel, dessen Preis abgeschafft wurde. 2) jeder ideologische Wahn kollidiert früher oder später mit ökonomischen Fundamentalgesetzen. Meist mit jenem der Knappheit von Kapital im weitesten Sinn: Finanzierungsmittel und Ressourcen. 3) Meist kommt die Freiheit nicht als „grosses Erwachen“ daher, sondern ist „bloss“ das Resultat einer Entwicklung, die schlicht alles andere weggefegt hat. Vor allem die Mittel, einen Riesen-Staatsapparat inklusive Subventionierungen zu alimentieren. Dann werden die Menschen auch wieder zur Freiheit „gewzungen“ sein. Nicht durch andere Menschen, sondern durch das Leben und seine Anforderungen schlechthin. Die infantile Bedürfnisbefriedigung meine ich im grund wörtlich: Was Kinder wollen und brauchen.

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  1. Wir haben in unserer Lebenszeit (40-70 Jahre) im Westen noch gar nicht erfahren, wie es richtig wäre, damit unsere Welt Bestand hat. Es war ein zwingend notwendiger Neuanfang außen, weil alles vorher in Trümmern lag, aber fast allen fehlte der Neuanfang innen. Auf dem materiellem Weg nach oben kam dann die bekannte linke Bewegung, die noch mehr haben wollte, ohne Gegenleistung. Aus dem Stamm der Vorfahren nähren sie ihre Zweige und nennen diese den neuen Stamm, den Neustart. Irrtum: wenn der Stamm der Vorfahren ausgehöhlt ist und bricht, kommt die Baumkrone mit den Zweigen runter. Die Fallhöhe wird nicht unerheblich sein.
    Oder ganz kurz: einfach Psalm 95 lesen. Wir stehen vor dem Auszug aus Ägypten, dann kommt die Wüste, und dann für die, die glauben, das gelobte Land: Das gibt Hoffnung!

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