Der Islam ist nicht das Problem

An Tagen, Orten oder zu Uhrzeiten, wo nicht mit thermischen, sondern nur mit dynamischen Aufwinden zu rechnen ist, wo also jeder Versuch, in punkto Höhe und Distanz über den entsprechenden Hügel- oder Gebirgskamm (Schweiz: Krete) hinauszukommen, im besten Fall suboptimal endet, spricht der Drachenpilot von einem „Kretenfick“. An dieses Nicht-Vorwärts- oder -Drüberkommen erinnert der mal auf kleiner, mal auf grosser Flamme köchelnde Alarmismus in Sachen Feindbild Islam. Was im Fall der Hängegleiter-Fliegerei indes durchaus Unterhaltung und Training sein kann, hinterlässt im Fall der erwähnten Endlosdebatte nicht selten den Eindruck öffentlich zelebrierter Selbstbefleckungs-Rituale. Warum.

Weil, was sich als Debatte ausgibt, oft gar keine ist. Ergebnisse argumentativer Verknüpfungen und Schlussfolgerungen stehen von vornherein fest. Gegenrede ist kaschierter Rückenwind. Wo sie echt ist, lässt der allseits vielbeschworene demokratische Sportsgeist massiv zu wünschen übrig und verkümmert zu Jaulen am unteren Rand der Gürtellinie. Resultat und gleichsam angestrebter Höhepunkt derartiger Gruppenaktivität: Der Islam ist Schuld. Eigentlich an allem. Das ist Schwachsinn. Wer solches behauptet oder glaubt, braucht in Wahrheit einen Blitzableiter. Er nimmt sich und seine Verantwortung aus der Gleichung heraus und gesteht damit nichts anderes, als dass er dem Islam nichts entgegenzustellen habe.

Damit gibt er Peter Scholl-Latour recht, der 2012 sagte, nicht die Stärke des Islam fürchte er, sondern die Schwäche des Abendlands. Oder anders gesagt: Wir. Wir sind das Problem. Nicht das kanzleramtlich leerverwaltete und je nach Event mit dem undefinierbaren Brei „freiheitlicher“ oder „liberaler Werte“ gefüllte Beliebigkeits-Wir der Ahnungslosen und Verängstigten. Wir im Sinn von Sie und ich. Wir als Teile der Gesellschaft, in die wir hineingeboren sind. Ja, aber die Politik … Richtig: Die Politik hat die Grenzen sperrangelweit offen stehen lassen und sendet motivierende Grüsse an Wohlfahrtswillige und Shuttle-Dienstleister in der ganzen Welt. Es soll schon Mexikaner geben, die hierzulande Asyl beantragen. Aber das ist nur ein Bruchteil der Wahrheit. Lange bevor die Schlagbäume hochgerissen und die Grenzwachten nach Hause geschickt wurden, haben wir das, worauf unsere Gemeinschaften gründen, aufs Gründlichste überwunden und uns der passiven Verführung „fürsorglicher Freiheitsberaubung“ (Roger Köppel) durch den Staat ergeben. Freiwillig. Der Islam besetzt heute nur jenen brach liegenden Teil unseres Kulturlandes, das wir beim „Emanzipation“ genannten und auf Knien vollzogenen Rückzug auf die Scholle infantilisierter Ich-Vergötzung auf- und der Verwahrlosung preisgegeben haben.

Dieses Brachland – die Landmasse übersteigt die Fläche unserer lose treibenden Ego-Schollen bei weitem – heisst „christliche Fundamentalprinzipien“. Nein – dies wird kein Bekehrungs- sondern bloss ein Bestimmungsversuch des Orts, an dem wir stehen – so wie’s zurzeit aussieht, ist es keine „strategische Erfolgsposition“. Gerade wer von sich Objektivität und die sachliche Auseinandersetzung fordert, wird die Bibel und die darin vermittelten Werte – Glaube hin oder her – zumindest als Erzählung und damit als literarisches Kulturerzeugnis wahrnehmen müssen. Ein Kulturgut, das nebst der gewaltigen religiösen Fracht, die es enthält, die Grundlage der meisten unserer rechtsstaatlichen Verfassungen bildet.

Das Wort „christlich“ ist dieser Tage breit und tief verankert als Synonym  einer verkrampften, überholten und in Unterwerfung gipfelnden Gebots- und Verbotsorgie, die den Menschen durch Angst vor Bestrafung in Schach und Unmündigkeit hält für eine sich daran mästende Obrigkeit, die vorgibt, von Gottes Gnaden berufen zu sein (dass den einen oder anderen bei dieser Beschreibung der Ausdruck „Sozialstaat“ streift, ist Zufall). Das Problem: Das hat mit christlichen Werten in etwa soviel zu tun, wie Politik mit Nächstenliebe. Die Kirche war über die längste Zeit geradezu institutionalisierte Perversion christlicher Werte und ist es auch heute wieder. Oder noch deutlicher: Kirchen mit Herrschaftsanspruch, genauso wie andere Organisationen mit Machtambitionen, mussten und müssen die christlichen Prinzipien geradezu bekämpfen, umdeuten und verwässern. Denn: roh und pur, sind sie eine Anleitung zu individueller Freiheit und damit eine Bedrohung und Bremsklotz für jede sich zur letzten Instanz aufschwingende Organisation. Sie also nicht zumindest wahrzunehmen und darüber nachzudenken, ist der erste Schritt zu verordneter Selbstbeschränkung und damit zur Preisgabe eines Stücks der Freiheit, die ihnen ebenso innewohnt, wie die Möglichkeit zur Entscheidung.

Dieses Selber-Prüfen bedingt allerdings, von der politisch gesäuberten Mainstream-Definition, die Befehl, Kommando, Verbot und Rückschritt geifert und ab Kreissaal in Kinderhirne hinein-bildet, wegzukommen. Und man wird in dieser Distanz feststellen: Es bedarf schon eines faszinierenden Masses an Voreingenommenheit, um da Lebens- und Freiheitsfeindlichkeit zu finden, wo sich Wort für Wort der Eindruck von Schutz und Bewahrung der Menschen voreinander und des Einzelnen vor sich selbst geradezu aufdrängt. Freiheit statt Knechtschaft, Selbstverantwortung statt Blitzableitertum, Leistung und Eigentum statt Neid und Raub, freier Wille statt Gefühls- Hormongetriebenheit, Ruhe statt sklavischer Rastlosigkeit, Leben statt Tod – eine Hymne auf das grenzenlose Beschenktsein mit Veranwortung, eine Kürzest-Zusammenfassung der Zehn Gebote. Wo – bitte!? – ist da die Unfreiheit, wo Würdelosigkeit und Unmündigkeit?

In der – nota bene freiwilligen – Unterwerfung unter einen Gott, der vom Einzelnen fordert, andere zu achten und sie in Ruhe ihr Leben leben zu lassen? Jetzt mal im Ernst – warum kümmert das überhaupt jemanden, was geht es andere an, ausser den Betreffenden? Und vor allem: wem schadet solches? Dem Menschen selber, der buchstäblich frei ist vom Aktuellen, weil er die Furcht vor dem Ewigen überwunden hat? Schadet es seiner Familie, der Sippe, der Gesellschaft, die von ihm mitsamt Eigentum und Eigenarten in Frieden gelassen, respektiert, geachtet und bei Bedarf verteidigt werden? Oder schadet es vielmehr der Obrigkeit mit Machtanspruch – sei es Staat oder Kirche – , von der er sich weder einschüchtern, verwalten, kaufen, vereinnahmen und lenken lässt?

Antworten kann jeder nur für sich selbst finden. Zur Seite treten und sehen, was ist, hilft. Wir haben Staat. Wir haben einen Staat, der sich mittlerweile in die kleinsten Ritzen des Lebens und Zusammenlebens einmischt. Deutlicher: ein anonymes Funktionärsheer mit dem exklusiven Recht auf Gewaltanwendung, das sich mit unserem demokratischen Segen und jenem des Gesetzes unserer Leben bemächtigt. Und es ist an Ironie kaum zu toppen, dass am Ende dieses Wegs (ein Zurück hat es noch nie gegeben und Beispiele dafür gibt es genug) stets ein totaler und totalitärer Machtapparat steht, dessen Fundamente nur so stark sind, wie er der Mehrheit der Menschen gegenüber in der Lage ist, die zehn Gebote in ihr Gegenteil zu verkehren.

Jedes totalitäre Regime hat Gott abgeschafft. Opium fürs Volk, Voodoo, Märchenglaube? Meinetwegen – Fakt ist allerdings: Wer bei Gott Rechtfertigung, Kraft, Mut und Freiheit findet, ist auf keinen gütigen Vater Staat angewiesen. Welches Opium und für wen also, wenn es tönt: Ich bin „Wir“, dein Staat? Die Namen des „Wir“ sind „Gesellschaft“, „Demokratie“, „Soziales“, „Solidarität“, „Gerechtigkeit“ und „Gleichheit“.  Für alles und jedes, egal ob wahr oder nicht, kann einer dieser Namen angerufen werden. Ruhe gibt’s erst wenn man tot ist – Daueralarmismus, Rastlosigkeit, Unsicherheit und Misstrauen sind Pflicht. Alte und Kinder? Auch dafür gibt’s Staat. Betreuung, „Bildung“, Erziehung und assistiertes Sterben inklusive. Ehe, klassische Rollenbilder – ganz schlecht. Du kannst emanzipiert sein, also musst du es auch sein wollen. Für alles andere gibt es die Genossen und Genossinnen. Schutz brauchst du nicht. Raub und Enteignung sind okay, solange du dich aufs Fordern beschränkst und uns den Job machen lässt. Neid ist politisches Programm,  Pflicht und Unterhaltung. Lohn gibt’s nicht für Leistung, sondern fürs Dabeisein. Lüge, Unwahrheit, Denunziation, Rufmord und Verrat werden separat vergütet. Und was Bildniskult und  Tod anbelangt: Ein Blick in die staatlichen Paradiese Nordkoreas und Venezuelas, wo die Staatsgötzen allgegenwärtig sind, genügt. Ausserdem: grosse Ideen fordern grosse Opfer. Beim Prügeln und Drohen sind wir schon.

Am Ende des Wegs sind wir zum Glück noch nicht. Bezahlen tun wir indes seit Jahren und reden uns auch noch ein, der Preis sei ein Gewinn:  die Aufgabe der Selbstverantwortung, auch bekannt unter den Namen Freiheit, Familie, Tradition, Glaube, Brauchtum, Eigentum, Heimat. Und auch heute wieder gilt, wer sich selbst oder anderen ein höfliches aber bestimmtes „Nein!“ entgegenhält ist „feindlich“ und Gefahr. Verteidigung ist verboten.

Das ist es – grob und vereinfachend gesagt – wo wir stehen. Emanzipiert und in jeder Hinsicht entwaffnet. Und in diese bunte Losgelöstheit der in Selbstbetrachtung gefangenen, von Gratis-Wohlstand geschwächten, jede ökonomische Realität ignorierenden und in den Ketten ich-zentrierter Minimal-Befindlichkeiten liegenden Gesellschaft hinein haben „wir“ den Islam eingeladen, der sich daran macht, das einzig Logische zu tun: sich teilweise mit Gewalt zu nehmen, was ihm erstens angeboten wird, was wir zweitens freiwillig aufgegeben haben und was drittens sein Gott von ihm fordert: Alles. Wir selber, Eigentum und die mit dem kulturell zelebrierten und steuergeldfinanzierten Pflichthass belegten Heimatländer mit eingeschlossen.  Was soll also das Fingerzeigen auf den Islam? Was soll das Rufen: „Unser Geld, unsere Kinder, unsere Frauen, unsere Familien, unsere Schulen, unsere Arbeit, unsere Wirtschaft, unsere Heimat?“ Jetzt plötzlich? Die Sache ist die: Es gehört längst nicht mehr uns. Wir bestimmen nicht mehr darüber. Der Staat tut es, an den wir im Namen von Selbstbestimmung, Emanzipation, Bequemlichkeit, Gerechtigkeit, Gleichheit und kurzfristiger Ich-Optimierung während Jahrzehnten Stück für Stück alles abgetreten haben. Dieses Abtreten von Leben und Freiheit ohne rot zu werden als „Aufklärung“  zu bezeichnen, dafür bedarf es schon einer gehörigen Portion Glaubens.

Vor diesem Hintergrund zu sagen, der Islam sei Schuld, während man jenes der Lächerlichkeit preisgibt, von dem wir auch heute noch zehren und ohne das kein sogenannter Liberalismus möglich wäre – eine Art antriebsloser Restschwung früherer Freiheit und des Willens, sie bis aufs Letzte für sich selbst und für die anderen und mit den anderen zu verteidigen – ist geistige Beweglichkeit auf Baseballschläger-Niveau. Ein Kretenfick eben.

Es ist an der Zeit, wieder etwas zu riskieren. Auf eigene Verantwortung.

 

 

Weniger Blog. Mehr Buch.

Wie bereits zurzeit, werde ich auch in den kommenden Wochen die Frequenz, mit der hier Beiträge publiziert werden, tief halten. Der Grund ist denkbar einfach: Ich bin kein Multitasker. Da per September die Publikation des Folgeromans von „Die Ministerin“ – „Der Fonds“ – beim Lichtschlag Buchverlag ansteht, ist es an der Zeit, den dritten Teil der Serie fertig zu schreiben. Viel mehr hat nebst Brotverdienst und ebendieser Arbeit nicht Platz. Nicht in meinen Tagen. Nicht in meinem Hirn. Über sporadisches Zusammentreffen hier oder auf meinem E-Mail Account freue ich mich dennoch sehr. Hoffend auf Verständnis und herzlich  – Ihre MH

Hurra! – Wir liquidieren uns.

Kann man ein Haus kaufen, ohne die künftige Finanzierbarkeit und die Wertenwicklung des Objekts zu prüfen? Kann man eine Firma gründen ohne eine Idee von Kosten und Erträgen zu haben? Kann man Firmenanteile kaufen, ohne nebst Management, Marktumfeld und Produkte-Pipeline die langfristigen Unternehmens-Kennzahlen zu berücksichtigen? Kann man sich in der Katar-Sache und zu den Reaktionen der Politik eine Meinung bilden ohne Miteinbezug der Ölpreisentwicklung und ihrer Gründe, des Saudi Arabischen Haushalts-Defizits, des Rüstungsdeals mit den USA (350 Mrd. Dollar über 10 Jahre) und der Unternehmensbeteiligungen der Qatar-Holding (rund 9% Hochtief, 5% Crédit Suisse, 17% VW, 9% Lagardère, 10% London Stock Exchange, 8% Glencore, 25% Sainsbury’s um nur ein paar zu nennen)?  Die Antwort: Natürlich kann man. Es empfiehlt sich aber nicht.

Was James Carville, Wahlkampf-Stratege Bill Clintons vor 25 Jahren nebst zwei anderen Punkten (Healthcare, Change) als Gedankenstütze für das Helfer-Team auf ein Schild im Hauptquartier in Little Rocke notierte, gilt nach wie vor: „The economy, supid!“ Denn: Was auch unter Miteinbezug ökonomischer Daten ein schwieriger Flug ohne Instrumente ist, wird ohne sie zum Blindflug. Das gilt nicht nur für das Verständnis von „Krisen“ aller Art sondern auch für den Weg, den wir als Gesellschaft hinter und vor uns haben. Wer die grobe Richtung kennen will, muss nach den Zahlen fragen. Besser: nach Werten.

Was besagten Weg anbelangt, so ist es, was seine Beschaffenheit betrifft trotz diverser „Krisen“ nach wie vor ein bequemer – echt existentielle Nöte (Nahrung, Kleidung, Wohnung, medizinische Notversorgung) sind selten. Das Problem derweil: den grössten Teil der leicht befahrbaren Strecke haben wir hinter uns. Nach einer der nächsten Kurven steht eine Wand. Die Chancen, nicht dagegen zu fahren und die Sache unversehrt zu überstehen sind gering. Der Grund auch hier: Werte. Allen voran Geld. Staatsgeld. Es vernichtet stets und zuverlässig Vermögen, ideelle Werte und liquidiert am Ende eine Gesellschaft.

Warum es so hart formulieren? Warum Liquidierung – Veräusserung, Auslöschung, Vernichtung – sagen anstatt sozial verträglich und leicht verdaulich von Paradigmenwechsel, Wertewandel, Haushaltsdefiziten und Staatsverschuldung sprechen? Von Dingen, die behoben, umgekehrt, korrigiert werden können oder gar Naturgesetz im Wechsel der Zyklen sind? Deshalb, weil nicht repariert werden kann. Deshalb, weil die gängigen Worte eine Wahrheit suggerieren über die wir längst hinausgeschossen sind. Die Wahrheit nämlich, dass Schulden nicht per se schlecht sind, vorausgesetzt, ihnen stehen reale Werte – Vermögen oder dauerhaft erzielbare Einnahmen – für Schuldendienst und Schuldentilgung gegenüber. Das ist nicht mehr der Fall. Vermögen und Werte, die Generationen aufgebaut haben und die Halt boten, sind grösstenteils dahin. Viele Sozialsysteme sind de facto pleite. Wie Renten- und andere Versprechen der Zukunft eingehalten werden wollen, bleibt bei Kostenwahrheit ein Rätsel. Nicht lösbar.

Was noch da ist, wird für aktuelle „Krisen“ zweckentfremdet, ansonsten begegnet man Engpässen und Risiken mit neuen Risiken, löst Probleme, indem man sie auf nach der Wahl vertagt und bis dahin neue schafft. Wo einst Vermögensbildung, Werterhalt und Versorgungssicherheit Leitsterne für staatliches und privates Investieren und Handeln waren, zählt heute nur noch eins: Liquidität. Staaten und Unternehmen, allen voran die Finanzindustrie, schnappen danach, wie ein ersaufender Hund nach Luft. Untereinander leiht man sich längst nichts mehr. Gegenparteirisiko bei Gegenparteien, die bereits bei Kreditantrag pleite sind und die teilweise erst in 75 Jahren geboren werden, ist ein Witz aus alten Tagen.

In die Bresche gesprungen sind die Zentralbanken, die Unternehmen und Staaten via Druckerpresse am Leben erhalten. Gefördert werden so Firmen, die Kurspflege betreiben und sich aufführen wie Hedgefonds anstatt zukunftsgerichtete Ivestitionen zu tätigen und Staatsapparate, die via Zielgruppenmassage und Günstlingswirtschaft das eigene Sende- und Wirkungsgebiet noch weiter in einst Privates hineinbohren.  Es ist die Diktatur des Kurzfristigen. Die Behauptung, es brauche stets wachsende Schulden und mehr Kredite um Wachstum zu erzeugen, ist Schwachsinn. Es ist nicht die Wirtschaft, nicht der Rest freien Marktes, sondern das das System der Profiteure aus Politik, Grosskonzernen und Banken, das sofort kollabierte, kappte man die Liquiditätszufuhr.

Das ist es, vereinfacht gesagt, worauf wir als Gesellschaft stehen und was uns als Fundament für unsere wirtschaftliche Zukunft dienen soll. Es ist tragisch und hat in der Vergangenheit noch nie ein gutes Ende genommen. Aber es ist nicht zwingend tödlich. Man könnte bei aufziehendem Sturm den Kopf einziehen, den Kragen hochschlagen, weitergehen, ausharren. Neu anfangen. Die Betonung liegt auf könnte. Denn: Wir sind nicht mehr stark genug. Wo Flüssiges herrscht da, wo Festes sein sollte, fault’s. Wo Geld verwässert und Werte aus falschen Gründen liquidiert werden, verwässern in der Folge auch ethische und moralische Werte, der Mensch selbst. Auch hier: Diktat der kurzfristigen Ich-Optimierung.  Oder wie Sebastian Brant, Verfasser der Satire „Das Narrenschiff“ 1494 treffend schrieb: „Wer Gaben nimmt, der ist nicht frei, Geschenk bewirkt Verräterei.“ Machen wir weiter so, riskieren wir, eines Tages tot am Grund eines Sees von wertlosem Geld mit dem Beton unseres Ego-Titanentums an den Füssen zu erwachen und uns zu fragen, warum verdammt noch mal wir uns nicht früher um die Sache mit dem Flüssigen und dem Gewicht und der Kraft gekümmert haben.

Wie sind wir dahin gekommen? Auf dem Karren des Staats. Wir haben die Geschenke, die mit einstigem Vermögen, später mit Falschgeld finanziert wurden angenommen. Wir sind der Heilslehre von Funktionären und Predigern windelweicher Visionen auf den Leim gekrochen und haben ihnen im Zweifel fraglos geglaubt,  Demokratie und mit ihr die Politik seien eine Art permanent installierter Jahrmarkt der Freiheiten zu unserem Besten. Das Leben endloser Spass, ein Fest des Habens. In Wahrheit war und ist’s ein Hexensabbat – ein seit Jahrzehnten währendes Schindludertreiben mit dem, was uns zu Menschen macht: Freiheit.

Bereitwillig wurde die Mär adoptiert, die da sagt, der Staat und die ihm nahestehenden Budenbetreiber dieses Rummels, könnten die Menschen vor den Risiken und Mühen dessen, was Leben ist, schützen, wir bräuchten nicht länger Produzenten von Freiheit und Träger von Verantwortungen, Entscheidungen und damit möglicher Schuld zu sein, sondern könnten uns aufs Konsumieren vorgefertigter Werte und Waren beschränken. Wir könnten die Schallmauer von Angst, Zweifel, Erleiden und Erschaffen mit Staates Hilfe umgehen und trotzdem die Erfüllung des Hindurch erleben. Fortan bräuchte nicht mehr gedacht,  gefragt, gescheitert, geforscht und gesucht zu werden, weil es reiche zu fühlen und ansonsten der Führung zu vertrauen. Das Leben eine Pret-à-Porter-Show: Arbeit, Wirtschaft, Familie, Konsum, Information, Bildung, Gesundheit, Kultur, Geld, Karitas, Alter, Invalidität, Krankheit – alles ab Stange, extraglatt und bügelfrei. Sorge dich nicht, wir sorgen! Zahle den jährlich etwas ansteigenden Eintritt und ein Leben in Sicherheit ist dein. Dass der Handel seit Jahrhunderten immer derselbe ist, dass vordergründige Sicherheit immer nur gegen Freiheit zu haben ist, wurde von den einen nicht erwähnt, von den anderen ignoriert oder verdrängt. Auch nicht thematisiert wurde die Tatsache, dass eine immer grössere Zahl der Kirmesbesucher längst begriffen hatte, dass einem, wenn  man nur gelobte, dazubleiben oder zumindest widerzukommen, der Eintritt zu Lasten der anderen erlassen wurde.

Was dabei herauskommt ist Leben im zweiten Gang, ein temporärer Kick, Almosen-Freiheit, ein System, das den Menschen Erlebnisse verspricht und sie nichts mehr erleben lässt und damit ums Leben prellt. Eine Gesellschaft von unsicheren, verletzlichen, weichen, auf das Eigene des anderen schielenden, verkrampften unruhigen und misstrauischen Menschen. Lebensliebe und – freude sucht man vergebens. Sie sind zur frenetischen Gelächtererruption neiderfüllter Minderwertigkeiten verkrüppelt. Dankbarkeit zu „Menschenrechten“.  Die Weite des Seins zur Enge des Events. Humor, dieser Menschenkitt, der einst einfach oder geistvoll Kurzfristiges mit Ewigem vernichtete, Generationen und Schichten durch das Benennen des Trennenden verband, zu schadenfreudig hämischer Gesinnungs-Pornographie. Einst Halt bietende Werte wie Heimat, die allem Sinn zuordnet, Familie, Loyalität, Leistung, Treue, Höflichkeit, Disziplin, Anstand und Durchhaltewillen werden in die obrigkeitlich in Verruf gebrachten braun getünchten Hinterhöfe der mit Hilfe unzähliger Henselmännchen gereinigten Welt verbannt. Wer nicht dort oder anderswo an den einsamen und wüsten Randbezirken der korrekten Gesellschaft ausgesetzt werden will, meidet sie.

Was heute gerne und von allen Seiten und je nach Anlass als „unsere freiheitlichen Werte“, als „unsere liberale Gesellschaft“ oder als „unsere demokratischen Prinzipien“ versprüht wird ist leer, Aussenschicht, Etikett. Der Mensch allein, endlos raffend sich selbst darstellend und dabei sich selbst und dem anderen immer fremder werdend. Der einzige Wert, den wir noch haben, ist der versiffte Gesinnungsbrei des Politischen, der farblos aus dem Fleischwolf delegierter Verantwortung trieft und in jeden Bereich dessen einsickert, was einst das einzige eigene Leben war.

Gibt es vielleicht doch die Möglichkeit einer Umkehr? Gegenfrage: Gibt es auch nur einen einzigen Politiker, der den Staat beschneiden, mitunter seinen eigenen Job abschaffen will? Sieht es danach aus, als würden unsere Staaten ihre Ausgaben ernsthaft einschränken wollen? Und noch wenn: Würden die Banken solche Vorhaben unterstützen? Geben die Zentralbanken Signale, die darauf schliessen lassen, dass sie bereit sind, den Grossbanken zu schaden? Whatever it takes? Wollen die Millionen, die in irgendeiner Form staatliche Leistung in Anspruch nehmen, auf diese verzichten. Wollen die Regulierungs-Profiteure aus den verschiedensten Industrie-Zweigen auf ihre Vorteile verzichten? Eher nicht.

Und trotzdem gibt es Hoffnung. Täglich mehr. Menschen, die längst wach sind oder sich gerade erst den Flugsand des Kurzfristigen aus den Augen wischen. Menschen, die sich weder finanziell noch ideell länger zufriedengeben wollen mit dem Künstlichen, dem Manipulierten, dem Nicht-Verdienten und von Staates Wegen Isolierten innerhalb der Umzäunung. Die nach dem Leben greifen und sich nicht länger zufriedengeben, mit dem kupfergestreckten Kleingeld des Lebens, das auf dem Jahrmarkt der Freiheit im Umlauf ist. Menschen, die erkannt haben und erkennen, dass, will man die totale Entblössung von Bindungen und Eigentum überwinden, irgendwie der Stromkreis mit dem Langfristigen wieder geschlossen werden muss.  Die sich sehnen nach der Tiefe und dem Frieden des Seins anstelle des lärmenden Rummels an den Schweinetrögen wertloser Geschenke. Menschen, die bereit sind, die „geschützte“ Zone staatlichen Lebens zu verlassen, den Zaun zu überwinden. Noch wird nicht geschossen, bloss gestraft: Wer Vermögen bildet zahlt Steuern darauf, wer spart kriegt keine Zinsen oder zahlt auch hierfür. Bargeschäfte, die Freiheits-Transaktion schlechthin, werden wo immer möglich beschränkt. Massnahmen in Richtung totales Verbot sind längst aufgegleist. Jenseits des  Geldes gilt heute wieder als „staatsfeindlich“, wer selber denkt.

Tun wir’s trotzdem. Bilden wir Vermögen – ideell und finanziell. Es sind die grössten Feinde des totalen und totalitären Staats. Es sind Fluchtrouten, die geld- und wertmässige Befähigung zu handeln. Nutzen wir jedes Schlupfloch, jede Möglichkeit zur Flucht. Denn: Was im Bereich des Kreditgeldsystems möglich ist – Schuldenschnitt, Währungsreform, ein rasches Ende mit Schrecken – läuft in Sachen Freiheit nicht. Scheinfreiheit ohne Verantwortung ist Freiheit auf Pump. Schuldenschnitte sind hier nicht vorgesehen. Irgendwer zahlt immer. Wenn nicht wir, dann jene, die nach uns kommen. Schlagen wir den Kragen hoch, gehen wir weiter, harren wir aus – um uns selber und anderen einen Neuanfang zu ermöglichen. Wo und wann auch immer.

 

Memoiren eines Schleppers

Gastbeitrag von Franz Bettinger

12 Grad Ost, 36 Grad Nord. Das waren die Koordinaten, die wir aus unserer eigenen Peilung und der eines anderen NGO-Kutters ermittelten. Wir hielten darauf zu. Nach einer Stunde sahen wir sie im Feldstecher, obwohl es schon Nacht war. Ein kaum besetztes Schlauchboot, kaum 12 Mann drin. Wo war der Rest? Enttarnte Christen, die man über Bord geworfen hatte? Eine hohe Welle, Kenterung, Ertrunkene? Das waren sie, die zwei Möglichkeiten, und sie spornten uns noch mehr an, den armseligen Rest zu retten.

Kenterung konnten wir ausschließen, denn das Schlauchboot hatte einen intakten Motor. Wir tuckerten auf sie zu. Schwarze. 18 Schwarze zählte ich. Ruhige Gesellen. Nicht das übliche Geschrei. Sie hatten Gepäck. Rucksäcke. Längliche Gebilde. Mehr Gepäck als was man sonst so auf den vollbepackten Gummiflößen sieht. Ich fühlte, irgendetwas stimmt nicht. Aber was? Gepäck lag auch unter einer Plane im Heck.

Sie kletterten an den zwei Strickleitern hoch, die wir zu ihnen hinab ließen. Drei von ihnen blieben allerdings unten im Schlauchboot. Warum? Neue Methode? Sollten die drei ihr Boot, das in der Tat wesentlich fitter aussah als die üblichen, an die Libysche Küste zurückbringen? Wäre ja nicht dumm, dachte ich noch, als plötzlich alles sehr schnell ging. Geschrei von oben. Rüde Worte. Ein dumpfes Geräusch. Wie wenn ein Stück Fleisch auf den Boden aufschlägt. Dann sah ich, wie einige der Geretteten Waffen aus ihren Rucksäcken holten – Pistolen, Uzis und Kalaschnikows – und sie entsicherten. Da wurde mir alles klar. Wir wurden überfallen.

Steuermann und Funker flogen die Treppe runter, unserem bleichen Kapitän vor die Füße. Gegenwehr? Völliger Unsinn! Wer käme auf so eine selbstmörderische Idee. Wir wussten ja, wen wir da üblicherweise an Bord nahmen. Die übelsten Gesellen und Mörder, Halsabschneider, viele Kindersoldaten darunter, denen das Köpfen Spaß machte und die von Deutschland gehört hatten, von Geld, Mädchen, Ficki-Facki und das alles ohne jedes Risiko. Ich konnte mir keinen Reim auf die Situation machen. Was wollten die Piraten von uns? Wir wollten sie ja schließlich dahin bringen, wo sie ihre Träume ausleben durften. Seit 18 Monaten taten wir das. Es war ein Bombengeschäft. Ich hatte schon so viel auf der hohen Kante, dass ich noch 1 Jahr drangeben und mich dann gemütlich und saturiert aus dem Menschenhandel in Richtung Montenegro zurückziehen wollte. Nun dieser Mist.

Eine Stunde später war mir klar, was gespielt wurde. Wir waren in eine Falle getappt. Die Piraten wollten nicht nach Europa gebracht werden. Ganz im Gegenteil. Wir mussten alle in ihr Rettungsboot, wo wir in Schach gehalten wurden. Aber Schachspielen gegen uns war gar nicht nötig. Unter uns ‚Ärzten ohne Schwänze‘ gab es keine Schachspieler, nur Feiglinge. Ich gebe es unumwunden zu. Waren wir in Somalia? Wollten die Lösegeld? Na ja, dachte ich, Lösegeld wäre kein Problem. Die Soros-Merkel-Connection hatte genug von dem Zeug. Trotzdem Mist. Aus dem Urlaub in Antalya würde nun wohl nichts werden, dabei war das Ressort schon bezahlt.

Ich weiß nicht, wie sie es machten. Es gab kaum Lärm an Bord des von uns verlassenen NGO-Kahns – keine Detonation, nichts – und doch fing das Schiff vor unseren Augen plötzlich an zu sinken. Die Piraten hangelten sich sehr behände die Leitern runter, nahmen strategische Plätze in ihrem Schlauchboot ein, der Motor startete, und wir entfernten uns schnell vom Ort des Geschehens, den Sternen nach zu urteilen, in Richtung Sfax, jedenfalls nach Südwesten.

Das war der leichte Teil meiner Geschichte, die vielleicht mal im Stern veröffentlich werden wird gegen gutes Geld, hoffe ich. Zeit genug zum Schreiben habe ich jedenfalls. Der Rest ist schnell erzählt. An der Küste wurden wir in einen MAN-16-Tonner verfrachtet, den die Bundeswehr den „Befreiern Libyens von Gaddafi“ spendiert hatte. Dann ging es durch die Wüste, tagelang, nach Süden. Der Skorpion stand in seiner ganzen Pracht vollständig und fast senkrecht über mir, und das im Mai. Ich war der einzige, der etwas vom Himmel verstand. Der Rest unserer so tollen seefahrenden Computer-Heini-Smartphone-Truppe hätte Antares nicht von Mars unterscheiden können. Unsere Entführer redeten fast kein Wort mit uns. Das war sehr unangenehm.

Irgendwann waren wir am Ort unserer Bestimmung. Mali, Niger, Tschad? Oder noch in Libyen? Da half mir der Sternenhimmel nun auch nicht mehr weiter. Hier sitzen wir jetzt in diesem Wüstenei, sind uns gegenseitig gram und schreiben Memoiren. Zwei Monate sitzen wir bereits hier, und nichts geschieht. Einmal hatte ich ein kurzes Gespräch mit dem Wächter. Er spricht perfekt Englisch, wenn er will. Sie hätten erreicht, was sie wollten, sagte der Mann.

PS:   Die geschilderte (erfundene) Lösung des Schlepper-Problems ist natürlich nicht vom Gesetz gedeckt, möglicherweise aber von Art. 20 Abs. 4 GG, dem Widerstandsrecht: Wer die Schlepper an ihrem kriminellen Tun hindert, löst das Problem. Wie? Verschleppen der Schlepper. Irgendwohin ins dunkle Afrika. Bis auf weiteres. Das passiert, sagen wir, zweimal, dann ist die Völkerwanderung zu Ende. Was die Piraten vor Somalia hinkriegen, sollte im Mittelmeer nicht unmöglich sein.

 

 

Der grosse Schein

Nachdem Jünger der Religion des Friedens kurz nacheinander zwei weitere Male die Lebensqualität europäischer Bürger drastisch abgesenkt haben, kann, angeführt von Prominenz und Politikern, in Lage-der-Nation-Pathos und Fingern in Spitzdach-Haltung (aufrecht oder Kopf stehend) zur Trauer übergegangen werden. Katy Perry betet für alle, die Gedanken von Modi, Kahn, Trump, Macron, Merkel und Gabriel sind alle betroffen, zornig und mit Mitgefühl bei den Opfern, der Islam wird mit keiner demokratischen Silbe erwähnt und der Eifelturm twittert: «Heute Nacht, um 00.45 Uhr, werde ich im Gedenken an die Opfer des Attentats von London meine Lichter ausschalten». Spätestens mit #OneLoveManchester kriegt die Sache einen fast postkoitalen Drall und schrammt hart an der Grenze von Obszönität und Peinlichkeit entlang. Es ist schwer auszuhalten. Trotzdem: Wem’s etwas bringt, dem sei’s gegönnt. Darum geht’s hier nicht.

Es geht um den nächsten Schritt, der als Reaktion auf einen steigenden Beklemmungspegel mit planmässiger Präzision erfolgt: Der Ruf nach Sicherheit, nach politischen Konsequenzen – Bitte! Endlich! – nach Kurswechseln, Neuwahlen, entschlossenem Handeln, Entscheidungen und jeder Menge Programmen und Diensten. Alles, was nötig ist, um der Sache Herr zu werden. Einen Plan eben. Einen Plan vom Staat. Von jenen Leuten also, die bisher, so die Konsequenz-und-Kurswechsel-Forderer und Bitte-Aufwachen-Fleher, keinen Plan, oder zumindest keinen guten gehabt haben. Oder schlicht Arbeitsverweigerung praktizieren.

Im Ernst? Glaubt wirklich jemand, der Staat, jenes alles Private und Öffentliche überwuchernde bürokratische und von hunderttausenden eigeninteressierten Funktionären getragene Netzwerk, hätte keinen Plan, wäre inkompetent, naiv, unfähig, blind oder einfach nur blöd und böse?

Dem Staat und seinen stehen in Zeiten der Notenbank-Herrschaft nicht nur unbegrenzt Mittel zur Verfügung, sondern ebenso unbegrenzt Informationen und Leute, die sie beschaffen und auswerten. AAA-Informationen, um es im Rating-Jargon zu sagen. Analysiert, bearbeitet und auf Brauchbarkeit abgeklopft von den Besten und Bestbezahlen aus sämtlichen Bereichen zivilen und politischen Lebens. National und international. Der normale Medienkonsument, also wir alle, auch wenn er on- und offline 24 Stunden am Tag läse und suchte, ist im Vergleich dazu zur informationsmässigen Minderbemittlung verdammt. Und da glaubt eine täglich grösser werdende Zahl von Menschen wirklich, dieser Informations- und Gewaltmonopolist hätte keinen Plan? Die aktuelle Situation sei schlicht der Unfähigkeit der Führungscrew geschuldet? Eine neues Team würde die Karre aus dem „Dreck“ ziehen?

Oder anders gefragt: Ist es möglich, dass die Organisation Staat, die in der Lage ist, die Menschen mit den profundesten Kenntnissen und dem breitesten praktischen Handlungswissen zu beschäftigen und zu bezahlen, weniger weiss, als wir Hobby-Bürger? Dass diese aufgerüstete Wissens- und Lenkungsmaschine nicht fähig war, die möglichen Konsequenzen eines Einwanderungs-Tsunamis, bestehend aus Hunderttausenden jungen, männlichen, im Stammesdenken verhafteter und unseren gesellschaftlichen Normen absolut und feindlich gegenüberstehenden Individuen, abzuschätzen? Weder die Kosten, die Spannungen, noch die langfristigen kulturellen Auswirkungen? Vom Wissen der eigenen und fremder Geheimdienste zu einzelnen Personen, die, wie wir heute wissen, transzendental motivierte Suizidneigungen pflegten, wollen wir gar nicht anfangen? Irrtum? Fehler? Unfähigkeit?

Oder die sogenannte „Euro“-Krise. Glaubt irgendwer wirklich, der Staat hätte die Warner, die mahnenden Stimmen in den eigenen Reihen und aus der Zivilgesellschaft schlicht und einfach,  tragischerweise und ohne Absicht überhört? Sei taub und blind gewesen, als Griechenland vom Staatspersonal-Vermittler Goldman-Sachs in die EU hinein-beschissen wurde? Als die Banken mit dem Segen der Regierungen aus allen Rohren Kredite feuerten und einen Schein-Wohlstand erzeugten? Glaubt irgendwer, die „Experten“ der Troika und anderer Gremien glaubten ihren eigenen Lügen, wenn sie von „griechischen Schulden“ sprechen, wo jeder Mindestinteressierte weiss, dass 92 Prozent der sogenannten Rettungsgelder an ausländische Banken gingen und gehen? Und wollen wir wirklich und um jeden Preis glauben, die Verschuldungsorgie unserer Staaten führe in sicheren Wohlstand, während keiner von uns sich getrauen würde, eine Bank auch nur zu betreten, mit einem derartigen Lotter-Etat. Von einer Kredit-Anfrage ganz zu schweigen.

Es scheint eine traurige Wahrheit zu sein, dass Menschen an einen Punkt kommen können, an dem sie sich etwas sosehr wünschen, dass sie sich irgendwann mit dem blossen Schein des Gewünschten begnügen. Da stehen wir. Scheinfreie Gesellschaften, die sich vom optimal gelenkten Demokratie- und Freiheits-Konsumenten nur noch dem Markennamen nach unterscheiden lassen: Österreich, Schweiz, Deutschland, Frankreich. Die Markenführung ist entweder bereits supranational organisiert oder wird mehr oder minder offen dahin gesteuert. Verschwörungs-Theorie-Niveau? Meinetwegen. Erwägenswert scheint mir die Überlegung trotzdem. Jene nämlich, dass wir genau dort stehen, wo wir stehen sollen. An einem Ort, wo Alarmismus und Aktionismus langfristig tragende Werte verdrängt haben, Liquidität alles, was nach Vermögen und Sicherheit riecht. Bürger nur noch dem Namen nach. In Wahrheit Hors-Sol-Gewächs im Treibhaus staatlich gewährter Sicherheit: Wurzellos, sozial optimal gedüngt, moralisch imprägniert und kraftlos im Leeren hängend.

Dass wir all das genau dem verdanken, was jetzt lautstark eingefordert wird –  einem Plan des Staats – ist an Ironie kaum zu toppen. Und spätestens hier, sollte – Verschwörungstheorie hin oder her – in Erwägung gezogen werden, dass „all das“ die Umsetzung eines klaren politischen Konzepts ist, das nicht erst seit gestern ein ebenso klar definiertes Ziel hat: einen föderalen europäischen Staat.  Per Urknall war und ist dessen Schaffung nicht möglich. Salamitaktik via Scheindebatten, Schein-Gefahren, Schein-Verteilungskämpfen, Schein-Wahlen und Schein-Erneuerern sind Gebote der Stunde. „Durchsetzen, vorwärts und empor“ um es mit Jean Monnet, dem Erzheiligen europäischer Integrations-Fantasten, zu sagen. Terror inbegriffen.

Eine Gefahr, die bekannt und nicht gebannt wird, ist keine Gefahr, sondern willentlich eingegangenes Risiko. Eine Parlaments-Debatte, in deren Rahmen die Mitglieder gerade mal ein paar Stunden Zeit bekommen, um hunderte von Seiten an Informationen zum verhandelten Gegenstand zu „studieren“ und zu „prüfen“ bevor darüber angestimmt und ratifiziert wird, ist eine Farce. Verteilungskämpfe, wo rechts behauptet, es heisse „Eigenes gegen Fremdes“ und wo links darauf beharrt, es heisse „oben gegen unten“, während jene, die an der Macht sitzen, wissen, dass Innen, Aussen, Oben und Unten sich in Wahrheit ausschliesslich auf das Verhältnis Staat und Bürger bezieht, und dass es im Kern immer um Freiheit versus Kontrolle geht, sind Schattenkämpfe und haben lediglich Ventilfunktion. Und was schliesslich die Erneuerer, die Überwinder der „neuen Mitte“ anbelangt – der kulturbefreite Herr Macron, der von ganz an der Spitze des Etablissements und von der Kante jenes Bettes, in dem Politik und Grosskonzerne zusammen liegen und in dem er gezeugt und geboren wurde, herunterruft, dass er uns alle liebe und dass nur die EU uns schützen könne; oder der nie von den Niederungen menschlichen Wirtschaftens belastete Herr Kurz, der allein, eigenhändig und zu Fuss die Balkanroute geschlossen hat. Alles Vatermörder, Machtverschmäher, Nächstenlieber und juvenile Landesväter?

Einwand!  Die EU, ihre und unsere Eliten räumen Fehler ein. Sie wissen um das „Demokratie-Defizit“ und halten eine Reform und einen Neu-Anfang für notwendig. Reformation und Re-Demokratisierung sind angesagt. Entschuldigen Sie mich kurz. Ich muss austreten. Um zu lachen. So – also nochmals: Wir glauben also, die Abschaffung der Demokratie der vergangenen Dekaden sei rückgängig zu machen? Das Manko könne mit gutem Willen und neuem Personal behoben werden? Ein solcher Apparat, der den Anspruch hat, 500 Millionen Menschen zu lenken, sei demokratisch organisierbar? Machen wir uns nichts vor: Allein letzteres, sollte jede Absichtserklärung und jedes Versprechen Lügen strafen: Eine Organisation, die solchen Herrschafts-Anspruch erhebt, kann gar nicht demokratisch sein. Sie muss zwingend anti-demokratisch sein, wenn sie Handlungsfähigkeit anstrebt. Entscheidungen könnten nie gefällt werden, wenn jeweils Dutzende von Parlamenten, bestehend aus tausenden von Menschen, ihren Senf dazugeben könnten. Regieren wäre schlicht nicht möglich.

In dieser Sicht ist es nicht mehr ganz und gar abstrus, sich gedanklich zumindest kurz einmal der Möglichkeit anzunähern, dass alles, was um uns her geschieht, eine klar definierte Funktion hat, die dem Ziel der europäischen Integration dient. Dass man sich dem eigenen Wünschen und Sehnen zum Trotz überwindet, die Frage zu stellen, wem zum Vorteil, das jeweils „Geschehende“ gereicht. Terror fördert den Ruf nach Sicherheit und hat grössere Befugnisse für Sicherheitsbehörden, mehr Kontrolle, mehr Überwachung und das Vorantreiben einheitlicher europäischer Sicherheitsorgane zur Folge. Wem dient es? Dem Islam, dem totalüberwachten Bürger oder dem mit mehr Personal, Macht und Geld ausgestatteten Staat und dem europäischen Superstaat? Verschuldung und „Rettungen“ haben Geldentwertung, Negativzinsen, Vermögens-Zerstörung zur Folge und lassen mit Umweg über Steuerverbrechen den Ruf nach Bargeldbeschränkung oder -verbot aufkommen. Zu wessen Vorteil gereicht diese werte- und intimsphäremässige Entblössungs-Orgie? Den bis auf die Unterhosen entkleideten Bürgern? Oder dem Staat und den Banken, auf deren „Hilfe“ die Enteigneten vermehrt angewiesen sind und sein werden? Durchsichtig, gefügig und existenzbedroht?

Deklinieren wir es durch, stellen wir uns immer und immer wieder und bei jeder Gelegenheit dieselbe Frage: Zu wessen Vorteil? In allen Bereichen: Wirtschaft, Kartellwirtschaft, Volksgesundheit, Staatsfinanzen, Finanzmärkte, Sozialstaat, Familienpolitik, und so weiter. Und vergessen wir nicht, dass es 2005 gegeben hat, als Frankreich und die Niederlande Nein! sagten zur EU-Verfassung. Lautstark und deutlich. Dass die Schweizer Bürger 2014 Nein! sagten zu Masseneinwanderung. Dass die Niederländer 2014 Nein! sagten zum Assoziierungsabkommen mit der Ukraine. Und dass infolge solcher Abstimmungen und Referenden Verfassungen geschleift, Verträge gebrochen, Gesetze ausgehebelt, Klagen abgeschmettert und erneut und solange abgestimmt wurde, bis es passte.

Vom Staat. Zu unserem Wohl?

 

 

 

Gratis. Für alle.

Bankrott auf Termin

„EU verspricht gratis Wlan für alle“, titelt die NZZ. Die Schlagzeile enthält unfreiwillig eine fatale Wahrheit. Jene Wahrheit, die dazu führend wird, dass wir scheitern. Als Gesellschaft. Möglicherweise als Zivilisation. Es sind drei Worte: Staat – kostenlos – alle.

Es geht um Geld. Um unser Verhältnis zu Geld. Darum, wie stark sich dieses verändert hat und wie sich diese Tatsache auf uns als Individuen und als Gesellschaft auswirkt. Denn: Ein täglich grösserer Teil dessen, was wir als unsere Realität, unseren zivilisatorischen Alltag wahrnehmen, ist nicht bezahlt. Gekauft und konsumiert wird heute, bezahlt werden muss erst im nächsten Monat oder in hundert Jahren. Wir leben als Gesellschaft – Privatpersonen, Unternehmen, Behörden – grösstenteils auf Termin. Handel im Sinn des Austauschs von Werten mit Laufzeit null – heute konsumieren, heute bezahlen – macht nur noch einen verschwindend kleinen Teil des Wirtschaftens aus. Der überwiegende Teil ist Verbrauch, dem ein täglich grösser werdender Berg an Forderungen gegenübersteht, deren Gemeinsamkeit darin liegt, dass sie in der Zukunft liegen. Es spielt keine Rolle mehr, ob einer heute über die notwendigen Werte zum Kauf verfügt. Es reicht das Versprechen, morgen zahlungswillig und -fähig zu sein. Die Logik normaler Märkte ist damit ad absurdum geführt.

Die Frage, wie solches gut gehen soll vor dem Hintergrund, dass bisher kein einziges Kreditgeldsystem überlebt hat, sondern stets mitsamt den Vermögenswerten von Generationen verdampft ist, scheint indes nicht viele zu bewegen. Ebenso wenig Widersprüche wie jener, dass Staaten aufgrund von Versprechen, die in hundert Jahren von Menschen, die noch nicht leben, einzulösen sind, Milliardenbeträge erhalten und verschwenden, während sich gleichzeitig Experten-Vorhersagen über die Wirtschaftsentwicklung eines Landes für die kommenden 12 Monate mit grosser Regelmässigkeit als falsch herausstellen.

Warum treibt solcher Grössenwahn, die absehbare Zerstörung von Zukunft, die Lügen nicht Millionen auf die Strassen der Nationen? Vielleicht unterschätzt Wolfgang Schäuble die Menschen und sie wissen längst, dass „Geld nicht alles“ ist. Vielleicht ist es aber auch so, dass Betrug und Selbstbetrug einer Mehrheit der Menschen kurzfristig mehr Vorteile bringen, als die Realität echter Märkte, wo Investitionsvorhaben knallhart auf Rentabilität und Schwachstellen abgeklopft werden, wo Haushalte sich splitterfasernackt zu präsentieren haben bei Kreditbegehren und wo Staatspersonal sich nicht hauptamtlich der Vermehrung und dem Kauf von Macht widmen kann.

Der Einwand, dass zwischen der Realität der Lohnzettel und Kreditkartenabrechnungen und jener, in der Zentralbanken innerhalb von drei Stunden den Gegenwert der gesamten Goldförderung des ersten Quartals 2017, nämlich 764 Tonnen oder 242 Millionen Euro (Frank Meyer), drucken, ist nur bedingt gültig. Den Graben dieser Welten überspannt verbindend ein Paradigmawechsel aller Akteure, der tiefer geht und nachhaltiger zerstört, als sämtliche utopischen und von staatlicher Seite angeblich bekämpften Unterschiede es je könnten. Es ist, befeuert von Regierungshandeln und Zentralbankenrhetorik, die Abwendung von der Realität, die da sagt, dass für Geld dieselben Regeln gelten, wie für andere Güter: Zuallererst jene der Knappheit.

„Whatever it takes.“ lässt EZB-Chef, Mario, „Zauberer der Märkte“, Draghi die Welt wissen. „Keine Limiten“. „Unbeschränkt“ sekundieren die Kollegen nationaler Zentralbanken. Geld gibt’s immer. Geld ist nie knapp. Und vor allem: Geld kostet nichts mehr. Geld in keine Frage von Leistung und Wert sondern eine Frage von Willen und Verteilung. Es ist Grössenwahn und planwirtschaftlicher Irrsinn in einem. Wie gesagt: Das ist fatal und wird in Zerstörung münden. Mögliche Szenarien sind jahrzehntelanges wirtschaftliches Siechtum, Inflation, Deflation, Crash und folgende Depression. Man weiss es nicht. Fataler noch aber, als dieser absehbare materielle Ruin, ist die Tatsache, dass mit der Verwässerung des Geldes schon heute eine Verwässerung bisher geltender Handlungs- und Bewertungsprinzipien einhergeht, die die Sache noch verschärfen wird. Zu Boden geht dann nicht eine gesunde starke Gesellschaft, die den Willen zum Neuanfang in Händen hält, sondern ein neidzerfressener, heulender Haufen Opfer, der sich in pubertärer Aufsässigkeit ungerecht behandelt fühlt.

Geld mag nicht alles sein. Indes – Geld berührt fast jeden Bereich eines Lebens. Ein Grosser Teil der Entscheidungen, die wir fällen, stehen in direktem Zusammenhang mit der Tatsache, dass die Menge des zur Verfügung stehenden Geldes beschränkt ist. Egal, ob es sich dabei um die Entscheidung für oder gegen ein Abendessen, eine Wohnung, Ferien, ein Auto oder Weihnachtsgeschenke handelt: Wenn Geld nicht unendlich vorhanden ist, wird, von gesundem Eigeninteresse geleitet, stets die langfristig optimalste und sinnvollste Option für sich selber, für seine nächsten oder eine grössere Gemeinschaft  gesucht und gewählt. Was im Umkehrschluss auch heisst: Wo Geld beliebig vorhanden ist, werden ganze Lebensbereiche und die damit zusammenhängenden Entscheidungen ebenso beliebig. Der Willkürlichkeit und Wertezerfall werden Tür und Tor geöffnet.

Obwohl die meisten Menschen mit der Realität knappen Geldes leben, hat sich, dieser Tatsache diametral gegenüberstehend, ein Irrglaube eingenistet, der da erstens sagt, der Staat habe immer Geld und zweitens, die dem einzelnen zur Verfügung stehende Menge an Geld stehe nicht in erster Linie mit Leistung in Zusammenhang, sondern sei eine Frage der Verteilung. Auswirkung dieser Schizophrenie sind eine ausufernde Erwartungs- und Forderungshaltung gegenüber dem Gebilde Staat, eine knechtisch kriechende Neidkultur und die Entscheidungs- und Verantwortungsfreude einer Salatschleuder – eine halbgare Freiheit, die auf Interesselosigkeit, Egozentrik und Bequemlichkeit fusst.

Was man gerne vergisst: „Der Staat“, das sind ebenso Individuen. Menschen, die entscheiden und deren Entscheidungen entweder von Knappheit diktiert oder beliebig sind. Und auch hier wütet Chargen übergreifend der Massenwahnsinn. Wo in den Anfängen des sogenannten Sozialstaats Knappheit der Ressourcen vorherrschte und bedingte, dass nur sinnvolle Entscheidungen zu ökonomischer Prosperität und mit ihr zu höherem Steueraufkommen führten, hat sich mit der Kultur des „Whatever it takes“ eine Verwaltung  breit gemacht, die sich in erster Linie um sich selber kümmert. Machterhalt ist oberstes Ziel. Die vorherrschend Mode-Doktrin ist einmal mehr jene des „Sozialen“, Geschenke sind die gültige Währung. Der Preis ist die menschliche und wirtschaftliche Brandrodung einer Gesellschaft.

Es mag abenteuerlich klingen – aber wenn man die Sache zu Ende denkt, dann steht man irgendwann am Punkt, an dem es heisst: Wo keine Entscheidungen aufgrund von Knappheit und langfristiger Wohlstandsförderung gefällt werden müssen, da braucht es auch keine Menschen, die sie fällen. Die Tatsache, dass wir dieser Logik zum Trotz Millionen von Umverteilungs-Künstlern in Millionen von Päppel-Jobs aushalten, ist der Beweis dafür, dass der sich ausdehnende Staat nicht im Dienst der Bürger und des Landes, sondern ausschliesslich im eigenen steht. Wo Geld beliebig ist und nicht mehr an gegenwärtige Werte und Leistungen mit dem Ziel künftigen Wohlstands gebunden ist, da könnte man – wäre man ehrlich – ebenso gut auf den ganzen Apparat verzichten, den Leuten die Kohle ab Zentralbank-Presse direkt in die Hand drücken und als Sicherheit hunderte Milliarden von guten Absichten in die Bücher nehmen. Schrott ist Schrott und bachab geht’s allemal – so ginge es bloss schneller und die Chancen für Gesundung und einen zügigen und realen Neuanfang wären grösser, der moralische Bankrott noch nicht umfassend.

Natürlich wird das nicht passieren. Zu viele profitieren von der systematisierten Beliebigkeit und der Kultur abgehobenen Vergammelns. Der Staat zuerst. Mit ihm „Leistungs“bezüger, Banken, Unternehmer und Anleger. Zu angenehm planscht es sich – beschwingt von der Aussicht auf sinnfreies Leben – in der lauwarmen Sintflut wässrigen Geldes und auf Bonsai-Niveau gestutzter Verantwortungslosigkeit. Indes: Der Pegel steigt. Schwimmen können empfiehlt sich. Die eine oder andere Planke in Form von Gold- oder Silbermünzen ebenso.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Splitter in der Haut der Freiheit

Ungefiltert in die Unruhe hinein – Persönliches

Einer hat mal gesagt, wer ein Gefühl habe, der solle ein Gedicht schreiben. Oft und mit grossem Wohlwollen neige ich dieser Ansicht zu. Wenn es Ihnen genauso ergeht, dann sollten Sie die Lektüre hier einstellen. Alles, was jetzt kommt, basiert ausschliesslich auf Gefühl. Ausserdem: Es wird ein reiner Egotrip. Ich schreibe und publiziere den Text um meiner selbst willen. Für ein Stück Freiheit da, wo ich es vor einem Jahr nicht vermutet hatte. Und aus Respekt und Achtung jenen Personen gegenüber, die ich in den vergangen Monaten treffen und an deren Strang ich mein kleines Gewicht hängen durfte.

Es geht um Schrauben. Und Splitter. Und Ruhe. Das vor allem. Ruhe in bestem Baader’schen Sinn, wonach das einzig wahre Menschenrecht jenes ist, in Ruhe gelassen zu werden. Was ich in den letzten 20 Jahren getan und gelassen habe, hatte meist ebendiese Ruhe zum Ziel. Wer selbständig ist und gute Jobs abliefert, hat beim Schaffen und daneben seine Ruhe. Wer in einen versteckten Winkel Frankreichs zieht und abgesehen von Kunden und Hunden nur wenige Kontakte pflegt, hat unbestreitbar viel Ruhe. Und mehr Ruhe, als allein auf 4000 Metern im Gurtzeug eines Deltas geht nicht.

Denselben Zweck hat der Name Frank Jordan: Er ist Schaltung, die zum Zweck persönlicher Ruhe und im erweiterten Sinn auch jener meiner Familie, zwischen Monika Hausammann – so mein Taufname – und die Welt eingebaut ist. Er ist Trennung, Abschwächung, Selektion. Das Problem: Es funktioniert nicht. Nicht mehr. Wo sogenannte Volksvertreter sich mit Unterstützung gekaufter Mehrheiten daran machen, die Freiheit, also das Recht auf Ruhe des einzelnen, via Gewaltmonopol und mittels Zensur zu verteidigen, kann und darf nicht gefiltert und abgeschwächt werden. Solchem müssen ganze und echte Menschen ihr Bestes entgegenhalten. Egal, wie wenig es ist. Das wiederum ist nur möglich, wenn in maas’scher Logik ein Teil der persönlichen Ruhe um ihres Erhalts willen aufgegeben wird.

Die naheliegende Frage: Was macht es für einen Unterschied, ob eine, deren soziale Kompetenz, Reichweite und Wirkung bestenfalls am Rand stattfinden, ganz ist oder nicht? Die Antwort: Für die Welt keinen. Für mich persönlich die Einnahme der eigenen Medizin: Integrität. Die Entscheidung, dass die Zeit beschaulicher Sonntagsfahrten mit angezogener Handbremse für den Moment vorbei zu sein hat. Geschuldet der Einsicht, dass, sofern man dankbar ist, bis hierher das Leben frei und in Ruhe gelebt haben zu dürfen, man schleunig aufs Gas steigen sollte. Als Person und nicht bloss als Name.

Denn: Unmerklich, ignoriert und teilweise wohl auch begrüsst, werden in Sachen Freiheit und Ruhe Schrauben angezogen, während andere sich lockern oder überdrehen. Sind diese Schrauben Verbindungen an ein und demselben Werkstück, kommt es zu Ungleichgewichten, im Extremfall zu Bruch und Zusammenbruch. Genau das – so der subjektive Eindruck, das Gefühl – passiert zurzeit in unterschiedlichem Mass in den Gesellschaften Europas.

Wo angezogen wird – testweise oder planmässig – da tut’s im Moment erst sehr wenigen weh. Entweder deshalb, weil die betroffenen Menschen und Firmen – ja, es sind Unternehmen, die Steuern zahlen, Leuten Arbeit geben und nie, nie NGO’s, Regulierungs-Profiteure oder andere Schmarotzer – zu wenig bekannt sind, aus Angst vor „sozialen Sanktionen“ längst gemieden werden oder bereits zu Boden denunziert und totgeschwiegen worden sind. Oder aber deshalb, weil, wenn es um Kontensperrungen von Einzelpersonen in sozialen Netzwerken geht, es Vergebung und neues Leben gibt im Form von Freischaltung und wo – vor die Option eines virtuellen to be or not to be gestellt –  die meisten demütig und ohne Aufsehen geloben, um des netzmässigen Weiterlebens willen fortan ein sündenfreies Reden zu pflegen. Vielleicht aber auch, weil ein aus Gesinnungsgründen Gemobbter oder Entlassener nicht Mittel und Möglichkeiten hat, ausserhalb des Freundeskreises – sofern noch vorhanden – auf sich aufmerksam zu machen.

Noch sind es bloss Splitter. Wer sich einen „einmacht“ versucht, ihn rauzudrücken, ärgert sich, wenn’s nicht funktioniert, zuckt irgendwann die Schultern und wartet fortan darauf, dass das Ding via Eiterung den Körper selbständig verlässt. Ist er an einer Stelle, auf die nie oder selten Druck ausgeübt wird, merkt man ihn kaum mehr. Aber er ist da. Und wenn es ein Metallsplitter ist oder Glas, dann ist theoretisch bei Nichtbehandlung von Infektion, über Sepsis bis Amputation und Tod alles möglich.

Unserer Freiheit wurden sich in den vergangenen Monaten ein paar solcher Splitter zugefügt. Es sind die offenen oder leisen Massnahmen, die gegen eigentümlich frei, das Magazin meines Verlegers, André F. Lichtschlag ergriffen worden sind. Massnahmen, die durchaus zur Zerstörung der wirtschaftlichen Grundlage führen können. Auch weitere, wie die „Achse des Guten“, „Sezession“ und „Tichy’s Einblick“  – um nur ein paar zu nennen –  sind „zum Schutz der Meinungsfreiheit“ nicht geschont worden. Privatpersonen und Autoren ebenso wenig. Die Empörung über solche Sperrungen, Löschungen, Kundenerpressung und Ausschluss-Drohung ist kurzfristig gross. Die Betonung lieg auf „kurzfristig“. Wie im Fall des Splitters ist solches für den Peloton der Medienkonsumenten weniger Schmerz, denn Event, dessen Höhepunkte oft in einem resoluten „Teilen, teilen, teilen!“ verebbt. Wie anders in Zeiten digitaler Schnellstlebigkeit und ADHS-mässigem Multilevel-Leben? Irgendwo passiert gerade ein Terroranschlag, ist Wahl oder ein Einzelfall erhitzt die sich abkühlenden Gemüter. Bis zur nächsten Umdrehung der Schraube, der nächsten Sperre, der nächsten Verleumdung, der nächsten wirtschaftlichen und sozialen Existenz, die pulverisiert wird. Bis zum nächsten Empörungs-Event.

Gleichzeitig und oft unbemerkt findet ein Loslassen statt. Ein Sich-Abwenden, Resignieren und Ermüden. Gerade noch Engagierte, Dagegen-Haltende und Warnende mögen nicht mehr. Soll ihnen das Leben selbst den Hintern versohlen, wenn’s einfach so weitergeht, wenn’s nicht tiefer geht, wenn’s nicht interessiert, wenn’s nicht schmerzt. Schrauben, die eben noch starke Verbindung waren, Stützen, Halt, fallen ab. Kommentarlos, erschöpft und leer verschwinden sie im publizistischen Nichtsein. Alles ist bereits tausendfach gedacht, geschrieben, gesagt. Der Warnungen gibt es genug.

Im selben Tempo und Mass, indem sich Unberechenbar- und Kurzlebigkeit ausbreiten, wo hier was abfällt, dort angezogen wird und da ausleiert, machen sich Unsicherheit und das Bedürfnis nach Orientierung und Stabilität breit. Es wird wieder in „Lagern“ gedacht. Man will sortieren können, ordnen, einteilen. Klar, einfach, alltagstauglich und wetterfest. Man erschafft oder sucht sich ein Koordinatensystem, in dem es gelingt, den eigenen Standort und den anderer klar zu benennen und notfalls auch nachts, besoffen und bei Nebel zu finden. Beliebter Treffpunkt ist die „Mitte“. Dort, wo manch einer durchaus auch damit einverstanden ist, dass „man“ allzu verunsichernden Menschen, Medienportalen und Magazinen nicht mehr über den Weg läuft. Ein Ort minimaler Garantien auf Sicherheit und Ordnung. Einigermassen sauber, hell, warm. Dort, wo um der „Sache“ willen auch entschieden werden darf, nichts zu entscheiden. Wo gekämpft wird, indem man nicht kämpft. Von Staates Gnaden befreit, betreut, durchreguliert und umverteilt in den Bankrott – aber bitte ohne die ganzen Islamisten. Freiheit gibt’s nur auf Rezept und in Kleinstdosen, aber wie auch Stefan Zweig in seinen Erinnerungen schrieb, bedeutet Freiheit vielen weniger Reichtum, denn Gefahr.

Nach diesem Schema wird auch gewählt: Lieber bekanntes Übel, als neues. Und wenn neu, dann jenes, das da verspricht, alles beim Alten zu lassen, aber diesmal besser. Das Resultat sind als Landesväter angepriesene Nivellierungs-Technokraten, die, wie Macron gerade in Frankreich, zum Besten der Nation erneut die Behörden mit Vollmachten ausstatten, die es erlauben ohne juristische Umwege und anderen Klimbim in das Privatleben ihrer Bürger einzugreifen (Verlängerung des Ausnahmezustands). Es sind PR-mässig optimal gecoachte Herren des Übergangs, die sich mit nationalem Pathos daran machen, die Länder Europas kulturell, finanziell, sozial, politisch und wirtschaftlich auf ein Niveau zu dimmen, das ein geschmeidiges Durchregieren und Managen von zentraler Stelle nicht nur möglich macht, sondern gebietet. Gerne auch mit Unterstützung und im Interesse der Freunde aus Übersee.

Ja – es ist ein Eindruck. Ein persönlicher Eindruck von Gefahr. Vielleicht – man hofft es – ist man selber jener Automobilist, der im Radio die Warnung vor einem Geisterfahrer hört und ausruft: „Was heisst da einer? Hunderte!“ Vielleicht ist diesmal wirklich alles anders. Menschlich Unverändertem, Wahrscheinlichkeiten und Vergangenheit zum Trotz. Wenn’s so ist…so what? Bloss einer, der sich geirrt hat. Ich ziehe es vor, mit allem, was mir zur Verfügung steht in eine persönliche Blamage zu brettern, als auf der Bremse stehend an die Wand zu fahren.

Vielleicht gibt es sie, die sogenannt Abgehängten, Frustrierten, Zukurzgekommenen, als die man zu Rechtfertigungszwecken die Schliess- und Sperrkandidaten gerne und mehrheitlich widergekäut bezeichnet. Ich weiss es nicht. Ich kenne keinen, auf den diese Beschreibung zutrifft. Was ich aber sicher weiss: es sind ganz bestimmt nicht die eigentümlich freis, dieser Welt. Nicht die André Lichtschlags und ihre Leute. Da ist nicht Frust, da ist Lebensliebe, Schaffensfreude, Drang und Wille zur Freiheit – der eigenen und der anderer. Egal, welcher Meinung sie sind. Was sie aber auch nicht sind, ist Teil des Pelotons, des grossen Haufens der „Mitte“. Wer sie sucht, findet sie in der Gruppe der Ausreisser. Es sind jene Schrauben, die allem Zug und Druck zum Trotz seit Jahren oder Jahrzehnten halten. Bis jetzt. Ihrer würdig sein und im Rahmen des eigenen Wenigen mitzutragen, bedeutet ganz sein. Ungefiltert. Aus dem Schatten eigener Ruhe und stillen Komforts in die Unruhe hinein. Auch und gerade mit jenem Namen, dessen Trägern ich alles, was ich bin und habe verdanke.

FRANKJORDANBLOG wird unter diesem Namen weitergeführt. Der Einfachheit halber.

Manchester oder die Brutalität staatlicher Barmherzigkeit

Als ich das Wort „sozial“ zum ersten Mal hörte, war ich sieben oder acht Jahre alt. Mein Vater sagte es. Es war mitten in der Nacht und es sagte „Sozialplan“. Wie oft damals war ich erwacht und hatte mich oben an der Treppe davon überzeugt, dass ein Stock tiefer im Büro meines Vaters Licht brannte. Das musste so sein. Und wie immer ging ich hinunter, setzte mich auf seinen Schoss und fragte, was er tue. Doch anstatt mir wie sonst auch die vertraute Auskunft zu geben, dass er lerne (er paukte sich nebst Familie und Firma noch durch einen Executive-MBA), sagte er, dass er Sorgen habe. Dass er Leute entlassen müsse. Eine Firma, die vor der Insolvenz stand, war übernommen worden. Der grössere Teil des Personals ebenso. Trotzdem gab es Doppelspurigkeiten. Auf meine Frage hin, warum er sie nicht einfach behalten könne, antwortete er mit einer Gegenfrage: „Es gibt drei Möglichkeiten“ sagte er. „Die erste: Wir übernehmen die Firma nicht und sie geht Pleite und in einem Jahr stehen 200 Leute auf der Strasse. Die zweite: Wir übernehmen die Firma, behalten alle Leute, machen Verlust, weil wir zu viele Leute haben und in fünf Jahren stehen 700 Leute auf der Strasse. Die dritte: Wir übernehmen die Firma, entlassen heute 50 und können 650 Menschen heute und vielen weiteren in den nächsten Jahrzehnten Arbeit geben. Welche Möglichkeit wählst Du?“ Das verstand sogar ich. Und dann sagte er „Sozialplan“. Dass das bedeute, dass er wach sei und auch wach bleiben und nicht würde schlafen können, bis jeder dieser 50, die er alle kenne, eine neue Stelle gefunden hätte. Das war 1982 und ich war stolz auf meinen Vater. „Sozial“ bedeutete Sorge aus Verantwortung, persönliches Engagement, die ganze Kraft, das Beste starker Menschen. Sicherheit. In meinem damaligen Verständnis: Vaterschaft.

Szenenwechsel. 2016. Ich lese einen Satz, der mich bis heute erschüttert. Jemand äusserte ihn nach dem Anschlag in Berlin. Wörtlich sagte die Person: „Ich finde die mangelnde Beachtung des Staats (der Opfer, der Hinterbliebenen und ihrer Trauer A.d.V.) traurig und unwürdig.“

Es geht hier nicht darum, wer das gesagt hat. Nicht um die Qual jener, die ihr Liebstes verloren haben. Und für einmal geht es auch nicht um Menschen, die das Abschlachten Andersgläubiger als Gottesdienst betrachten. Es geht ausschliesslich um diesen einen Satz und um die gewaltige Fracht, die er enthält:  Die Erwartung an ein Gegenüber, die auf einem Wahrheits- und Wirklichkeitsgehalt fusst, der so gering ist, dass man ihn schon fast als komisch bezeichnen könnte, wäre es nicht so fatal und von derart lichtloser Traurigkeit.

Es ist die entartete Erwartung an ein imaginiertes Gegenüber „Staat“, dessen einzige Daseinsberechtigung einst jene war, die Ursache des Leids dieser Person und anderer zu verhindern: Schutz der Freiheit des Einzelnen, seines Lebens und seines Hab und Guts. Da stehen wir. Da steht Europa. Je suis Berlin. Je suis Nizza. Je suis Manchester. An die Verteidigung des Individuums und dessen, was ihm gehört, die über das beschauliche Verteilen Betonsperren und Brosamen hinausreicht, scheint längst keiner mehr zu denken. Mehr noch: Wenn wir schon in die Luft gejagt werden, dann wenigstens sozial gerecht und energieneutral. Persönliche Befindlichkeiten, Bedürfnisse und ein Minimalquantum Trost von der „Öffentlichkeit“ werden höher gewertet, als die einfachste Voraussetzung dafür, solchen Schwachsinn überhaupt denken zu können: jene, am Leben zu sein.

Wie sonst ist erklärbar, dass die Mehrheiten Europas im Monatstakt mehr desselben wählen, was unsagbares Leid nicht nur möglich macht, sondern aktiv organisiert?  Wie anders lässt sich der Schrei nach Beachtung interpretieren, als so, dass, was wir einander zu geben hätten – Trost, Mitgefühl, Mittragen, Mitleiden, Barmherzigkeit – an ein anonymes Kollektiv delegiert worden ist und wird? Was ist geschehen, was geschieht? Wie ist es möglich, dass wir unsere Nächsten beneiden, denunzieren, beleidigen und mit Häme übergiessen und gleichzeitig von Menschen, die wir nicht einmal kennen und die ausschliesslich auf unsere Kosten leben, das Beste erwarten, Rettung und Zukunft bloss, weil wir sie direkt oder indirekt gewählt haben?

Es ist eine Bankrotterklärung. Je suis Venezuela müsste es heissen. Das Eingeständnis, dass wir es zugelassen haben, dass aus einem Werkzeug im Dienst der Gemeinschaft eine separate Schöpfung in einem separaten Universum geworden ist, an die wir alles delegiert haben, was uns zu Menschen macht. Beziehung ist nur noch Unterhaltung. Der Rest ist Staat. Was bleibt und wählt, ist der von seiner Verantwortung, von seinem Nächsten und damit von sich selbst getrennte Staatsmensch, der das Ganze auch noch für eine humanitäre Veranstaltung hält.

Ich bin deine Haut, sagt der Staat. Ich schütze dich. Falsch. Die Haut, die die Gemeinschaft zuerst schützt und mit ihr den Einzelnen, ist die Freiheit. Der Staat war der Parasit, zu dessen Bewirtung sich die Menschen zum eigenen Besten entschieden hatten. Nach und nach liess man es zu, dass unter den Schlagworten „sozial“ und „Emanzipation“ die Ordnung, dass der Parasit von seinem Wirt abhängt, auf den Kopf gestellt wurde. Das Einzige, was sich dabei aufs sozialste emanzipierte, war der Parasit selbst, der dazu übergegangen war, sich überall dort dazwischen zu schalten, wo bisher aus gesundem Eigeninteresse zusammen gewirkt, gearbeitet und gewagt worden war. Zuallererst zwischen das Gespann Mensch-Verantwortung, ohne das Leben Lagerleben ist.

Heute platzt der Staat aus allen Nähten. Denn: Der Staat will nie helfen, er will nur wachsen. Das einzige was ihn hindert, weiter zu wuchern, ist die Haut. Die Freiheit. Sie wird dünn. An einzelnen Stellen tun sich Risse auf. Sie sind lästig, aber man gewöhnt sich daran. Sie betreffen und schmerzen nur wenige und nur solche am Rand. Ein paar Konten auf sozialen Netzwerken werden gesperrt. Werbetreibende Unternehmen werden diskret darauf hingewiesen, wo ihre Botschaften besser nicht zu schalten sind. Wikipedia-Einträge entsprechen mehr den „sozialen Anforderungen“, als der Wirklichkeit. Verträge mit suboptimal gesinnten Firmen werden gekündigt. Ein paar Bücher sind nicht mehr erhältlich. Ein paar Magazine und online-Portale und ihre Inhalte sind auf Google nicht mehr zu finden. So geschehen im Fall von eigentümlich frei, Sezession und Blaue Narzisse. Verschmerzbar: Bloss kleine Unternehmen, kleine Steuerzahler, wenige Mitarbeiter, vernachlässigbare Existenzen. Nicht systemrelevant.

Das Problem: Ein Parasit bleibt ein Parasit. Wo er eindringt und nicht in Schach gehalten wird, wuchert er, infiziert gesundes Gewebe. Da stehen wir und merken es nicht. Sind blind dafür, dass die Ursache all unserer Probleme jenes Monster ist, das sich anschickt, als einziger Parasit der Welt grösser zu werden als sein Wirt. Die Euro- und Schuldenkrise ist nicht die Wirkung freier Märkte, in deren Rahmen Menschen aus Eigeninteresse freiwillig zusammenarbeiten. Sie ist die direkte Auswirkung staatlicher Eingriffe in ebendiese Märkte, die heute nicht mehr frei, sondern bloss noch politisch sind. Hohe Arbeitslosigkeit und Armut sind nicht der Gier des Kapitalismus geschuldet, sondern staatlich alimentierten Zwangsorganisationen und politischen Kampfmaschinen, die unter der Bezeichnung Gewerkschaften ihren sozialen Segen verspritzen. Versagt bei der Energiewende haben nicht Forschung und Entwicklung, sondern die staatliche Förderung nicht marktreifer Produkte zur Alimentierung eigener Ideen und gesinnungsmässig Nahestehender. Hohe Scheidungsraten und Kinder, die mit drei Jahren schon drei Postadressen haben sind nicht das Versagen hergebrachter Werte und Traditionen, sondern das Resultat staatlicher Emanzipations-Rhetorik und Fütterung aufkosten anderer. Und Berlin, Manchester, Paris, Nizza – sie sind nicht der Unterprivilegierung, dem Ausschluss, der Nicht-Teilhabe, mangelnder sozialer Gerechtigkeit und dem Versagen der Gesellschaft geschuldet, sondern der seit Jahren staatlich orchestrierten Kriegs- und Einwanderungspolitik.

Es ist so hart, wie es einfach ist: Ein Parasit trachtet nie nach dem Besten seines Wirts, sondern nur nach dem eigenen. Um jeden Preis. Ein Parasit ist nie sozial, nie gerecht, nie fördernd, nie bildend, nie integrierend. Er muss unsozial sein, ungerecht, fordernd, dumm haltend und trennend um zu wachsen.  Oder anders gesagt: Wohin führt die Alimentierung immer breiterer hier lebender und zuwandernder Bevölkerungsschichten? Wohin führt die Verschleuderung des ganzen hart erarbeiteten Wohlstands vergangener Generationen (jawohl er ist weg und via Erbschaftssteuer will man jetzt auch den privaten Teil noch verschleudern können)? Wohin führt es, dass man den Leuten via Negativzinsen das Sparen verleidet? Wohin führt es, wenn man Geld druckt, als wär’s Dreck, wenn es eines Tages zuviel davon gibt und es keinen Wert mehr hat? Wohin führen Rentenerhöhungen, Länderrettungen, Bankenrefinanzierungen und Industriesubventionen auf Pump? Genau – all das führt mit mathematischer Präzision früher oder später geradewegs in den Bankrott. Was höre ich? Hat jemand „sozial“ gesagt?

Aber das ist nicht das Ärgste: Wohin führt es, wenn man nicht beim Trennen des Zusammengehörenden verweilt, sondern fortschreitet und gegeneinander aufhetzt, was heute zumindest vorne herum noch friedlich koexistiert? Männer gegen Frauen, Kinder gegen ihre Eltern, die Jungen gegen die Alten, die Fleissigen gegen die Faulen, die „Armen“ gegen die „Reichen“, die Kranken gegen die Gesunden, die Raucher gegen die Nichtraucher, die Risikofreudigen gegen die Feigen, die „Guten“ gegen die „Bösen“, die Minderheiten aufeinander und das Eigene gegen das Fremde? Es führt zum Spannungen, Terror und Krieg. Es führt zu Berlin, Paris, Brüssel, Nizza, Manchester. Es führt zu mehr Kontrolle durch den Parasiten Staat. Und es führt am Ende zum Tod des Wirts. Sozial?

Leider nein – das „Sozial“ des Staates bedeutet Tod. Immer. Reissen wir die Vaterschaft wieder an uns.  Ein Zurück gibt es nicht. Bloss bereit sein und wach – die Währung der Freien. Ansonsten gilt frei nach Roland Baader: Wer sich füttern lässt wie ein Hund, wird gehalten wie ein Hund. Und verreckt auch wie ein solcher.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was einzig zählt

 „Wenn Menschen friedlich miteinander leben wollen, müssen sie das Prinzip anerkennen, dass jeder Mensch Rechte hat, die andere Menschen nicht verletzen dürfen; dass der Mensch das Recht hat, für sich selbst zu leben und sein eigenes Glück zu suchen; dass er ein Selbstzweck und kein Mittel zum Zweck für andere ist – für niemand anderen, sei er nun groß oder klein, stark oder schwach; nicht als Kanonenfutter und nicht als Arbeitsdrohne für den Feudalherren, den König, den Kaiser oder die Kinder von Sozialhilfeempfängern.“ Ayn Rand

Mit Eid gegen das Volk

Das Wort Verschwörung ist eine Übersetzung der zusammengesetzten lateinischen Worte „con“ und „iuratio“, was soviel bedeutet wie „mit Eid“. Es war die Bezeichnung für Verbindungen von Personen durch Schwur zu etwas Üblem (Wikipedia). Definiert wurde dieses Übel in der Regel von der Obrigkeit, was im Umkehrschluss bedeutet, dass Verschwörer stets solche waren, die sich gegen ebendiese Obrigkeit richteten. Und es ist nur logisch, dass Machthaber sich den Begriff zunutze machten und  jene als Verschwörer, heute Verschwörungstheoretiker diffamierten, verfolgten und ruinierten, die ihnen lästig oder gar gefährlich wurden.

Im Zuge der erfolgreichen Trennungsanstrengungen des Staates, der sich in den entstehenden Lücken, Löchern und Gräben (zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Kranken und Gesunden, Alten und Jungen, usw.) breit machen kann, hat der Begriff zu neuer Wichtigkeit gefunden und stellt eine Art Demarkationslinie zwischen aus offizieller Sicht krankem und gesundem Gewebe der Gemeinschaft mit Namen Volk dar. Vor Krankheit fürchtet man sich. Vor der Anwendung des V-Begriffs auf die eigene Person ebenso: Sie ist gleichzusetzen mit geistigem Aussatz, Ausgrenzung, Preisgabe an das Nichts oder an den Pöbel.

Das mag hart sein – aber es funktioniert. Wer sich auch nur einmal kurz im selben Raum mit dem Stempel des „Verschwörungstheoretikers“ aufgehalten hat, ist aus dem Himmelreich harmonischer Mehrheitsherden ausgeschlossen. Oft können sowohl wirtschaftlicher Erfolg und soziales Leben als erledigt abgehakt werden.

Bei der potentiellen Härte, die solch gemeinschaftlicher Aktionen feigen Muts für eine Person oder eine Familie bedeuten können, ist es umso erstaunlicher, dass die Sache auch dann wie auf Kommando funktioniert, wenn es um nachprüfbare Ideen, Konzepte und Forschungsergebnisse nationaler und supranationaler quasi geheiligter Institutionen geht, die belegen, dass die Verschwörung per Eid zu Üblem auf einer ganz andere Ebene stattfinden, als in den Niederungen des Wahlviehs. Es sind Verschwörungen einer privilegierten Beamten- und Funktionärskaste zum ausschliesslich eigenen Besten.

Als Beispiel soll hier der Migrationsplan der UN aus dem Jahr 2000 (!) dienen (die kursiv gehaltenen Stellen sind von mir übersetzte Originalzitate). Es fängt schon beim Titel an: Ersatzmigration ist okay, Umvolkung ist Verschwörungstheorie, wahlweise und gern auch Hetze, Hass oder Häresie. Natürlich ist der Begriff bitterst zynisch mus – aber eben im besten Sinn: bellend, kläffend, beissend und punktgenau dort, wo es weh tut. Zum zweiten: Das Wort „Flüchtlinge“ kommt im ganzen Text nirgends vor. Es ist ausschliesslich von „Migranten“ und „Einwanderern“ die Rede und von den gewaltigen Anstrengungen und Herausforderungen, die es bedeutet, die zum Ersatz notwendigen Ströme in Bewegung zu setzen. Und last but not least: der Widerspruch zwischen dem Eid, den Inhaber politischer Ämter leisten, demzufolge sie zum Wohle des Volkes zu handeln gedenken, während Konzepte ihnen nahestehender Kreise schlicht und einfach vom Ersatz ebendieser Völker bis 2050 ausgehen (für Deutschland 80% Migrantenanteil). Wie bitte, kann man zum langfristigen Wohl und Erhalt eines Volkes arbeiten, das es in Zukunft gar nicht mehr geben soll? Zumindest nicht in seiner originären Form? Wer genau verschwört sich denn hier gegen wen? Vorschlag? Irgendjemand?

Aber der Reihe nach: Die Basis des Migrationsplans bilden die Tatsachen, dass die Bevölkerungen der meisten industrialisierten (und sozialisierten) Länder nicht nur abnehmen, sondern vor allem auch überaltern. Dabei schrumpft der erwerbstätige Teil der Bevölkerung schneller , als die Gesamtbevölkerung, was zu einer konstanten Senkung der Unterstützungsquote führt. Wenn 1995 noch zwischen 4 und 5 Personen für eine alte Person aufkamen, rechnet die Studie mit einer dramatischen Verschlechterung dieses Verhältnisses, was durchaus realistisch ist. Nicht erwähnt wird in der Studie das groteske Ausmass der heutigen Sozialleistungsquote der untersuchten Staaten, die sich Fall Deutschlands beispielsweise auf rund 29,4 Prozent des BIP oder 921 Milliarden Euro (2015) beläuft und die das „soziale Rundumpaket“ mit Abhängigkeits-Features wie Kindergeld, Erziehungshilfe, sozialpädagogische Familienhilfe, Eingliederungshilfen, und so weiter enthält. Dies im Hinterkopf behaltend müssen die Zahlen, von denen die Migrations-Planer ausgehen, entsprechend angepasst, sprich: erhöht werden.

Bei der Lektüre wird sehr schnell klar: Es geht nicht um die Schrumpfung der Bevölkerung an sich. Es geht ausschliesslich um die Schrumpfung der erwerbstätigen Bevölkerung deren Hauptqualifikation jene ist, dass sie mit Arbeitsleistung und Lebenszeit Geld verdient, von dem sie den grössten Teil an den Staat abliefert. Man kann dies gut oder schlecht finden – es ist Fakt und nur das ist die primäre Sorge der planenden Oberen. Denn ebenso ist es ein Fakt, dass, wenn die Erwerbsquote sinkt, vielleicht sogar die Wirtschaft schrumpft, nicht in erster Linie die arbeitende Bevölkerung leidet – im Gegenteil, es könnte mehr und bessere Jobs geben und die Wirtschaft würde sich genau jene Menschen im In- und Ausland „holen“, die sie braucht und sich anpassen wie immer, wenn man sie lässt – sondern der Staat. Der Staat und nichts anderes ist gefährdet, wenn man die Entwicklung der Bevölkerungszahlen nicht steuert. Aller Dekadenz zum Trotz traue ich es unserer Gesellschaft, den Familien, Vereinen, Freundeskreisen und Dörfern auch heute noch zu, für „ihren“ Alten und Behinderten zu sorgen, sollte von einem Tag auf den anderen die entsprechende „Sozial“leistung wegfallen.  Die einzigen wirklichen Verlierer wären die Hunderttausenden privilegierten Beamten und Funktionäre, die ausschliesslich auf dem Rücken der Erwerbstätigen existieren können. Fallen die Erwerbstätigen weg, fallen sie schlicht und einfach vom Regal. So einfach ist das.

Aber weiter im Text. Der Migrationsplan stellt fest, dass nebst den erforderlichen Migranten auch weitere politische Massnahmen und Programme notwendig sein werden, um die Kohle von den Erwerbstätigen in Richtung Staat und von dort an dessen Günstlinge zu verteilen. Das Rentenalter muss erhöht werden auf mindestens 75 Jahre, die Renten- und Krankheitsleistungen müssen abgebaut und die Höhe der Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge für die Sozialversicherungen erhöht werden.

Aber vor allem und wie der Titel klar macht, müssen Programme betreffend die internationale Wanderung und die Eingliederung grosser Zahlen neuer Einwanderer lanciert und umgesetzt werden um die Lebensfähigkeit der Systeme der sozialen Sicherung zu garantieren. Die Einwandernden müssen zudem jung sein, da ansonsten ihr Fortpflanzungswert abnimmt und das Gleichgewicht zwischen der arbeitenden und der abhängigen Bevölkerungsgruppen unter einem Regime nicht bewahrt werden kann. Das Arbeitspapier, das sich auf Studien aus verschiedenen Ländern aus den Jahren 1986 (!) bis 1995 stützt stellt auch klar, dass mit einer deutlichen Veränderung der Gastländer durch hohe Zuwanderung und durch die grosse Fruchtbarkeit der Zuwandernden gerechnet werden muss. Ohne es zu erwähnen, wird mit diesem letzten Satz auch dem letzten Multikulti-Romantiker klar, aus welchen Teilen der Welt diese Zuwanderung ausschliesslich erfolgen wird.

Zu den Zahlen. Das Papier zeichnet sechs Szenarien auf (obwohl in der Einleitung nur von fünf die Rede ist). Die Szenarien eins bis drei kann man getrost beiseite lassen, weil wir sie heute bereits „überholt“ haben. Die Migrations-Ströme, die gemäss Papier zur Erreichung der obigen Ziele notwendig sind, seien sehr schwer zu realisieren und erforderten strenge Kontrolle des Prozesses. Es sind jene Zahlen, mit denen wir aktuell zu tun haben und sie sind in Szenario fünf und sechs enthalten.

Szenario Nummer fünf für Deutschland geht von einer Unterstützungsquote im Verhältnis 3:1 bis 2050 aus. Um dies zu erreichen muss die Gesamtbevölkerung auf rund 113 Millionen steigen bei einem Migrantenanteil von 54,4 Millionen oder 48%, was einer Mindestzuwanderung von gut 1 Millionen Menschen pro Jahr entspricht.

Szenario Nummer sechs rechnet mit einer Wunsch-Unterstützungsquote im Verhältnis 4,4:1 was die Erhöhung der Gesamtbevölkerung auf 299 Millionen bei einem Migrantenanteil von 80% bedingt.

Für die EU sieht der Plan eine Verdreifachung der Gesamtbevölkerung bis 2050 bei einem Migrantenanteil von 75% vor.

So. Und als wär’s noch nicht schauerlich genug, jongliert die Studie zum Schluss noch etwas mit Zahlen, die dem jetzt nicht mehr zu schockierenden Leser nahelegen, dass die Alten ein gewaltiges Problem darstellen dadurch, dass eine alte Person zweieinhalb Mal mehr kostet, als ein Kind und Jugendlicher mitsamt allem pädagogischen Drumherum bis zum zwanzigsten Lebensjahr. Vor diesem Hintergrund erschrecken einen dann auch nicht mehr Studien wie etwa jene, die im offiziellen Organ der kanadischen Ärztekammer, dem Canadian Medical Association Journal, publiziert wurde und die sich mit der „Kostenanalyse von medizinischer Sterbehilfe“ befasst und aufzeigt, wie günstig sich töten auf Verlangen und assistierter Suizid auf die Sozialhilfe- und Gesundheitskosten eines Staates auswirken. Dass der Staat via Gewaltmonopol ausserdem durchaus in der Lage ist, jeden Einheimischen oder Fremden, der noch Lebenszeichen von sich gibt, in Lohn und Brot zu zwingen, braucht nicht weiter ausgeführt zu werden.

Aber lassen wir das. Das ist Verschwörungstheorie. Wichtig ist den Autoren zum Schluss noch dies, dass die Migration als Teil des globalen Globalisierungsprozesses gesehen werden muss, der stattfindet, und der den wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Charakter der Sender- und Empfängerländer beeinflussen wird und muss, was durchaus zu sozialen Spannungen führen kann.

Wer also behauptet, Umvolkung sei eine Idee von Spinnern, Extremen, Grössenwahnsinnigen oder sonst irgendwie gebrandrodeten, der hat Recht und liegt nur in einem Punkt falsch: Er verortet die Organisatoren des Übels am falschen Ort. Es sind jene, die da sagen „There’s no such thing as french culture“ (Macron) – und die gewählt werden. Trotz alledem oder für das kurze Glück rhetorischer Abschiebe-Höhepunkte, die man indes ruhig unter Wahlkampf und Stimmenfang abbuchen kann. Oder einfach unter Betrug.