„Freund, ruiniert Denken dein Leben?“

Von Franz Bettinger

Hier ist ein Geständnis: Es begann ganz harmlos. Auf Parties, da dachte ich mir hin und wieder was. Um zu entspannen. Aber ein Gedanke führte zum nächsten, und bald war ich mehr als nur ein geselliger Gesellschafts-Denker auf Gesellschaften.  Ich begann, allein zu denken. Um zu entspannen, sagte ich mir.  Niemand redete mir rein.  Denken wurde immer wichtiger für mich. Sogar während der Arbeit im Krankenhaus dachte ich heimlich so vor mich hin.  Aber Denken verträgt sich nicht mit Medizin. Ich begann, die anderen Ärzte in den Kaffeepausen und beim Lunch zu meiden. Einmal kam ich vom Denken verwirrt zurück auf die Station und fragte die Schwestern, die gerade Blutdruck- und Cholesterin-Senker zum Verteilen in Pillen-Behälter packten: „Was machen wir eigentlich hier?“ Das war nun nicht mehr harmlos. 

Zuhause lief’s auch nicht dolle. Eines Abend drehte ich den Fernseher ab und fragte meine Frau nach dem Sinn unseres Lebens. Jene Nacht verbrachte sie bei ihrer Mutter. Bald stand ich im Ruf, ein schweres Denk-Problem zu haben.  Eines Tages rief mich der Chef zu sich: „Franz, ich mag Sie, und es tut mir weh, das sagen zu müssen, aber Ihr Denken ist für uns zu einem Problem geworden. Wenn Sie’s nicht in den Griff kriegen, kann ich Sie hier im Krankenhaus nicht behalten.“ Darüber musste ich lang nachdenken. Zuhause gestand ich zerknirscht: „Liebling, ich habe wieder nachgedacht.“ „Das sehe ich,“ sagte meine Frau, „und ich will die Trennung.“ „Aber Liebling, so schlimm ist das bisschen Denken doch nun auch nicht.“ „Es ist schlimm“, sagte sie mit zitternder Unterlippe. „Du denkst, als wärst du ein Professor, und diese Typen bringen kein Geld heim, und bald werden wir auch keins mehr haben.“ (Nicht, dass man als Stationsarzt reich werden könnte.)  „Das ist ein völlig falscher Syllogismus,“ sagte ich, und sie begann zu weinen.

Ich hatte genug. Ich schlug die Tür hinter mir zu und machte mich in der Stimmung eines verkannten Nietzsche zur Stadtbücherei auf. Sie war geschlossen. – Bis heute denke ich, dass ich einen echten Schutzengel habe. Als ich vor der verschlossenen Tür in die Knie sank und eine Stimme in mir nach Zarathustra oder wenigstens was von Ernst Jünger verlangte, da sah ich das Plakat der Anonymen Denker: „Freund, ruiniert Denken dein Leben?“ 

Das Plakat hat mich gerettet. Nachdem ich dem Krankenhaus gekündigt hatte, bin ich nur noch die Treppe hochgefallen und aus Rache reich geworden. Zuhause läuft die Chose auch prächtig.  Ich kann nur jedem raten, nicht zu denken  und stattdessen zu glauben, was im Fernsehen kommt. Ich kann mir im T.V nun anstrengungslos die x-te Wiederholung von Was bin ich? ansehen und darüber lachen. Statt das Leben zu kontemplieren: Hirnwäsche vom Feinsten, Erfolg garantiert

4 Gedanken zu “„Freund, ruiniert Denken dein Leben?“

  1. „Es gehört zum Schwierigsten, was einem denkenden Menschen auferlegt werden kann: wissend unter Unwissenden den Ablauf eines historischen Prozesses miterleben zu müssen, dessen unausweichlichen Ausgang er längst mit Deutlichkeit kennt. Die Zeit des Irrtums der anderen, der falschen Hoffnungen, der blind begangenen Fehler wird dann sehr lang.“

    Carl Jacob Burckhardt
    (Schweizer Historiker 1891 – 1974, acht Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs)

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