Die grosse Verkehrung II – Menschen zu Steinen


Es ist meiner Meinung nach nicht übertrieben zu sagen: freiwilliges Handeln im Sinn eines Tuns, eines Duldens oder eines Unterlassens ist praktizierte Freiheit; es ist gegen aussen getragenes Person-Sein und damit sichtbare Wirkung und Kern des Mensch-Seins. Im Umkehrschluss bedeutet das aber: Wer permanent im Namen einer wie auch immer gearteten Moral an den jedem Handeln zugrunde liegenden Kausalitäten von Leistung und Lohn, Investition und Ertrag, Opfer und Segen herumwerkelt, sie aushebelt und umdeutet, werkelt am Menschen selbst herum. Er entzieht ihm nicht weniger als den Grund zu handeln und legt damit offen, dass er keine Menschen im Sinn freier Entscheidungs- und Verantwortungsträger will sondern bloss sich verhaltende Wesen. Die Wir-bleiben-Zuhause-Kampagne der deutschen Bundesregierung, spricht Bände: Nicht-Handelnde sind die neuen Helden.

Damit gelangt man aber zum tiefsten und innersten Kern dessen, was via Meinungsindustrie – also Politik, Bildungsindustrie, Medien, Kirchen, Zivilgesellschaft und NGOs – seit Jahrzehnten langsam und seit kurzem mit den Schubreserven von Identitätspolitik, Politische Korrektheit, Klima- und Gesundheitspolitik in zunehmend raschem Tempo geschieht: Dem Menschen wird nicht das Handeln an sich, aber das, was man als „Leidenshandeln“ bezeichnen könnte, nämlich das Handeln im Sinn ein von Leistung, Verzicht, Risiko, Vernantwortung, madig gemacht und ausgetrieben und damit der wichtigste Teil seines Menschseins schlechthin.

Wie geschieht das? Es geschieht dadurch, dass man die Kausalität Leistung-Lohn auseinandernimmt und sowohl Leistung und als Lohn als voneinander getrennte und nicht in Zusammenhang stehende Dinge betrachtet und neu deutet. Lohn im Sinn von Ertrag, Profit, Erfolg wird nicht länger als Resultat grosser Leistung, grossen Risikos und grosser Verantwortung, sondern als Resultat von Machtausübung, Unterdrückung und Gaunerei gedeutet. Und Leistung im Umkehrschluss ist nicht länger harte Arbeit, Wagnis und freiwillig übernommene Verpflichtung, sondern das, was einer fühlt und wünscht und fordert, und das zu Lohn berechtigt.

Klingt das absurd? Das ist es auch. Aber genau darauf, im Auseinanderreissen und Neu-Deuten dieser seit jeher aufeinander bezogenen Grössen von Leistung und Lohn, Investition und Ertrag, Opfer und Segen basiert nicht weniger als der grösste Teil dessen, was sich heute Politik nennt. Bildungspolitik, Geldpolitik, Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik, Klimapolitik und so weiter und so fort. Zu glauben, dies sei nur ein bedauerlicher Irrtum, quasi ein Kollateralschaden des Sozialen, Fortschrittlichen und Gutgemeinten, ist in Anbetracht von Konsequenz, Kadenz und Konstanz, mit der diese „Agenda“ verfolgt wird, bestenfalls naiv. Was hier geschieht, ist nichts anderes, als die Implementierung einer neuen Gesellschaftsordnung, die nicht länger auf Individuen mit individuellen Handlungsmotiven und Handlungschancen und Verantwortlichkeiten beruht, sondern ausschliesslich auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die entweder als „Täter“ oder als „Opfer“ identifiziert wird. Dabei gilt: Tätersein ist zu vermeiden, Opfersein ist eine Tugend. Die Zugehörigkeit muss indes nicht auf Fakten beruhen – wie könnte sie das auch? – sondern ausschliesslich auf Meinung und Gefühl.

Dass auch hier noch, wenn auch in verkehrter und pervertierter Form das vordergründig verteufelte Ursache-Wirkungs-Prinzip von Lohn und Leistung Gültigkeit hat, weil Menschen eben Menschen, und Anreize Anreize bleiben, und dass hinter der Selbst- oder Fremdzuordnung zu einer Opfergruppe knallharte, rationale Motive stecken, wird unterschlagen. Aber Tatsache ist: Der Wettbewerb wird nicht abgeschafft, sondern bloss auf andere Kriterien ausgerichtet: Nicht Leistung zählt, sondern der Opfergrad. Wenn das „survival of the fittest“ in einem gesunden Wettbewerbsumfeld an reale Kompetenzen, Leistungen und die Fähigkeit gebunden ist, Herausforderung zu meistern, ist heute der fitteste, wer die Kunst der Selbst-Degradierung am besten beherrscht. Und während bisher der Grundsatz galt, Konkurrenz müsse durch ein besseres Angebot in Funktion der Nachfrage überflügelt werden, ist heute ausschalten das Gebot, wobei „ausschalten“ gleichzusetzen ist mit Selbstverbiegung, Schmeichelei, Korruption, Verleumdung, Rufschädigung, Beschiss, Intrigen und Verrat. Man muss nur einmal die grosse Zehe für zehn Sekunden in eine der hoch subventionierten Branchen, Schichten oder in eine Erbstreitigkeit hineinhalten, um ein Leben lang das Pfeifen, Kratzen, Schnattern und Beissen an den Ausgabestellen unverdienter Leistungen nie mehr aus den Gehörgängen zu kriegen.

Politische Massnahmen werden heute unter den Schlagworten von „Hilfe“, „Inklusion“ und „Integration“ fast ausschliesslich auf die „Opfer“ ausgerichtet. Das gilt im Fall von Staaten ebenso, wie im Fall von Unternehmen und Einzelpersonen. Was früher als verantwortungslos, opportunistisch, undiszipliniert, fahrlässig und – im Fall der Kunst – als hässlich galt, ist heute systemrelevant oder eben von den Verhältnissen, den Umständen oder anderen unterdrückt und gehört gefördert. Hässliche Kunst in Wort, Form, Ton und Bild gelten als Ausdruck dieser unterdrückenden Verhältnisse und Täter-Menschen und geniesst besonderen Schutz.

Konsequenterweise bedeutet das: Wer es schafft, Opfer zu sein und sich einer Opfergruppe anzuschliessen, kann auf einen bunten Strauss an Geschenken hoffen. Wer dies nicht schafft, steht auf der dunklen Seite: Nach der Opfer-Täter-Deutung geht es ihm nur deshalb gut, ist er nur deshalb erfolgreich und vermögend, weil er entweder unverdient privilegiert ist und/oder Macht ausübt und andere unterdrückt. Von den Durststrecken, die ein freier Unternehmer – egal, ob Arzt, Handwerker, Künstler oder IT-Fachmann, Bauunternehmer oder was auch immer – in Kauf nimmt, vom jahrelangen Weg along the Kartoffel, von den schlaflosen Nächten unter der Last der Verantwortung, von den Momenten blanken Entsetzens Angesichts des Risikos, vom Verzicht bis hin zur Entbehrung – davon ist nie die Rede. Er ist erfolgreich und reich und damit verdächtig.

Eine in ihrer Vollkommenheit schon fast bewundernswerte Pervertierung dieser Opfer-Täter-Religion ist bei den Themen Corona und Klima zu beobachten. Beide machen es möglich, dass buchstäblich jeder sich als Opfer fühlen kann und keiner Verantwortung übernehmen muss. Das richtige Bewusstsen und Gehorsam reichen aus, um als solidarisch, als Menschenfrend und Held zu gelten.Und jeder, der sich dem verweigert und auf sein Mensch- und Person-Sein im Modus der Selbstverantwortlichkeit beharrt, darf als Menschenfeind, Mörder und damit Verbrecher behandelt werden.

Die seit Jahren gepushte Zersplitterung ganzer Gesellschaften in Opfergruppen und Tätergruppen mündet damit in die totale Vereinzelung. Denn wo jeder Opfer ist, ist auch jeder ein potentieller Täter und die neue „soziale Gerechtigkeit“ endet im permanenten Kampf eines totalitären, wirklichkeitsverleugnenden Gesinnungs-Kannibalismus‘, in dem am Ende alle Opfer sind. Echte und nicht bloss gefühlte. Alle ausser jenen, die die Sache organisieren.

4 Gedanken zu “Die grosse Verkehrung II – Menschen zu Steinen

  1. Danke, Monika,

    für dies mehr als treffenden Worte, die Darstellung, wie die Hinterleuchtung des Jetzt.
    Danke auch, für genau diesen Impuls, der mit so vielen anderen derzeit
    ein „Gegengewicht“ und auch Halt und Hoffnung ist.
    Es soll auch keine gezielte Lobhudelei sein,
    wenn ich jetzt, eigentlich entgegen meiner halbwegs grundsätzlichen Prinzipien,
    mal einfach so hier einen Link einstelle, der eine ziemlich große Schnittmenge hat
    zu Thema und Struktur deines Beitrages.
    Wenn das nicht genehm ist, entferne einfach meinen Kommentar,
    ich habe da keine Probleme mit und finde uns nur „legitim“.

    https://vomschattenzumlicht.wordpress.com/2021/04/16/die-heimliche-umerziehung-der-gesellschaft/
    oder direkt auf Youtube:

    Alles Liebe,
    Raffa.

    Gefällt mir

  2. Brillant, sprachlich und inhaltlich. Besonders gefällt mir der Erhalt des Wettbewerbsprinzips aufgrund des Opfergrads. Ich kenne es aus dem Sport, wo es teils amüsante Blüten treibt.Wer bei Paralympics mitmachen will, muss den Grad seiner Behinderung belegen. Ein Dreispringer mit künstlichem Fuss belegt natürlich einen hohen Opfergrad, aber einer von ihnen siegte mit Weile, auch gegen Nichtbehinderte, weil er einen genialen Kunstfuss mit einer ultrastarken eingebauten Feder hatte. – Dieser Opferwettbewerb sorgt also doch für etwas Attraktion und Amüsement. Es gibt auch einen genialen Film mit Julia Roberts, wo eine Tischgemeinschaft beschliesst, dass derjenige den letzten Keks kriege, der nachweislich am elendesten dran sei. Julia Roberts spielt sozusagen sich selbst, eine zwar schwerreiche, aber alternde Schauspielerin, und schafft es, alle zu überzeugen von ihrem höchsten Opfergrad – und kriegt das Browny. So gesehen ist Lohn und Leistung eben doch nicht ganz entkoppelt, denn das von der Autorin grandios beschriebene ‚Pfeifen, Kratzen, Schnattern und Beissen an den Ausgabestellen unverdienter Leistungen‘, ist eben doch auch eine Leistung. Simulieren, heucheln, jammern, schmarotzen, Krankheit und Elend vortäuschen ist zumindest eine künstlerische Leistung, wie Molière bewies, der die Hauptrolle in seinem eigenen Stück ‚Le malade imaginaire‘ spielte und bei der vierten Aufführung auf der Bühne starb, aber eben echt starb. Und bei der Arbeit sterben ist doch ein toller Leistungsbeweis? Auch dass die Autorin die Geräusche nicht mehr aus den Gehörgängen kriegt, ist eine Leistung, die sonst nur richtigen Ohrwürmern wie ‚Albumblatt für Elise‘ gelingt.
    Und, Hand aufs Herz, Lohn ohne Leistung, am schönsten konkretisiert in der aktuellen Forderung nach dem bedingungslosen Grundeinkommen, ist doch die völlig logische und erwartbare Konsequenz der Abschaffung der Eigenverantwortung, an der schon seit ewigen Zeiten viele Religionen wacker mithelfen, allen voran die katholische Kirche mit dem genialen Einfall, sich gegen Überlassung der Daten in der Beichte, das Murmeln von ein paar Gebeten und ein kleines, selbstverständlich freiwilliges Entgelt von jeglicher Schuld und Verantwortung befreien lassen zu können. Dann aber auch Väterchen Freud mit der Erfindung des Unbewussten, das uns umtreibt und für das wir doch nichts können und das unsere Rechtsprechung und Pädagogikbis heute aufs Nachhaltigste beeinflusst. Das Pünktchen auf das legendäre ‚i‘ setzen die Neuroforscher mit ihrer These, dass wir gar keinen freien Willen hätten, sondern in allem, was wir tun, waseliwas seien: Opfer, die doch einfach nichts dafür können, programmiert durch diese rumwuselnden Neuronen da oben und die Triebe da unten, gegängelt und verdorben durch die schreckliche Familie und die Foucaultschen Machtverhältnisse und, wenns denn sein muss, auch noch von den Göttern und Teufeln und dem Fatum. Und für all diese schreckliche Fremdbestimmung haben wir doch einen Trostbatzen zugut, einfach nur dass wir es überhaupt aushalten, da zu sein. Irgendwie lieb,oder nicht?
    Herrlich und für mich erhellend auch die Engführung von hässlicher zu systemrelevanter Kunst. Ich habe bislang nie einen Zugang zu dieser sogenannt ‚modernen‘ Kunst gefunden, aber jetzt wird mir alles klar und ich weiss auch endlich, mit was für einem Schmerz-Leid-Empathiegesicht man sie anschauen muss.
    Ich sehe die Zukunft allerdings nicht ganz so pessimistisch und glaube fest an die Sinuskurve. Irgendwann in nicht allzuferner Zeit läuft sich das mit dem ‚Wir sind alle Opfer‘ tot, sei es, weil es schlicht niemanden mehr gibt, der den Opfern ihren leistungslosen Trostlohn aufs Haupt legt; sei es, weil es den Kindeskindern der Daueropfer irgendwann zu langweilig wird und sie – nur schon aus pubertärer Lust, das Gegenteil der Eltern zu machen – das Abenteuer des Täterseins mit Risiko, Eigenverantwortung und Selbstbestimmung wieder entdecken; sei es, dass die dekadenten westlichen Talfahrtsstaaten überrannt werden von jüngeren, täterfreudigeren Kollektiven – und die legendären Mongolen zu Pferd die Zürcher Bahnhofstrasse übernehmen. Wenn sich dabei die Gesamtmenschheitsbevölkerung etwas ausdünnt, wäre das doch – so aus dem umgedrehten Fernglas betrachtet – aus Sicht des Planeten und der Mitwelt durchaus wünschenswert, oder nicht?
    Christoph Meier

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