Den Schlüssel lass‘ ich stecken

Mit der Äusserung eines Bekannten über die „seltsamen Lähmung“, die sich in und um ihn her breitmache, riss in mir etwas auf. Was in den letzten Monaten im Vagen, Ungeordneten und bloss Gefühlten gedräut hatte, liess sich abseits windelweicher Wehleidigkeiten endlich in Worte fassen und damit in eine für mich lebbare Ordnung hinüberziehen. Denn nur, wo wir Dinge in Worte fassen und aussprechen können, können wir entscheiden. Ohne die Möglichkeit solchen Ordnens bleibt Handeln Getriebensein. Ohnmacht.

Das Grundprinzip meines Lebens ist denkbar einfach. Es lautet: Mein Leben – meine Verantwortung. Gleichauf mit dem Ziel des eigenen Wohlergehens steht daher der Wille, keinem zu schaden. Niemand anderen emotional oder materiell für das eigene Wollen und Streben zahlen zu lassen, sondern sich vielmehr die Möglichkeiten zu erarbeiten um helfen, unterstützen und dasein zu können. Das ist in meinen Augen der Inbegriff von Freiheit und sie verlangt schonungslose Analyse, Planung, Investitionen und auch Verzicht. Wo solches freiwillig ist, werden Lebensträume erlebbare Realität. Und genau das war mein Leben: mein Traum.

Was sich in den vergagnenen Jahren langsam und damit ein Stückweit vorausnehm- und planbar verändert hat, wurde in den letzten paar Monaten in rasendem Tempo zu einer neuen Realität. Heute kommt mir mein Leben vor wie ein ausgedehnter letzter Gang durch mein altes, kleines Haus. Ich habe es mir mit Arbeit, also Lebenszeit erkauft. Ich kenne jede seiner Ecken, seine Stärken und verborgenen Schwächen. Ich weiss genau, wieviel Holz ich brauche um es im Winter warm zu halten. Ich weiss um die Arbeit die es macht, die stete Pflege, den Unterhalt. Ich weiss um das Risiko der alten Leitungen und jenes des undichten Daches. Ich weiss, wo der Wind reinzieht und wo die wärmste Ecke ist. Kurz: Es war mein Haus, ich kannte es und wusste, worauf ich im Heute zu verzichten hatte, um es mir für die Zukunft zu erhalten.

Ich schreibe bewusst „war“, denn damit scheint es vorbei zu sein. Die giftige Saat dessen, was den Leuten seit Jahren eingehämmert wird, geht dieser Tage im Zeitraffer auf. Jene Saat, die da sagt, dass Freiheit und Selbstverantwortung ohne die glättende und inkludierende Hand des Staates ein Sturm von Gesetzlosigkeit und Ungerechtigkeit und Gefahr sei, in den der Mensch ohne Kompass und Messgeräte hinausgejagt werde. Dass, wer solche Freiheit zu leben fordere, wer persönlich zu planen und vorzusorgen und zu verzichten wünsche, unsolidarisch und egoistisch sei. Und dass, was nicht der Kontrolle des Staates überantwortet werde, eine Gefahr darstelle und wer nicht bereit sei, die einen auf Kosten der anderen zu mästen, auf zigfache Weise betraft gehöre.

Für mich ist es daher höchtste Zeit für diesen letzten Rundgang durch mein bisheriges Leben. Es ist ein Abschied. Was ich geplant hatte für meine Zukunft, wofür ich vorgesorgt hatte, was ich investiert hatte und worauf ich zu diesem Zweck verzichtet hatte wird wahrscheinlich gerade zur Makulatur. Geld als Wertaufbewahrungs- und Tauschmittel wird seines Wertes beraubt. Andere Wert- und damit Verantwortungsspeicher werden kriminialisiert. Eigentum wird verhandelbar. Planungs- und Rechtssicherheit werden im Namen des Zeitgeists und künstlicher Notstände geschreddert.

Ich trete vor das Haus und schliesse die Tür hinter mir. Den Schlüssel lasse ich stecken. Es gibt nichts mehr schützen. Denn hier draussen tobt der wahre Sturm, vor dem nichts mein bisheriges und ideelles und materielles Heim zu bewahren vermag. Jener, den sie Rettung, Sicherheit und Gerechtigkeit nennen. Jener, in dem ich nichts planen, nicht vorsorgen, nicht investieren, nicht aufbauen kann und es vor allem auch nicht soll. Es ist der obrigkeitliche Zwang zu einem „Leben mit der Lage“ – zum Nicht-Planen, Nicht-Vorsorgen, Nicht-Riskieren und Nicht-Wagen. Auslieferung auf Kleinkindniveau.

Ich kann den Sturm nicht aufhalten. Aber ich kann wach bleiben, beweglicher werden, mich der Ohnmacht verweigern und mithilfe des Kompasses und der Messgeräte der Freiheit und der Verantwortung entscheiden. Darüber beispielsweise, dass ich mich dem Furchtdiktat nicht beugen werde. Darüber, dass ich mich dem geschürten Misstrauen meinen Mitmenschen gegenüber verweigere. Darüber, dass ich nicht zulassen werde, dass man die Einheit meines Denkens, Glaubens und Erlebens in isolierte ausgelieferte Teile zerfetzt. Und darüber schliesslich, dass das Leben mehr ist, als die Krumen, mit denen man mich abzuspeisen versucht. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Vom seiner staatlichen, matschigen und geschmacklosen Variante erst recht nicht. Schwarz arbeiten war gestern. Ab hier wird schwarz gelebt. Eigensinnig, hartnäckig, halsstarrig. Jetzt erst recht. Eine neue Form von Glück.

7 Gedanken zu “Den Schlüssel lass‘ ich stecken

    • Auf keinen Fall, lieber Robert. Aber es ist gut, Worte zu haben um die Dinge zu benennen. Erst dann verlieren sie die Macht über einen, die sie haben, wenn sie nur gefühlt sind und nicht verbalisiert. Jetzt kann ich die Dinge ansehen von allen Seiten, sie umschreiten und ihnen jene Wichtigkeit und Proportion zuordnen, die ich will und nicht jene, die sie mir aufzudrängen versuchen.

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    • Sag ich doch 😉
      Wie Du weisst, hab ich diesen Schritt schon seit jetzt 11 Jahren hinter mir. Die systematisch organisierte Bürgerabzocke ist seitdem nicht weniger geworden.
      Und auch, wenn der zwangsenteignungsideologische Hintergrund nicht akzeptabel ist – von mir kriegen die verstrahlten Volkszertreter ganz legal seitdem fast nichts mehr, das ist mir eine echte Genugtuung.

      Freedom is just another word for nothing left to lose.

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